Liao Yiwu erhält im Oktober 2012 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Liao Yiwu ist im Sommer 2011 aus China geflohen, um sein Buch »Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen« publizieren zu können. Mehrfach hatte der Fischer-Verlag aus Sicherheitsgründen die Veröffentlichung bereits verschoben. Liao lebt jetzt in einer Art Exil in Deutschland. Hier hatte er bereits ein Jahr zuvor erstmals offen über die Lebenssituation in China gesprochen. Sein bis ins Mark erschütternder Vortrag des Gedichts »Für einen zum Tode Verurteilten« ist bis heute unvergessen. Faust-Kultur widmet Liao Yiwu einen Schwerpunkt und hat Beiträge über seine erschienenen Werke, Audio-Mitschnitte von seiner Lesung im Literaturhaus Frankfurt und ein Porträt des Soziologen Detlev Claussen zusammen geführt.

Porträt

Ein Held wider Willen: Liao Yiwu

Von Detlev Claussen

Nach dem 4. Juni ein Gedicht zu schreiben, ist barabarisch, möchte man ein bekanntes Diktum Adornos variieren, das er nach Auschwitz formulierte. Liao Yiwu hat am Tag vor dem Massaker am Tiananmen 1989 ein Gedicht geschrieben, das auf Video in ganz China verbreitet und für ihn das Entréebillet in den chinesischen Gulag wurde … Sein Leben als dichtender Avantgarde-Provinzbohemien in Sichuan fand ein jähes Ende, und er wurde in eine Höllenfahrt hineingerissen, die erst nach über zwanzig Jahren vor ein paar Wochen vorläufig endete, als er nach Deutschland ausreisen konnte. Ob er je nach China als freier Mann zurückkehren kann, ist ungewiss.

Sein Gedicht, unter dem Titel „Massaker“ berühmt geworden, wollte er gar nicht schreiben. Ein Sinologe hat es „Der Schrei“ genannt. So hört es sich auch an. Wer jemals Liao Yiwu ein Gedicht hat vortragen hören, der weiß, dass bei ihm das gesprochene Wort zählt. Im Internet kann man sich ein paar seiner performances ansehen. Es lohnt sich. Man muss kein Chinesisch verstehen, um zu begreifen, dass es sich hier um einen großen Gesamtkünstler – Lyriker, Musiker, Schauspieler, Chronisten in einer Person – handelt. Aber auch beim Lesen in dem neuen, seinem zweiten auf deutsch erschienenen Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ wird man spontan von der Gewalt ergriffen, die von dem „Massaker“ ausgeht, und der Leser wird von einem unwiderstehlichen Erzählstrom mitgerissen, der einen die folgenden sechshundert Seiten ebenso atemlos durchleben lässt wie Liao seine Odyssee durch den chinesischen Gulag und das Leben als Ausgestoßener und Verfolgter auf den Strassen Sichuans.

„Massaker“ liest sich wie eine Todesfuge auf chinesisch; es hört sich an als der unversal verständliche Schrei der gequälten chinesischen Kreatur im Würgegriff des kommunistischen Leviathans. Am 4. Juni 1989 endete das short century, ein Jahrhundert der Grausamkeit und zugleich des beispiellosen Anstiegs globalen Wohlstands. Man muss wirklich kein chinesisch können, um Liaos Literatur zu begreifen, ebenso wie man kein deutsch können muss, um Celans Todesfuge zu verstehen. Aber es hilft ungemein, wenn man sich die Welt vor Augen führt, die diese Aufschreie hervorgebracht hat. Das kurze zwanzigste Jahrhundert hatte für die Chinesen mit dem 4. Mai 1919 vor dem Tor des Himmlischen Friedens begonnen, Auftakt zu einem säkularen Kampf unterschiedlichster Kräfte. Das traditionelle China verschwand unter der eisernen Faust der Kommunistischen Partei, und ein neues China entstand unter grausamen Qualen und immer wiederkehrenden verheerenden Massenmobilisierungen. Die chinesische Volksbefreiungsarmee, durch deren Eingreifen noch 1978 die selbstzerstörerische Kulturrevolution des Mao Tse Tung beendet werden konnte, zerschlug am 4. Juni 1989 alle Hoffnungen auf ein demokratisch regiertes China und zerstörte durch das Massaker auf dem Tienanmen die letzte Legitimation der Kommmunistischen Partei.

Im Westen wird oft vergessen, dass diese furchtbare Unterdrückungsaktion der Anfang vom weltweiten Ende der kommunistischen Parteiherrschaft war, die außer auf Cuba, in Nordkorea und China ihre absolute Macht verlor. Unter dem Druck der Verhältnisse verließen viele Chinesen das Land oder stürzten sich auf Geldverdienen, Sport und Wissenschaft, um dem chinesischen Leben doch noch etwas abzugewinnen. Der Staat versuchte es mit Brot und Spielen, um nicht als nackte Repressionsgewalt dazustehen. Ein gewaltiger Sicherheitsapparat überwacht bis heute die Chinesen, die sich voller Lebenshunger auf das private Überleben konzentrieren.

Aber wehe dem, der von dem Malstrom der Repressionsmaschinerie ergriffen wird! So einer ist Liao Yiwu, ein Held wider Willen, der mit seiner Literatur Zeugnis ablegt.

Nach 1978 kehrte China in die Welt zurück, mit einiger Verzögerung fand auch die chinesische Kulturproduktion ihren Platz auf dem Weltmarkt. In dieser Zeit schien sich für Liao ein Platz zu bieten in der chinesischen Avantgardeliteratur, wenn auch fern der Metropolen Shanghai und Beijing. Nicht einmal in den Sichuaner Millionenstädten Chengdu oder Chonching konnte er sich niederlassen, sondern er kam nach Fuling, eine Bergstadt am Yangtze, wo er mit seiner zeichnenden Traumfrau A Xia eine bohèmehafte Randexistenz führte. Doch eine Idylle war das nicht. Es gibt in China keine Niederlassungsfreiheit, niemand kann einfach dahin gehen, wo er will. Liaos Schwester Feifei, eine angebetete Schauspielerin, musste sich in der hintersten Ecke der Provinz niederlassen. Als sie einmal die elterliche Familie in ihre entlegene Gegend einladen wollte, kam sie bei einem banalen Verkehrsunfall ums Leben.  Ein ganz gewöhnliches chinesisches Unglück, wie es zum erbarmungslosen Chinese Way of Life gehört. Liao warf dies Unglück aus der Bahn; das Leben hatte ihn gelehrt, auf nichts und niemanden zu vertrauen. In der „Neuen Rundschau“, Heft 4, 2010, ist eine Rede von Liao  aus dem Jahre 2007 abgedruckt, die er auf Druck der Behörden nicht halten durfte. Sie ist von der gleichen hinreissenden Gewalt wie dieses Buch. Liao nennt seine vier Lehrmeister: Hunger, Schande, Obdachlosigkeit, Gefängnis. Die konzentrierten acht Seiten dieser ergreifenden Rede werden jetzt auf den 600 eingeholt. Wir werden in diesem Buch vom Autor mitgeschleppt nach Fuling am Oberlauf des Yangtziflussses, einem Ort fern vom Großstadt-Hype, werden Zeugen, wie auch dort der Wunsch nach veränderten Verhältnissen die Massen ergreift und Liao, der gar kein Held werden möchte, „Massaker“ schreibt, auf Video aufnimmt, sein lyrisch geformtes „Testament“ formuliert, unter Undergroundbedingungen einen Film namens „Requiem“ dreht und dann in den rasenden Strudel der Repressionsschluchten gerät. Seine „drei Schluchten“ sind das Untersuchungsgefängnis, das Gerichtsgefängnis und das Arbeitslager.

Wer danach noch nicht genug hat, kann am Ende die „Liebeslieder aus dem Gulag“  lesen. Wer kein chinesisch kann, sollte nicht lügen und behaupten, die klassische chinesische Lyrik sein ihm zugänglich. Um Liaos Lyrik zu verstehen, braucht man gar nichts zu wissen. Sie wirken unmittelbar, herzzerreißend und niemals sentimental. Es ist möglich, nach dem 4. Juni Gedichte zu schreiben, wenn sie den Schrei der gequälten Kreatur artikulieren. Auch Celan musste die „Todesfuge“ schreiben, die er als „Todestango“ vorgetragen hat, bevor sie von versammelten Feuilletonisten und Deutschlehrern sakralisiert wurde – sie ist aus sich heraus geschrieben, nicht um Ruhm zu erwerben, sondern ebenso ein Schrei wie „Massaker“.  Die Katastrophe, von der uns Liao berichtet,  endet nicht mit seiner Entlassung  aus dem Knast 1994. Sein Buch wird beschlagnahmt und vernichtet; er muss es noch einmal schreiben. Lakonisch heißt es am Ende: „Erstes Manuskript 10. Oktober 1995 bis 31. Dezember 1997, Drittes Manuskript 27. November 2000 bis 1. Januar 2001. Sechste Überarbeitung 30. Oktober bis 9. November 2009“.  Nach der Entlassung aus der Haft ging Liaos Dolorosa weiter; auch daraus machte er etwas, was in der Literaturgeschichte seinesgleichen sucht: „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“, sein erstes, 2009 in Deutschland erschienenes Buch. Wer es bis jetzt noch nicht kennt und einen Blick  in „Für ein Lied und hundert Lieder“ geworfen hat, muss es lesen; denn alles, was Liao durch einen qualvollen Schreibprozess für sich selbst leistet, tut er auch für andere: Liao stellt die menschliche Würde der Erniedrigten und Beleidigten wieder her. Doch große Kunst wie diese ist nicht versöhnlich, sondern schmerzhaft. Der Leser sollte gewarnt sein.

Große Kunst? Ist das nicht etwas stark in die Tasten gegriffen? Aber was würden Sie sagen, wenn Sie Alexander Solschenizyn, Wassilij Grossmann, Ossip Mandelstam und Warlam Schalamaov in einer Person treffen würden? Nicht allein der chinesische Gulag wird dem westlichen Leser hier eindringlich vorgeführt, sondern es geht um die Behauptung der menschlichen Subjektivität gegen ein kannibalistisches Gesellschaftssystem. Der größte Autor des 4. Mai 1919 Lu Xun hatte die chinesische Gesellschaft als eine menschenfressende charakterisiert; er schrieb zu gleicher Zeit wie Franz Kafka. Wer Kafka gelesen hat, versteht Lu Xun – und umgekehrt. Diesseits aller Exotik erzählt uns Liao auch unsere Geschichte des 20. Jahrhunderts, der KZ und Gulag ihren Stempel aufgedrückt haben – nur dass die martialische Unterdrückungsgewalt des chinesischen staatlichen Leviathans bis in die unmittelbare Gegenwart reicht.

Am Anfang des Buches steht ein Brief von Liu Xiaobo an Liao Yiwu, den dieser 1999 geschrieben hat, als noch niemand daran dachte, Liu würde einmal den Nobelpreis erhalten. Dieser Brief ist kein Marketinggag des Fischer-Verlages, sondern bezeugt die überindividuelle Bedeutung von Liaos Sisyphosarbeit. „Der 4. Juni war für mich der schwärzeste und der blutigste Tag, und all die Tage danach waren weder schwarz noch rot. Wenn Schamlosigkeit eine Farbe hat, dann diese. Womit man nicht fertig wird, damit wird man niemals fertig, selbst wenn wir eines Tages den Unglücklichen Trost spenden können sollten, die für unser Land gestorben sind.“ Der Westen hat diesem unermüdlichen Kritiker der chinesischen Diktatur 2010 den Friedensnobelpreis verliehen. Seitdem ist er wieder in den chinesischen Gulag gewandert, von dem uns Liao das eindrücklichste Bild geliefert hat. Wenn Liao Yiwu dafür mit dem Literaturnobelpreis geehrt würde, träfe es keinen Unwürdigen.

erstellt am 17.11.2011

Liao Yiwu, fotografiert von Andrea Pollmeier
Liao Yiwu, fotografiert von Andrea Pollmeier

Am 20. Oktober 2010 sprach Liao Yiwu im Frankfurter Literaturhaus. Sein erster Deutschlandaufenthalt war fast beendet.
Detlev Claussen moderierte den Abend, an dem Liao Yiwu auch eigene Gedichte vortrug und musizierte:

O-Töne von Liao Yiwu

Flötenmusik, gespielt von Liao Yiwu

Auf die Frage von Detlev Claussen, ob Liao Yiwu wegen des Schreibens von Gedichten ins Gefängnis gekommen ist, antwortet er:

Antwort von Liao Yiwu in deutscher Übersetzung von Tienchi Martin-Liao:

Auszüge aus der Moderation von Detlev Claussen: »Überlebenskraft der chinesischen Gesellschaft«

Auszüge aus der Moderation von Detlev Claussen: »Rückgabe der Wirklichkeit durch Literatur«

Gedicht: Für einen zum Tode Verurteilten
Gesprochen in Chinesisch von Liao Yiwu

Gedicht: Für einen zum Tode Verurteilten
Deutsche Übersetzung gesprochen von Peter Heusch

Audio-Mitschnitte © Andrea Pollmeier, Faust-Redaktion