Buchtipp

Frédéric Chaubin: CCCP

CCCP – Cosmic Communist Constructions Photographed

Das Foto auf dem Umschlag des großformatigen Bildbands zeigt ein modernistisch-futuristisches Riesengebäude, das aussieht wie zwei Zahnräder, die sich in dieselbe Richtung drehen und die durch eine breite Terrasse, die wie ein Gürtel wirkt, getrennt sind. Gestützt wird diese massive zylindrische Konstruktion von drei Stützpfeilern, denen in einem höheren Abschnitt kleinere Zahnräder entsprechen. Das monumentale Gebäude steht vor einem bewaldeten Hang und ist durch eine Hochstraße von einem breiten Strand getrennt und erinnert an die Bauwelten der James-Bond-Filme aus den 80er Jahren. Auf Seite 194 erfährt man, dass das Gebäude tatsächlich aus den 80er Jahren stammt. Es ist das Meisterwerk von Igor Wasilewski: das 1985 gebaute Freizeitzentrum Druschba in Jalta, an der Südküste der Krim am Schwarzen Meer. Die Fenster sind alle wabenförmig zur Sonne und zum Meer hin ausgerichtet, zwischen den Pylonen hängt ein Meerwasserschwimmbecken. (Dass das Pentagon während der Bauarbeiten geglaubt haben soll, da würde eine Raketenabschussrampe entstehen, bestätigt die James-Bond-Assoziation!) Es ist ein erstaunliches Stück Architektur, wie auch die Detailfotos der Interieurs bestätigen.

Auch die anderen Fotos, die der französische Fotograf Frédéric Chaubin in diesem Band zusammengestellt hat, widerlegen aufs Drastischste die Vorstellung der biederen, monotonen, realistisch-sozialistischen Bauweise. Auch deshalb hat Chabin im Titel seines Bandes das Akronym CCCP, das für die Sowjetunion stand und Soyuz Sovetskikh Sotsialisticheskikh Respublik bedeutete, umgedeutet in Cosmic Communist Constructions Photographed. Ob Kinos oder Hotels, Stadien oder Forschungseinrichtungen, Sanatorien oder Denkmäler – die hier dokumentierte Sowjetarchitektur zeugt von baulicher Kühnheit und ästhetischem Wagnis. Vor allem in der Provinz haben sowjetische Architekten seit den 70er Jahren die Formensprache der Moderne und der russischen Avantgarde mit utopischen Elementen kombiniert. Die staatliche Ideologie wird in dem gepflegten Monumentalismus erkennbar, aber sie scheint der Fantasie der Architekten freien Lauf gelassen zu haben. So ist dieser Band nicht nur eine Bestandsaufnahme modernistischer Architektur, sondern auch ein Beitrag zur ästhetischen Aufklärung.

Stefana Sabin

Der Fotograf:
Frédéric Chaubin, geboren 1959 in Phnom Penh als Sohn eines Franzosen und einer Spanierin, ist seit 15 Jahren Chefredakteur des französischen Lifestyle-Magazins Citizen K. Dort veröffentlicht er regelmäßig künstlerische Fotoreportagen. Das Material für die CCCP Collection sammelte er auf intuitiven Recherchereisen durch die früheren Sowjetrepubliken zwischen 2003 und 2010.

erstellt am 13.11.2011

Eine fotografische Sammlung bizarr-fantastischer Gebäude aus den letzten Jahrzehnten der UdSSR:

CCCP
Cosmic Comunist Constructions Photographed
Fotos und Essays
von Frédéric Chaubin
Taschen Verlag, Köln 2011
Hardcover, 26 × 34 cm, 312 Seiten
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch

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