Auf einer langen Reise

Auf einer langen Reise
sehe ich immer wieder Lichter
auf den Hügeln oder in der Wildnis scheinen
manchmal flüchtig nur vorüberhuschend
manchmal uns beharrlich folgend
wie ein zärtliches Paar Augen
durch Wälder hindurch und über Teiche hinweg
ehe sie jäh auf den Hügeln wieder auftauchen
diese kleinen gelben Sterne
verwandeln die nächtliche Erde
in einen Ort der Geborgenheit
am liebsten würde ich anhalten
und zu ihnen laufen
in der Überzeugung, dass ein jedes dieser Lichter
mein Schicksal ändern
und meinem Leben
eine neue Richtung geben kann
aber ich betrachte diese Lichter nur
betrachte, wie sie auf der nächtlichen Erde
vorüberhuschen und vorüber
schweigend fliegt unser Wagen dahin
in seinem dunklen Innern
neben mir liegt ein Mensch in tiefem Schlaf

Oktober 1986

Chinesische Lyrik

Yu Jian: »Akte 0«. Gedichte

Von Marc Hermann

Kunming, die Hauptstadt der Provinz Yunnan im äußersten Süden Chinas, ist nicht unbedingt als kulturelle Metropole bekannt, und doch ist hier einer der wichtigsten zeitgenössischen Lyriker des Landes zu Hause. Hier wurde Yu Jian geboren, hier wuchs er auf, hier lebt er noch heute. Bewusst bezeichnet er sich deshalb – im Gegensatz zu den meisten anderen heutigen chinesischen Lyrikern – als „Heimatdichter“ (1). Was das in seinem Fall für Konsequenzen hatte, beschreibt er selbst wie folgt:

Der größte Unterschied zwischen Dichtern wie uns, die wir an der Peripherie arbeiten, und den Dichtern in der Hauptstadt ist, dass auf uns der Einfluss der nationalen Ideologie vergleichsweise gering war, während wir eine sehr innige Beziehung zur Welt der Natur hatten. In den 80ern kamen viele Orte rings um Kunming der Welt, wie sie in der klassischen chinesischen Poesie beschrieben wird, noch sehr nahe; für uns schien die klassische Dichtkunst von zeitgenössischer Relevanz zu sein. (2)

Die Verwurzelung in seiner südchinesischen Heimat hat Yu Jian also in zweierlei Hinsicht geprägt: als eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und als eine gewollte Distanz zur politisch-ideologischen Machtzentrale Peking. Die geographische Peripherie, die Yu Jian so selbstbewusst vertritt, ist zugleich eine kulturelle und politische.

Äußerlich ist Yu Jians Leben unspektakulär verlaufen und rasch erzählt. 1954 geboren, wurde für ihn wie für eine ganze Generation die „Kulturrevolution“ (1966–1976) zur prägenden Erfahrung. Die zeitgenössische chinesische Lyrik wurde – wie die gesamte zeitgenössische chinesische Literatur – in den Trümmern dieses kollektiven Traumas geboren, und das in einem konkreten zeitlichen, aber auch in einem tieferen geistigen Sinne: Wichtige Lyriker der ersten Stunde wie Bei Dao (geb. 1949) oder Shu Ting (geb. 1952) begannen schon während der Kulturrevolution zu schreiben – wenn auch heimlich, im stillen Kämmerlein. Und in ihren Gedichten, die sie seit dem Pekinger Frühling (1978–1980) auch veröffentlichen konnten, versuchten sie die Verheerungen der Kulturrevolution zu bewältigen.

Auch Yu Jian wurde in der Kulturrevolution zum Dichter. Schon Anfang der 70er Jahre begann er Gedichte zu schreiben, zunächst im klassischen, bald aber im modernen, umgangssprachlichen Stil.

Ohne die Kulturrevolution hätte ich wahrscheinlich keine Gedichte geschrieben. Während der Kulturrevolution betrachtete man die chinesische Sprache als etwas, das man revolutionieren musste, aber ironischer weise steigerte das nur ihr Mysterium und ihre Faszination. […] Die chinesische Sprache litt wie Jesus am Kreuz, aber eben das war es, was mich so stark zum Schreiben hinzog: Schreiben war gefährlich und zugleich stimulierend, dunkel und zugleich verheißungsvoll in seinem Glanz, eine vollkommen natürliche Form der Rebellion und des Widerstands.(3) Äußerlich bedeutete die Kulturrevolution für Yu Jian, dass sein Bildungsweg unterbrochen wurde und er für ein Jahrzehnt (in den 70er Jahren) in einer Fabrik arbeiten musste, ehe er von 1980 bis 1984 an der Universität von Yunnan in Kunming Chinesische Sprache und Literatur studieren konnte. Die Stimmung zu Anfang der 80er Jahre beschreibt er wie folgt:

Das Schreiben von Gedichten war damals erfüllt von Pathos; das Schreiben war nicht nur eine „rein sprachliche“ Stilübung, sondern das „rein Sprachliche“ war eine Reaktion auf eine ideologische Ära. Ich erinnere mich, dass wir die ersten Dichter in China waren, die Jeans trugen und sich die Haare lang wachsen ließen, und allein schon diese Aufmachung war gefährlich. Einmal an einem Abend bei einer Großveranstaltung in Kunming haben wir in einer Gruppe von Dichtern und Malern so wild zu Discomusik getanzt, dass unsere Haare herumwirbelten und den anderen hätten wehtun können. Es war eine Veranstaltung mit ein paar hundert Leuten, und alle blieben sie stehen und schauten diese Wilden an. Ich hatte das Gefühl, gleich würde es ein schlimmes Ende mit uns nehmen, und dabei empfand ich das Glück eines öffentlich begangenen Verbrechens. Ein Freund von mir wurde verhaftet, weil er andere zu sich nach Hause eingeladen hatte, um ein bisschen zu tanzen. Gedichte zu schreiben ist sehr gefährlich. Diese Sache ist an sich schon etwas Verbotenes, weil man nie sicher sein kann, worauf der Dichter letztlich zwischen den Zeilen zielt. (4)

In seinen Studentenjahren beginnt Yu Jian auch seine Gedichte zu veröffentlichen und erlangt über Kunming hinaus wachsende Bekanntheit. Spätestens Mitte der 80er Jahre etabliert er sich als einer der Mitbegründer und Autoren der einflussreichen inoffiziellen Lyrikzeitschrift Sie (Tamen) auf der nationalen literarischen Bühne. Gleichzeitig weist ihm – nach seinem Universitätsabschluss 1984 – der Staat die Arbeit zu, der er bis heute nachgeht: als Redakteur der Zeitschrift Literatur- und Kunstkritik in Yunnan (Yunnan wenyi pinglun). In dieser Funktion gehört er, wie er selbst unumwunden zugibt, zu einer Arbeitsstätte,

die direkt vom Staat kontrolliert wird; ihre Aufgabe ist es, dem Staat dabei zu helfen, ideologische Kontrolle auszuüben. Meine schriftstellerische Karriere ist kafkaesk: Sie ist voller Paradoxe. Auf der einen Seite gehe ich einer Arbeit inmitten von Akten nach; auf der anderen Seite schreibe ich Gedichte wie „Akte 0“.(5)

Doch Yu Jian leidet nicht unter dieser scheinbaren Schizophrenie, im Gegenteil, er weiß sie zu schätzen:

Diese Arbeitsstelle erlaubt es mir, in ständiger Berührung mit dem verborgenen Kern des chinesischenLebens zu bleiben […]. Ich glaube, dass es extrem wichtig ist, seinen Lebensunterhalt wie die große Mehrheit der gewöhnlichen Chinesen innerhalb des staatlichen Systems zu verdienen: Denn dort kann man die Wahrheit des chinesischen Lebens aufspüren, und diese Wahrheit dürfen die chinesischen Schriftsteller nicht ignorieren. (6)

Entscheidend ist für Yu Jian, dass er sich seine Unabhängigkeit als Autor bewahrt, und genau dies ist durch seine Existenz als „Hobbyschriftsteller“ gewährleistet, der sich nicht vom staatlichen Schriftstellerverband alimentieren lässt.

Meine Einstellung ist wie folgt: Was den Lebensunterhalt angeht, bin ich bereit, das System zu respektieren, aber in Bezug auf das Schreiben bin ich frei zu schreiben, was ich will, und werde absolut keine Kompromisse eingehen. (7)

Dieser Kompromisslosigkeit zum Trotz fand Yu Jian nach seinen Anfängen, die von Veröffentlichungen über inoffizielle Publikationskanäle geprägt waren, seit Mitte der 90er Jahre auch offiziell Anerkennung, wurde mit einer Reihe bedeutender Preise ausgezeichnet (u.a. 2002 mit dem Preis der Chinesischen Medien als bester Lyriker) und publizierte in renommierten Verlagen wie dem Pekinger „Volksliteraturverlag“ (Renmin Wenxue Chubanshe)8. 2004 erschien eine Werkausgabe in fünf Bänden; (9) sie umfasst auch das essayistische und literaturkritische Schaffen des sehr produktiven Autors, der von sich selbst sagt, er könne ohne Schreiben nicht leben (Motto: „Er kam, schrieb und starb“ (10). Heute gilt Yu Jian allgemein als einer der wichtigsten zeitgenössischen chinesischen Lyriker. Auch in der westlichen Welt wird ihm eine entsprechende Anerkennung zuteil, die sich in der sinologischen Beschäftigung mit seinem Werk, (11) in Übersetzungen und in zahlreichen Einladungen zu Lyrikfestivals, Lesungen etc. spiegelt. Nur Deutschland hinkt, sowohl was die literaturwissenschaftliche als auch was die übersetzerische Beschäftigung mit Yu Jian angeht, hinter Ländern wie den Niederlanden und Frankreich und hinter dem englischsprachigen Raum hinterher.

Um Yu Jians Platz in der chinesischen Lyrik zu verstehen, ist es wichtig, ihn nach zwei Seiten hin abzugrenzen. Die erste Seite ist die der ‚Hermetiker‘ mit Bei Dao als Galionsfigur. Auch andere im Westen sehr bekannte Lyriker wie Duo Duo (geb. 1951) und Yang Lian (geb. 1955) gehören dieser Richtung an. Ihre Präsenz im Ausland verdankt sich auch ihrem Status als „Exildichter“.

Vor allem Bei Dao wurde von Anfang an von dem Bemühen getrieben, aus den alten maoistischen Sprach- und Denkschablonen auszubrechen. Die gesamte hermetische Lyrik steht im Zeichen dieses „Anti“. Aber wie das bei einem „Anti“ so der Fall zu sein pflegt, hat man sich von dem, wogegen man ist, noch nicht wirklich befreit. In mehrfacher Hinsicht schwingt in der hermetischen Lyrik noch immer die „maoistische Schreibe“ (Mao ti) mit. Erstens: im Anspruch auf Repräsentativität. Gegen das Wir des Kollektivs setzt diese Lyrik ein Ich, das sich seine eigene Sprache sucht – aber dieses Ich ist zugleich immer noch Repräsentant einer ganzen Generation – nämlich der „Verlorenen Generation“, die während der Kulturrevolution groß geworden ist. Zweitens: im Dichterkult (v.a. bei Yang Lian), der den Kult um den „Großen Vorsitzenden“ Mao ersetzt. Drittens: im Pathos, im hohen Ton. Viertens: im utopischidealistischen Horizont. Bei Daos berühmter Vers „Ich glaube nicht!“ kommt als negatives Glaubensbekenntnis daher – aber es bleibt ein Glaubensbekenntnis, das den Glauben an eine bessere Zukunft nicht aufgeben will.

Schon in der ersten Hälfte der 80er, spätestens aber seit Mitte der 80er Jahre verschafft sich die einflussreichste Gegenbewegung zur hermetischen Lyrik Gehör: die sogenannte „umgangsprachliche“ Richtung. Einer ihrer führenden Repräsentanten ist Yu Jian. Obwohl ein Altersgenosse der Hermetiker, gehört er also zur nachfolgenden Generation von Lyrikern. Mit ihm und dem im Westen noch wenig bekannten Han Dong (geb. 1961), einem der Mitbegründer der Zeitschrift Sie, beginnt die „posthermetische“ Lyrik im weitesten Sinne. Ihre „umgangssprachlichen“ Vertreter wollen den pathetischen, hohen Ton der Hermetiker herunterfahren, die Lyrik wieder erden, die alltägliche Wirklichkeit mit einer alltäglichen Sprache erfassen. Dahinter steckt wesentlich ein sprach- und ideologiekritischer Impetus, der an die hermetische Lyrik durchaus anknüpft.

Die zweite Seite, von der sich Yu Jian genauso scharf abgrenzt wie von den Hermetikern, ist die sogenannte „intellektuelle“ Schule der „Posthermetiker“ im engeren Sinne. Ihre Vertreter, Autoren wie Ouyang Jianghe, Wang Jiaxin, Xi Chuan, Xiao Kaiyu, Zhai Yongming und Zhang Zao, sind vielfach auch ins Deutsche übersetzt worden, während die „umgangssprachliche“ Richtung hierzulande auffallend unterrepräsentiert ist.12 Yu Jian kritisiert an dieser konkurrierenden Richtung ihr Streben nach vermeintlicher „Tiefe“ und Intellektualität und ihre Sprachartistik. Er geht stattdessen von der konkret erfahrenen Alltagswirklichkeit aus, die er mit einer entsprechend alltäglichen Sprache zu erfassen sucht. Wenn man die chinesische Lyrik der letzten dreißig Jahre im Spannungsfeld zweier Pole, nämlich des „Erhabenen“ und des „Geerdeten“, verortet, dann ist Yu Jian vielleicht der bedeutendste Vertreter des „Geerdeten“. (13)

Sein Ansatz ist dabei sprach- und ideologiekritisch. Gegen die politische Rhetorik, wie sie v.a. die Mao Ära so penetrant dominiert hatte, aber auch gegen die hehre, erhabene Sprache der Hermetiker und der (intellektuellen) Posthermetiker setzt er eine betont schlichte, unprätentiöse Sprache, die konventionelle Sprach-, Denk- und Wahrnehmungsmuster aufbrechen soll. Gegen den verbreiteten romantisch-religiösen Kult des Poeten (z.B. bei Yang Lian), der auf verkappte Weise den Personenkult um den „Großen Führer“ Mao fortführt, setzt er das betont nüchterne Bild des Dichters als Spracharbeiters. Immer wieder ironisiert er in seiner Lyrik die Vorstellung eines über der Wirklichkeit schwebenden, diese überhöhenden Dichters, und immer wieder entlarvt er die Rhetorik des politischen wie des poetischen „Establishments“ als hohl. Auch in diesem Sinne versteht er sich als Vertreter einer kulturellen Peripherie. Dass er sich mit dieser subversiven Haltung auf eine nicht ungefährliche Gratwanderung einlässt, nimmt er gern in Kauf.

Ein Nagel durch den Himmel

Stets verborgen durch die Mütze
kommt er erst zum Vorschein
als eines Tages die Mütze so verrottet
dass sie von der Wand hinunterfällt
jene Bewegung, mit der er vor vielen Jahren
in die Wand hineingehämmert wurde
scheint eben erst zum Stillstand gekommen
das winzige ruhende Metall
dringt mit seinem vorragenden Kahlkopf
durch das Sonnenlicht
zu nie gekannter Schärfe vor
so durchschneidet es nicht nur das Licht
sondern auch den Raum und seinen Himmel
aus dem Realen aus der Tiefe kommend
sticht es mit dem Kahlkopf
in die Leere in die Oberfläche rein
in schönem Einklang mit dem Himmel
und einem einfachen Gemüt
ein Nagel durch den Himmel
ein Monarch, der eben seinen Thron bestiegen hat
spitz weit und allseits glänzend

1998

In sprach- und ideologiekritischer Hinsicht markiert das Langgedicht „Akte 0“ (abgeschlossen 1992, veröffentlicht erst 1994) zweifellos einen Höhepunkt in seinem Schaffen. Es ist sein berühmtestes Werk, es wurde für das Theater adaptiert und in mehrere westliche Sprachen übersetzt. Manche feierten ihn dafür, andere schmähten ihn als Totengräber der Poesie. Tatsächlich ist der Text, jedenfalls an der sprachlichen Oberfläche, provozierend „unpoetisch“ – aber das in vollster parodistischer Absicht. Mit der „Akte“ nämlich – einem offiziellen Dossier, das die Lebensgeschichte eines anonymen Individuums bis in die trivialsten Details hinein dokumentiert – entlarvt der Autor ein in der VR China gängiges bürokratisches Kontroll- und Machtinstrument.(14) Zugleich aber offenbart er auch die Unfähigkeit des staatlichen Apparates, die individuelle Wirklichkeit zu erfassen. Wenn etwa in der Unterakte „Erste Liebe (Jugend)“ ganz unverstellt von den ersten sexuellen (Masturbations-) Erfahrungen des jugendlichen Protagonisten die Rede ist, dann lautet am Ende die offizielle Verfügung ebenso autoritär wie hilflos:

die 23 obigen Zeilen sind sämtlich zu löschen dürfen nicht kopiert – in Umlauf gebracht – veröffentlicht werden

Dabei schreckt Yu Jian gerade bei der Thematisierung von Sexualität auch vor dem Derben, ja Vulgären nicht zurück – als Ausdruck einer naturhaften Körperlichkeit, die es zu rehabilitieren gilt.

Doch der Autor bleibt nicht nur negativ beim Aufbrechen von Sprach- und Denkklischees stehen, sondern er zielt auch positiv auf Wahrhaftigkeit, auf eine zumindest flüchtig aufscheinende wahrhaftige Wirklichkeitserfahrung. In diesem Sinne ist seine Lyrik, ausgehend von einer „entrümpelten“ Sprache, eine Schule der Wahrnehmung. Gerade manche seiner äußerst verknappten, auf ein einziges Bild, eine einzige Erfahrung reduzierten Kurzgedichte (wie etwa die „Notizen“ 383 und 391) suchen geradezu Haiku-artig solche Momente der Wahrhaftigkeit zu erfassen. In solchen Momenten kann durchaus eine höhere, ewige Wirklichkeit aufscheinen, die aber nie zu einer abstrakten Ideologie gerinnt. (15)

Dies ist Yu Jians andere, weniger laute, weniger spektakuläre Seite. Dahinter steckt eine viel innigere Beziehung zur klassischen chinesischen Lyrik und Philosophie, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Nicht zufällig ist der Dichter, dessen Stilideale man als Natürlichkeit und Schlichtheit bezeichnen könnte, tief von der daoistischen Philosophie beeinflusst. Und in seinen poetologischen Äußerungen kann er – allen lyrischen Demystifikationen zum Trotz – erstaunlich pathetisch werden. Die Poesie, so erklärt er, „verweist auf das wahre Wesen der Welt, sie ist das Licht der Weisheit und des Geistes“16. Einerseits soll der Dichter „tief in die Nacht seiner Zeit eintauchen“, also der Pflicht zur kritischen Zeitgenossenschaft nachkommen, andererseits – und hier klingt das klassische Erbe von Naturlyrik und Daoismus an – steht sein Schreiben „mit der menschlichen Lebenswelt in einer Beziehung der Affinität, nicht der Konfrontation; es will die Welt nicht verbessern und nicht befreien, sondern sie liebkosen.“(17) Die chinesische Sprache empfindet er als kongenial für diese Art des Weltbezugs. Gerade in China, wo die Sprache von alters her eine quasi religiöse Aura hat, besitze auch die Lyrik, so Yu Jian, „eine religiöse Qualität“ (18). Sein eigenes Bemühen um eine besondere Schlichtheit und Klarheit des Ausdrucks versteht er dabei als Gegengewicht im Rahmen einer Sprache, die von Natur aus weniger logisch, weniger „klar“ als westliche Sprachen sei.

So sehr er sich im Einklang mit dem klassischen chinesischen Geist weiß, so sehr hadert er mit einer Gegenwart, in der der Materialismus „fast die ganze Welt unterworfen“(19) hat. Von der allgegenwärtigen Kommerzialisierung glaubt er in der chinesischen Literatur nicht zu Unrecht nur die Lyrik ausgenommen. Ansonsten gelte finanzieller Erfolg als Maßstab. „Heutzutage ist ein Dichter derjenige, der auf Literaturtreffen schweigend zuhört, wenn die anderen über Autos und Häuser reden.“(20) Seine Gedichtbände seien von „Armut, Einsamkeit, Hohn“(21) begleitet gewesen. Umso emphatischer beharrt er:

Gott ist tot, so sagt man. Aber die Dichter, das weiß ich, leben. […] Erst wenn auch die Dichter tot sind, ist das Ende der Welt gekommen.(22)

Wie immer man zu einem solch pathetischen Diktum stehen mag, Yu Jians Gedichte jedenfalls ‚leben‘ und dürften für den westlichen Leser, der bei zeitgenössischer chinesischer Lyrik vermutlich zuerst an die hermetische Lyrik eines Bei Dao oder Yang Lian denkt, eine Entdeckung darstellen: nämlich die Entdeckung einer ganz anderen – aber für China genauso repräsentativen – lyrischen Richtung, die für den Leser bemerkenswert leicht zugänglich ist, ihn unmittelbar anspricht und dabei zugleich erfrischend welt- und realitätshaltig ist. Dass diese oft witzig-ironisch daherkommende Realitätsnähe eine wesentlich ideologiekritische Dimension hat – und dabei doch zugleich die Sehnsucht nach einer höheren „Weisheit“ nie verleugnet –, erhöht den Reiz dieser Gedichte nur noch.

Tiefnachts in einem entlegenen Winkel der Provinz Yunnan

Tiefnachts in einem entlegenen Winkel
der Provinz Yunnan
taucht plötzlich auf der dunklen Landstraße
im Scheinwerferlicht ein Kaninchen
oder Eichhörnchen auf
in panischer Hast flieht es über den Schnee
wie ein Flüchtling über die Berliner Mauer
oder es hält inne den roten Mund
zu einem verstohlenen Lächeln geöffnet
die Ohren gespitzt
als wären sie ihm gerade erst gewachsen
mir kommt ein Geistesblitz
wie mir scheint, von einigem Gehalt
nur aussprechen muss ich ihn noch
doch ich finde keine Worte
bis beim nächsten Mal ein anderes Kaninchen
am Straßenrand geisterhaft vorüberhuscht
das ist das letzte Wort

29. Oktober 1999

  • 1 88 Notizen. Eine Auswahl der Notizen 1996–2005 (88 zhang biantiao. Biantiaoji 1996–2005 xuan), New York: Huiteman Verlag [Walt Whitman Literature Fund], 2006, S. 103. Das Interview, aus dem ich hier und nachfolgend zitiere (S. 101–113), findet sich weitgehend identisch auch in: Nur das Meer ist weit wie ein Schleier (Zhiyou da hai cangmang ru mu), Peking: Changzheng Verlag, 2006, S. 190–200.
    2 Simon Patton, „They Tattoo Their Bodies for the World: an Interview with the Poet Yu Jian“, in: Full Tilt 3 (Sommer 2008) (http://fulltilt.ncu. edu.tw/Content.asp?I_No=34&Period=3).
    3 Simon Patton, „They Tattoo Their Bodies for the World“.
    4 88 Notizen, S. 102 f.
    5 Simon Patton, „They Tattoo Their Bodies for the World“.
    6 Ebd.
    7 Ebd.
    8 Und zwar im Jahr 2000 den Auswahlband Yu Jians Gedichte (Yu Jian
    de shi).
    9 Yu Jian ji, Kunming: Volksverlag von Yunnan (Yunnan Renmin
    Chubanshe).
    10 88 Notizen, S. 103.
    11 So hat z.B. der holländische Sinologe Maghiel van Crevel, einer der größten westlichen Kenner der zeitgenössischen chinesischen Lyrikszene, Yu Jian übersetzt und erforscht; siehe u.a. van Crevels grundlegendes Werk Chinese Poetry in Times of Mind, Mayhem and Money, Leiden: Brill, 2008. Siehe auch Jillian Shulmans 2002 an der Harvard-Universität fertiggestellte Arbeit The Poet’s Place: The Search for Identity in the Works of Xi Chuan and Yu Jian. Für eine erste Einführung s. Simon Patton, „Yu Jian“ (http://china.poetryinternationalweb.org/piw_cms/cms/cms_module/
    index.php?obj_id=977).
    12 Das dürfte u.a. auch mit übersetzerischen Vorlieben zusammenhängen. Wolfgang Kubin jedenfalls, der führende Übersetzer chinesischer Lyrik im deutschsprachigen Raum, ist nicht gerade ein Freund der „umgangssprachlichen“ Richtung. In seiner Literaturgeschichte (Die chinesische Literatur im 20. Jahrhundert, München: K. G. Saur, 2005) erwähnt er Han Dong nur kurz (S. 397) und Yu Jian mit keinem Wort.
    13 So Maghiel van Crevel, Chinese Poetry, S. 26 f.
    14 Freilich muss man die symbolische Bedeutung des Textes nicht auf
    China eingrenzen. Yu Jian selbst erklärt dazu: „Früher befürchtete ich, ,Akte 0‘ wäre nur das Symbol des Lebens zu einer ganz bestimmten Zeit in China. Tatsächlich ist es aber auch ein Symbol des menschlichen Daseins überhaupt.“ (88 Notizen, S. 112)
    15 Vgl. den oben genannten Artikel („Yu Jian“)von Simon Patton: „Yu
    Jians Ziel ist es nicht, die Poesie zu zerstören, sondern sie so weit wie möglich dem Leben in all seinen Manifestationen zu öffnen. In Anlehnung an William Blakes denkwürdigen Vers ‚Eine Welt zu sehen
    in einem Körnchen Sand’ (‚To see a World in a Grain of Sand’) hat er
    einmal geschrieben, er glaube, ‚es ist möglich, in einer Teetasse oder einem Bonbonpapier die Ewigkeit zu sehen – alles zu sehen. Alles in der Welt ist Poesie.’ Dem Leser die Augen zu öffnen für die Ewigkeit an den gewöhnlichsten und überraschendsten Orten ist eines der Hauptmotive seines Schreibens.“
    16 Gedichte von Yu Jian (Yu Jian de shi), Peking: Renmin Wenxue Verlag, 2000, S. 401.
    17 Ebd.
    18 Simon Patton, „They Tattoo Their Bodies for the World“.
    19 Gedichte von Yu Jian, S. 401.
    20 88 Notizen, S. 111 f.
    21 Gedichte von Yu Jian, S. 399.
    22 Ebd., S. 400.

erstellt am 28.10.2011

Yu Jian, Foto: Andrea Pollmeier
Yu Jian, Foto: Andrea Pollmeier

AUDIO: YU JIAN liest Gedichte:

In der deutschen Übersetzung von Marc Hermann, gelesen von Ulrich Noethen. Regie: Torsten Feuerstein, Musik: LAN Hungh
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Yu Jian
Akte 0
Gedichte
Marc Hermann (Übersetzer)
120 Seiten, Broschur
Horlemann Verlag, Berlin

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