Ein Klangprojekt zum Teilnehmen

Achim Wollscheid: nonrepetetive

Viel Mühe steckt in der Vorbereitung seiner Projekte und harte Arbeit in ihrer Durchführung. Und dennoch sieht am Ende alles ganz einfach aus. Man bekommt die Werkzeuge und ihre Herkunft gezeigt, die Bedingungen, Ort, Zeit, Verlauf und Ziel. Achim Wollscheid, der einst vom Rockmusiker zum avantgardistischen Experimentator konvertierte, nutzte für seine vielfältigen Aktionen den Projektnamen S.B.O.T.H.I. (Swimming Behaviour Of The Human Infant) und kooperierte mit der Mainzer Gruppe P16.D4. Gemeinsam gründeten sie das Künstlerkollektiv SELEKTION. SELEKTION hieß auch das CD-Label, das Wollscheid bis zuletzt betrieb, und die Sendung, die er monatlich in Radio X betreut.
Das praktische Experiment und seine theoretische Reflexion sind für ihn nicht voneinander zu trennen. Jahrelang hat er im Hessischen Rundfunk seine Klangtransformationen hörbar gemacht, während er auf höchstem Niveau ihre ästhetisch-politische Relevanz diskutierte, also Sinnlichkeit und Ratio in eins setzte. Seine Sound-Exchange-Arbeit in Zusammenarbeit mit anderen Recycling-Künstlern wie MERZBOW, seine unterschiedlichen Klanginstallationen im öffentlichen Raum, seine Arbeit mit Studenten, seine Vorträge an Universitäten, seine Zeitschriftenaufsätze, seine Bücher, am offensichtlichsten aber seine interaktiven, elektronischen Installationsprojekte (eine Auswahl: HIER ) tragen die Idee einer sozialen Kunst in sich. Er schrieb dazu: „Die Idee der künstlerischen Arbeit basiert auf einem erweiterten Informationsbegriff – als Informationsträger gilt außer dem Artefakt auch der soziale Kontext, in dem es entstand und in dem es sich befindet. Diese Arbeit ist orts- bzw. situationsspezifisch, indem sie den Ort des Erscheinens reflektiert und mittels dieser Reflektion die Bedingungen der momentanen Rezeption in bezug darauf thematisiert.“ Wie die Nordpol-Brücke in Bochum (2000) oder die „resolving interactions“ im Frankfurter Gerichtshof reagieren die installierten Lichter oder/und Klänge auf die Bewegungen und Geräusche der Passanten, machen ihnen diese bewußt und führen eine Reaktion der Passanten hervor. Der Medienkünstler Achim Wollscheid, der seit mehr als 20 Jahren zu den international avancierten experimentellen Künstlern gehört, beschäftigt sich immer wieder auf’s Neue mit dem Verhältnis von Ton, Licht und dem architektonischen Raum. Mit dem Projekt nonrepetetive verwirklicht er einen alten Traum. Bernd Leukert

Screenshot vom Klangobjekt »nonrepetetive«

HIER DER LINK ZUM PROJEKT UND ZUR AKTIVEN TEILNAHME:
nonrepetetive

Beschreibung des Projekts nonrepetetive:

Interaktion

Greif die Linie – die das Klangspektrum dessen abbildet, was gerade zu hören ist – und fang an zu zeichnen. Alle anderen, die online auf der Seite sind, werden die Veränderung sehen (und hören). Mit anderen Worten: das Stück ist nicht ein App zum downloaden, sondern ein Musikstück, das in Echtzeit online ist und von allen gleichzeitig gesehen, gehört und verändert werden kann. Das Stück ist sozusagen ein Gegenstand mit dem gespielt und gehandelt wird.

Klang

wird in Echtzeit erzeugt (notwendigerweise – denn anders könnte er nicht Gegenstand von Interaktion sein). Das Programm zur Klang-Erzeugung ist in pd (pure data, s. extra dazu Abschnitt) geschrieben. Wenn das Stück startet, werden Fragmente eines Samples nach Maßgabe des Programms restrukturiert und transformiert – in Bezug auf die Struktur größerer, mittlerer und kleinerer Abschnitte. Sobald man anfängt zu interagieren, wird mindestens eine dieser Ebenen verändert.

Das nicht endende Stück

Das Stück wird (zumindest virtuell) nicht aufhören. Im Rahmen meiner Programmier-Fähigkeiten habe ich dafür gesorgt, dass weder dauernde Stille eintreten kann, noch Feedback. In der Praxis wird es Unterbrechungen geben, stack overflows und Server-Probleme. Das Stück wird von einem kleinen Programm (watchdog) kontrolliert, wenn das Programm abstürzt, wird es neu gestartet. Ein nicht endendes Stück trägt der Tatsache Rechnung, dass das Medium entscheidet, was getan werden kann (3 Minuten Musik auf der Single, 27 Minuten auf der LP, 80 Minuten auf der CD und nicht endend auf dem Computer).

Geschichte

Um es abzukürzen: Das Projekt begann 1992 als Nachtprogramm im (von Künstlern gegründeten) Frankfurter “Radio X”. Im Experimentierstadium war es seitdem und ist nun auf der website der Tate Modern vertreten. Es dauerte 3 Jahre, das Stück in dieser Form zu realisieren.

Kollegen

„Wir brauchen unbedingt etwas für die Nachtschiene“, so sagte Petra Ilyes ganz zu Anfang. Viele Programme wurden von Dirk Witschke geschrieben und getestet. Götz Witschke hat mich mit der Welt der Server und den entsprechenden Programmen bekannt gemacht. Und für den schlussendlich entscheidenden Teil der Arbeit bedanke ich mich bei Alexander Keidel.
(Und Kelli Dipple, Tate Modern: danke für die Geduld!)

pd

ist eine Open-Source-Software und Programmier-Sprache, die in den 80er Jahren von Miller Puckette entwickelt wurde und seitdem von vielen guten Programmierern weiterentwickelt wurde und wird. PD ist, so sehe ich es zumindest, eines der besten Instrumente für graphische und klangliche Echtzeit-Transformation und besonders deshalb so brauchbar, weil es nicht in Echtzeit ausgibt, sondern auch zwischen Graphik und Klang übersetzen und verbinden kann.

erstellt am 15.11.2011

Achim Wollscheid, Foto: R. Yau
Achim Wollscheid, Foto: R. Yau