Kunst & Protest

Responsible

AUSSTELLUNG bis 9. Dezember 2011 im Römer 9, Römerberg 9, Frankfurt
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 14 bis 18 Uhr

Die Arbeiten von Lucia Dellefant sind im besten Sinne des Wortes plakativ. Sie konfrontieren den Betrachter mit essentiellen Fragen in Bezug auf gesellschaftliche und individuelle Identität. Seit Jahren arbeitet die Künstlerin an der Schnittstelle von Wort und Bild. Wenn wir uns einmal im öffentlichen Raum umsehen, dann findet sich das signifikanteste Ineinandergreifen von Wort und Bild im Logo. Das Logo ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Der zeitgenössische Mensch ist süchtig nach Logos. Das Logo soll im günstigsten Fall etwas über die Corporate Identity eines Unternehmens aussagen, also die Form mit dem – gewünschten – Inhalt verbinden.

Auch Lucia Dellefant kreiert Logos und sucht nach bildlichen Ausdrucksformen für Begriffe und Sätze. Ihre Arbeiten spielen mit Begriffen, die unser gesellschaftliches Bewusstsein und die Individualität beeinflussen oder gar prägen. Sie bilden gleichsam Aggregatzustände ab, die uns im sozialen Gefüge verorten.

„neureich“, „reicher“, „geiz“, „ich“, „anders“, „normal“, „intolerant“ war da auf den Arbeiten in den letzten Jahren zu lesen, aber auch: „is there still a ballance?“ oder „why are we proud living in luxury?“ auf den neueren Bildern.

Lucia Dellefants Arbeiten stellen Fragen. Das tut die Kunst häufig und trifft sich da übrigens mit der Religion. Denn der Zweifel schwingt natürlich neben dem Glauben auch immer in der Religion mit, so auch existenzielle Fragen, die gewissermaßen über die Bilder auf eine spielerische Art und Weise zu uns zurückkommen, von uns Betrachtern eine wie auch immer geartete Haltung verlangen. Worte durchziehen unser Bewusstsein und natürlich auch den öffentlichen Raum, und Lucia Dellefant gibt ihnen eine Form, indem sie erforscht, wie sie wohl aussehen könnten. Jacques Derrida sprach einmal von Wortkörpern, die uns umgeben, und ich bin sicher, ihm würden die körperlich gewordenen Worte von Dellefant sehr gefallen.
Da schwingt nämlich immer auch eine ganze Portion Wortwitz und ein ironisches Augenzwinkern mit in den Arbeiten von Lucia Dellefant, wenn sie uns etwa über den roten „GIER“-Teppich unten vor dem Eingang laufen lässt oder man bei ihr in der „Ich“-Sitzgruppe versinkt.

In den letzten Jahren ist die Künstlerin mit den Fragen zunehmend in den öffentlichen Raum gegangen. Mit ihren Aktionen und Installationen bewegt sie sich in einer Tradition politisch motivierter Kunst, die viel mit dem Verständnis einer Verbindung von Kunst und Leben von Joseph Beuys zu tun hat und seiner Vorstellung einer sozialen Plastik.

Die Ausstellung trägt den Titel einer Arbeit von Lucia Dellefant: „responsible“ – „Verantwortung“. Diese Arbeit ist als work in progress angelegt. In ihr hat die Künstlerin die Redewendung „Verantwortung tragen“ wörtlich genommen, sie hat ein Logo entworfen und dieses dann in Schmuckstücke umgesetzt: eine Halskette für die Dame und eine Reversnadel für den Herrn. In diesem Fall gehen Form und Inhalt des Logos in der Tat konform.

Eine Verantwortung zu tragen ist eine gewichtige und wertvolle Sache, an der vieles hängt, zum Beispiel ein Wirtschaftssystem oder ein politisches System und menschliche Schicksale.
Wir sind in den letzten Jahren von der Politik häufig auf die Notwendigkeit eigenverantwortlichen Handelns verwiesen worden. Doch wie ist es um das Verantwortungsbewusstsein der Menschen bestellt, die als Politiker oder Wirtschaftsmanager für viele andere eine Verantwortung tragen? Das hat sich Lucia Dellefant gefragt, und diese Frage hat sie als Angebot zum Kauf der Schmuckstücke an Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft versandt. Die Ausstellung dokumentiert unter anderem die Reaktionen oder auch Nichtreaktionen darauf, wenn die Angeschriebenen dies z.B. für eine Werbeaktion einer Schmuckherstellerin fehlinterpretieren.

Als wir diese Ausstellung konzipiert haben, haben wir nicht geahnt, wie aktuell sie in diesen Tagen sein wird. Entwickelt wurde die Arbeit ja 2008, im Kontext der Bankenkrise, am Beginn der Krise, wie wir heute feststellen müssen. Noch im letzten Jahr hat Angela Merkel vollmundig das Ende der Finanzkrise verkündet und auf einen Aufschwung verwiesen. Eine wenig nachhaltige Situation, auch das ist mittlerweile klar. Wenn man heute fragt, was die politisch Verantwortlichen getan haben, um das Zocken in der Finanzwelt zu unterbinden, macht sich Ernüchterung breit. Und wenn man sieht, wie sich Banken und Politik den Schwarzen Peter für die Misere wechselseitig zuschieben, dann packt einen eine gewisse Ratlosigkeit, die eben auch die politisch Handelnden nicht länger verbergen können. Immer mehr Menschen hingegen bringen ihren Protest gegen dieses hilflose Agieren zum Ausdruck und der Protest gewinnt globale Dimension. Auch die Anhänger der Occupy-Bewegung wissen um die Macht der Zeichen und Logos, wenn sie ihren Belagerungsring vor den wichtigen Symbolen des Geldes aufschlagen.

Auszug aus der Eröffnungsrede von Christian Kaufmann, Studienleiter im Römer9.
Römer9

erstellt am 14.11.2011