BUCHKRITIK

Das richtige Leben im falschen

Arno Lustigers umfassende Dokumentation über die Judenretter während des Holocaust

Von Stefana Sabin

Noch in Häftlingskleidern klopfte er an eine Tür und bat um Essen, und tatsächlich gab ihm der Wehrmachtsoffizier, der zu seinem Schrecken die Tür aufmachte, ein Stück Brot und ließ ihn gehen, ohne ihn als entflohenen KZ-Häftling zu denunzieren. So überlebte Arno Lustiger – und wurde zum berühmtesten Laienhistoriker der Bundesrepublik.

Zuerst in „Zum Kampf auf Leben und Tod. Das Buch zum Widerstand der Juden 1933-1945,“ das 1994 erschien, und in mehreren darauf folgenden Studien trug Lustiger Zeitzeugnisse zusammen und entwarf mit deren Hilfe ein Narrativ des jüdischen Widerstands gegen das Naziregime. Es waren bahnbrechende Studien, die die Holocaustforschung entscheidend bereicherten und einen Eindruck nicht nur von der Überlebensfähigkeit, sondern auch von der Kampf- und Widerstandsbereitschaft der Juden vermittelten – und die die geläufige Meinung von der Passivität der Opfer korrigierten.

Lustiger zeigte, dass es immer und überall – also sowohl im deutschsprachigen Inland als auch in allen besetzten Ländern – Widerstand gegen das totalitäre Naziregime gab, und wie nebenbei führte er vor, dass auch die Rettung von Juden zum Widerstand gehörte. Immer wieder hat er betont, dass Zivilcourage Teil des Widerstands sein konnte, und immer wieder hat er sich für die Anerkennung derer eingesetzt, die ihr eigenes Leben riskiert haben, um jüdisches Leben zu retten. Nun stellt Lustiger eine umfangreiche Dokumentation dessen vor, was er „Rettungswiderstand“ genannt hat: jenes Widerstands also, der in Überlebenshilfe für Juden bestanden hat.

Lustiger stützt sich auf bis jetzt unerschlossene Quellen vor allem aus Osteuropa und erzählt von einzelnen Leuten und von kleinen Gruppen, von Städtern und Bauern, von Politikern und Offizieren, von Künstlern und Geistlichen, von Prostituierten und Nonnen, die in Deutschland und in den von den Nazis besetzten Ländern Juden geholfen haben: sei es, dass sie sie versteckt und versorgt, sei es, dass sie ihnen gefälschte Papiere besorgt, sei es, dass sie sie nicht angezeigt haben, wie der Nazioffizier, an dessen Tür er selber geklopft hatte.

In Berlin haben Helene Jacobs und Franz Kaufmann, Mitglieder der bekennenden Kirche, Juden versteckt, darunter den Graphiker Cioma Schönhaus, der nicht nur selber überleben, sondern seinerseits wieder anderen helfen konnte, indem er falsche Ausweise herstellte. In Prag lieh Anna Binder-Urbanova, Mitarbeiterin im Außenministerium, ihren diplomatischen Pass an Untergrundaktivisten aus, die Juden bei der Ausreise halfen. In Czernowitz verzögerte der Bürgermeister Traian Popovici die Einrichtung des Ghettos und ermöglichte somit vielen Familien die Flucht. In Rom ließ der Regisseur Vittorio de Sica dreihundert Juden als Statisten bei einer Filmproduktion auflisten und bewahrte sie so vor der bevorstehenden Verfolgung. In Wien vergab der chinesische Konsul Feng Shan Ho gegen die ausdrückliche Anweisung seiner Berliner Vorgesetzten Ausreisevisa an Juden, die damit nach Shanghai emigrieren konnten.

Es sind meistens unspektakuläre Geschichten, die Lustiger in schlichter und knapper Diktion erzählt, und sie sind oft durchaus amüsant – so zum Beispiel die Episode über das italienische Rennfahreridol Gino Bartali, der unter Vortäuschung seines harten Trainigspensums als Kurier einer Helferorganisation zwischen Rom und Florenz mit einer Tasche voller falscher Dokumente radelte, oder die Episoden über den Bürgermeister der griechischen Insel Zakynthos, der die angeforderten „Judenlisten“ derart absichtlich schlampig zusammenstellte, dass die gesamte jüdische Gemeinde überleben konnte. Aber gerade ihre Einfachheit macht diese Geschichten erschütternd: weil man zu erkennen meint, wie einfach Rettungswiderstand sein konnte, und weil man sogleich auch erkennt, wie viel Mut dazu gehörte. Erschreckend sind diese Geschichten aber auch, weil sie neben der Zivilcourage einer Minderheit auch das opportune Ducken der Mehrheit vorführen, denn die meisten Judenhelfer wurden denunziert.

Auch in der unmittelbaren Nachkriegszeit, so kann man den Geschichten entnehmen, erhielten die Judenretter und -helfer weder öffentliche Anerkennung als Widerstandskämpfer noch materielle Entschädigung für erlittenes Unrecht, wenn sie nicht gerade inhaftiert worden waren. In der Wiederaufbaueuphorie der Adenauer-Republik waren die Judenretter nicht gut gelitten, aber auch in anderen Ländern wollte man lieber nicht an moralisches Versagen erinnert werden. So wurde dem Polizeihauptmann Paul Grüninger aus St. Gallen, der als Grenzer Juden die Einreise ermöglicht hatte und deshalb degradiert worden war, die Pension gestrichen, und es dauerte 20 Jahre, bis er rehabilitiert wurde. Viele der Judenretter schwiegen, auch deshalb nennt Lustiger sie „stille Helden.“

Manche dieser „stillen Helden“ sind von der zentralen Gedenkstätte in Jad Waschem bei Jerusalem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt worden. Aber indem er auch die bescheidensten Rettungsaktionen und auch die gescheiterten Rettungsversuche aufzeichnet, erweitert Lustiger sowohl den Begriff der „Judenrettung“ als auch denjenigen des Widerstands. „Was für mich zählt”, schreibt Lustiger, „ist die Bereitschaft der Retter, ihre und ihrer Angehörigen Freiheit, Gesundheit und Leben einzusetzen, um den ihnen manchmal unbekannten Menschen beizustehen und sie zu retten.“ Die Judenretter sind für Lustiger Freiheitskämpfer, die einem verbrecherischen System Moral und Menschlichkeit entgegensetzten – und ein richtiges Leben im falschen lebten.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 04.11.2011

Arno Lustiger
Rettungswiderstand. Über die Judenretter in Europa während der NS-Zeit
Gebunden, 462 Seiten
ISBN-13: 978-3835309906
Wallstein Verlag, Göttingen 2011

Buch bestellen