Erfindungsreich: Kiddi mit seinem Cola-Automaten, Foto: Alva Gehrmann
Erfindungsreich: Kiddi mit seinem Cola-Automaten, Foto: Alva Gehrmann

Zum ersten Mal hat die Buchmesse gemeinsam mit ihrem Ehrengastland einen Blog koordiniert, der schon im Vorfeld Island-Freunde in Verbindung setzen sollte. FAUST-Kultur hat als Blog-Partner partizipiert. Bevor diese Aktivitäten Ende Oktober abgeschlossen sind, beschreibt Blog-Akteurin Alva Gehrmann rückblickend ihre Gastland-Erfahrungen.

Faust-Gespräch

Deutsch-isländische Lebensart

Die Buchmesse hat in diesem Jahr als Ehrengast Island gefeiert. Der Pavillon auf dem Messegelände und die vielen Extra-Lesungen in einem sehr besonderen, von den Isländern gestalteten Ambiente waren ein Höhepunkt dieser Messe. Sie haben den Ehrengast-Blog mit koordiniert, der schon im Vorfeld Island-Freunde zusammen geführt hat. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Sie wurden noch übertroffen. Nina Klein vom Presse-Team der Frankfurter Buchmesse, die meine isländischen Kollegen Sigurbjörg Þrastardóttir und Ólafur Guðsteinn Kristjánsson und mich als Autoren engagiert hat, sagte mir gerade noch, dass das Interesse am Blog sehr groß ist und die Klickzahlen sehr gut sind. Es bestätigt meinen Eindruck, dass sich Deutsche enorm für Island interessieren.

Gab es auch für Sie als Journalistin, die Island gut kennt, durch dieses Engagement noch neue Blicke auf diese Insel?

Ich fand es sehr spannend, nachzulesen, wie meine isländischen Blog-Kollegen und einige unserer Gastautoren Deutschland in ihrer Jugend erlebten oder heute noch wahrnehmen. Und mit welchen absurden Fragen sie konfrontiert wurden – etwa der Schriftsteller Andri Snær Magnason, der in den 1990ern verblüfft war, dass einige Europäer tatsächlich glaubten, die Isländer würden Wikingerhelme tragen und in Schneehäusern wohnen.

Wie wird die Blog-Idee, die sich ja zum Ziel gesetzt hat, die Community der Island-Freunde zu vernetzen, weitergeführt?

Der Blog wird auch in Zukunft online bleiben, doch mit dem 31. Oktober endet unsere aktive Zeit als Blogger. Sigurbjörg ist gerade schon in China, Ólafur zurück in Berlin, unsere Gastautoren arbeiten weiter an ihren nächsten Büchern und ich schreibe von Island aus neue Reportagen für GEO SPECIAL und andere Medien. Insofern wird man auch in Zukunft viel von uns lesen können.

In Ihrem Buch „Alles ganz Isi – Isländische Lebenskunst für Anfänger und Fortgeschrittene“ beschreiben Sie anschaulich die vielfältige Improvisationskunst der Isländer. Langes Vorplanen und Durchorganisieren sind nicht erwünscht. Die Mentalität der Isländer scheint der deutschen Neigung, alles genau zu regeln, diametral entgegen zu stehen? Haben Sie beide Kulturen als grundsätzlich gegensätzlich erlebt?

Wir sind auf jeden Fall verschieden, aber nicht grundsätzlich gegensätzlich. Während wir dazu neigen, zu viel zu grübeln, bevor wir uns trauen, ein neues Projekt umzusetzen, denken Isländer manchmal zu wenig nach, und stürzen sich wagemutig ins nächste Abenteuer. Wir können gegenseitig voneinander lernen. Im Rahmen der Krise sagten viele Isländer: „Wir sollten mehr planen, so wie ihr“. Ich glaube, dass viele von uns das Spontane und die Improvisationskunst in sich tragen. In meiner rheinischen Heimat sagt man: „Et hät noch immer jot jejange“ und dies entspricht dem isländischen Lebensmotto „þetta reddast“ – sinngemäß: „das wird schon irgendwie klappen“.

Haben Sie sich selbst von dieser Seite des isländischen Temperaments anstecken lassen und spontan experimentiert?

Um zu zeigen, wie leicht es ist, kreative Dinge auszuprobieren, habe ich mich beim „Tag der isländischen Lebenskunst“, den Freunde und ich vor der Frankfurter Buchmesse kurzfristig in Berlin organisierten, von isländischen Künstlern in eine Performance verwickeln lassen. Zwei Freunde inszenierten zum Beispiel einen Ringkampf und trugen dabei Zeilen aus „Alles ganz Isi” vor. Der Künstler Erling Klingenberg malte mich bunt an und verwandelte mich in eine Puppe, die er steuerte. Währenddessen las ich Tipps aus meinem Buch vor, wie man eine Performance macht. Darin heißt es unter anderem, dass es egal ist, ob ein Projekt gut ist oder nicht, Hauptsache Du hast Spaß. Und dass Du nicht auf die perfekte Idee warten, sondern einfach loslegen sollst. Die Performance war eine große Überwindung für mich, aber auch lustig und absurd. Als Hallgrímur Helgason und Sjón, die im Buch Tipps geben, wie man seine Kreativität ausleben kann, von meinem Abenteuer hörten, waren sie beide stolz auf mich.

„Kunst wird in Island auf keinen hohen Sockel gestellt“, heißt es in Ihrem Island-Führer. Können Künstler dennoch von ihren Werken leben?

Nur wenige Künstler leben von ihrer Kunst, und vielleicht macht genau das die kreative Szene so besonders. Denn wer sich nach keinem Markt richten muss, ist experimentierfreudiger und produziert hundertprozentig die Musik und Kunst, die ihm gefällt. Und manche werden dann ja doch entdeckt und plötzlich zu international gefeierten Stars – wie einst Björk, neuerdings die Band Retro Stefson und natürlich zahlreiche isländische Schriftsteller.

Unerwartete Naturereignisse prägen den isländischen Lebensalltag. Haben Sie während Ihrer Recherchen diese Seite Islands persönlich erfahren?

Natürlich. Schon bei meiner ersten Reise vor rund zehn Jahren bin ich fast von einem Sturm weggepustet worden. Sobald man Reykjavík oder eine Ortschaft verlässt, steht man inmitten einer extremen Landschaft. In den isländischen Weiten gibt es kaum Bäume, geschweige denn Wälder, zum Unterstellen und der nächste Hof kann 40 Kilometer entfernt sein. Man ist der Natur ausgeliefert – und weiß, dass sie den gerade getroffenen Tagesplan ändern kann. Zum Glück war ich in Island als der Eyjafjallajökull ausbrach und so konnte ich diese Zeit hautnah miterleben. Einen Tag fuhr ich direkt in die Aschewolke – und traf dort durch Zufall Andri Snær Magnason.

Welche Besonderheit der isländischen Lebensart würden Sie gern in Ihren Berliner Alltag integrieren?

Ich fände es wunderbar, wenn man in Berlin etwas spontaner leben könnte. Und teilweise gelingt mir das auch. Es reicht doch, dass man sich einen Tag vorher verabredet. Denn wer weiß schon, ob man in zwei Wochen um 13.45 wirklich Zeit und Lust auf ein Treffen hat?

Die Fragen stellte Andrea Pollmeier

erstellt am 25.10.2011

Romanautor Hallgrímur Helgason („101 Reykjavík“) verfasste:

Zehn Tipps, das Grübeln zu beenden und das Ausleben der eigenen Kreativität zu beginnen:

Wandere nach Island aus.
Gehe in eine Bar in Reykjavík.
Bestelle eine verrückte Idee: »Ég ætla að fá brjálaða
hugmynd, takk.«
Gehe nach Haus und beginne, an dieser verrückten Idee
zu arbeiten.
Arbeite weiter an der verrückten Idee, bis sie nicht mehr
verrückt ist.
Besorge dir eine weitere verrückte Idee, die die erste,
zunächst verrückte Idee übertrifft.
Arbeite an der neuen verrückten Idee, die die alte
verrückte Idee toppt, bis du selbst ganz verrückt wirst.
Lass all das liegen und gehe in der verrückten Natur
Islands zelten.
Komm zurück zu den Ideen, die nun beide total verrückt
sind.
Veröffentliche, vermarkte oder stelle deine verrückten
Ideen aus

(Auszug aus: Alva Gehrmann, „Alles ganz Isi“)

Alva Gehrmann
Alles ganz Isi
Mit Fotos und Illustrationen
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Alva Gehrmann © Tina Bauer
Alva Gehrmann © Tina Bauer

Alva Gehrmann, geb. 1973, studierte Kunstgeschichte und Betriebswirtschaftslehre und absolvierte die Berliner Journalisten-Schule. Sie reist in die entlegenen Winkel Nordeuropas, um gesellschaftspolitische Geschichten und Reisereportagen zu verfassen. Als freie Journalistin lebt und arbeitet Alva Gehrmann in Berlin und mehrere Monate im Jahr in Island.