In diesem Herbst gibt es gleich drei groß angelegte thematische Ausstellungen, die das Werk von Max Beckmann beleuchten: In Basel werden die Landschaften, in Leipzig die Porträts und in Frankfurt das Spätwerk gezeigt. »Beckmann & Amerika« heißt die Ausstellung im Frankfurter Städel, die Jutta Schütt kuratierte. In ihrer Eröffnungsrede, die FAUST hier dokumentiert, erläutert sie ihre Vorgehensweise.

Max Beckmann, Departure, 1932/1933-1935

Max Beckmann, Departure, 1932/1933-1935, Öl auf Leinwand,
Mittelbild: 215,3 ×115,2 cm, linker und rechter Flügel: 215,3 × 99,7 cm. Foto: © 2011. Digital Image, The Museum
© VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Kunst-Ausstellung

Beckmann & Amerika

1947 geht für Max Beckmann ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Er überquert den Atlantik und reist nach Amerika – zum ersten Mal in seinem Leben. Die Freiheit des offenen Meeres mag sinnbildlich für den Aufbruch stehen, der für seine Arbeit und sein Leben mit diesem Schritt verbunden ist.

Es scheint, als ob nun der ferne Horizont erreicht wird, den Beckmann Mitte der 30er Jahre in seinem Triptychon mit dem Titel Abfahrt/Departure als eine Utopie der Freiheit malte. Diese Gemälde zählte schon 1947 zum festen Sammlungsbestand des Museum of Modern Art in New York. Gleich nach seiner Ankunft in Amerika wurde Beckmann vor seinem bedeutenden Werk für die Presse fotografiert.
Dieses früheste Triptychon Beckmanns bildet den Anfang der Städel-Ausstellung. Und noch ein anderes frühes Gemälde, eine weitere Leihgabe aus dem MoMA, habe ich am Anfang gestellt: die Kreuzabnahme aus dem Jahr 1917. Dieses Gemälde habe ich für diese Ausstellung ausgewählt, weil es einen weiten Rückblick auf die Stilentwicklung des Künstlers erlaubt und weil es darüber hinaus für das Städel von sprechender Bedeutung ist: Es ist das erste Gemälde Beckmanns, das der für den Einzug der Moderne ins Städel verantwortliche Direktor Georg Swarzenski 1919 erwarb.

Stellvertretend mag es daran erinnern, dass Beckmann 1915 nach Frankfurt kam, dass er hier lehrte, dass man ihm sein Lehramt entzog und dass seine Werke als entartet beschlagnahmt wurden – und es soll auch an die späte Wiederbegegnung beider Männer in Amerika erinnern. Gemälde wie die Kreuzabnahme tragen schon durch ihre Provenienz, wo auch immer sie ausgestellt werden, zum kritischen Nachdenken über Kunst und Geschichte bei.

1937 flüchtete Beckmann mit seiner 20 Jahre jüngeren Ehefrau Mathilde aus Deutschland nach Amsterdam. Bereits 1939 wollte er eine Lehrstelle in Chicago antreten, doch der Ausbruch des Weltkrieges verhinderte dies und er blieb in Amsterdam. Gleich nach dem Ende des Krieges nahm er Kontakt zu dem Kunsthändler Curt Valentin, dem die Auswanderung nach Amerika gelungen war. Valentin stellte Beckmanns Gemälde aus den letzten Jahre und das druckgraphische Mappenwerk „Day and Dream“ aus, durch das er dem amerikanischen Publikum das Spektrum seiner Bildwelten vorstellen kann.

Curt Valentin ebenso wie Perry Rathbone, Direktor des Saint Louis Art Museum, besuchten den Künstler in Amsterdam und schmieden Pläne für weitere Ausstellungen. Rathbone bereitete für 1948 für Saint Louis eine umfassende Beckmann-Retrospektive vor, die in mehreren amerikanischen Städten reisen sollte. Beide werden zu Freunden Beckmanns und beide sind maßgeblich mitverantwortlich für sein erstes Engagement in Amerika. Nach zehn langen, zwar äußerst produktiven, aber isolierten Jahren wagt der inzwischen 63-jährige Beckmann einen Neuanfang in der Fremde.

Drei Jahre wird Max Beckmann in Amerika leben und arbeiten. Er wird wieder unterrichten, wie er es einst an der Städelschule in Frankfurt getan hat: zunächst in Saint Louis an der Saint Louis Art School der Washington University, wo er seinen jungen Kollegen Philip Guston vertritt, anschließend bis zu seinem plötzlichen Tod im Jahre 1950 an der Brooklyn Museum Art School in New York. Die familiäre Atmosphäre in Saint Louis, das Leben auf dem Campus mit den Studenten, erinnern Beckmann ein wenig an das Frankfurt der Zwanziger Jahre. Die Anonymität und das pulsierende Leben in der Metropole New York kommen dem Beobachter Beckmann entgegen, der sich ins Plaza Hotel setzt, im Central Park spazieren geht, sich durch die Straßen treiben lässt und wissbegierig die kulturhistorischen Schätze in den Museen der Stadt aufsucht.
Beckmann wurde in Amerika mit offenen Armen empfangen: Interviews, Ausstellungen, Empfänge, ein intensives gesellschaftliches Leben und viele interessierte und motivierte Studenten. Als Künstler ein Einzelgänger, liebt es Beckmann im Mittelpunkt zu stehen, aber er sucht auch das Alleinsein, für seine Lektüre, seine Korrespondenz, vor allem aber für seine Arbeit im Atelier.

Das in Amerika entstandene Werk ist reich und weitaus umfangreicher, als es diese Ausstellung „Beckmann & Amerika“ zeigen kann. An die 90 Gemälde sind im Werkverzeichnis für diesen Zeitraum aufgeführt. Besonders wenn kein Atelier zur Verfügung stand, während der Reisen und Sommerkurse, die Beckmann in Boulder am Rande der Rocky Mountains oder am Mills College im kalifornischen Oakland gab, zeichnete er und verarbeitete seine zwischen Wirklichkeit und Imagination lebenden Eindrücke, seine zwischen Day and Dream liegenden Welten. Es sind eigenständige großformatige Zeichnungen und Aquarelle neben kleineren Skizzen, die mit dem Füllfederhalter im Hotelzimmer oder mit dem damals brandneuen Medium des – noch hin und wieder klecksenden – Kugelschreibers entstanden sind. Auch begann Beckmann nach langer Pause wieder plastisch zu gestalten und er arbeitete an einem großformatigen Holzschnitt, der unvollendet blieb. Für seine malerische Arbeit im Atelier entdeckte Beckmann das Neonlicht, das fluorescent light. So war er nicht auf das Tageslicht allein angewiesen, sondern konnte beispielsweise an seinem Triptychon „Argonauten“, das heute der National Gallery in Washington gehört, auch des Nachts arbeiten.
Wohl deutlicher als eine Beckmann-Retrospektive macht uns die Konzentration auf nur drei Jahre seines Schaffens das überraschend vielfältige Spätwerk Beckmanns bewusst. Wir können sehen, wie diese Werke von malerischer Vitalität und geistiger Energie durchdrungen sind. Und wir betrachten ein Werk, in dem sich frei, ja regelrecht befreit, europäische Wurzeln mit neuen Eindrücken des fremden Kontinents verbinden.

Beckmann lebte in Amerika zu einer historisch wie kunsthistorisch aufregenden Zeit. Es war die Geburt des Abstrakten Expressionismus: Jackson Pollock, Barnett Newman oder Mark Rothko traten mit Gemälden an die Öffentlichkeit, die von nachhaltiger Wirkung auf die Entwicklung der Kunst sein sollten. Doch die Aufmerksamkeit für einen Künstler wie Max Beckmann, der sein Ringen mit Farbe und Form und seine durch und durch metaphysische Raumauffassung stets am Beispiel der Figuration verwirklicht, war deshalb nicht folgenloser. Heute erkennen wir, wie gleichermaßen wichtig beide Positionen für die weitere Entfaltung der Kunst geworden sind.
Jeder Besucher unserer Ausstellung, jeder Betrachter bringt andere Erfahrungen und ein eigenes Wissen mit sich. An diese eigentlich selbstverständliche Tatsache werden wir angesichts der Werke Beckmanns immer wieder in besonderem Maße erinnert. Denn welche Informationen auch hinzugewonnen werden – durch Katalog oder google, durch Audioguide oder Führung, durch Gespräch mit dem Nachbarn oder Zwiegespräch mit dem Gemälde – die unabhängigen Welten der Kompositionen von Max Beckmann lassen sich niemals entschlüsseln und entzaubern. Das ist ihre Qualität und bleibt ihr einzigartiges Geheimnis.

Jutta Schütt hat Kunstgeschichte und Archäologie in Hamburg und Wien studiert und mit einer Studie über Arnulf Rainer 1994 promoviert. Seitdem ist sie als Kuratorin im Städel, wo sie für die graphische Sammlung verantwortlich ist. Zu den besonderen Ausstellung, die sie im Städel in den letzten Jahren kuratiert hat, gehören „Hermann Nitsch. Utopien auf Papier“ (2004) und „Wasser – Farbe – Licht. Aquarelle der graphischen Sammlung“ (2008).

erstellt am 10.10.2011

Max Beckmanns (1884–1950) in Amerika entstandenes Spätwerk ist erstmals Thema einer monografischen Sonderausstellung, die unter dem Titel Beckmann & Amerika vom 7. Oktober 2011 bis 8. Januar 2012 im Frankfurter Städel Museum gezeigt wird.

Max Beckmann, Kreuzabnahme, 1917

Max Beckmann
Kreuzabnahme, 1917
Oil on canvas, 151 × 129 cm
Museum of Modern Art, New York
Foto: © 2011. Digital image,
The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence
© VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Max Beckmann, Argonauten, 1949–50

Max Beckmann
Argonauten, 1949–50
Öl auf Leinwand, Mittelbild: 205,8 × 122 cm,
linker und rechter Flügel: 184,1 × 85,1 cm
Foto: Copyright 2011: Image courtesy of the
National Gallery of Art, Washington
© VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Max Beckmann, Selbstbildnis mit Zigarette, 1947

Max Beckmann
Selbstbildnis mit Zigarette, 1947
Öl auf Leinwand, 63,5 × 45,5 cm
Dortmund, Museum Ostwall im Dortmunder
Foto: Jürgen Spiler, Dortmund
© VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Max Beckmann, The Town. City Night, 1950

Max Beckmann, The Town. City Night, 1950
Öl auf Leinwand, 164,5 × 190,5 cm
Saint Louis Art Museum, Bequest of
© VG Bild-Kunst, Bonn 2011