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In ihren Gedichten fiel schon mal ein finsterer Tschetschene in unrasierten Schlaf, und ein Russe gab seinem Panzer Hafer. Eine Eule, die durch den nächtlichen Wald flog, vergaß, was sie wusste, als sie im Baumloch saß. Selbst der Kakadu hatte alle Sprachen vergessen. Sonst aber evozieren ihre Strophen Wahrnehmungen, die unsere Vernunft nicht anerkennt. Die in Frankfurt lebende russische Lyrikerin Olga Martynova hat mit ihrer Poesie die Ahnung bestätigt, dass zwischen Himmel und Erde etwas für uns Wesentliches existiert, von dem wir bestenfalls träumen können. Nun bringt sie das Spielerische ins Spiel.
Siehe auch: Olga Martynova im Gespräch mit Bernd Leukert

Olga Martynova
Text und Audio

Olga Martynova liest

Vier lange Minuten

Vier lange Minuten
lachte eine Schwalbe im Schlaf (die Nächte sind kurz hier)
und murmelte, und sie schwitzte unter dem Flügel,
seufzte dann auf und flog fort, sie hatte zu tun wo.

– mit ihren Halbkreisen schnitten die Wiedehopfe die Luft
(Süden)
– der Morgen, wie Quark war er, blieb ohne Datum
(hienieden)

Vier lange Minuten
zeigte der Regen die Krallen mal, mal zog er sie ein,
und Tschwirik horchte: la-la,
ein Musikchen fiel von Blättern zu Blättern,
fiel und entglitt .

– es wird Zeit, zu eröffnen, wer Tschwirik ist:
– er hat keinen anständigen Anzug.
– tik-tik, sagt ein Vogel, der andere zur Antwort: _tschirik,
also sag mal, was denkt die Tschwirika sich?_

2
Aber die Sache ist die, dass Tschwirik kein Vogel ist.

3
Er will etwas aufschreiben,
da löst sich das Heft in Staub auf.
Drei lange Minuten,
und das Heft ist gewesen.

Zwei Minuten – ein zerfallener Wald:
Trödel, Staub, Blöße.
Eine Minute (nicht) brauchte der Berg,
seine Steile in den Teich zu vergießen.

Tschwirik selbst war die Minute.

4
Oh, Tschwirik, wenn ich, ein lächelnder Schatten scheu,
gleite in diese Welt, die wir für Fleisch und Blut einst erbauten (seltsam ist das)
und die Hänge der Bäume mit ihrem von Borke umschlossenen Leben fliege
hinauf …

Oh, Tschwirka, denk nicht daran, dann verlassen wir diese Länder.

Oh, Tschwirik, sag: ehrlich?

Oh, Tschwirka, meine Tschwirka!

Das hörten die Vögel und begannen zu lachen: hi-hi.

0
Und dahin ist diese Minute,
und dahin ist jene Minute,
die dritte, die vierte,
die erste, die zweite.

Wer spricht was

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / Sind Schlüssel aller Kreaturen (Novalis)

1

Der Kalender sprach: Die Glut der herbstlichen Blätter!
Ist es nicht schändlich, so zu reden?
Er wiederholte: Ja, „der blätterlosen“, „Herbst“ „Kiemen“.
Nein, nein – so sprach er, und der Wald sang: kiwitt.

Wenn das Kupfer des Hufs auf der Schlange einst durchschabt sich,
schwimmt zu dem Felsen ein ergrauter Fisch,
öffnet das lecke Maul und sagt (aber nicht zu mir),
was die Fische sagen, kommen sie zu sich an Land:

2

Zum Raben sprach Gott: Spielen wir
„Blume“, „Falter“ „Novalis“?

Wenn nichts als Zahlen und Figuren
den Flugweg zeichnen der Kreaturen,
wer mißt die beflügelte Frist?

Soll ich den Papagein, den gelehrten, sagen:

„Blume“, „Falter“ „Novalis“?
Die Figuren und Zahlen hängen doch
an dem Weiberreim „Schulterjoch“
ungeometrisch und ohne Zweck.

So, da haben die Papagein ihren Schreck.

Wenn du vom Fahrrad fällst

Wenn du vom Fahrrad fällst, weißt du auf einmal
zwischen dir und der Welt ist das Fleisch,
das so fein ist, so kapriziös,
dass es der groben und abgehärteten Seele
ein einziger Vorwurf ist.

Und weißt auf einmal,
dass du dem Himmel gleich bist, dem Wald, dem Feld,
wie ein Spiegel etwa –
dann denkst du: Ein SPILG,
wo die Spiegelbilder zuerst verschwommen sind,
dann überhaupt ausgegossen
und in die Freiheit gespritzt,
wie Fische, kleine, aus einem Aufzuchtteich,
wie Falter aus einem Garten,
wie vom Himmel Wolken,
wie von den Wolken Tropfen,
wie um Aronson * alles
zu flimmern begann, erlosch.

  • Leonid Aronson (1939-1970) Leningrader Lyriker, starb bei einem Unfall (vermutlich Selbstmord) während einer Reise nach Mittelasien.

Tschwirka spricht mit einer Libelle,

während Tschwirik im Krieg ist

– Libelle, was fliegst du denn noch,
bei fast völliger Dunkelheit,
du flickst unsichtbar Löchlein an Loch
im verborgenen Loche Zeit.

– Oh, Tschwirka, ich fliege, verfliege,
beinahe ein Schatten am Him-
mel, wie ein Salz-Ausschlag fast aus dem Dunkel,
und kann keine Ruhe fin- …

– Libelle, als ins Raumlose dich
einzeichnete mein Tschwirik,
dachte er an eine kleine Bruderschaft sich
von dir unbekannten Spiegeln.

– Oh, Tschwirka, sie hat sich gespiegelt
einmal auf meinen Flügeln,
wie dumm, daß ich nicht verstehe,
dir davon zu erzählen.

Tschwirik im Krieg

Ich kam noch nicht um
Im fremden Daheim
Noch beruft mich West-Ost
Zum Feldzug ein

Meine Müh im Heer –
Eine Kreisumkehr.
Der Bruder mein
War verkehrt der Feind.

Mein Feind ist Glut, mein Bruder Glut,
„Lösche du aus Deine Hand”,
Sagte da Kamerad Ding-Dong,
„Diese Zielscheibe aus mach du!”

Verdecken wird mich Ding-Dong,
Mit Flüstern verdecken: Ting-Tong,
Und ich verbrenne die Hand,
mach ausgehn die Zielscheibenglut.

Und es kommt ein Vogeltag
Im fremden Heimatland.
Und mein Freund geht fort
nach West und Ost.

Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova

Siehe auch:
LYRIKER LESEN

erstellt am 14.11.2011

AUDIO-Beispiele auf Russisch:

Die auf Deutsch gedruckten und russisch gelesenen Gedichte von Olga Martynova sind aus dem Gedichtband „Von Tschwirik und Tschwirka“, der im Herbst 2012 beim Droschl Verlag, Graz, veröffentlicht erscheinen wird.