Buchkritik

Eine verpatzte Gelegenheit

Von Raimund Fellinger

Sie haben eine Gelegenheit verpasst und ein Buch verpatzt: Die ehemaligen Lektoren Karlheinz Braun, Klaus Reichert, Peter Urban und Urs Widmer hatten die Absicht, in einer eigenen Publikation den von ihnen (zusammen mit drei inzwischen verstorbenen Kollegen) zwischen September und November 1968 gestarteten Versuch zu beschreiben und zu erklären, die Entscheidungsstrukturen im Suhrkamp und Insel Verlag grundlegend zu ändern. Die Gelegenheit eröffnete sich im Jahr 2010, als der erste Band von Siegfried Unselds Betriebstagebuch erschien, die Chronik 1970. Siehe auch Ihr voran stellten die Herausgeber, zu denen der Rezensent zählt, die Chronik eines Konflikts, Unselds kurz nach den Ereignissen entstandenes Protokoll der Revolte. In diesem Protokoll wie in den darauf abstellenden Kommentaren sahen die Aufständischen ihre Rolle im nicht allein die Verlagshistoriker beschäftigenden Konflikt völlig falsch dargestellt und bewertet.

Zur Erinnerung: Nach der Frankfurter Buchmesse 1968 vom 19. bis 24. September 1968 (aufgrund vom SDS organisierten Demonstrationen werden zeitweilig Messehalle wie Messestände geschlossen, die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den senegalesischen Staatspräsidenten Léopold Sédar Senghor muss ein großes Polizeiaufgebot sichern) verfassen neun Lektoren des Suhrkamp und Insel Verlags am 27. September einen Brief an den Verlagsleiter Siegfried Unseld. In ihm fordern sie eine Lektoratsverfassung, deren Kernstück eine Lektoratsversammlung bildet, die alle programmatischen Entscheidungen per Mehrheitsbeschluss (Unseld hat wie jeder Lektor eine Stimme) treffen soll. Zugleich verwahren sie sich gegen personelle Veränderungen des Lektorats: Eine Kündigung Boehlichs, der seit 1963 als Cheflektor amtiert, seitens des Verlegers steht bevor. Am Ende zahlreicher interner Debatten (am 14. Oktober mit Verlagsautoren, die dem Ansinnen höchst skeptisch gegenüberstehen) und dem Austausch von Briefen und Verfassen von Presseerklärungen wird am 1. November 1968 eine Lektoratsversammlung installiert, die ausdrücklich Unselds Rolle als persönlich haftender Gesellschafter anerkennt. Wenige Tage später kündigen Walter Boehlich, Peter Urban und Urs Widmer, ein Schritt, den im Januar 1969 auch Karlheinz Braun vollzieht, um wenige Monate später den Verlag der Autoren, einen Theaterverlag, zu gründen.

Mit der Chronik der Lektoren wollen die vier Autoren die These widerlegen, die große Aufregung habe geendet „mit dem Scheitern der Forderungen der Lektoren (nach demokratischeren Arbeitsstrukturen) und dem Sieg des Verlegers (als alleinbestimmendem Mehrheitseigner der Verlage)“. In sieben Kapiteln nebst Vorwort und Anhang wollen sie die Korrektur erbringen: durch eine von Karlheinz Braun erarbeitete Chronik I: Was sich ändern sollte, ein Pendant der Unseldschen Chronik; sodann mittels einer Rekapitulation der Geschehnisse durch vier damalige Akteure, die ihre Beiträge „vorher untereinander nicht abgesprochen“ haben; desweiteren haben sie sich Verstärkung besorgt: Karlheinz Braun hat aus Briefen und Artikeln die einschlägigen Äußerungen des 2006 verstorbenen Walter Boehlich zusammengestellt. Den Abschluss des Buches bildet die Chronik II: Wie der Verlag der Autoren entstanden ist.

Eine Strategie bei der Korrektur der Urteile über die Rolle der Lektoren besteht darin, den in ihren Augen fälschlicherweise zum Sieger Ausgerufenen ins Visier zu nehmen. Dabei legen sich besonders Urban und Reichert ins Zeug: Ihrer Darstellung zufolge musste sich der ungebildete Nicht-Intellektuelle, der trotzdem als „Verleger“ (selbstverständlich ist er das nur in Anführungszeichen) agierte, ständig durch die Welt hetzte und darüber das eigene Haus vernachlässigte, es jedoch, wenn er präsent war, nach „Gutsherrenart“ regierte, auf der Frankfurter Buchmesse 1968 „nicht zu Unrecht“ die Frage gefallen lassen, „ob er die Bücher, die in seinem Verlag erscheinen, überhaupt gelesen habe“ (Urban); und Reichert weiß: „Suhrkamp, das hieß nicht Siegfried Unseld, den wir für einen Werbestrategen und Verkäufer hielten“. Der hatte natürlich keine Ahnung von moderner (deutscher und fremdsprachiger) Literatur, von Philosophie und Soziologie ganz zu schweigen, weshalb einzelne Lektoren oder das gesamte Lektorat ihn immer zu seinem Glück, dem Publizieren der von ihnen entdeckten hervorragenden Bücher, zwingen mussten, was nicht immer gelang: So lehnte Unseld, laut Reichert, z. B. Oswald Wieners Die Verbesserung von Mitteleuropa ab. (Das passiert, wenn man sich nicht untereinander abspricht: Urs Widmer begründet die Tatsache, dass Wiener Rowohlt-Autor wurde, ganz anders.)

Am härtesten und zuweilen ironisch-ätzend geht Boehlich mit Unseld ins Gericht – und das tat er bereits zu Lebzeiten des Verlegers –, was ihn in sympathischer Weise von den nachtretenden Kritikern unterscheidet. In einem Brief vom 6. April 1963 erklärt er Unseld: „Dass Sie sich dem Umzug [des Verlags] – wenn auch aus plausiblen Gründen – entzogen haben, scheint mir kein guter Einfall gewesen zu sein. Die anderen haben gearbeitet wie die Neger, wofür sie weder angestellt noch bezahlt werden. […] Die Welt ist nicht in viele eingeteilt, die schleppen und räumen und schrubben müssen, und wenige, die das nicht nötig haben, sondern sie besteht aus Menschen relativ gleicher Rechte und Pflichten. […] Schliesslich Ihr Interview mit der Neuen Presse. Wir haben es alle mit ungewöhnlichem Interesse gelesen und wissen nun, dass der Verlag von Ihnen und dem Trio Walser-Johnson-Enzensberger und einigen ratspendenden Autoren älterer Jahrgänge gemacht wird. Genau das ist der Eindruck, den wir Tag für Tag gewinnen. Wirklich, wir sitzen herum, glücklich, dass uns unbezahlte Mitarbeiter unsere Arbeiten und Pflichten abnehmen. Denn wir selbst, erfuhren wir, sorgen allenfalls dafür, dass in unseren Filtern Durchschnittsmanuscripte hängenbleiben.“

Die zweite, ebenfalls leicht vorhersehbare, komplementäre Strategie beim Umwertungsversuch der September/November-Ereignisse besteht im Eigenlob: Die Leistungen des Lektorats im allgemeinen, die des Suhrkamp- und Insel-Kollektivs wie jedes einzelnen werden in den schönsten Farben gezeichnet. Der seit 1959 den Suhrkamp Theaterverlag leitende Karlheinz Braun ist der Überzeugung, generell stellten Lektoren „ein besonders kreatives Potential“ dar, weshalb „die verlegerische Wertschöpfung zum großen Teil auch auf ihre Arbeit zurückgeht“. Er exemplifiziert das an seiner Arbeit für die Spielzeit 1968/69: „Unvorstellbar heute nicht nur die Anzahl, sondern auch die Relevanz von gesellschaftskritischen oder politisch direkt eingreifenden Stücken, die von einem Theaterverlag [Suhrkamp] kommend in einer Spielzeit uraufgeführt wurden.“ (Die sich anschließende, in der Tat beeindruckende Stückeliste begeht, da sie sich offensichtlich mit dem Namen Thomas Bernhard schmücken will, eine Fehldatierung. Das passiert, wenn man seine Erinnerung nicht an den Fakten überprüft: Karlheinz Braun hat Bernhards Ein Fest für Boris seit Ende 1965 lektoriert, die Uraufführung fand jedoch erst im Juni 1970 in Hamburg statt.) Der ab Anfang 1967 für die junge deutschsprachige Literatur zuständige Urs Widmer konstatiert: „Im Lektorat stieß ich auf Kollegen (und eine Kollegin), die mich umso mehr beeindruckten, je besser ich sie kennen lernte und je genauer ich ihrer Arbeit zusah. Dieses Lektorat war so etwas wie ein Gelehrten-Gremium und hätte jeder Universität wohl angestanden.“ Wenn Klaus Reichert die eigene Arbeit beschreibt, muss er einfach zu den großen Adjektiven greifen: Auf neun Zeilen hat er dann zu berichten, dass die „wichtigsten Autoren des Landes“ an der sammlung insel mitwirken sollten, bei deren Präsentation nicht nur „das berühmte, immer wieder reproduzierte Photo“ von Hans Blumenberg entstand, sondern Adorno auch einen „großen Vortrag“ hielt. (Spätestens hier wird klar, dass schon die ersten Worte der Chronik der Lektoren – „Wir, ehemalige Lektoren im Suhrkamp Verlag“ – nur die halbe Wahrheit bieten: die ganze, nämlich dass sie selbstverständlich ab 1963 auch Lektoren des Insel Verlags waren, würde nicht den ungeteilten kritischen intellektuellen Glamour des Suhrkamp Verlags auf sie richten.)

Auf einer dritten Ebene gerieren sich schließlich die angeblichen Verlierer als die wahren Sieger. Denn die Auseinandersetzungen im Suhrkamp Verlag bilden in ihren Augen nur den Probelauf für den von ihnen 1969 gegründeten Verlag der Autoren, den Verlag, „der seinen Autoren gehört“. Über diese These lässt sich anhand der Chronik der Lektoren nicht urteilen, da deren letztes Kapitel nur die Gründungsphase rekapituliert.

Bislang unbekannte Fakten besitzen in der Chronik der Lektoren eher Seltenheitswert: Zu nennen ist allenfalls die Wirkung eines Artikels der Wochenzeitung Christ und Welt vom 10. Januar 1969, der auf einem Gespräch von Ruth Tilliger mit Siegfried Unseld beruht. Dort steht, bezogen auf die Auseinandersetzungen mit den Lektoren, der Satz: „eigentlich ist alles beim alten geblieben“. Karlheinz Braun: „Für mich war dieses Gespräch der Grund für die Kündigung meines Vertrages.“ Der Öffentlichkeit gleichfalls nicht vertraut waren Intensität und Dauer der Auseinandersetzung zwischen Cheflektor und Verleger: Bereits kurz nach Suhrkamps Tod, im Juni 1959, beklagte Walter Boehlich „Unselds Taktlosigkeit & Gemeinheiten“. Und nun ist, in seinem eigenem Referat, das Gespräch nachzulesen, aus dem Unseld die Behauptung ableiten zu können meinte, Walter Boehlich habe die Literatur für überlebt und tot erklärt. Ingeborg Bachmann berichtet Boehlich brieflich im Dezember 1968 nach Rom: „Vor ein paar Monaten hatten wir ein Gespräch zu dritt, Unseld, Walser und ich. Da ging es um die Frage, wie der Verlag weiter entwickelt werden solle und könne. […] Dann sprachen wir wieder über die Consequenzen der ›Verwissenschaftlichung‹ des Verlages, von denen eine, habe ich gesagt, die sei, dass die dominierende Rolle, die bisher einige literarische Autoren gespielt hätten, abgeschafft werden würde.“ Gleich drei Fragen tun sich in diesem Kontext auf: Wenn die Auseinandersetzungen zwischen Boehlich und Unseld derart lange andauerten ? wann kam es warum zum definitiven Bruch? Wieso fand der definitive Bruch so spät statt? (Claus Kröger hat das Verhältnis zwischen beiden Kontrahenten bei weitem nicht hinreichend, und schon gar nicht vollständig beschrieben – weshalb Brauns Hinweis auf diesen klugen Aufsatz keine Entschuldigung für unterlassene eigene Analyse sein kann.)

War die Lektorenrevolte vielleicht die sekundäre Manifestation des Streits zwischen Cheflektor und Verleger? Und weiter: Die Einlassung Boehlichs gegen den von Unseld sogenannten „erweiterten Lektorat-Flügel“ (zu dessen Kern Enzensberger, Frisch, Johnson, Walser und Weiss rechneten) ebenso wie Reicherts Apostrophierung der „Hausautoren“ als „heimliches Cheflektorat“ legen die Vermutung nahe, dass die Revolte auch ein Kampf der Lektoren um die Anerkennung ihrer Eigenständigkeit war und der Aufbau des erweiterten externen Lektorats eine Reaktion Unselds auf die Spannungen mit Boehlich war, Unseld damit ein Gegengewicht gegen die Innen-Lektoren herstellen wollte. All diese Fragen rücken noch nicht einmal in den Horizont der Verfasser.

Die Kollegen Boehlichs haben wenig begriffen von dem, was sich in den drei Monaten Ende 1968 abspielte, die gesellschaftspolitischen, literarischen oder persönlichen Ursachen der Ereignisse sind ihnen offensichtlich nach wie vor selbst rätselhaft. Karlheinz Braun verweist als Auslöser des Konflikts vage auf die Außerparlamentarische Opposition, für Urs Widmer dagegen handelt es sich im „Kern“ um eine private Auseinandersetzung, weil „Unseld Walter Boehlich nicht mehr ertrug“. Peter Urban zählt zumindest einige Faktoren für das sich anhäufende Konfliktpotential auf – mangelnde Befugnisse der Lektoren, für sie uneinsichtige Entscheidungen Unselds über die Annahme und Ablehnung von Manuskripten und Büchern, den Einfluss des außerhäusigen Lektorats, die Bestellung eines branchenfremden Geschäftsführers im Jahr 1966 sowie Einrichtung und Wahl eines Betriebsrats im selben Jahr. Danach fährt er unter Hinweis auf zu edierende Briefe und im Archiv des Suhrkamp Verlags zu sichtende Materialien fort mit privaten Impressionen, die auch seine Koautoren einer Analyse vorziehen.
Bis heute unbegreiflich ist den Lektoren, warum sich die Autoren so entschieden gegen ihre Anliegen ausgesprochen haben: „unerwartet und verwirrend“ nennt Braun deren Verhalten. Sie traten aber alles andere als irrational auf: Keiner der Lektoren mag sich eingestehen, dass Kernpunkt des Konflikts der Kampf der Lektoren um die Autonomie ihres Tuns war, die Unseld wie die „Hausautoren“ verweigerten. Und so belegt die Chronik der Lektoren vor allem eins: Die ehemaligen Lektoren haben mehr als vierzig Jahre später immer noch nicht begriffen, was ihnen geschah, und können folglich weder beschreiben noch erklären, was geschah.

Ein Lektor hätte der Chronik der Lektoren im übrigen gut getan: Da gibt es keinen Beitrag ohne falsche, unvollständige und unkorrekte Angaben, die Texte Boehlichs sind höchst unzulänglich kommentiert, und ein ehemaliger Lektor packt in zwei verschiedene Fußnoten einunddenselben Unfug über die Taschenbuchreihen des Verlags.

erstellt am 24.10.2011

Foto © Claus Setzer
Foto © Claus Setzer

Siehe auch: Auszüge aus:
Chronik der Lektoren