Olga Martynova ist die Gewinnerin des mit 25.000 Euro dotierten Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preises 2012. Ihrem Text »Ich werde sagen: Hi« wurde hintersinniger, anarchischer Witz bescheinigt. Den hat sie. In ihren Gedichten fiel schon mal ein finsterer Tschetschene in unrasierten Schlaf, und ein Russe gab seinem Panzer Hafer. Eine Eule, die durch den nächtlichen Wald flog, vergaß, was sie wusste, als sie im Baumloch saß. Selbst der Kakadu hatte alle Sprachen vergessen. Sonst aber evozieren ihre Strophen Wahrnehmungen, die unsere Vernunft nicht anerkennt. Die in Frankfurt lebende russische Lyrikerin Olga Martynova erhält das diesjährige Frankfurter Autorenstipendium. Sie hat mit ihrer Poesie die Ahnung bestätigt, dass zwischen Himmel und Erde etwas für uns Wesentliches existiert, von dem wir bestenfalls träumen können. Nun bringt sie das Spielerische ins Spiel. Bernd Leukert sprach mit ihr über die Wurzeln ihres Schreibens.

Faust-Gespräch mit Olga Martynova

Nicht im Komsomol

Wie wird man Lyrikerin?

Ich glaube, das ist verschieden. Jede Lyrikerin wird eine eigene Art Lyrikerin. Ich habe mein erstes Gedicht mit Drei geschrieben. Aber ich kann das jetzt nicht vortragen, weil es nicht übersetzt ist. – Meine Cousine hat es aufgeschrieben. Also, es war nie eine Frage. Soweit ich denken kann, wusste ich immer, dass ich Lyrikerin sein wollte.

Man wird in eine Tradition hineingeboren. Ist das so?

Nein. Ich persönlich wusste einfach, dass ich eine Autorin sein wollte. Das wusste ich einfach.

Und hat es da Widerstände gegeben?

Nein. Niemand hatte etwas dagegen. Aber es war natürlich nicht so, dass ich immer sagte, ich wolle Lyrikern werden. Ich habe einfach mein Leben gelebt. Aber als Kind und als Jugendliche habe ich sehr viel gemacht, was eigentlich nicht in das Bild eines normalen Jugendlichen passt. Ich habe nach der achten Klasse die Schule verlassen und in der Abendschule weiter gelernt.

Haben Sie währenddessen einen Beruf ergriffen?

Wenn man zur Abendschule geht, dann muss man parallel arbeiten. Sonst wäre es sehr gefährlich gewesen in der damaligen Sowjetunion. Man hätte als Nichtstuer verurteilt werden können. Und da habe ich als Bibliothekarin gearbeitet und dann irgendwie als Tippmädchen. Aus einem dieser unbedeutenden-bedeutenden Jobs wurde ich einmal entlassen, weil ich nicht im Komsomol war.

Weil man von Lyrik nicht leben kann, haben Sie immer in anderen Berufen gearbeitet.

Einerseits ja, man musste Geld verdienen. Andererseits waren wir, Oleg Jurjew und ich, als literarische Übersetzer tätig. Theoretisch wäre das auch möglich. Aber bis man Mitglied im Schriftstellerverband ist, was einem erlaubt, ohne einen anderen Beruf zu existieren, musste man irgendwo arbeiten.

Dann wird man freigestellt, und bekommt auch Geld dafür?

Nein, nein. Nur Honorare. Theoretisch – hätten wir mehr Aufträge gehabt – hätten wir auch nachweisen können, dass wir davon leben können. Das konnte klappen oder auch nicht. Joseph Brodsky zum Beispiel hatte auch Übersetzungsaufträge und Honorare. Nicht, dass er nichts gehabt hätte, aber das hat nicht geholfen.

Also, Mitglied im Schriftstellerverband zu sein, hieß, man wurde davon freigestellt, einen Beruf nachweisen zu müssen?

Ja.

Dann war der Beruf „Schriftsteller“.

Ja.

Der Verband hat den Schriftsteller zum Beruf gemacht.

Richtig. Und dann habe ich studiert, eben auch im Abendstudium, parallel zu diesen Jobs. Denn weil ich nicht Mitglied des Komsomol war, konnte ich überhaupt nicht regulär studieren. Und dann habe ich ein wenig unterrichtet, und dann kam die Perestroika. Und das Leben wurde anders.

Ich weiß nicht, wie in der russischen Literatur die Felder bestellt waren: Ob es da Parteien gab, ob es da Parteilichkeiten gab unter den Lyrikern im Sinne von Richtungsstreitigkeiten, oder ob es auch die Möglichkeit gab, etwas völlig unabhängig zu schreiben, was kein anderer akzeptierte? Wie war das?

Was Sie beschreiben, würde zu einer normalen Situation passen. Aber wir waren in einer Situation, in der die ganze Literatur, egal, ob Lyrik oder Prosa, grob in zwei Hälften geteilt war, in die offizielle sowjetische Literatur und in die inoffizielle Literatur. Und das ist natürlich schwierig. Denn wenn man im Feld „inoffizielle Literatur“ ist, dann – wir waren sehr jung damals – wurde angenommen, dass auf dieser Seite alle gleich gut sind, – was natürlich nicht stimmte. Denn da waren auch viele, die theoretisch über dieses Feld, in ein anderes Feld gehört hätten. Wie auch immer, es ist überall fast gleich schwierig für einen jungen Lyriker, seinen eigenen Weg zu finden, das zu finden, was er wirklich machen will. Denn natürlich wird man von allen Seiten beeinflusst. Aber, um auf Ihre Frage zurückzukommen, freilich gab es Kreise in der inoffiziellen Literatur. Und man musste sich langsam orientieren, um das machen zu können, was man wollte.

Wie stark war denn der Einfluss dieser Kreise? Wenn ich den Selbstentwurf mit einem Fahrstil vergleiche und die Kreise mit der Straßenführung und den Verkehrsregeln, wie haben die Kreise die Selbstfindung beeinflusst?

Eigentlich zuerst nur die Auswahl der Lektüre. Es war natürlich so – ich habe schon erzählt, dass ich nach der achten Klasse die Schule verlassen habe. Denn die Literaturlehrerin gab die Aufgabe, jeder Schüler sollte ein paar Gedichte von einem sowjetischen Lyriker wählen. Und ich habe ein Gedicht von Anna Achmatowa und ein Gedicht von Marina Zwetajewa gelesen, die damals eigentlich nicht verboten waren. Sie waren ja auch in einer Anthologie gedruckt, die für Schulkinder gedacht war. Aber meine Lehrerin dachte, dass die beiden, Achmatowa und Zwetajewa, verboten sind. Sie hat meinen Vater zur Schule bestellt – was nicht schlimm war. Er sagte, das sei eine dumme Kuh. Aber die Lehrerin war sehr charismatisch und hat geschickt die anderen Kinder gegen mich gestimmt. Ich konnte da nicht mehr bleiben. Meine Eltern waren sehr tolerant, und das war sehr gut für mich. Und bis jetzt freue ich mich, dass ich diese blöde Schule nicht weiter besucht habe.

Was waren Ihre Eltern?

Mein Vater war Journalist und meine Mutter Laborantin in einem Krankenhaus. Sie wurde erst vor einem Jahr pensioniert.

Und sie haben Ihnen alle Freiheit gelassen.

Absolut. Ja. Ich hatte wirklich viel Glück. Zurück zur klassischen Moderne: Achmatowa und Zwetajewa bekommt man natürlich zuerst. Aber wenn man dann diesen Weg weiter geht, dann entdeckt man immer mehr Namen. Und durch diese Lektüre formt man sich.

Und gab es umgekehrt auch wieder einen Prozess der Loslösung davon? Oder war der gar nicht notwendig?

Nein, ich glaube, das war nicht so. Oleg Jurjew ist literarisch für mich sehr wichtig. Ich wäre nicht ich ohne seinen Einfluss. Aber das war kein stilistischer Einfluss. Es gab und gibt eine Reihe von Lyrikern in Russland, die auch stilistisch von Oleg Jurjew beeinflusst sind. Wenn man aber über Olga Martynova und Oleg Jurjew schreibt, heißt es erstaunlich oft, sie sind sich gar nicht ähnlich, was wirklich so ist. Aber seine Art, in der Literatur zu leben und die Literatur wahrzunehmen, das war für mich entscheidend. Das war überhaupt das Wichtigste, was in meinem Literatenleben passiert ist. Und die zweite Person ist Jelena Schwarz, mit der zusammen ich das Rom-Buch (2) gemacht habe. Sie ist eine große Dichterin, genauso groß wie Achmatowa und Zwetajewa. Und wir hatten das Glück, mehrere Jahre mit ihr persönlich befreundet zu sein.

Sie haben eine sehr eigene Herangehensweise in Ihren Gedichten. Sie beschreiben auf eine fast spielerische Art, was passiert, geradezu märchenhaft, und manchmal auch im Kinderton, mit vielen Alliterationen und Wortspielen und öfter auch mit Vogellauten. Was ich von Ihnen noch nicht gehört und gelesen habe, ist das Grüblerische und das Ernste, was man sonst oft findet, aber auch nicht das pointiert Komische – da gibt es andere Traditionen, die es sicher auch in Russland gibt. Das ist es beides nicht. In den Beurteilung der Lyrik bei uns tritt immer hervor, dass die wichtige Lyrik die todernste ist, die Leid und Tod thematisiert. Und alles andere entferne sich davon. Wie verhalten Sie sich dazu?

Meine Lyrik thematisiert natürlich alle diese ernsten Sachen, wie Leid und Tod. Ich war vor kurzem in Schweden für eine Lesung. Und die schwedische Übersetzerin, Aimée Delblanc, sagte, dass meine Tschwirka, – diese Figur erinnere sie an Indras Tochter aus Strindbergs „Ein Traumspiel“, die sagt: „Die Menschen tun mir leid.“ Das trifft die Figur, und ich war sehr dankbar für die Bemerkung. –
Ein anderer Einfluss sind natürlich die Oberiuten. Davon kommt das Spielerische. Und das ist eben nicht pointiert und humoristisch, sondern spielerisch. Das ist eine Tradition der Oberiuten. Dabei weiß ich nicht, ob man wirklich das Wort „Einfluss“ benutzen kann. Wenn man in Russland über die Figuren Tschwirik und Tschwirka schreibt, bemerkt man schon, dass das stilistisch nicht so geschrieben ist, wie die Oberiuten das taten. Aber natürlich ist die Art, wie man seinen Stoff vorstellt, von den Oberiuten übernommen. Das ist das Eine. Das andere ist der Versuch, das Narrative zu retten, das Narrative wieder in die Gedichte hereinzuholen. Man kann nicht einfach so erzählen, als würden die Jahrtausende der Literaturgeschichte nicht existieren. Aber ich glaube, man kann mit einigen Tricks doch noch ein bisschen was erzählen.

Inwieweit sind Sie an den Gedichten beteiligt? – Sie schaffen Kunstfiguren. Die Sprache schafft ihre eigene Welt. Natürlich machen Sie die Sprache. Sie schreiben sie. Inwieweit speisen Sie mit Ihren Erfahrungen, Erlebnissen, mit Ihrer Person den Text?

Nun, das existiert immer parallel. Ich lebe mein Leben. Und ich lebe mein Leben als Autorin. Und diese Leben kommunizieren miteinander. Es gibt einerseits nichts, was man als autobiographisch bezeichnen kann. Andererseits verwende ich alles aus meinem Leben, was ich verwenden kann, in meinen Texten, gleich, ob in Prosa oder Lyrik. Also bin ich einerseits hundertprozentig da als Person. Aber andererseits ist das nicht mein Leben. Mein reales Leben ist etwas anderes.

  • (1) Oberiu war eine avantgardistische Künstlervereinigung um Daniil Charms in St. Petersburg und existierte von 1927 bis 1930.
    (2) Olga Martynova, Jelena Schwarz: Rom liegt irgendwo in Russland. Zwei russische Dichterinnen im lyrischen Dialog über Rom, (aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova), Edition per Procura, Wien 2006

Das Faust-Gespräch führte Bernd Leukert

Im Video von Harald Ortlieb liest Olga Martynova aus ihrem Roman »Sogar Papageien überleben uns« (Droschl Verlag, Graz).

Kommentare


Pennyrenee - ( 10-08-2012 04:18:39 )
sagt:Sehr gut reflektiert. Genauso sehe ich das auch. Ich habe mein Tageszeitungabo gekfcndigt, weil ich z.B. im Kulturteil zunemhend zugekaufte Artikel aus Hamburg, oder Berlin las und immer weniger fcber die eigene Stadt.Ein Demandmedium mit Inhalten aus der Region fcber die mich interessierenden Sparten we4re ffcr mich ein Grund, wieder regelme4dfig bestimmten Beitrag zu investieren. Am liebsten natfcrlich in E-Form, denn alle zwei Wochen tonnenweise tote Be4ume an die Stradfe zu stellen ist heutzutage auch fcberflfcssig.

Jackson - ( 10-08-2012 08:16:38 )
sagt:Das ist gegen Ende ein Ple4doyer ffcr eine Art Gonzo-Journalismus 2.0. Kann mir Schlimmeres vorstellen. Ein Problem mf6chte ich noch anerkemn: Investigationen und sowas sind aufwendig und teuer und selbstste4ndige Journalisten mfcssen in Vorleistung treten, d. h. so einen Artikel erstmal stemmen. Ich verstehe jeden, der da keine Lust drauf hat, mir geht bei Projekten mit viel Geld drin auch mal der Arsch auf Grundeis. Meistens geht dann ja auch pfcnktlich alles schief.Ansonsten: Ja, mit Leuten, die einfach wie immer weitermachen wollen, nur jetzt halt digital, muss man kein gesteigertes Mitgeffchl haben. Das Beispiel Ton- und Filmindustrie zeigt, dass die Zeit sie ersetzen wird.

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erstellt am 14.11.2011

Olga Martynova
Olga Martynova, Foto: Oleg Jurjew

Olga Martynova, die 1962 im sibirischen Dudinka geboren wurde und in Leningrad, heute St. Petersburg, aufwuchs, lebt seit 1991 in Frankfurt am Main. Bekannt wurde sie in Deutschland mit ihren beiden Gedichtbänden Brief an die Zypressen (Rimbaud Verlag Aachen 2001) und In der Zugluft Europas (Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2009) sowie dem Roman Sogar Papageien überleben uns (Literaturverlag Droschl, Graz 2010). Auch publiziert sie in Zeitungen und Zeitschriften. Eine Auswahl ihrer Buchkritiken, Essays und literarischen Aufsätze sind in dem Band Wer schenkt was wem. Besprechungen 1999-2003 (Rimbaud Verlag Aachen 2003) erschienen. Der Bonner Bernstein-Verlag veröffentlicht soeben den essayistischen Dialog Olga Martynova und Oleg Jurjew. Zwischen den Tischen. Ihrem Selbstverständnis nach aber ist sie Lyrikerin. In ihren Gedichten lässt sie die ernste Grundierung gern von spöttischen Kommentaren aufbrechen, – die Nähe zur absurden Poesie der Oberiuten (1) ist ihnen mitgegeben. Doch auch die Verwandtschaft zum hohen Ton Anna Achmatowas und Marina Zwetajewas, an die sie auf ihre Weise anschließt, klingt aus Olga Martynovas Dichtung. Ungebunden sind nur Bettler,/ Hungrige und Erboste/ Und der Wind, der hin und her läuft,/ Und das Spätrosen tragende/ Wasser nachts. Solche Zeilen halten sich im Gedächtnis fest.