Sprachlos sind selbst diejenigen, die sonst zu allem etwas zu sagen haben. Keiner Partei, keiner Gesinnung kann man hier Schuld anlasten. Occupy Wall Street ist ideologisch nicht zu fassen. Vielleicht gerade deshalb wird diese Bewegung sehr ernst genommen. Da beginnt offenbar etwas Neues, das sich mit Furcht und Hoffnung verbindet, und es beginnt mit Kunst und Legalität. Der Dokumentarfilmer Eduard Erne warwar im Oktober 2011 mitten im New Yorker Protestgetümmel und hat für Faust Details des künstlerisch-politischen Getriebes im Schatten der mächtigsten Börse mitgeteilt.

Der Dokumentarfilmer Eduard Erne über die New Yorker Kunst im Protest

Kunst & Protest

Off Limit

Herr Erne, was ist das denn für eine Ausstellung, wo ist die und wie umfangreich ist die denn?

Die Ausstellung wurde von einer Künstlerinitiative eingerichtet, die sich „Loft in the red zone“ nennt. Das Gebäude befindet sich direkt gegenüber der Börse und steht seit Jahren leer. Es handelt sich um das ehemalige JPMorgan-Gebäude, gehörte also einer der mächtigsten Banken der Welt, die es aber nicht mehr nutzt. Denn, wie überall an der Wall Street, gehen die Banken mit ihren großen Handelsräumen heraus aus der Stadt, irgendwo nach New Jersey oder irgendwo mehr Uptown. Die Wall Street ist zwar noch die Börse, aber nicht mehr das komplette Zentrum der Finanzindustrie. Die Künstler haben es irgendwie geschafft, dieses leer stehende Gebäude zu einem günstigen Preis zu mieten für eine Ausstellung, die sie zu 9/11 geplant hatten. Für eine Pop-up-Ausstellung. Sie haben Künstler aus der Szene in New York aufgerufen einfach vorbeizukommen und ihre Sachen einzureichen. Dann gibt es zwei Kuratoren, die sich das ansehen und entscheiden, ob sie das ausstellen. Diese 9/11-Ausstellung lief nur kurze Zeit. Zugleich geschah die Besetzung des Zuccotti-Parks, da haben die Ausstellungsmacher sofort reagiert und den Raum geöffnet für Kunst, die im Umfeld von „Occupy Wall Street“ entstanden ist. Der Raum ist riesig groß, und es war tatsächlich so, dass da permanent Künstler mit den unterschiedlichsten Arbeiten kamen. Fotoarbeiten, Collagen, Objekte; manche machten riesige Graffiti-Wände. Es gab auch den Plan, dass man Holzwände mit Graffiti bemalt, um sie dann nach außen zu tragen, auf die Wall Street. Das ist aber daran gescheitert, dass die Polizei das nicht zugelassen hätte. Und dann gibt es Videokunst und kleine Aktionen. Ein österreichischer Künstler (Rainer Ganahl) hat mit Lebensmitteln experimentiert, hat Politslogans in Zucchini eingraviert und hat einen Schweinekopf ausgestellt. Also, es ist – gelinde gesagt – sehr vielseitig, sehr divergent und zum Teil sehr diffus. Aber, das ist das Prinzip, jeder kann da hinkommen, und jeder kann Kunst abliefern, von der er glaubt, sie habe etwas mit der Protestbewegung zu tun.

Ist das als eine Verkaufsausstellung gedacht oder pure Kunstdemonstration als Reaktion auf das Finanzdebakel?

Beides. Man kann dort Kunst kaufen – die Künstler füllen auch ein Formular aus, dass „Loft in the red zone“ das Recht hat, ihre Kunst zu verkaufen, also wie eine Galerie zu fungieren. Aber natürlich will die Ausstellung viel mehr sein. Es ist ein Happening, ein Event kurioserweise gegenüber der Börse auf der anderen Straßenseite. Und damit hat die Polizei natürlich ein Problem, denn das Gebäude gehört einem Privatinvestor. Sie kann also nicht sagen, das wollen wir nicht. Sie kann auch den Zugang nicht versperren, weil es der Privatinvestor an die Künstlerinitiative vermietet hat. Punkt. Sobald dann vor dem Gebäude etwas stattfand – da wollte man Bodypainting machen und irgendwelche Objekte bemalen, schritt die Polizei sofort ein: weil das den Menschenfluss behindern würde, den Fluss der Touristen, die die Wall Street besichtigen wollten. Aber im Gebäude selbst kann alles geschehen. Jetzt gibt es einen privaten Spender, der so viel Geld gespendet hat, dass die Aktion um zwei Wochen verlängert werden kann. Das ist bei der ganzen Occupy-Wall-Street-Bewegung interessant, dass es sehr viele Leute gibt, die durch Spenden zum Beispiel die Küche im Zuccotti- Park finanzieren. Die sagen einem Lebensmittelhändler oder einem Pizzaservice, einem Obstmenschen, liefere da mal zehn Kisten Äpfel hin oder vierzig Pizzas. Das findet permanent statt, dass Leute von außen die Besetzer unterstützen. Und so ist es jetzt mit der Ausstellung auch geschehen.
Kurios ist auch, dass – weil unangemeldete Demonstrationen aufgelöst werden – die Demonstrierenden, die in Manhattan Richtung Zuccotti-Park marschieren, in Zweierreihen hintereinandergehen, weil das nicht als Demonstration gilt. Dann treffen sich die Leute mit ihren Schildern, laufen brav wie eine Schulklasse mit Ordnern vorn und hinten, und die Polizei ist machtlos, denn das kann sie nicht verbieten. Auch dass dieser Zuccotti-Park einer privaten Investmentfirma gehört, ist natürlich ein Segen. Denn die Polizei kann sagen, wir können nur reagieren, wenn dieser Privatinvestor sagt, räumt den Zuccotti-Park! So ist die Bewegung off limits, der Park ist Privatgelände.

Nun ist das die erste große Protestbewegung seit den Sechziger Jahren. Da das Finanzdebakel schon einige Zeit währt, stellt sich die Frage: Warum jetzt erst?

Ich glaube, dass die heftigen Auswirkungen der Finanzkrise – bei uns redet man jetzt bedingt durch die Eurokrise schon von der zweiten, in den USA also der ersten – immer heftiger spürbar werden. Das betrifft eben auch Leute, die keine Kredite aufgenommen haben und die nicht in Häuser investiert haben, die eigentlich in der zweiten Reihe standen, die also nicht zu den direkt Betroffenen der Immobilienblase gehörten. Man kann am Zuccotti-Park mit jedem sprechen, und jeder erzählt einem die Geschichte, wie das ganze Debakel ihn betrifft. Man trifft eine Studentin, die gerade fertig wurde mit ihrem Jurastudium, die da mit einem Plakat steht und sagt: Warum habe ich jetzt 120 000 Dollar Schulden, wo ich doch nichts anderes wollte, als in einem Anwaltsbüro anderen Leuten zu helfen? Oder eine andere Studentin, mit der ich geredet habe, die war vielleicht siebenundzwanzig, die sagt, sie hat zum ersten Mal in ihrem Leben eine Krankenversicherung, und erzählt dann von ihrer Familie. Der Vater ist arbeitslos, und sie schafft es gerade so, über die Runden zu kommen. Irgendwo ist dann eine Grenze erreicht, und die Leute sagen, jetzt reicht’s uns. Wir sind die 99 Prozent, die permanent bezahlen müssen oder in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Und die anderen – und das schreitet ja noch fort –, bei denen gab’s weder große Einschnitte noch Konsequenzen, noch gab es Entlassungen von Managern, die verantwortlich waren für das Ganze. Wenn, dann wurden ja Leute entlassen, die in der unteren Reihe einfach Ausführende waren, bis auf ganz wenige Ausnahmen. Man hat das Gefühl, diese Krise geht an denen vorbei, die sie zu verantworten haben, und es hat sich nichts verändert: Das reicht jetzt mal. Die Wut und die Empörung sind so groß, dass die Besetzer des Zuccotti-Parks nun sagen, bis hierher und nicht mehr weiter. Es ist ein ganz persönliches Gefühl der Betroffenheit – nicht in dem Sinne, ich bin jetzt betroffen von einer Problematik, die mit mir nichts zu tun hat, sondern wirklich betroffen: Ich stehe hier, weil ich unter der Situation leide! – Viele von den Leuten, die da demonstrieren und den Platz besetzt halten, sind keine Politaktivisten, sondern wirklich betroffene Leute, die sagen: Es reicht.
Ich habe eine Situation erlebt – das war ganz interessant: Ich unterhalte mich mit einer ganz typischen Achtundsechzigerin, die sich beklagte, es gäbe keine Agenda, es gibt kein Programm, aber es sei trotzdem eine gute Sache. Und da hat sich so ein junger Mann sofort eingemischt, war sehr wütend und hat gesagt, wir brauchen jetzt kein Programm. Mit den Programmen sind wir nirgendwohin gekommen. Sondern wir haben klare Forderungen, Forderungen – da geht’s um Gerechtigkeit, um die Besteuerung von Gewinnen aus der Finanzindustrie, wie die Tobin Tax usw. Aber das sind keine politisch-ideologischen Forderungen, sondern das sind geradezu Alltagsforderungen, keine politischen Programme. Die sagen sogar, sie wollen mit den Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft zusammenarbeiten. Sie wollen wissen, was haben die Banken zu sagen, was hat die Politik zu sagen. Denn so, wie dieses Land momentan dahinschlingert, kann es nicht weitergehen.
Es kommen sehr viele, die auf Obama gehofft haben und von ihm massiv enttäuscht sind. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum der Protest erst jetzt kommt. Die Tea Party auf der rechten Seite ist ja seit Obamas Wahl erst wirklich groß geworden, die Linken haben sich gedacht: Lassen wir ihm noch ein bisschen Zeit, vielleicht gibt es eine Chance. Doch jetzt verdoppelt sich quasi die Heftigkeit der Auswirkungen der Finanzkrise mit der Enttäuschung über Obamas Nicht-Politik dem gegenüber. Und das führt zum Crash.

Immerhin hat er, wie ich las, sein Verständnis für die Protestierenden kundgetan. Eine andere Quelle des Unmuts ist doch die Sparpolitik des New Yorker Bürgermeisters Bloomberg. Die kann aber nur New York betreffen.

Der New Yorker Impuls „So geht es nicht mehr weiter mit unserer Stadt und unseren Sozialsystemen“ hat allerdings die Grenzen überschritten. Andere Städte der USA erleben Ähnliches, aber auch in Europa wird demonstriert, in Rom, vor der EZB in Frankfurt oder auf dem Züricher Paradeplatz.

Das Zitat „Die Programme haben uns nicht weitergebracht“ macht einen allerdings etwas ratlos. Denn wenn die Betroffenen sich zusammenrotten und Forderungen stellen: Wer reagiert? Obamas Reaktion reicht nicht, sie bedeutet auch nichts. Gibt es denn Reaktionen aus der offiziellen Politik?

Dort habe ich das nicht mitgekriegt. Null. Der Zuccotti-Park ist inzwischen ein Treffpunkt der Crème de la Crème der Globalisierungskritik. Der Slavoj Žižek trat dort auf, die Naomi Klein tritt da auf. Jeden Tag hat man mindestens zwei teach-in-artige Veranstaltungen, deren Teilnehmer nicht ins politische Spektrum einzuordnen sind und durch ihre Arbeit, mit ihrem Denken oft Außenseiterpositionen vertreten. Aber Reaktionen der offiziellen Politik habe ich nicht wahrgenommen. Die sitzt doch wie die Maus vor der Schlange und wartet, wie sich das entwickelt. Ich glaube auch, dass das zu früh ist. Die Politiker wissen ja gar nicht, mit wem sie verhandeln sollten. In Amerika war es sicher ein großer Schritt, dass sich die Gewerkschaften zum Teil mit den Protestierenden solidarisiert und mit ihnen zusammen einen Marsch organisiert haben. Das hat der Bewegung einen spürbar großen Auftrieb gegeben, dass sie von einer so alten Interessenvertretung Rückhalt bekommen haben. Das war ihnen sehr wichtig. Ich glaube auch, dass die Gewerkschaftsleute in ihrer Sitzungspolitik, wo sie mit Politikern reden und Kompromisse aushandeln, plötzlich aufhorchen: Da passiert was; das dürfen wir auf keinen Fall verpennen. Denn diese Kraft war ursprünglich einmal unsere Kraft. Die verlagert sich sonst weg von uns, den Gewerkschaften. Das ist ein wichtiger Aspekt einer Neuorientierung von Gewerkschaftern. Daraus kann etwas erwachsen. Sonst habe ich von politischen Reaktionen nichts gemerkt. Bei den Demonstranten ist zu beobachten, dass die das aber suchen. Die wollen das. Sie haben keine destruktiven Interessen. Sie sagen, wir wollen gemeinsam mit allen das Problem lösen. Die suchen den Dialog. Da gab es einen Stand „Where is your role in the movement?“. So etwas richtete sich freilich an einzelne Leute. Aber das waren Coaches aus der Wirtschaft, die sagen, wir versuchen die Demonstranten, die zu uns kommen, zu beraten, was sie für die Bewegung machen können. Das ist symptomatisch, dass die in einem Suchprozess sind: Wo befinden wir uns als Bewegung, und wie können wir eine größere politische Relevanz kriegen?
Zum Beispiel hatte ich eine Begegnung mit einem jungen Mann, der hatte einen Anzug an, ich fragte, woher er kommt. Da erzählt er mir, er komme aus Salt Lake City angereist. Er studiert Geschichte und hat das Gefühl, alles, was das Land einmal war, der amerikanische Traum usw., das gibt es gar nicht mehr, das ist nur noch bloße Rhetorik. Und er ist jetzt hergekommen, um zu demonstrieren. Dann sieht man ehemalige Leute aus der Finanzindustrie, die erzählen aus ihrer beruflichen Praxis von früher und sagen, man müsste doch hier und da etwas ändern. Und natürlich sieht man auch die üblichen Politspinner – die ganze kreative Palette, die es da gibt, vom Aktionismus, Straßentheater, Songs… Aber das Eindrücklichste sind die Schilder, die die Leute malen. Diese Protestplakate sind ja auch in der Ausstellung von „Loft in the red zone“ zu sehen. Da gibt es eine riesige Wand, mit den Schildern vom Zuccotti-Park, und jedes dieser Schilder erzählt eine kleine, persönliche Geschichte. Man kann nicht sagen, das ist eine bestimmte Szene, die da demonstriert. Sondern das ist so globalistisch und bunt und unterschiedlich durch alle Gesellschaftsschichten. Es ist unglaublich.

Das Gespräch mit Eduard Erne führte Bernd Leukert

Eduard Erne, geboren 1958 in Bregenz am Bodensee.
Dokumentarfilmer, Autor für „Kulturzeit“ (3sat) und Redaktor beim Schweizer Fernsehen SRF.

Siehe auch:

Occupy:Frankfurt

erstellt am 17.10.2011

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