Fridriksdottir-Ausstellung

Die Kraft der Bücher

Von Isa Bickmann

Elementar, erdverbunden-archaisch, überzeitig, dabei inszenatorisch kunstvoll arrangiert, magisch und voller Energie erscheinen die Werke von Gabríela Friðriksdóttir und wirken derart einnehmend, dass man den hohen, stets stark heruntergekühlten Raum der Frankfurter Schirn Kunsthalle ungern wieder verlässt, obwohl den Körper ein Frösteln überzieht, als befände man sich im aktuell minus 2 Grad kalten Island.

In dem abgedunkelten Raum bewegt man sich zuerst zwischen nachgeahmten Baumstümpfen, in deren Inneren die von Island erstmals außer Landes gegebenen mittelalterlichen Handschriften, wie die berühmte „Edda“, präsentiert werden – bis auf eine im geschlossenen Zustand. Friðriksdóttirs Aufgabe war es, die wertvollen Leihgaben auszuwählen, was sie nach eigenem Bekunden nach dem „Aussehen“ folgend, nicht nach Inhalten tat, und um diese zum Weltkulturerbe gehörenden Objekte eine Ausstellung zu kreieren. So nimmt sie die „innewohnende Kraft“ der Bücher (Kurator Matthias Wagner K im Kat., S. 86), dieser Sagen um Könige, Helden, Götter, Mythen, Gesetzestexte und Glaubensregeln, auf und überträgt deren „Aura“ in ein installativ-multimediales Werk.

Die dem internationalen Publikum 2005 durch die Gestaltung des isländischen Pavillons auf der Biennale in Venedig bekannt gewordene Künstlerin lockt die Besucher in ihre Installation hinein, die wie eine Bühne aus zwei geteilten Sandlandschaften, einer hellen und einer dunklen, inszeniert ist, und auf einem Weg durchschritten werden kann. Dort lässt sie die „Manuskripte Skulptur werden“ (Friðriksdóttir). Der Titel Crepusculum, wobei sie zu Recht auf das wunderschön klingende französische Wort „Crépuscule“ verweist, auf das sie bei einem Aufenthalt in Belgien traf, ist der lateinische Begriff für Dämmerung und steht für die „endlose Metamorphose“. Alles geht und vergeht, das zeigt z. B. ein auf den hellen Sand geworfenes Video, in dem sich wandelnde Zeichnungen von spermienartigen Wesen, biomorphe Gefäße, Pflanzenstrukturen, spirituell anmutende Linien, ein typisiertes Paar beim Geschlechtsverkehr, Spinnentiere, die Kenner des französischen Symbolismus an Odilon Redon denken lassen, ein Spiel treiben: alles in einem Loop und immer von neuem beginnend.

Zentraler Ort der Installation ist eine riesige Samenkapsel, die ihren Inhalt bereits freigegeben hat. Filme, zu sehen auf den in die Sandhügel eingebauten Monitoren, erzählen vom Werden und Vergehen, vom Erwachen und Zerstören, alles mit Objekten, die auch in der Installation zu sehen sind: jene Samenkapsel, Knochen, Formen aus Ton, zum Teil gefüllten Glasgefäßen, die dem Labor eines Alchimisten zu entstammen scheinen, und verbrannte Holzstämme, wie sie auch im Film zu sehen sind. Dort nimmt ein archaisch anmutender Mann, von Schleim bedeckt, Fische aus. Wir sehen kleine Tierherzen, die noch schlagen. Die Filme sind verstörend und geheimnisvoll, erklären indes den Kosmos der in Reykjavik lebenden Künstlerin, die sich angezogen fühlt von der Sinnlichkeit elementarer Materien wie Sand, Moos, Asche, Schleim, Wasser, Blut, Wind, Papier, verfallende Industrieprodukte wie ein Flugzeugrumpf und rostige Container, feuchter Fels.

Alles in allem scheint Zeit als große Überschrift über diesem Werk zu stehen, das in seiner fremdartigen Rätselhaftigkeit überwältigt. Übertönt wird die theatralische Inszenierung im Halbdunkel von einem sich ebenfalls wiederholenden Gedicht der Künstlerin, das eine getragene männliche Stimme spricht:

„So this is the world.

I move down throught its albumen.

Slowly through the slime I reach the bottom and adjust the mirror…“

Gabríela Friðriksdóttir steht in ihrer überhöhenden Bildsprache mit Totalen, Frontalaufnahmen und Detailaufnahmen symbolhafter Attribute in einer Linie mit dem amerikanischen Multimediakünstler Matthew Barney. Mit ihm und seiner Frau Björk hat sie bereits zusammengearbeitet. Wie er schafft sie es, die Aufmerksamkeit des Betrachters mit bildgewaltigen Filmen in ihren Bann zu ziehen, ihn mit der Schönheit der Aufnahmen, indes zugleich abstoßenden Vorgängen zu berühren und die dort verwendeten Objekte symbolhaft in einem Ausstellungsensemble zu inszenieren.

erstellt am 15.10.2011

AUSSTELLUNG in der Schirn Frankfurt:

Gabríela Friðriksdóttir. Crepusculum

29. September 2011 – 8. Januar 2012

Gabríela Friðriksdóttir

Gabríela Friðriksdóttir
Crepusculum
Ausstellungsansicht
© Schirn Kunsthalle Frankfurt
Foto: Norbert Miguletz

Gabríela Friðriksdóttir

Gabríela Friðriksdóttir
Crepusculum
2011
Foto von Video, 29:00 mins / ed. 5 + 2 AP
Courtesy of the artist
© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2011
Foto: Jirí Hroník

Gabríela Friðriksdóttir

Gabríela Friðriksdóttir
Crepusculum
2011
Foto von Video, 29:00 mins / ed. 5 + 2 AP
Courtesy of the artist
© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2011
Foto: Jirí Hroník

Gabríela Friðriksdóttir

Gabríela Friðriksdóttir
Crepusculum
Zeichnung
2009/2010
Bleistift und Acryl auf Papier
28 × 21,5 cm
Courtesy of the artist
© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2011

Gabríela Friðriksdóttir

Gabríela Friðriksdóttir
Crepusculum
2011
Foto von Video, 29:00 mins / ed. 5 + 2 AP
Courtesy of the artist
© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2011
Foto: Jirí Hroník