Soeben erschien der neue Roman »Blutschneise« von Guido Rohm. Der Roman ist eine Inspektionsreise in die Herzkammern von Ökonomie, Moral und vor allem des Krimigenre selbst, dessen Grenzen er konsequent verletzt. Hier der Anfang des Romans.

Prolog

Von Guido Rohm

Das war sein Albtraum. Sein Tiefschlaffiasko. Max Vonderscheids ganz privater Nachthöllenritt. Er spürte jede Zelle seines Körpers. All diese unzähligen winzigen Gefängniszellen, die einen Trakt ergaben. Die mehrere Trakte bildeten. Seine Extremitäten. All die verschiedenen Seitenflügel, die in seinem Rumpf mündeten, dem Hauptgebäude. Er war ein einziger Kerker. Kauerte in sich drin, und kam nicht heraus. Das war er.
Und genau in diesem Augenblick fiel er. Vor ihm war die Dunkelheit. Er strich mit seinen Händen an dunkelroten Wänden entlang. Blutbahnen. Er konnte das Feuer bereits riechen. Seine Nase hob sich. Witterte den Rauch. Er konnte die Nähe des Feuers körperlich spüren.
Er lag schweißgebadet auf seinem Bett. Fantasierte sich in die Hölle hinab. Es ging tief hinunter. Ein kilometerlanger Tunnel, so schien es ihm.
Gott, bin ich lange unterwegs.
Und doch waren es nur Sekunden. Ein Wimpernschlag. Ein Atemzug.
Es wurde wärmer, dann heiß. Eine Gluthitze strömte ihm entgegen. Und mit jedem Meter, den er vorankam, wurde es unerträglicher. Er hielt nicht an.
Er bewegte sich auf seine eigene Qual zu; lief seinem Höllenfeuer direkt in die züngelnden Arme.
In der Hölle ist es so, dachte er.
Und dann …
… kam er an.
Max Vonderscheid.
Ein Mann, der sich seinen Namen aus einem Roman gestohlen hatte. Er würde von geborgt sprechen.
Wussten Sie das? So ist das mit Max. Er ist ein Trick. Eine Mogelpackung. Also immer schön vorsichtig sein. Sie sollten ihm nicht trauen. Auf keinen Fall.

Max Vonderscheid öffnete die Lider. Sah sich in seinem Albtraum um. Rieb sich die Augen. Wider Erwarten kein Feuer. Keine Teufel. Nichts von alldem.
Max saß auf einem knarrenden Holzstuhl in einem abgedunkelten Raum. Kühle strich um sein Gesicht. Sie tat ihm gut. Erfrischte ihn.
Seine Froschaugen, wegen denen man ihn als Kind so oft gehänselt hatte, mussten sich erst an die Lichtverhältnisse gewöhnen.
Es sah aus wie in einem der typischen Verhörzimmer der Polizei. An der Wand befand sich ein überdimensionaler Spiegel. Ein schlichter Tisch. Er kannte solche Räume. Er hatte allerdings nie lange in einem solchen Verschlag bleiben müssen. Er war klüger als die Bullen. Die konnten Fragen stellen, wie sie wollten. Konnten ihn foltern, anschreien, bedrohen. Solche Käfige waren für Tiere. Nicht für Menschen.
Max Vonderscheid schloss die Augen, stellte sich die verschiedenen Bullengesichter vor.
Allesamt Idioten, dachte er.
Max grinste. Öffnete erneut die Augen.
Seine Kniescheiben taten ihm weh. Sein ganzer Körper schmerzte. War er gestolpert? Gefallen?
Natürlich. In meinen Traum bin ich gefallen.
Egal, dachte er. Du wirst irgendwann aufwachen. Bald. Aus Träumen erwacht man immer. Jedenfalls meistens. Außer man stirbt im Schlaf, dann …
Er sah sich um. Blinzelte. Ihm Gegenüber waren die Umrisse eines Mannes zu erkennen. Er saß bewegungslos am anderen Ende des Tisches. War die Ruhe selbst. Wirkte wie aus Stein gemeißelt.
Der Mann schien nicht sonderlich überrascht von Max Vonderscheids Anwesenheit. Der Typ starrte ihn mit durchdringenden Augen an. Max kannte diese Augen.
Froschaugen, dachte er.
Er hatte sie schon mal irgendwo gesehen. Da war er sich sicher.
In einem Spiegel?
Und dann erkannte er ihn.
»Was machst du hier?«, fragte Max.
»Ein Gespräch von Mann zu Mann.«
Mit einem Lächeln schüttelte Max den Kopf. Sah hinab auf seine gefalteten Hände.
»Wir haben nichts miteinander zu besprechen«, sagte Max.
»Ich denke schon.«
Max roch etwas. Er hob den Kopf. Ein unangenehmer Geruch. Er kam ihm bekannt vor. Das war ein Gestank, den er einfach nicht loswurde.
Er roch sich selbst. Das war es. Es widerte ihn an. Er widerte sich an. Eine schlechte Voraussetzung, um mit sich selbst gut auszukommen.
»Du riechst nach Tod«, sagte Max.
»Das sind wir.«
Max fuhr sich durch seine frisch geschnittenen Haare. Sein Gegenüber hatte lange, fettige Haare. Außerdem war der Andere unrasiert. So hatte er früher ausgesehen.
»So gefalle ich mir besser«, sagte Max.
»Es ist egal, wie wir aussehen.«
»Das sollte uns aber nicht egal sein«, sagte Max.
Der mit den langen Haaren grinste, zeigte schmutzige gelbe Zähne, griff sich eine Zigarette und zündete sie an. Er inhalierte tief, aber ohne Genuss.
»Willst du auch eine?«, fragte der Langhaarige.
»Ich habe aufgehört«, sagte Max. »Und …«
»Du willst wissen, warum wir hier sitzen?«
»Ja.«
Der Langhaarige sagte: »Wir sind hier, um wenigstens einmal die Wahrheit auszusprechen.«
»Wahrheit? Welche Wahrheit?«
Max rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. Lauschte auf das Knarren.
»Kannst du dich noch an unsere Kindheit erinnern?«
»Genau so gut oder schlecht wie du«, sagte Max.
»Kannst du dich noch an die Maus erinnern?«
»Welche Maus?«
»Du hast sie beim ersten Frost gefunden. Sie sah aus, als würde sie schlafen. Du hast sie in ein ausgewaschenes Einmachglas gelegt, und dann beobachtet.«
»Daran kann ich mich nicht erinnern. Was soll dieser Unsinn?«
»Ich kann mich genau daran erinnern«, sagte der Langhaarige. »Immerhin war ich dabei.«
»Und?«
Der Langhaarige nahm einen Zug von der Zigarette. Er zog einen Speichelfaden nach.
»Du hast ihr beim Verwesen zugesehen. Und es hat dir Spaß gemacht.«
»Unsinn«, lachte Max auf.
»Kein Unsinn«, sagte der Langhaarige. »Genau so war es.«
»Und warum erzählst du mir das?«, fragte Max.
»Damit du endlich erkennst, wer du bist. Du hast Spaß am Tod. Spaß an der Gewalt.«
Max lachte auf. Gekünstelt. Es war eher ein hohles Glucksen. Er lehnte sich zurück. Täuschte Entspannung vor. Solche Dinge würde er sich nicht einreden lassen. Nicht von diesem Kerl.
»Ich war ein Freiheitskämpfer«, sagte Max.
»Du warst ein Terrorist«, erwiderte der Langhaarige. »Ein eiskalter Mörder, der Spaß am Töten hatte. Du hast dir eine Ideologie gesucht, die dir eine Rechtfertigung bot, andere Menschen kaltblütig abzuknallen. Du liebst das Abschlachten. Peng. Peng. Und schon fühlst du dich wie Gott.«
»Wer sagt das?«, fragte Max.
»Ich«, sagte der Langhaarige.
»Und wer bist du?«
»Hast du das immer noch nicht begriffen? Denkst du noch oft an Anna?«
»Das geht dich überhaupt nichts an«, sagte Max.
»Oh doch«, sagte der Andere.
»Dann antworte du«, sagte Max. »Denk ich oft an sie?«
Der Langhaarige zog wieder an seiner Zigarette.
»Nein, das tust du nicht«, sagte er schließlich. »Und weißt du auch, warum? Du bist für ihren Tod verantwortlich. Warum solltest du also an sie denken? Sie würde dir nur Kopfschmerzen bereiten.«
»Du scheinst mich nicht besonders gut zu kennen«, schrie Max auf. »Ich denke sehr oft an sie.«
»Lügner!«
»Wer gibt dir das Recht …?«
Max sprang auf, langte über den Tisch, erwischte den Langhaarigen an seinem ausgewaschenen T-Shirt und zog ihn über die zerkratzte Tischplatte.
»Du?«, stotterte Max.
»Ja, ich bin es«, sagte der Langhaarige. »Warum bist du so überrascht? Du hast es doch gewusst. Du willst mir doch nicht einreden, du hättest dich nicht erkannt.«
»Das ist nur ein Traum«, sagte Max.
»So könnte man es auch nennen«, sagte die langhaarige Ausgabe von Max.
Max ließ Langhaar-Max los.
»Wir sollten uns in Ruhe unterhalten«, sagte Langhaar-Max.
»Warum sollten wir das tun?«
»Damit du dir endlich darüber klar wirst, wer du wirklich bist.«
»Und wer bin ich deiner Meinung nach?«
»Das habe ich doch bereits gesagt?«
»Ein eiskalter Killer.«
»Genau.«
»Und warum die Geschichte mit der Maus?«
»Du warst schon immer so. Du hattest keine besonders schlimme Kindheit. Du redest dir das gerne ein. Aber sie war nicht schlimm. Du musst endlich begreifen, dass du …«
»… dass ich ein wirklich übler Kerl bin.«
»Genau.«
Max grinste und sagte dann: »Zur Feier des Tages rauche ich doch eine Zigarette. Kann nicht schaden. Ist sowieso nur ein Traum. Und Träume verursachen keinen Lungenkrebs.«
Er klopfte sich eine Zigarette aus der Packung, zündete sie an, gab das Feuerzeug zurück. Er zog an der Zigarette. Überlegte. Schließlich warf er sie auf den Betonboden und zertrat sie mit seinem schweren Stiefel. Schwarze Lederstiefel, mit denen man Köpfe zum Platzen bringen konnte. Dann stand er ganz langsam auf, ging um den Tisch herum und baute sich vor dem Max seiner Vergangenheit auf.
»Was hältst du davon, wenn ich dich einfach umlege?«, fragte Max.
»Nicht die schlechteste Idee. Würde zeigen, dass du endlich zu dir stehst.«
»Gut!«
Max legte seine Hände um den Hals von Langhaar-Max. Der sah ihn mit einer beinahe gelangweilten Miene an. Max drückte zu. Übte einen starken Druck aus. Er würde es diesem Arschloch zeigen. Würde es ihm heimzahlen.
Aber das bin doch ich, dachte er für einen kurzen Augenblick.
Langhaar-Max röchelte und lief rot an. Er wehrte sich nicht. Er schien sogar zu grinsen. Max bot seine ganze Kraft auf. Er würgte jeden Atemzug heraus, der noch irgendwie in dem anderen steckte. Schließlich erschlaffte Langhaar-Max.
Geschafft, dachte Max.
Er ließ den Körper langsam nach hinten sinken. Der Kopf klappte auf die Brust.
»Ich konnte dich noch nie ausstehen«, sagte Max zu der Leiche.
Er stand noch eine ganze Weile da und genoss den Anblick seiner entsorgten Vergangenheit. Er sah sich um. Ging zu der schweren nietenbeschlagenen Eisentür. Er hämmerte mit seinen Fäusten dagegen.
»Ich will hier raus!«, rief Max, so laut er konnte.
Er hörte knallende Stiefelschritte, die sich der Tür näherten.
Eine Stimme, die ihn an sich selbst erinnerte, sagte: »Tut mir leid. Ich kann dich erst rauslassen, wenn die Leiche völlig verwest ist.«
»Was soll das heißen?«, schrie Max. »Das kann dauern.«
Die Schritte entfernten sich.
Scheiße, dachte Max.
Er setzte sich wieder auf den Stuhl und sah den Toten an.
Sieht eigentlich lustig aus, dachte er.
Vielleicht war es gar nicht so übel, hier zu sitzen und dem Tod bei der Arbeit zuzusehen. Er dachte an die Maus. Jetzt konnte er sich erinnern. Und er konnte sich auch daran erinnern, dass er bei dem Anblick eine nie gekannte sexuelle Erregung verspürt hatte.
Das hatte Max nie jemandem erzählt. Das ging keinen etwas an. Das war sein kleines Geheimnis. Er war ein Killer. Mit Haut und Haaren.
»Eigentlich war mir Anna scheißegal«, sagte er. »Du hast recht gehabt. Ich habe immer nur Gründe gesucht, um zu töten. Das hätte ich nicht tun sollen. Ich töte, weil es mir Spaß macht. Weil der Tod mich geil macht. Es gibt solche Menschen. Aber wir dürfen es nicht zugeben.«
Max stand auf und ging zu der Leiche. Er durchsuchte die Taschen. Fand die Zigaretten. Nahm sich eine.
»Die wirst du nicht mehr brauchen«, sagte er.
Er zündete sich eine Zigarette an. Wie hatte er nur jemals mit dem Rauchen aufhören können? Er sog den Rauch tief ein, behielt ihn in sich. Hielt die Luft an, bis ihm beinahe schlecht wurde.
Schließlich atmete er aus. Hustete. Lachte.
»Was für ein Traum«, sagte er.
Die Leiche blinzelte ihn an. Er hatte es genau gesehen. Max lachte und lachte. Er konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen.
Das war sein Traum.
Er wachte schweißgebadet auf, mit dem Geschmack von Nikotin auf den verkrusteten Lippen. Er sah sich verwirrt um.
Was für ein verrückter Traum.
Zum Glück bin ich nicht so, dachte er.
Er schloss kurz die Augen und dachte an Anna. Entschuldigte sich für diesen Traum. Er hatte sie nicht verraten. Das war eine Lüge. Sie waren in eine Falle gelockt worden. Das war die Wahrheit. Die hatte er doch allen erzählt, die es etwas anging.
»Ich kann nichts dafür«, flüsterte er.
Er streckte seine Beine aus. Da war etwas. Ein Widerstand. Er stieß gegen einen fremden Oberschenkel. Er zuckte zusammen. Riss die Augen auf. Sah zur anderen Betthälfte hinüber. Dort lag eine junge dunkelhaarige Frau. Ihre Augen waren weit geöffnet, blickten entsetzt und starr an die Decke.
Er beugte sich über sie.
Er war Profi genug, um sofort zu wissen, dass sie tot war. Er erkannte dunkelrote Druckstellen an ihrem Hals. Max konnte sich nicht an sie erinnern. Er überlegte fieberhaft. Egal, ob er das getan hatte, oder jemand anders: Die Leiche konnte nicht hier bleiben. Sie musste verschwinden.
Er schloss die Augen. Öffnete sie. Schloss sie. Öffnete sie. Sah wieder hinüber. Die Frauenleiche war immer noch da. Kein Traum.
Das war sein Leben.
Natürlich.
Er grinste, stand auf und machte sich an die Arbeit, die er beherrschte.

erstellt am 04.11.2011

Guido Rohm
Blutschneise
Roman
168 Seiten, Broschur
Seeling Verlag, Frankfurt

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