Die Zeiten ändern sich. Filme, Games, E-Book-Reader, das iPad und eine Gala – Die Buchmesse wandelt sich zusehends zur Medienmesse. Und der Messedirektor trägt mittlerweile Smoking …

Von der Buch- zur Medienmesse

Das Buch bekommt Glamour

Von Volker S. Stahr

Am Buchmessen-Freitagabend. Gegen 20 Uhr, vor der ehrwürdigen Alten Oper, dem traditionell glanzvollen Prunksaal der Mainmetropole. Festlich gekleidete Menschen stehen Schlange an der Treppe zum Hauptportal oder defilieren den roten Teppich hinauf. Immer wieder unterbrochen von heranfahrenden Limousinen. Filmgrößen wie Heiner Lauterbach und Claudia Michelsen oder der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier steigen aus, stöckeln oder schreiten im Blitzlichtgewitter ebenfalls die Treppe hinauf. Unter den Prominenten auch Buchmesse-Direktor Juergen Boos. Drinnen nämlich, im feierlichen Ambiente, wird er an diesem Abend wieder einmal den Preis für die beste Literaturverfilmung des Jahres verleihen. Und dessen imaginärer Preisträger überstrahlt alle: die Harry-Potter-Verfilmungen, für die Produzent David Heyman den Preis entgegen nehmen wird.

Doch was aussieht wie der feierliche Höhepunkt der Buchmesse, gehört eigentlich gar nicht so ganz dorthin. Mitten am Königsabend der Messe wird seit einigen Jahren im Herzen von Frankfurt und seiner Bücherschau auch der Hessische Film- und Kinopreis verliehen. Der Preis für den besten Film mit Bezug zu Hessen (nominiert sind 2011 „Babycall”, „Schlafkrankheit” und „Wer wenn nicht wir”). Der Preis für ein Lebenswerk, diesmal verliehen an Heiner Lauterbach. Und eben der Preis für die beste Literaturverfilmung. Ein Preis für das Buch, diesmal sehr prominent besetzt – aber trotzdem nur einer von vielen. Nicht von ungefähr hatten noch vor sieben Jahren, als er zum ersten Male am Messefreitag in Frankfurt verliehen wurde, einige Verlags-Granden leise gemurrt. Denn eigentlich ist der Freitagabend „ihr“ Königsabend. Und der Hessische Film- und Kinopreis, zuvor in Wiesbaden verliehen, schien sich nur eingeschlichen zu haben.

Doch mittlerweile wird weniger gemurrt. Mittlerweile gilt der Abend zumindest als ein glanzvoller Höhepunkt der Messe. Nicht nur wegen des Preises für die beste Literaturverfilmung. „Nein“, so Buchmesse-Chef Boos. „Der Abend verleiht dem Buch einen Glamour“. Einen Glamour, den dieses Buch sonst nicht besitzt und der so auf die ganze Messe strahlt. Nicht von ungefähr ist Boos mittlerweile neben dem hessischen Ministerpräsidenten und dessen Ministerin für Wissenschaft und Kunst auch Co-Gastgeber des Film- und Kinopreises. Und nicht von ungefähr hat er sich bereits im vergangenen Jahr, wie er damals überall stolz verkündete, eigens einen neuen Smoking für die feierliche Gala zugelegt. Standesgemäß findet sie eben mit Smoking und Abendkleid sowie einem üppigen Empfang statt. Sehen und gesehen werden ist das klassische Motto. Der Film- und Kinopreis ist so längst zu einem Vorzeigeobjekt der Buchmesse geworden.

Und dies hat noch einen zweiten Grund. „Die Buchmesse“, so ihr Direktor, „ist zur Medienmesse geworden“. „Zu einem Marktplatz für Geschichten und Inhalte“, auf dem längst viele Kreativbranchen ihre spannenden Stoffe finden und immer mehr vernetzen. Nicht von ungefähr. „Filmproduzenten”, so Boos, „haben etwa immer weniger Lust, sich auf neue Stoffe einzulassen, sondern nehmen gerne etwas, das als Buch bereits erfolgreich war”. Und nicht nur diese. So finden immer mehr Unterhaltungsbranchen ihren Platz auf dem Messegelände. Neben Film sind Musik und Videospiele die bedeutendsten. Sie stehen stellvertretend dafür, wie die Medienbranchen heute ihr Geschäft verstehen und betreiben. Nämlich als Verwertungskette. Das „Buch zum Film“, der „Film zum Buch“, das „Videospiel zu Buch und Film“ sind nur einige Glieder. „Avatar“ gibt es als Film und Game, den „Herr der Ringe“ als Buch und Film. Und Preisträger Harry Potter ist längst der ungekrönte König in allen drei Genres dieser Verwertungsketten.

Auf der „Buchmesse“ kann man diese Ketten nicht nur auf solchen Events wie am Freitagabend oder in den einzelnen Medienbereichen sehen. Der zentrale Messe-Kongress über zwei Tage spiegelt das geänderte Verständnis und die neue Medienwelt in Frankfurt wider. „StoryDrive“ ist der Titel am Mittwoch und Donnerstag, Untertitel „Inhalt ohne Grenzen“. “StoryDrive” positioniert sich dabei als „Konferenz und crossmedialer Handelsplatz”, auf dem alle Rechte munter verhandelt werden können. Doch mehr noch: Im zentralen Film & Media Forum im Foyer der Messe geht es um Geschichtenerzählen über alle Grenzen, also um das kreative Entwickeln von Stories über die medialen Genres hinweg. „Pimp my story. Mrs. Book meets Mr. Games“, „Technology Meets Content Meets User“, „Transmediales Storytelling”, „Spiel das Buch – Enhanced Books”, „Das ganze Leben ist ein Spiel” – Die Palette der Themen, um die es an diesen zwei Tagen gehen wird, zeigt schon den Weg in die neue Medienzukunft …

Was der Kongress vorzeichnet, begegnet einem an allen Ecken und Enden der Messe. Längst sind es keine Nischen mehr. Dies gilt vor allem für die Filmbranche. Schon weit vorne nahe dem Eingang hat sie seit einigen Jahren einen festen Platz. Im „Film & Media Forum“ laufen täglich Filme, treffen sich Filmagenten mit Verlagsvertretern, lädt die Film- und Medienbranche zu kleinen Festivals und zum Get-together. Schon klassisch sind die Speed-datings. Verlagsvertreter sitzen einen Tag lang bereit für kurze Gespräche mit ständig wechselnden Vertretern der Filmbranche. Was habt ihr? Was geht? Was könnte man wie umsetzen? Was könnte man mit wem besetzen? Hier werden Bücher zu Filmen. Vor einigen Jahren gestartet, könnten heute im großen Kinosaal im Forum längst zahlreiche erfolgreiche Belegbeispiele gezeigt werden.

Was die Filmbranche vormachte, vollziehen die anderen nach. Bereiche wie Bild oder Musik haben eigene Plattformen. Und ganz selbstverständlich verändern sich auch die Akteure. Apple und Vodafone etwa gehören heute ebenso zur Messe wie C.H. Beck oder Suhrkamp. Das große Thema aber ist die Digitalisierung. E-Reader, iPads und andere Tablets sieht man an allen Ecken und Enden der Messe. Auf ihnen sollen und werden in Zukunft auch immer mehr Bücher und Texte laufen. Fleißig gebloggt wird auf der Messe auch, von Mitarbeitern und Gastbloggern. Und auch Mobile und Social Media werden groß geschrieben. Und natürlich das Netzwerken zwischen allen diesen neuen und alten Branchen und ihren Vertretern. Denn: „Netzwerken ist eine Kernfunktion der Buchmesse“, sagt Messechef Boos und benutzt zumindest noch ein Mal das altertümliche Wort mit den vier Buchstaben …

erstellt am 15.10.2011

„Harry Potter“-Produzent David Heyman
„Harry Potter“-Produzent David Heyman

Heiner Lauterbach, Andres Veiel und Pepe Danquart sind mit dem Hessischen Film- und Kinopreis ausgezeichnet worden. Prominentester Preisträger ist „Harry Potter“-Produzent David Heyman.