Buchkritik

Folterkammern der Geschichte

Zwei Jahre hat Ximen Nao in den Folterkammern der Hölle geschmort. Dann erlaubt Yama, der Fürst der Unterwelt, dem hingerichteten Grundbesitzer die Rückkehr in sein Heimatdorf. Der reiche chinesische Bauer wird hier im Jahr 1950 jedoch nicht als Mensch, sondern – zunächst – als Esel wiedergeboren. Sofort ereilt ihn der erste Schock: Der Stall, in dem Ximen Esel das Licht der Welt erblickt, gehört jetzt seinem einstigen Knecht, dem er als Baby das Leben gerettet hatte. Knecht Lan Lian hat sich nicht nur den Hof, sondern auch die Geliebte des ehemaligen Grundbesitzers angeeignet. Mit ohnmächtiger Eifersucht beobachtet nun der Esel die Geschehnisse um ihn herum, beschreibt gesellschaftliche Veränderungen und enttarnt als unvoreingenommen erscheinender Erzähler Scheinheiligkeiten und Verlogenheiten.

Der chinesische Autor Mo Yan (geb. 1955) setzt die Nutztier-Perspektive geschickt ein, um in seinem Roman Der Überdruss Umbrüche zu schildern, die China seit Gründung der Volksrepublik bis zur Jahrtausendwende immer wieder erschüttert haben. Er lenkt den Blick auf seinen Geburtsort Gaomi, der – wie der Esel – sowohl realistische als auch fiktive Züge enthält. Ereignisse, die in China an anderen Orten stattfanden, überträgt Mo Yan in die vertraute Welt seiner Kindheit, das Dorf Gaomi steht stellvertretend für das gesamte Reich der Mitte. Der Leser wird auf diese Weise sehr nah an das dörfliche Milieu in der Provinz Shandong herangeführt, wie mit einer riesigen Lupe blickt man in Stuben und verborgene Nischen, verfolgt das Schicksal einzelner Familien über Generationen hinweg bis in die nahe Gegenwart.

Eindrucksvoll gelingt es dem Autor, der in Deutschland vor allem durch die Verfilmung seines Buchs Das rote Kornfeld (Regie: Zhang Yimou) bekannt geworden ist, die Gründe für die Veränderung der Menschen und ihrer Umgebung verständlich zu machen. Knecht Lan Lian, einer der wichtigsten Protagonisten des Romans, wird beispielsweise als charakterfeste Person dargestellt, deren Leben sich jedoch durch die radikale ideologische Neuausrichtung der Gesellschaft schicksalhaft mal zum Guten und mal zum Bösen wendet. Zwar wird er nicht, wie sein Herr, von der Volksmiliz ohne Angabe von Gründen erschossen, doch führt sein beharrliches Festhalten an dem Status des Privatwirtschaftlers zu Isolation und Verarmung. Dieses Schicksal kann auch eine spätere Rehabilitation nicht mehr wenden.

Ximen Nao wird nach dem Tod des Esels noch als Stier, Schwein, Hund und Kind mit Riesengehirn wiedergeboren. Diese Geburtenfolge ist mit zeitgeschichtlichen Ereignissen wie der Großen Stahlschmelze, dem Großen Sprung nach vorn, Besuchen der Rotgardisten und konterrevolutionären Unruhen verknüpft und führt zu ergreifenden Schilderungen von Folterszenen und Schicksalsschlägen. Hier zeigt sich die hohe erzählerische Begabung Mo Yans. Diese Kraft verliert sich im Verlauf der Erzählung jedoch immer häufiger in weitschweifigen Passagen und Wiederholungen, die es schwer machen, dem zeithistorischen Panorama zu folgen, bis sich der Erzählkreis schließt.

Siehe auch:

BUCHKRITIKEN

erstellt am 03.11.2011

Literatur-Nobelpreis 2012 an Mo Yan

Mo Yan kam 1955 mit bürgerlichem Namen Guan Moyè als Bauernsohn in der Provinz Shandong zur Welt. Sein Künstlername Mo Yan bedeutet wörtlich „der Sprachlose“.

Mo Yan
Der Überdruss
Roman
Aus dem Chinesischen
von Martina Hasse
Horlemann Verlag, Berlin

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