Was für eine Leistung! Über 30 Bücher hat er übersetzt, vor allem Dario Fo und Leonardo Sciascia, über 40 Bücher hat er selbst verfasst, und dennoch gilt er als Szeneschriftsteller, von dem allenfalls noch der Titel Die Herren des Morgengrauens (1978) im Gedächtnis der betagten Damen und Herren nachklingt. Das liegt womöglich daran, dass Peter O. Chotjewitz all das in seiner Person vereinigte, was die öffentliche Meinung politisch korrekt weit auseinander dividiert hatte. Wer den Herrn mit der Fliege advokatisch unaufgeregt erlebte, konnte desselben Neigung zum anarchischen Exzess damit nicht in Einklang bringen, den Rechtskundigen nicht mit dem Erkunder staatlichen Unrechts. Darin liegt sicher eine Erklärung für die Marginalisierung dieser Künstlerfigur: Er war bis zuletzt ein engagierter Schriftsteller seiner Zeit, der mit Montagen heterogener Textsorten, Theater- und Hörspielarbeiten oder mit traditionellem, verdichteten Bericht das erschütternde Rechtsverständnis der politischen Klasse und die ebenso unbegreifliche Entgrenzung des Widerstands dagegen thematisierte. Die Erinnerungen, die Peter O. Chotjewitz vor seinem Tod (im Dezember 2010) für Jürgen Roth zur Sprache brachte, lassen noch einmal den leidenschaftlichen Schilderer unserer Verhältnisse hervortreten. Dass er nun verstummt ist, ist ein Jammer, denn man möchte doch weiterlesen. Bernd Leukert

Peter O. Chotjewitz, Ende der 1960er Jahre
Peter O. Chotjewitz, Ende der 1960er Jahre

Vier Tage im letzten September, drei Monate vor seinem Tod, erzählte Peter O. Chotjewitz in 16 Kapiteln einer Éducation sentimentale die Lebensgeschichte seiner Gefühle. Sie liegt jetzt, aufgenommen, redigiert und herausgegeben von Jürgen Roth, unter dem Titel Mit Jünger ein’ Joint aufm Sofa, auf dem schon Goebbels saß auf 360 Seiten vor.
Faust veröffentlicht hier das elfte Kapitel in Auszügen.

So viele ›Ichs‹ kann ich gar nicht sein

Peter O. Chotjewitz: Éducation sentimentale

Aufgezeichnet von Jürgen Roth

Als Junge, ich war vielleicht sechzehn, siebzehn Jahre alt, hatte ich eine Halluzination. Wir wohnten in diesem Dorf in Nordhessen, in Schachten. Im Haus gab es eine Treppe. Wir wohnten oben. Ich ging die Treppe runter. Da war kein Spiegel, da war nichts, was mich zu dieser seltsamen Illusion hätte anregen können. Ich hatte plötzlich das Gefühl, eine Art Frankensteinsches Monster zu sein.

Es wird ja meistens übersehen, daß Frankenstein nicht das Monster ist, sondern der Arzt. Das, was der Arzt erzeugt, ist das Monster. Eigentlich ist es auch gar kein Monster. Zwei Dinge machen seine Eigenart aus. Zum einen ist es ein aus Körperteilen anderer Menschen zusammengesetzter Körper, es hat keinen eigenen Körper, es ist ein Konglomerat. Zum anderen sind ihm Geist, Verstand und die Seele von Dr. Frankenstein eingehaucht worden.

Daß man das, als Mary Shelley am Comer See diese Geschichte schrieb, mit Hilfe der Elektrizität machte, ist klar. Kein Mensch wußte damals, wie Elektrizität funktioniert, auch das elektrische Licht war noch nicht erfunden, man hat die Städte noch mit Gas beleuchtet. Dr. Frankenstein benutzt, wenn ich mich richtig entsinne, Elektrizität, um diesem von ihm geschaffenen Wesen Leben einzuhauchen.

Ich hatte also das Gefühl, eins von Frankensteins Geschöpfen zu sein. Ich konnte mir sogar vorstellen, woraus ich zusammengesetzt war, nämlich aus Menschenbildern, auf die ich in Romanen, in Filmen und in meiner näheren Umgebung gestoßen war.

Ein wichtiger Teil dieses Körpers, aus dem ich bestand, waren Verhaltensweisen, Gesten, Körperhaltungen meines Vaters. Ich war nicht nur eine Folge der Samenverteilung meines Vaters, sondern er hatte in mich auch Formen des Benehmens hineingepflanzt. Und die Energie, die er in mir erzeugt hatte wie der Strom das Monster des Dr. Frankenstein, war die Energie meiner Umwelt. Meine Umwelt gab Energie ab, und sie war in mich hineingeflossen und hatte mich zum Leben erweckt.

Ich war gewissermaßen durch ein naturwissenschaftliches Experiment entstanden – und zugleich mit Hilfe der menschlichen Gesellschaft, in der ich lebte, in der ich aufgewachsen war, insonderheit mit Hilfe des Vaters. Er war in unserer Familie die dominante Figur, wie fast überall.

Mir war in diesem Augenblick klar: Wenn das so mit mir ist, ist das mit allen Menschen so, und es ist immer so gewesen. Jeder Mensch ist eine Figur, wie sie im 20. Jahrhundert in der Science- Fiction-Literatur und im Film aufgetaucht ist, in so schlechten Filmen wie Die Truman Show zum Beispiel.

Da lebt einer in einem Filmstudio und merkt es erst, als er schon dreißig Jahre alt ist, und seine Frau ist gar nicht seine Frau, sondern eine Filmschauspielerin, und sein Leben ist nichts weiter als die Summe der ausgestrahlten Bilder, und draußen sitzen Fernsehzuschauer und gucken zu, wie er geboren wird, wie er aufwächst und wie er lebt.

Ungefähr diese Vorstellung hatte ich Anfang der fünfziger Jahre auf der Treppe. Wir alle sind, insbesondere, was unsere geistigseelische Formation betrifft, das Produkt vielfältiger, langwieriger Sozialisationsmaßnahmen und Erziehungsprojekte. Das wußte ich damals alles nicht, ich hatte ja noch kein Abitur, ich war ein kleiner Malergeselle, der morgens um Viertel vor sechs zur Arbeit ging, und trotzdem fühlte ich das.

Ich finde es interessant, daß ich das Gefühl einer Existenzform habe, die in einem schlechten Film nachgespielt werden könnte. Diese Illusion war überhaupt nicht schockartig. Sie hat vielmehr mein späteres Leben und meine Auffassung vom Leben und auch meine politische, ideologische Haltung geprägt.

Wenn man dieses Lebensgefühl hat, wird der Mensch im Umkehrschluß auch beeinflußbar, dann bekommt Politik eine reale Funktion. Wäre der Mensch ein ganz und gar eigensinniges, reines, weil naturwüchsig entstandenes Wesen, wäre die ganze Politik zwecklos. Dann könnten wir nur noch sagen: Leute, so ist es, auf Wiederschauen, ich gehe mal ein Bier trinken.

Politik und Erziehung können nur funktionieren, Literatur und Kunst können nur funktionieren, wenn man akzeptiert, daß die Zielpersonen durch Zusammensetzung entstanden sind, denn nur dann kann man wiederum Einfluß nehmen, indem man die Zusammensetzung der Zielperson verändert.

Daraus ergibt sich keinesfalls, daß Menschen beliebig manipulierbar wären. Es gibt Naturkonstanten, die Grenzen der Einflußnahme darstellen und dazu führen, daß ein einigermaßen kompliziertes Gedicht nur von sehr wenigen Menschen verstanden wird. Über solche Grenzen kommst du nur schwer hinweg.

Das betrifft genauso die Politik. Aber wenn du den Menschen so interpretierst, wie ich das als Pubertierender ohne große Bildung getan habe, schafft das Raum, um anders zu leben. Ich selber kann anders leben. Ich kann sagen: Okay, die anderen haben mich geschaffen, aber ich kann auf mich Einfluß nehmen, ich kann mir eine andere Richtung geben.

Wichtig war vielleicht auch der Raum, zu dem die Treppe runterführte. Es war ein mickriges Häuschen, in dem wir wohnten. Es gehörte dem ehemaligen Kutscher des Grafen, der aber nur noch den Milchwagen zur Molkerei brachte. Jeden Morgen fuhr er durchs Dorf und sammelte die Milchkannen ein, auch auf dem Gutshof.

Als ich da einzog, ich war ungefähr elf Jahre alt, betrat ich diesen düsteren, immer kühlen Vorraum, der nicht größer als ein Bauernwohnzimmer war. Von ihm ging das Scheißhaus ab, das war ein Raum mit einer Sitzbank, in der ein Loch war. Man schiß in eine Grube, und da lag die Scheiße dann.

Der Eingangsraum stank deshalb immer ein bißchen, vor allem im Sommer. Die Grube wurde ja nur geleert, wenn sie richtig voll war. Sie zog auch viele große, schöne, bunte Scheißschmeißfliegen an, die das ganze Haus eroberten, und im Winter gefror die Scheiße. Von Zeit zu Zeit warf der Kutscher oder mein Vater mit einem hinter dem Haus stehenden dicken, langen Stock diesen Baumkuchen um. Wenn einen die festgefrorene Scheiße am Arsch zu kitzeln begann, zerbröselte sie einer der beiden Männer, und dann konnte man wieder in Ruhe scheißen.

Als ich in dieses Haus zog, das dürfte im Januar 1946 gewesen sein, hörte ich, wenn ich durch den Vorraum ging, immer ein entsetzliches Stöhnen. Ich habe dann erfahren, daß das die Frau des Kutschers war, die in einem kleinen Zimmer lag und starb. Damals gab es noch keine Schmerzmittel, man hatte keine Opiate, man konnte den Leuten, die Schmerzen hatten, nicht helfen.

Man konnte sie nur so weit weglegen, daß man ihr Stöhnen und vielleicht auch ihr leises Schreien und Rufen nicht hörte. Nachdem diese gute Frau gestorben war, bin ich mal in dieses Zimmer geschlichen, und da sah ich etwas, das sprichwörtlich ist. Damals wußte ich noch nicht, daß es sprichwörtlich ist. Später habe ich wiederholt in literarischen Texten gelesen, daß es das gebe – eine von den Fingernägeln zerkratzte Tapete. Die Tapete war bis auf den Putz herunter abgekratzt.

Sie hatte, was später in Splatterfilmen immer wieder auftaucht, in ihrem Todesschmerz die Wand zerkratzt. In Splatterfilmen werden Menschen meistens in Särgen lebendig begraben, und wenn man draufkommt, daß der vielleicht noch am Leben war, als man ihn begraben hat, wird der Sarg wieder rausgeholt, und dann stellt man fest, daß der Scheintote die Ausfütterung des Sarges abgerissen und zerkratzt oder angefangen hat, das Totengewand aufzufressen.

In diesem Zimmer trat der Topos der zerkratzten Wand das erstemal in Erscheinung, und vielleicht war es dieses Bild, das ich meinte, als ich die Treppe runterging und diese Illusion von mir als einem von Dr. Frankenstein geschaffenen Wesen hatte. Denn diese gute Frau wurde, nachdem sie gestorben war, in der Diele aufgebahrt. Da lag sie, und es war sehr heiß. Sie stank. Ab und zu ging ihr Mann hin und versprühte Kölnisch Wasser, oder es wurde Weihrauch aufgestellt, um den Gestank der Leiche zu überdecken.

Genau weiß ich nicht, wann ich angefangen habe, darüber nachzudenken, daß ich gerne schreiben würde. Aber ich bin sicher, daß ich schon sehr früh literarische Versuche unternommen habe, wahrscheinlich mit einem Bleistift und einem Fetzen Papier. Ich weiß auch, daß ich später, wenn ich mit dem Fahrrad durch Deutschland reiste – meine erste große Fahrradtour habe ich 1951 gemacht –, gelegentlich irgendwas aufschnappte und darüber ein Gedicht schrieb. Das schickte ich meinem Bruder.

Ich habe meinem Bruder lange Zeit kurze Texte geschickt. Ich wollte von ihm hören, wie sie ihm gefielen. Mein Bruder war fünf Jahre jünger. Wenn ich ihm mit siebzehn auf einer Postkarte ein schlechtes Gedicht schickte, sagte er, er war zwölf, immer nur: Das Gedicht taugt nichts. Und ich glaubte ihm. Keine Ahnung, warum ich ihm zutraute, meine Gedichte zu beurteilen.

Als ich fast neunzehn war, hatte ich eine Freundin. Mit der konnte ich eigentlich kaum verkehren. Ihre Eltern hatten es verboten. Sie ging mit mir in eine Klasse. Ich sah sie nur während des Unterrichts. Wir hockten natürlich ständig nebeneinander und haben auch während des Unterrichts gefummelt, oder wir waren in der Pause auf dem Klo.

Außerdem hatten wir das Pech, daß ihr ein Jahr älterer Bruder in unsere Klasse ging. Er war sitzengeblieben. Und er petzte. Hätte der irgendwas mitbekommen, hätte das noch am selben Tag ihr Vater erfahren, und sie wäre vermöbelt worden. Also beschränkte sich unsere Kommunikation aufs Schriftliche.

Sie schrieb nicht viel. Aber ich schrieb alles für sie auf. Sie verschlang es, und jedesmal liebte sie mich um so mehr und sagte: Peter, du wirst mal ein großer Schriftsteller. Du wirst mal ein großer Dichter. Sie ist wahrscheinlich nicht ganz schuldlos, daß ich mir immer eingebildet habe, ich wäre ein relativ guter Schriftsteller.

Gerade die Ferien waren eine besonders schwierige Zeit. Da sahen wir uns überhaupt nicht. Sie wohnte in Kassel, ich wohnte in diesem Dorf in der Nähe, aber wir durften uns nicht treffen. Ich konnte höchstens mal an ihrem Haus vorbeigehen, und wären wir verabredet gewesen, hätte sie hinter dem Fenster gestanden und gewunken.

Sie hätte keinesfalls raus gedurft. Ihr Vater hätte gefragt: Wo willst du hin? Diese Väter hatten damals ununterbrochen Angst, daß ihre Töchter nur deshalb an die frische Luft gingen, weil sie mal einen reingeschoben bekommen wollten. Davon waren diese erzreaktionären Arschlöcher fest überzeugt.

Und deshalb schrieb ich ihr permanent, postlagernd. Nehmt mal an, ich war bei irgendwelchen Bauern auf einer Silvesterfeier gewesen, dann legte ich im Nu eine fünfzehn Seiten lange Schilderung der Feier hin. Ich schilderte alles, was dazugehört, wenn sich auf dem Dorf eine Horde von zwanzig, dreißig Personen im Laufe einer Nacht besäuft und die Bude vollkotzt, wenn sie den anderen Frauen an die Titten gehen und so weiter.

Thematisch gab es keine Schranken. Wenn auf einer Kirmes die Bauersfrauen, nicht nur die unverheirateten, auch die verheirateten, zwischendurch mal rausgingen, wurden sie immer ganz schnell von einem Nachbarn von hinten beglückt. Nach fünf Minuten waren sie wieder drinnen, der Mann stellte sich an die Theke, und alle wußten, daß in so einer Kirmesnacht ununterbrochen beglückt wurde.

Die dörfliche Kirmes in meiner frühen Jugend war geradezu eine Swingerparty. Es fand keiner was dabei. Es wurde nicht gefragt: Wo warst du die letzten zehn Minuten? Der Ehemann stand ja die meiste Zeit an der Theke und soff den selbstgebrannten Schnaps. Der war froh, wenn die Alte ihn in Ruhe ließ. Da konnte er mit seinen Kumpeln die Nacht durchsaufen. Deshalb tanzten auf diesen Festen meistens die Frauen miteinander. Es ist noch heute auf den Dörfern häufig so, daß sich die Männer die Kante geben und die Frauen miteinander tanzen.

Hunderte solcher Situationen schilderte ich meiner Freundin, die nicht raus durfte. Wenn wir uns nach den Ferien wiedertrafen, hatte sie vielleicht fünf derartige mehr oder weniger lange Erzählungen von mir gelesen, Erzählungen, die nicht die geringste Erfindung enthielten, sondern platte, plumpe Aufzeichnungen dessen waren, was ich erlebt hatte.

Natürlich waren auch Liebesbriefe dabei. Das Problem entstand eigentlich erst später, lange nachdem ich diese ersten literarischen Versuche unternommen hatte.

Richtig wieder angefangen zu schreiben habe ich, das habe ich erwähnt, erst Anfang der sechziger Jahre. Da war ich über fünfundzwanzig Jahre alt. Es hatte auch wieder mit einer Frau zu tun. Die Kunststudentin, die ich in Schwabing in der Bar Babalu kennengelernt hatte, Renate war, ich sagte es schon, ihr werter Name, las Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll und die Blechtrommel von Grass, Martin Walsers Halbzeit und Günter Eichs Gedichte und Ilse Aichingers Kurzprosa.

Da sah ich mit meiner hausbackenen Literaturtradition, die sich seit dem Abi nicht groß verändert hatte, ein bißchen alt aus. Für Renate war schon Thomas Mann hausbacken, obwohl sie sonst eher etwas rückständig war. Ich nannte sie aus Spaß manchmal »die Witwe«, weil sie etwas Altjüngferliches hatte, und die anderen aus der Clique übernahmen den zärtlichen Ausdruck. Leute, ich muß weg, ich bin noch mit der Witwe verabredet. Also, ich muß offen zugeben, daß ich auf ein paar bestimmte Texte, die Namen habe ich eben genannt, durch die Witwe gestoßen worden bin.

Was sie las, gefiel mir. Von Ingeborg Bachmanns Dreißigstem Jahr war ich angetan. Mein Verhältnis zu Ingeborg Bachmann hat sich später verschlechtert. Wenn wir die Blechtrommel lasen, nicht kontinuierlich, sondern hier eine Stelle, da eine Stelle, und die lasen wir uns gegenseitig vor, fand ich das prima. Ich war nicht immer so ein Grass-Gegner, wie ich später einer geworden bin. Ich muß sagen, daß der schon ein paar ganz gute Einfälle hatte und ein paar ganz gute Geschichten geschrieben hat.

Aber das Vorlesen reichte natürlich nicht, um diese Frau zu beeindrucken, jedenfalls dachte ich das. Du mußt selber schreiben, dachte ich. Das tat ich. Und mir war klar: Erzählende Literatur konnte ich erstens nicht, und zweitens war das Zeug viel zu lang. Um eine Frau zu beeindrucken, ist eine Geschichte von zehn oder zwanzig Seiten viel zu lang.

Der Text muß knackiger sein. Er muß klingen, als sei er einem gerade erst eingefallen. Anschließend hatte man sie mit Hilfe der Worte weichgekocht und konnte mit ihr ins Bett gehen. Das hoffte ich jedenfalls.

Ich habe Texte geschrieben, während ich Jazzmusik hörte. Ich hörte Stücke von Miles Davis, ich war immer noch ein Fan von Miles Davis, von Charly Parker, schon die ganzen fünfziger Jahre hindurch, auch von den neuen Popsachen, insbesondere von den Rock ’n’ Rollern, angefangen bei Little Richard. Ich ließ ein Stück laufen und sagte mir: Ich schreibe jetzt genau auf die Phrasierung der Musik einen Text, und der richtet sich nicht nach dem Sinn dessen, was ich schreibe, sondern nach den Längen und der Anzahl der Silben der Wörter, die auf die Musik passen.

Wenn du nicht in erster Linie auf die Bedeutung des Textes, der da entsteht, achtest, sondern die Wörter einfach so rauskommen läßt, daß sie auf die Musik passen, entstehen schöne Texte. So waren meine ersten Texte auch. Man konnte sie sich merken.

Ich hatte damals eine bestimmte Technik drauf. Wenn wir in der Kneipe saßen und soffen, habe ich ein paar von diesen Texten von mir gegeben, und sie klangen, als redete ich frei. Dabei hatte ich sie schon öfter vorgetragen. Die, die drum herum saßen, sagten: Mein Gott, was redet der denn da?! Das ist ja unglaublich, was der da redet.

Zur damaligen Zeit, wir waren alle Anfang bis Mitte zwanzig, machte einer, der so seltsam redete, einen enormen Eindruck. Literatur entsteht dann auch durch die Stilisierung dessen, der da redet. Sie entsteht auch dadurch, daß er, vielleicht ohne zu wissen, wie er es anstellt, so etwas wie eine Aura erzeugt.

Die Aura ist unglaublich wichtig. Wenn man sich das mal genauer anschaut, läßt sich literarischer Erfolg in vielen Fällen mit einer auf unterschiedliche Weise erzeugten Aura erklären. Ingeborg Bachmann hatte Erfolg im wesentlichen ihrer Performance wegen. Das gilt für Grass genauso. Man hat ihm seine Texte geglaubt, weil er eine gute Performance hatte. Es war nicht meine Art von Performance. Er hatte die Performance, mit der man Deutschlehrer und Zahnarztgattinnen verführen konnte. Die konnten nichts dafür, daß sie ihn für einen großen Dichter hielten.

Ich habe damit dann nicht mehr aufgehört. Ich las nun auch Sachen, bei denen ich mir sagte: Mensch, so müßte man schreiben. Einer der ersten Autoren, von denen ich das dachte, war Robbe-Grillet.

Ich las seinen Roman La Jalousie. Im Frühjahr 1962 fuhr ich mit der Witwe mehrere Monate nach Almería in Andalusien. Heute ist der Ort versaut. Damals war das eine Kleinstadt, eine Provinzhauptstadt, im Hintergrund die Berge, davor das Meer, Nordafrika, Melilla fast schon in Sichtweite. In Almería gab es nichts außer einem vergammelten Alcázar, in dem Ziegen hausten, und einem Fisch, den ich nie zu Gesicht bekam und der auf dem Rücken einen giftigen Stachel hatte.

Er wühlte sich im flachen Wasser in den weichen Sand, so daß nur der Stachel herausragte, und wartete auf mich. Als ich barfuß auf ihn trat, stach er zu. Der Fuß schwoll an und tat höllisch weh. Ich hatte nicht geahnt, daß es solche Schmerzen geben kann. Man schleppte mich zum Medicus, der schon wußte, daß mich ein Fisch gestochen hatte. Er gab mir eine Spritze.

Was gab es sonst in Almería?

Ich ging jeden Tag aufs Dach der Pension, in der wir uns ein Zimmer gemietet hatten. In dem Haus gab es so gut wie kein Wasser. Damals gab es da unten kaum Wasser. Es gab keine Bäume, es regnete fast nie, Wasser war Mangelware. Die Kamine verströmten den Geruch von verbranntem Öl und Knoblauch, und ich saß da oben und blickte auf die ungeheuer kahlen, inzwischen wahrscheinlich mit Immobilien zugeschissenen Hänge und zur anderen Seite hin aufs Meer.

Ich beschrieb, was ich sah – wie Robbe-Grillet in seiner Jalousie. Ich merkte, daß eine rein deskriptive, verknappte Schreibweise einerseits eine unglaubliche Faszination ausüben kann, andererseits aber auch pädagogisch ist. Sie zwingt den Schreibenden dazu, genau hinzugucken und einen möglichst kurzen, präzisen Ausdruck für das zu finden, was er sieht – und zwar einen, der den Leser in die Lage versetzt, wenigstens in etwa das gleiche zu sehen.

Einige von diesen Texten habe ich aufgehoben und in meinen Roman Die Insel gepackt. In der Insel findet man auch Briefe in einem stümperhaften Englisch. Das war der Briefwechsel, den ich nach der Zeit in Almería mit einem Freund aus der Stadt geführt habe. Er war so alt wie ich und tat nichts. Ich traf ihn auf der Straße und fragte ihn: Was machst du? Daraufhin sagte er: Ich bin Seemann. Er nahm mich mit auf sein Kämmerlein, und tatsächlich war in seinem Zimmer nichts weiter als ein karges Bett, ein kleiner, klappriger Schrank, in dem nichts drin war, ein klappriger Tisch, und an der Wand hing ein Rucksack an einem Nagel.

Das Zimmer befand sich in einem villenartigen Bürgerhaus an der Hauptstraße von Almería. Sein Vater war Notar, also etwas Besseres, und seine Mutter eine ganz, ganz feine, zierliche Frau. Er hieß David Esteban Araez und stammte aus einer sehr angesehenen Familie. Aber er lebte wie ein Dropout. Ihm zuliebe habe ich euren Bruder David genannt.

Wenn wir saufen gingen, gingen wir nie in ordentliche Lokale, sondern immer in irgendwelche Baracken fast ohne Mobiliar, nicht zu vergleichen mit Bars, wie es sie heute in Spanien überall geben mag. Man kam sich wie in einem Banditenfilm vor, wie auf dem Sloop John B. Wir tranken den Kognak aus Wassergläsern, und David zahlte nie. Er brauchte nicht zu bezahlen. Wahrscheinlich ging ab und zu jemand aus der Kneipe zu seiner Mutter oder zu seinem Vater, und dann zahlten die einfach, was er inzwischen versoffen hatte.

Mit David bin ich viel rumgelaufen. Durch ihn habe ich in dieser damals überhaupt noch nicht für den Tourismus entdeckten Stadt die merkwürdigsten Dinge erlebt. Die schrieb ich alle auf die erwähnte Art und Weise auf.

Wir gingen zum Beispiel durch eine Zigeunersiedlung. Die lebten in den Berghöhlen oberhalb der Stadt. Es gab vielleicht tausend Zigeuner in Höhlen, die wahrscheinlich seit ein paar tausend Jahren bewohnt waren. Vor jeder Etage war eine breite Rampe, die als Dach der darunterliegenden Höhle fungierte. Man konnte in Serpentinen drei, vier, fünf Etagen raufgehen. Da spielten schmutzige, halbnackte Kinder, Männer hockten rum, rauchten und schauten einen seltsam an, und die Frauen saßen im Schatten.

Alleine hätte ich mich da nie rein getraut. Später haben mich die Spaziergänge durch diese Höhlenstadt an den Film Plötzlich im letzten Sommer mit Elizabeth Taylor erinnert, in dem ein junger Schönling in einer Favela von Jugendlichen zerfleischt wird. Das habe ich auch mal erlebt. Sie hängen wie Kletten an dir, zwanzig, dreißig Jugendliche. Erst wollen sie Geld, dann wollen sie die Uhr, und zum Schluß wollen sie deinen Anzug, deinen Schlips und deine Schuhe, und wenn du dann bloß noch eine Unterhose anhast, zerfleischen sie dich. Das ist mir selbstverständlich nicht passiert, ich bin auch nie ausgezogen worden, aber in diesem großartigen Film nach einem Stück von Tennessee Williams passiert es.

In der Zeit, als ich in Almería war, wurde in den umliegenden Wüsten und Bergen der Film Lawrence von Arabien mit Peter O’Toole gedreht. Dazu brauchte man Komparserie. Das ist ja ein reiner Komparsenfilm.

Es gibt eine Einstellung, die Peter O’Toole als Lawrence von Arabien auf einem Pferd oder einem Kamel in einer gewaltigen Wüstenlandschaft zeigt, und in der Ferne folgen ihm zehntausend Araber, die mit ihm nach Akaba reiten, dort die Türken verjagen und Arabien befreien.

Man brauchte also die Zigeuner aus den Berghöhlen. Die reichten allerdings nicht, und so sammelten sich täglich mehr Zigeuner auf einem großen Platz am Bahnhof und campierten da. Zum Schluß waren es womöglich drei-, viertausend Zigeuner mit ihren Wagen, ihren Kindern und mit ihren nächtlichen Feuerstellen.

Wegen der Dreharbeiten blieb ich länger als geplant in Almería. Ich wollte wenigstens den Beginn und das Eintreffen der Stars beobachten. Es gab in Almería kein einziges Hotel, in dem man einen Filmstar hätte unterbringen können. Es mußten Notunterkünfte errichtet werden.

Das alles fand in dem Intervall zwischen dem Bau der Mauer und Frühjahr 1962 statt, bevor ich endgültig nach Westberlin zog. Ich kam also mit vollkommen neuem Erlebnisstoff nach Berlin, den ich in den Monaten davor in dieser Einöde gesammelt hatte – nicht nur mit dem, was ich vorher in Frankfurt oder in München an Erfahrungen gesammelt hatte.

Auszug mit freundlicher Genehmigung © Büchse der Pandora, Wetzlar 2011

erstellt am 10.10.2011

Peter O. Chotjewitz
Mit Jünger ein' Joint aufm Sofa,
auf dem schon Goebbels saß

Aufgenommen, redigiert und
herausgegeben von Jürgen Roth
360 Seiten,
Engl. Broschur
Büchse der Pandora,
Wetzlar 2011

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Peter O. Chotjewitz, Foto: Alexander Janetzko
Peter O. Chotjewitz, Foto: Alexander Janetzko
Peter O. Chotjewitz, Frankfurter Buchmesse 1977
Peter O. Chotjewitz, Frankfurter Buchmesse 1977

»Ihr werdet, falls ihr mal meine Bücher lesen solltet, feststellen, daß sich vieles, was ich geschrieben habe, in irgendeiner Weise aus meiner Biographie ableitet. Das braucht deshalb nicht zu stimmen, es stimmt fast nie, daß sich die Dinge so ereignet haben, wie ich sie dargestellt habe, oder daß sie sich überhaupt ereignet haben, aber der biographische Bezug wäre sehr häufig feststellbar, wenn ihr mein Leben in jeder Sekunde kennen würdet.«

Peter O. Chotjewitz