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Buchkritik

Und täglich wird der Müll geleert

Tobias Herolds unfertige Fertigkeiten

Der kleine, rührige, in Berlin ansässige Elfenbein Verlag, der sich der europäischen Literatur widmet und in diesem Jahr allein acht Neuerscheinungen deutscher Literatur produzierte, hat 2009 für Tobias Herolds ersten Gedichtband Kruste wohl große Anerkennung erfahren. Der zweite Band mit Gedichten von Tobias Herold, der jetzt bei Elfenbein herauskam, trägt den Titel Ausfahrt. Formal gibt sich die Gedichtsammlung als Reiselyrik, ist es aber nicht. Denn keine Mitteilung haftet sich an lokale Besonderheiten an. Mykonos, Athen, Lesbos, Patmos, Marzahn, Sibirien oder Tokio sind durch nichts wiedererkennbar. Möglicherweise bilden sie den Klanghintergrund, auf dem die sonst ortlosen Gedichte entstanden.

Es geht ein Riss durch das Gedicht, das nicht zufällig vom Marmor spricht: Im Marmor sind Ruhelosigkeit/ und Selbstanklage der Zeit, dass sie unterschiedslos immer/ hinweggeht über alles; ein Rauschen/ wie aus Engelstrompeten, ein Flimmern/ auf so altmodischen Blumentapeten,/ ja, stimmt, diese irre geilen/ Muster, sich wiederholend bis/ zum Geht-nicht-mehr, und dann/ geht es doch immer noch weiter. Flimmern und Rauschen weisen auf das Nullmedium Fernsehen, das hier befremdlich den Bestandteilen des Marmors, Ruhelosigkeit und Selbstanklage der Zeit, parallel gesetzt ist. Die Unvereinbarkeit, ja schon die Unvergleichlichkeit der Kulturen gerät durch diesen Riss ins Wanken. Die Ohrfeige sitzt. Ebenso bleibt sitzen, wie Herold das antike Fragment herabsetzt: Obschon sich Athen einen/ Dreck für ihn interessiert,/ taucht der April dort auch/ diesen April wieder auf, ein/ schwarzer Müllsack, oben/ zugeknotet, unten aufgeplatzt,/ in der Gosse platziert wie/ so ein hilfloser Torso aus/ Marmor im Museum. Auch hier macht die zeitgenössische Ikonographie die antike zu ihresgleichen. Und es ist nicht ausgemacht, ob sich damit ein Unbehagen an der klassischen Kultur oder ein Unbehagen an der zeitgenössischen Beliebigkeit meldet. Dass beides schließlich in einen Trashkult münden will, ist nachvollziehbar, – erfüllt er doch offensichtlich ein momentanes Bedürfnis der Ende der 70er, Anfang der 80er Geborenen, kann also mit großer Resonanz rechnen. Dann aber erlaubt sich Tobias Herold Dreizeiler wie diesen: Sappho musste/ sterben, weil sie nicht/ weiterleben konnte. Gegen lakonische Scherze ist nichts zu sagen. Und wenn ich ‚erlaube’ schreibe, dann meine ich nicht die komischen Spielarten des Witzes, der Groteske, des Nonsens’, die in unserer teutschen Poesie zu selten und allzu säuberlich getrennt vom priesterlichen Ernst der großen Dichtung erscheinen, sondern diesen virilen Gestus, mit dem solche implodierenden Bonmots, kurz, solche gymnasialen Albernheiten in ihr eigenes Recht gesetzt werden. Die finale Antiklimax setzt sich bei Herold nicht als ‚realistische’ Pointe durch, sondern stimmt mit dem Hinweis auf die Wertlosigkeit allen Seins herab.

Herr, es gibt zwei Möglichkeiten,/ erstens eine, zweitens keine:/ Du hörst jetzt auf, mit mir zu streiten,/ oder du kommst mit mir ins Reine./ Dorthin also, wo kein Bild mehr/der Augenblicke Sicht versperrt/ aufs Auf und Ab, aufs Hin und Her,/ und täglich wird der Müll geleert./ Es gäbe nichts mehr auszuräumen,/ schlafen würdest du, ich träumen;/Herr, du hast doch auch gewollt:/ Dass die Müllabfuhr uns beide holt. Neun solcher parodistischer Gott- und Herr-Gedichte sind in diesem Band versammelt, deren Machart und Intention ähnlich sind. Sie sind nach der Methode „Lieber Gott, nimm es hin“ von Robert Gernhardt verfertigt, spröder freilich und rotziger, nicht so perfekt, und deshalb wieder mit ikonoklastischer Neigung, die sich – nicht wie ein roter Faden, eher wie ein schwarzes Stachelhalsband – durch die Ausfahrt zieht. Ein letztes Beispiel für Herolds legeres Verhältnis zur Textqualität steht mitten in einer Reihe aufgelesener, verunglückter Werbesprüche und Versatzstücke, ist aber als eigener Einfall gekennzeichnet: Bürger, lasst mich nicht/ im Stich, kommt alle/ zu meiner Hinrichtung!/Maßnahmen zu meiner/ Erhaltung sind dem/ Bezirksamt zu teuer.

Nein, nicht alles in diesem Buch trägt den Makel des allzu Flapsigen, Unfertigen und des Punks. Es gibt auch eine Reihe von Texten darin, in denen sich doch ein Kunstanspruch rührt, der sich dann obendrein noch glücklich manifestiert. Andauernd/ Sprechstunden,/ Schweigeminuten, Schrecksekunden,/ also sieh zu:/ dem Gras,/ wie es zunächst über/ die Sache, dann über/ sich selbst hinaus/ wächst.

Siehe auch:
BUCHKRITIKEN

erstellt am 14.11.2011

Tobias Herold
Ausfahrt
Gedichte
Mit einem Nachwort
von Johannes Pilz
Broschiert, 96 S.
ISBN 978-3-941184-14-5
Elfenbein Verlag, Berlin, 2011

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Tobias Herold, geboren 1983, lebt in Berlin. Als Autor schreibt er vor allem Lyrik, vereinzelt auch Prosa. Im Elfenbein Verlag erschien 2009 sein Lyrikdebüt unter dem Titel „Kruste“.