Gerade in der Falschheit liegt die Echtheit von Los Angeles: Urbanistisch eher konzeptlos und gesellschaftlich stets gefährdet, ist die glitzernde Riesenmetropole ein Sehnsuchtsort und ein Fantasieort nicht nur, aber vor allem für Europäer. Die Schnappschüsse, die Stefana Sabin mit dem Handy festgehalten hat, und die Kalifornien-Erinnerungen von Detlev Claussen geben private Eindrücke wieder und versuchen dennoch, der Stadt-Wirklichkeit näher zu kommen.

Kein richtiges Leben im falschen

Eine Liebe auf den zweiten Blick

Von Detlev Claussen

Beim Workout, der mir nach einem Herzinfarkt 2008 dringend empfohlen wurde, höre ich gerne Musik per Kopfhörer. „Send me postcards from L.A – Picture Postcards from L.A.“ Der Schlager von Joshua Radison ist aus seinem Album „Painted Desert Serenade.“ Es geht darin um Rachel, Kellnerin in einer Piano-Bar, die davon träumt, nach L.A. zu fahren und dort ein Star zu werden. Da sie nicht aufzuhalten ist, kann man nur wünschen, dass sie „picture poastcards from L.A.“ schicken soll – am besten von der „California Sun“ – Bilder jedenfalls, die man sich an die Kühlschranktür pinnen kann. Rachel hat bisher nichts geschickt; dafür aber kommen jetzt die „pictures“ von Stefana Sabin. Der Schlager gibt, sentimental verbrämt, sozusagen mit Weichzeichner, den Kalifornienmythos wieder – Stefanas Schnappschüsse dagegen, mit der Handykamera festgehalten, durchbrechen ihn.

Normalerweise nimmt man L.A. durch einen Nebel wahr. Wer kennt sie nicht, die movies, in der L.A. im Dunst liegt? Die Handykamera ignoriert diesen typischen Nebel, denn der Blick scheint direkt auf das Straßen- und Häusermeer zu fallen. Aus „Chinatown“ weiß man, dass L.A. eine Riesenkrake am Rand der Wüste ist, die erst durch das Wasser wachsen konnte. Es war der geniale zwielichtige Wasseringenieur William Mulholland (1855-1935), der das Wasser in die Stadt brachte. Die Mulholland Drive ist eine gewundene enge Straße auf der halben Höhe über der Stadt: Es ist lebensgefährlich, weiß man aus Filmen, dort zu Fuß zu gehen, aber man kann dahin fahren, um den Schleier wahrzunehmen, der besonders im Sommer über der Stadt liegt. Dieser Schleier entsteht nicht nur aus der Mischung von der heißen Luft der Mojave-Wüste und der Feuchtigkeit des Pazifiks mit den Abgasen von Millionen Autos, sondern es ist der Schleier des Mythos.

L.A. ist „in allererster Linie ein Produkt des Immobilienkapitalismus,“ postulierte der hartgesottene Ökonom Mike Davis 1990. Davis sah ein Jahrtausend der Immobiliengeschäfte und der Immobilienmakler ausbrechen – angesichts der geplatzten Immobilienblase scheint er selbst ein Opfer des Mythos geworden zu sein! Die Krise des Immobiliengeschäfts in L.A. ist Teil des Mythos. Nach der Olympiade 1932 drohten die Lichter auszugehen, aber dank der staatlichen Projekte des New Deal und der blühenden Kriegswirtschaft stieg Kalifornien wie ein Phönix aus der Asche des Ruins wieder auf. Ende der vierziger Jahre verbreitete das flächendeckend eingeführte Fernsehen den American Way of Life, der längst ein California Way of Life war. Die Beach Boys begannen hinter den California Girls zu surfen, die „tinny whinny bikinis“ trugen – und die kalifornische gute Laune und die kalifornische Zuversicht wurden sprichwörtlich, bis der Vietnamkrieg und der Ghettoaufstand von Watts 1965 sie vertrieben. Der Mythos schien zu zerbrechen – und doch konnten weder die Unruhen der 60er, die Polizeibrutalität der 90er Jahre oder die Pragmatisierung des Filmgeschäfts um die Jahrtausendwende ihm tatsächlich etwas anhaben.

Ich selber bin 1978 das erste Mal nach L.A. gekommen, als ich eine lange Reise durch die USA gemacht habe. Schon zehn Jahre vorher war ich von Angela Davis während langen Abenden erzählerisch in den amerikanischen Rassismus eingeweiht worden. Vielleicht deshalb mochte ich die Bay Area besonders – Ich hatte mich at first sight in San Fran, Oakland und Berkeley verliebt. Ich fuhr mit dem Bus nach L.A.; schon damals durfte nur in den letzten zwei Reihen geraucht werden, an der Stadtgrenze Hollywoods gar nicht mehr. Ich stieg am Walk of Fame des Hollywood Boulevards aus. Ich war ziemlich desillusioniert von dem Anblick, den mir der Mythos anbot! Hollywood war regelrecht heruntergekommen. Uwe Nettelbeck (1940-2007), gewiss kein Antiamerikaner, hatte mich gewarnt. „Geh nicht bei Rot über die Straße!“ Das LAPD, das Los Angeles Police Department – auch das wissen wir aus Fernsehserien und Filmen – ist ein Mythos an sich! Nettelbeck wurde mit vorgehaltener Schusswaffe abgeführt, als er bei einer walking tour durch Hollywood bei Rot die Straße überquert hatte. Walken in der Innenstadt war damals ganz und gar ungewöhnlich – und tatsächlich war ich unter den abgewrackten bums eine ungewöhnlich Erscheinung, die von langsamen Polizeiautos begleitet wurde, bis ich das Mayflower Hotel erreichte.

Meine Einführung in L.A. bekam ich von echten Journalisten, Nachfolgern der legendären muckrakers von Chicago, Straßensoziologen. Andy Kopkind (1935-1994) hatte mir in New York Baseball und die spezifische Art des amerikanischen Antisemitismus erklärt und mich nach Kalifornien geschickt: „Detlev,“ hatte er gesagt, „das ist hier Europa. Wenn Du Amerika erfahren willst, musst Du zur Westküste.“ Kopkind hatte einen Kumpel bei der Los Angeles Times angerufen, der wiederum in der Konferenz herumfragte, wer einem deutschen Touristen die Stadt zeigen mochte. Es war Steve Wasserman, der mich im Hotel abholte und mit mir durch die Stadt fuhr. Cuba, die Filmindustrie und das Sterben der Kinopaläste waren unsere Lieblingsthemen. Dabei war es die Buchindustrie, die Wasserman besonders beschäftigte, denn er war Herausgeber der Book Review der LA Times.

Die Geschichte der LA Times spiegelt Glanz und Elend Kaliforniens wider. Vor dem amerikanischen Journalismus bekam ich bei dieser Reise einen Riesenrespekt. Mein anderer Führer durch L.A. wurde Barry Farrell (1935-1984), der mir viel über den American und den Californian Way of Life beibrachte. Er arbeitete damals an einer Story über die Machenschaften der Mafia in Las Vegas und während ich ihm zuhörte, begriff ich, was Recherchejournalismus bedeutet. Farrell fuhr mit mir durch Watts und zur Notaufnahme eines großen Krankenhauses, wo Schuss- und Stichwunden versorgt wurden. Geschockt verließ ich damals, 1978, L.A.

Dreißig Jahre später, als mein Buch unter dem Titel „Theodor W. Adorno – One Last Genius“ erschien, bekam ich eine Einladung an die UCLA. Ich hatte keinen Vortrag vorbereitet, sondern spann meine lecture „Adorno in L.A.“ nach langen Autofahrten durch die Stadt. Es waren Stadtbilder und zufällige, schmucklose Straßenveduten, wie die Handybilder von Stefana Sabin, die mich inspirierten. Und auf diesem Besuch, also auf den zweiten Blick, verliebte ich mich in L.A. Diese Verliebtheit wird durch die pictures, die keine postcards sind, reaktiviert. Denn diese Handybilder zeigen nicht den kalifornischen Mythos, sondern den Schleier, der ihn umgibt. Es ist nicht zufällig, dass Adorno hier in L.A. den oft falsch zitierten und noch weniger verstandenen Satz geschrieben hat: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

erstellt am 01.11.2011

Handyfotos von Stefana Sabin

Pictures from L.A.

L.A., Foto: Stefana Sabin

Venice Beach

L.A., Foto: Stefana Sabin

Wilshire Boulevard

L.A., Foto: Stefana Sabin

La Cienega Boulevard

L.A., Foto: Stefana Sabin

Am Strand in Santa Monica

L.A., Foto: Stefana Sabin

Downtown

L.A., Foto: Stefana Sabin

Santa Monica

L.A., Foto: Stefana Sabin

Santa Monica Pier