Das Buch der isländischen Autorin Auður Ava Ólafsdóttir ist aus Schichten komponiert, die wie bei einem Gemälde dicht übereinander liegen. Der erste Blick zeigt einen jungen Mann auf Reisen. Das romantische Bild ist jedoch mit einem bitteren Unterton grundiert. Hartnäckig schimmert durch die sanften Farben das gesellschaftskritische Statement der Autorin gegen Neo-Wikinger, unterschätzte Väter und das Aussterben bedrohter Sprachen.

Mit Auður Ava Ólafsdóttir sprach Andrea Pollmeier.

Faust-Gespräch

»One of a kind«

Auður Ava Ólafsdóttir, Sie haben in Island wichtige literarische Werke publiziert. In Ihrem Hauptberuf sind Sie jedoch Kunsthistorikerin. Für die Kunstbiennale in Venedig haben Sie Ausstellungen kuratiert und lehren heute Kunst an der University of Island. Dort sind Sie außerdem noch Direktorin der Kunstgalerie. Wie wirkt sich dieses starke kunstbezogene Fundament auf Ihr Schreiben aus?

Auður Ava Ólafsdóttir: Ich arbeite mit Bildern aller Größen und Stilarten. Tausende Bilder sind mir durch den Sinn gegangen, es ist möglich, dass dies den Stil meines Schreibens beeinflusst hat. Oft bildet ein Bild den Hintergrund für das, was ich schreibe. Am Anfang steht ein Bild und dann verschwindet es unter den einzelnen Wortschichten.

Welches Bild hat ihrem Buch „Weiß ich, wann es Liebe ist?“ zugrunde gelegen? Dieser Roman über den beginnenden Lebensweg eines jungen Mannes ist in diesem Herbst im Suhrkamp Verlag erschienen und wurde von Angelika Gundlach aus dem Isländischen übersetzt. Es gibt darin wenige direkte Anspielungen auf künstlerische Themen.

Das Buch ist in einer Phase entstanden, als viel über den Darfur-Konflikt im Sudan gesprochen worden ist. Immer wieder musste ich über Grausamkeit und Leiden der Menschen nachdenken. Ein zentrales Thema des Buches ist darum die Suche nach Schönheit, denn ich hoffe, dass Schönheit die Welt am Ende einmal retten wird.

Mein Held, der 22-jährige, rothaarige Junge Arnljótur Thórir stellt existenzielle Fragen. Er ist ein junger Mann, der mit drei Rosenstöcken und dem Foto seines Kindes im Gepäck auf Reisen geht. Er verlässt seine Heimat und konfrontiert die Welt mit seiner Offenheit. Die Fähigkeit der Menschen, vertrauen zu können, ist darum ein weiteres Thema dieses Buches. Ich dachte, diese Haltung ist in einer Welt, die durch Angst, Ärger, Misstrauen und Neid gekennzeichnet ist, wichtig.

Wie ist Ihr Roman außerhalb von Island aufgenommen worden?

In Frankreich heißt das Buch „Rosa candida“. Mit diesem Titel hat man eine Brücke zwischen meinem Helden und Voltaires „Candide“ hergestellt, dem reinen und unschuldigen Menschen, der Fremden und sogar Ausländern vertraut. Das Buch erzählt aber auch die Geschichte eines jungen Mannes, dem im Leben drei Dinge wichtig sind: Sex, Tod und die Rosenzucht. Der Protagonist ist nämlich ein junger Vater, der aus Versehen mit einer Unbekannten, der Freundin einer Freundin, ein Kind bekommen hat. Dieses Baby wurde in einem Gewächshaus gezeugt. Diesen Ort hat der britische Verlag zum Titel der englischen Buchausgabe „The greenhouse“ gemacht. Im Deutschen ist eine ganz eigene Variante entstanden: „Weiß ich, wann es Liebe ist?“ klingt so romantisch und erinnert wirklich an die Zeit, in der die Romantik entstanden ist.

Im Isländischen ist der Titel wiederum ganz anders. Der Originaltitel hat drei Bedeutungsebenen. Zuerst bezeichnet der Titel eine kleine Pflanze, die „Rosa candida“, diese Pflanze existiert nur in diesem Buch. Zweitens bezeichnet der Titel ein Baby und drittens einen schmalen Nebenweg, der unvorhersehbare Kurven und Enden hat. Diese komplexe Bedeutung gibt es in keiner anderen Sprache.

Thórir, der junge Vater, wirkt wie ein Anti-Held und erinnert an die idealistisch geprägten Figuren der Romantik. Ihre Erzählung ist ohne Bezug zu einem konkreten Ort oder Zeitpunkt, weder Island wird namentlich erwähnt, noch ist das Reiseziel ein real existierender Ort. Dennoch scheint in der Person des Protagonisten ein aktuelles politisches Statement angelegt zu sein.

Mein Held hat Züge, die anti-materialistisch, anti-Banker und anti-Wikinger sind. Ich mochte Wikinger keines Zeitalters, meiner Meinung nach waren sie Kriminelle. Wir haben unsere Banker die Neo-Wikinger genannt. Männer, die für den Bankrott der isländischen Banken verantwortlich waren und nicht nur Island Schaden zugefügt haben. Darum schien es mir sehr wichtig eine Figur zu schaffen, die ins Ausland geht.

Dieser Anti-Wikinger geht nicht weg, um zu rauben, sondern um etwas zu geben. Er geht mit den drei Rosenstöcken, der „Rosa candida“, die zwar nicht die schönste, aber mit acht Blütenblättern eine einzigartige Rose ist. Er glaubt, dass sie ihren Platz im schönsten Rosengarten der Welt haben soll, darum macht er sich auf den Weg zu einem Ort, der nicht auf der Landkarte zu finden ist. Im Buch heißt es, er geht über die Landkarte hinaus, das entspricht auch der Art, wie Fiktion funktioniert: In der Phantasie kann doch jeder seinen eigenen Garten gestalten, egal wie groß oder klein er ist.

Auf dieser Reise gelangt Thórir an sein Ziel, den Rosengarten des Klosters. Der Ort hat nur scheinbar keinen Wirklichkeitsbezug. Unversehens verbindet sich diese Reise- und Liebesgeschichte, die Sie erzählen, mit zentralen Themen unserer Gesellschaft. Die Wandlung, die der Held vollzieht, passt bestens zu den Konzepten moderner Familienpolitik. In Island haben Sie für diesen Roman neben dem Kulturpreis der Tageszeitung DV auch den Frauenliteraturpreis erhalten.

Das Buch ist auch ein Buch über Vaterschaft. Im Vergleich zur Mutterschaft ist das Vater-Werden ein sehr abstraktes Ereignis, der Vater muss nicht einmal davon Kenntnis haben, dass er Vater ist. So ergeht es dem Protagonisten. Er bekommt von einer Fremden einen Anruf und erfährt, dass er Vater wird. Während der Reise, die er kurz darauf antritt, verändert er sich und wird vor allem durch die Vaterrolle, die er plötzlich übernehmen muss, ein ganzer Mensch.

Welche Rolle haben Ihrer Meinung nach Männer in Familie und Gesellschaft?

Ich glaube, dass wir nicht als Vater oder Mutter geboren werden. Männer können das ebenso gut wie Frauen. Doch ist es heute kompliziert, ein junger Mann zu sein. Ich wollte den Mann als das einfühlsame Geschlecht zeigen. Männer sind in diesem Buch die Fürsorglichen, sie tauschen Rezepte aus und sprechen über das Essen. Ich hatte ein ehrgeiziges Projekt, als ich dieses Buch geschrieben habe, ich wollte ein neues Bild von einem jungen Mann entwerfen. Ich beschreibe, wie wunderbar Vaterschaft sein kann. Wenn mehr Männer das so sehen könnten, wie der Protagonist in meinem Buch, würde die Welt ganz anders sein.

Ist die Erzählung also eine Utopie?

Die Personen, die ich beschreibe, folgen keinem realen Beispiel. Nachdem ich das Buch geschrieben habe, sind mir meine Helden jedoch begegnet, in Island, in Frankreich und auch in Deutschland.

Aus welchem ästhetischen Kontext ist das Bild der achtblättrigen Rose hervorgegangen?

Die achtblättrige Rose war in der armen, ländlichen Kultur Islands ein Ornament, das überall auftauchte. Wenn Tische dekoriert wurden, fand sich das Bild dieser Rose auf den Tellern, immer wieder waren die Handarbeiten im Alltag mit diesem Zeichen verknüpft. In der realen Pflanzenwelt gibt es die „Rosa candida” jedoch nicht.

Der Titelheld will durch seine Reise nicht nur das Überleben der achtblättrigen Rose sichern, indem er die mitgeführten Rosenstöcke in den Klostergarten pflanzt, sondern auch noch einen aussterbenden Dialekt erlernen. Welche Bedeutung haben Sprachen für Sie?

Selbst wenn man alle Sprachen der Welt spricht, bleibt die Realität etwas, was sich nicht völlig begreifen lässt. Der junge Thórir spricht eine Sprache, die jenseits seiner Heimat nirgendwo gesprochen wird. Nun geht er in die Ferne, um eine Sprache zu lernen, die von noch weniger Menschen gesprochen wird. Das ist natürlich nicht sehr praktisch.

In unserer Welt stirbt wöchentlich ein Dialekt. Eine Sprache, die von wenigen Menschen gesprochen wird, ist jedoch ebenso wichtig wie eine Sprache, die von Millionen gesprochen wird. Jede Sprache hat ihre eigenen Bedeutungen und ihre Art des Denkens. In der Welt braucht man von jeder Art eine. „One of a kind“ , das ist, was die Rose repräsentiert, selbst wenn sie nicht die schönste Rose der Welt ist, ist sie einzigartig und besonders. Auch von den Sprachen braucht man je eine ihrer Art, um die Welt im Ganzen zu bilden.

erstellt am 24.10.2011

Auður Ava Ólafsdóttir, Foto Anton Brink/Suhrkamp
Auður Ava Ólafsdóttir, Foto Anton Brink/Suhrkamp

Audur A. Ólafsdóttir, geboren 1958 in Reykjavik, debütierte 1998 mit ihrem ersten Roman. 2008 erschien ihr Roman Weiß ich, wann es Liebe ist und wurde mit den wichtigsten isländischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Sie studierte Kunstgeschichte in Paris und ist Dozentin für Kunstwissenschaft an der Universität Islands.

Audur Ava Ólafsdóttir im Gespräch:

AUDIO-Auszug

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Audur Ava Ólafsdóttir
Weiß ich, wann es Liebe ist?
Roman
Aus dem Isländischen von Angelika Gundlach
suhrkamp taschenbuch 4263
Klappenbroschur
Suhrkamp Verlag

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