Filmkritik

Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte

Von Kai Mihm

Im preisgekrönten Regiedebüt des Schauspielers Paddy Considine brilliert Peter Mullan als gewalttätiger Trinker, dessen Leben eine unerwartete Wende nimmt

Gleich die erste Szene dieses Films trifft wie ein Schlag in die Magengrube: da kommt ein ungepflegt wirkender Mann aus einem Pub, sichtlich angetrunken und hörbar frustriert. Er marschiert ein paar Meter und seine Aggressivität entlädt sich unvermittelt, indem er auf seinen Hund eindrischt, bis dieser leblos am Boden liegt. Angesichts der Tatsache, dass Hunde in Filmen normalerweise auch die schlimmsten Weltuntergangsszenarien überleben müssen, dürfte dieser Gewaltakt den Protagonisten Joseph sofort einige Zuschauersympathien kosten. Der Tabubruch ist gleichwohl sehr bewusst kalkuliert, legt Regisseur und Drehbuchautor Paddy Considine damit doch gleich den Tonfall seines Langfilmdebüts fest: Seine Geschichte, angesiedelt in einem heruntergekommenen Sozialbauviertel von Leeds, hat nichts von der Gossenromantik anderer britischer Sozialdramen. Bei Considine ist das Leben in einer solchen Gegend von Armut, Demütigungen und ständiger Gewalt geprägt. Der Arbeitslose Joseph wird auch im weiteren Verlauf der Geschichte nicht wirklich sympathischer. Weder der grandios aufspielende Peter Mullan noch die Inszenierung buhlen um die Gunst des Zuschauers. Wenn Joseph einem nahe kommt, dann nur weil man hinter Gewalt und Zynismus seine Hilflosigkeit auszumachen meint. Auch sonst unterläuft die Erzählung über weite Strecken die Zuschauererwartungen. Als Joseph die Verkäuferin eines kirchlichen Gebrauchtwarenladens kennen lernt, deutet sich zunächst eine Art Erlösung in Form einer Liebesgeschichte an. Sehr schnell aber zerschlägt sich diese Hoffnung, im wahrsten Wortsinn: Hannah steht ganz unter der Kontrolle ihres wohlhabenden Mannes, der sie prügelt und sexuell missbraucht.

Natürlich erzählt Tyrannosaur auch eine Liebesgeschichte, und Considine versteht es meisterhaft, Gefühle nicht über Dialoge, sondern meist wortlos, über atmosphärische Veränderungen und kleine Gesten zu inszenieren: selten zuvor drückte das Binden eines Krawattenknotens durch eine Frau so viel Verlangen nach Zärtlichkeit aus. Vor allem aber geht es um das Porträt zweier geschundener Seelen, die sich auf eigentümliche Weise zu ergänzen scheinen. Die Beziehung der sanften, religiösen Hannah und des grobschlächtigen Joseph könnte klischeehaft wirken – bekommt jedoch durch das konzentrierte, bei aller Wortlosigkeit bemerkenswert intensive Zusammenspiel von Mullan und Olivia Colman (die Entdeckung des Films) eine große Wahrhaftigkeit.
Joseph, der sich in Hannahs prügelndem Eheman wiedererkennt und gerade deshalb zu ihrem Helfer wird, bleibt bis zum Schluss der wortkarge, brütende und latent psychotische Eigenbrötler, der er schon immer war. Ein Mensch, das scheint Considines bitteres Fazit zu sein, ändert sich nicht. Dies gilt nicht nur für Joseph und Hannah (die sich im Grunde einem proletarischen Doppelgänger ihres brutalen Gatten anvertraut) sondern auch für Nebenfiguren wie Josephs asozialen Nachbarn oder Hannahs Ehemann. Die Gewalt im trostlosen England dieses Films ist auf eine archaische Art maskulin, ihre Opfer sind Frauen und Kinder. Mit seinem bestenfalls verhaltenen Optimismus steht Considines Film in einer Reihe finsterer britischer Gesellschaftsporträts wie der meisterhaften „Red Riding Trilogie”. Ein Blick auf die jüngsten Geschehnisse im Inselstaat lässt diese Perspektive aktueller den je erscheinen.

Kai Mihm

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erstellt am 02.11.2011

Tyrannosaur (2011) Trailer