Fremdheit homöopathisch dosiert

Über die Eingriffe beim Übersetzen chinesischer Literatur

Rund 60 literarische Werke sind aus China zur Buchmesse 2009 aus Anlass des Ehrengast-Auftritts publiziert worden. Über die besonderen Anforderungen beim Übertragen chinesischer Literatur hat Andrea Pollmeier mit dem Bonner Sinologen und Übersetzer Marc Hermann gesprochen.

Das Über-Setzen sprachlicher Kunstwerke ist schon ohne Zeitdruck ein anspruchsvoller Vorgang. Der Übersetzer ist immer auch Interpret, für den Umgang mit chinesischen Texten gilt das ganz besonders. So kann sich, je nachdem, welcher Begriff für die Übersetzung eines chinesischen Wortes gewählt wird, der Blick auf eine zugrunde liegende Geisteshaltung öffnen oder verschließen. Dies gilt beispielsweise für das chinesische Wort „dàn“. Es kommt ursprünglich aus der sinnlichen Sphäre und kann sich auf den Geschmack einer Speise beziehen. Dàn ist, so der Bonner Sinologe Wolfgang Kubin in seiner Publikation Die Stimmen des Schattens (edition global 2001) Grundvoraussetzung eines guten Essens, denn es garantiert den Eigengeschmack, der durch zu starkes Würzen verloren gehen würde. Das geistige Konzept, an das der Begriff „dàn“ anknüpft, bezeichnet der Sinologe in Deutsch als „Ästhetik der Verhaltenheit“. Eine Studie des renommierten französischen Kollegen Francois Jullien gibt jedoch den chinesischen Begriff „dàn“, für den es weder im Französischen noch im Deutschen einen befriedigenden Ausdruck gibt, nicht durch Verhaltenheit sondern durch „fadeur“ (Fadheit) wieder. Der Titel seiner Analyse lautet „Éloge de la fadeur“ (dt. Über das Fade – eine Eloge, 1999). Der Begriff „fad“ hat allerdings im Deutschen einen abwertenden Unterton, der von dem Sinologen keinesfalls beabsichtigt war. Allein durch die Begriffswahl kann somit eine irreführende Einordnung dieser bedeutenden Studie zur chinesischen Geisteshaltung erfolgen.

Wer eine gute Übersetzung liest, ahnt diese detaillierten Abwägungen nicht. Je besser sich die Übersetzung eines literarischen Werkes in die eigene Sprache einfügt, umso stärker ist die Illusion, das Original unverstellt zu erleben. Die Übersetzung scheint dann wie eine Glasscheibe zu funktionieren, durch die man, ohne das trennende Element wahr zu nehmen, hindurch schauen kann.

Das allerdings ist ein Trugschluss, der gerade beim Transfer aus dem Chinesischen leicht entsteht. Der kulturelle Sprung von Ost nach West scheint besonders weit zu sein. Denn der Glaser musste – wenn man im Bild bleiben will – die Glasscheibe stark nach eigenem Ermessen manipulieren, damit für den westlichen Blick ein verkraftbares Bild sichtbar wird. Inhaltliche Eingriffe des Übersetzers oder Verlags sind darum keine Seltenheit. Dabei folgen sie nicht etwa staatlichen Zensurvorgaben, sondern dem Wunsch, die chinesischen Inhalte für den deutschen Leser annehmbar zu machen. Zugespitzt gesagt: Fremdheitseffekte werden homöopathisch dosiert, um einem Kulturschock vorzubeugen.

Anschauliches Beispiel solch einer umfassenden Roman-Bearbeitung ist das Buch Zorn der Wölfe des Autors Jiang Rong. Der im Goldmann Verlag 2008 erschienene, knapp 700 Seiten starke Roman wurde von Karin Hasselblatt unter Mitarbeit von Marc Hermann und Zhang Rui übersetzt. Er beschreibt aus der Perspektive eines Oberschülers, der in der Zeit der Kulturrevolution lebt, den Alltag nomadisierender Viehzüchter in der Inneren Mongolei. Vor dem Hintergrund der 1960er Jahre wird die Faszinationskraft archaischer Mythen und Riten inmitten einer herausfordernden Natur thematisiert. Der spannungsvoll geschriebene Text wurde in China ein Bestseller. Im deutschen Sprachraum erzielte er zwiespältige Reaktionen, da ideologische Passagen des Werkes im Westen nicht akzeptabel erscheinen.

„Ich halte den Roman nicht, wie manche Kritiker, für faschistoid“, erklärt Marc Hermann, Bonner Sinologe und Übersetzer, dennoch sei es notwendig gewesen, umfassende Passagen des Romans zu kürzen. „Den Roman prägt eine sozialdarwinistische Ideologie der Stärke, die sich die Wölfe zum Vorbild nimmt. Han-Chinesen sollen, wenn nötig, so aggressiv wie Wölfe sein und sich für den Kampf der Nationen untereinander rüsten.“ Diese ideologische Botschaft wird in der chinesischen Ausgabe noch durch ein 50seitiges Nachwort des Autors unterstrichen. „Im Westen ist diese Ideologie politisch inkorrekt, sie wirkt befremdlich und abstoßend“, erläutert Marc Hermann. Ziel einer Übersetzung müsse es jedoch sein, eine kommunikative Wirkungsäquivalenz herzustellen, d.h. die Übersetzung soll nicht befremdlicher oder komischer wirken als das Original in seiner Heimat. Um diese kommunikative Funktion zu erreichen, müsse, so Hermann, schon in der Übersetzung die Anpassung an die eigene Kultur berücksichtigt werden.

Vor diesem Hintergrund entschied der Verlag, das Nachwort, das die verstörende ideologische Quintessenz des Romans betont, in der deutschsprachigen Fassung ganz wegzulassen und durch ein Interview mit Jiang Rong zu ersetzen. „Jetzt kann man fragen, ob die Kürzungen angemessen sind oder ob es nicht wichtiger ist, mehr über den chinesischen Identitätsdiskurs zu erfahren. Die Auseinandersetzungen sind zwar weiterhin im Werk enthalten, Wiederholungen und langatmige Passagen sind jedoch weggelassen.“

Das Beispiel zeigt, so der Bonner Sinologe, dass Themen in China salonfähig sind, die bei uns schon längst als politisch problematisch gelten. Das betrifft auch für so große Begriffe wie „Volk“, „Vaterland“ und „Rasse“. „Die Begriffe sind bei uns schon vorbelastet. Man tut der chinesischen Literatur keinen Gefallen, wenn man ein Werk, das diese nutzt, absolut „treu“ übermittelt, wissend, dass es dann den deutschen Leser verschreckt und dieser später kein chinesisches Buch mehr in die Hand nehmen wird. Es stellt sich die Frage, ob man so nicht vom Wesentlichen ablenkt und die Begegnung erschwert. Das Grundanliegen sollte in der Übersetzung immer gewahrt bleiben, die Frage ist, wie stark wird pointiert, wie ausführlich werden Passagen übermittelt.“

Die meisten Fragen, die den Übersetzer bewegen, sind – so Marc Hermann – ästhetischer Natur. Dies betreffe vor allem die Art, chinesisches Pathos zu übermitteln. In dem Roman von Alai Ferne Quellen (Unionsverlag 2009, Übers. Marc Hermann) gibt es Passagen, in denen sich der Erzähler ausmalt, wie dralle tibetische Mädchen nackt in einer heißen Quelle baden. „Diese erotischen Männerphantasien sind im Original schon sehr dick aufgetragen“, erzählt der 39-jährige, der in Kiel, Shanghai und Bonn studiert hat und heute zusammen mit Wolfgang Kubin als Fachberater für chinesische Literatur bei der geplanten Neuausgabe des Kindler Literatur-Lexikons mitgewirkt hat. „Wir schauen mit unserem ästhetischen Empfinden auf ein Werk, das aus einer eigenen ästhetischen Logik heraus entstanden ist. Als Übersetzer kann ich mich in diese Mentalität hineinversetzen. Ich weiß, dass diese Bilder vor dem Hintergrund einer prüden Lebenshaltung entstehen. Die feucht-schwülstigen Phantasien haben in diesem Kontext etwas Befreiendes, auf uns hingegen wirken sie abgestanden und befremdlich. In diesem Moment muss ich steuernd eingreifen und das ursprüngliche Pathos mildern.“

Die unterschiedliche Denk- und Schreibweise, auf die sich Geschäftsleute in interkulturellen Trainingsseminaren vorbereiten, wirkt sich also auch unmittelbar auf die Arbeit des Übersetzers aus. In welchem Ausmaß der Ursprungstext bearbeitet wird, ob Eingriffe einfühlsam dem Original verpflichtet bleiben oder wir am Ende ein dem westlichen Geschmack angepasstes Werk in unseren Händen halten, liegt in seiner Obhut.

Der Beitrag erschien erstmals in den LiteraturNachrichten Nr.102.

erstellt am 03.11.2011