54. Internationale Kunstausstellung in Venedig

Der isländische Pavillon

In ihrem Beitrag für die diesjährige Biennale hinterfragen Lidia Castro und Ólafur Ólafsson das Konzept der nationalen Identität und das nationale Konzept der Biennale.

Während in Frankfurt auf dem Messegelände die Sonderausstellung des Gastlands Island hektisch aufgebaut wird, wird in Venedig der isländische Beitrag zur diesjährigen Biennale langsam abgebaut. Denn die Biennale läuft nur noch wenige Wochen, und die Kunsttouristen, die es für eine wie heilige Pflicht halten, auch die entlegensten Ausstellungsorte in der Stadt aufzusuchen, sind rar geworden. Allerdings war der isländische Pavillon auch im Sommer nicht überlaufen, weil er sich abseits der geläufigen Pfade befand und der Weg dahin sparsam beschildert war. Da Island, wie viele andere Länder, die inzwischen an der Biennale teilnehmen, keinen eigenen Pavillon auf dem angestammten Gelände, den Giardini, hat, musste die Kuratorin Ellen Blumenstein einen Ausstellungsort in der Stadt suchen – und entschied sich für die Wäscherei des Palazzo Zenobio an den Fondamenta del Soccorso.

Der Palazzo Zenobio wurde von dem Architekten Antonio Gaspari Ende des 17. Jahrhunderts für eine neuadlige und sehr wohlhabende Familie gebaut. Die Wäscherei befand sich in einem kleinen, dem Haupthaus angeschlossenen Bau, der niedrige Geschosshöhen und eine Dachterrasse hatte. Die Mischung aus der heutigen Verwahrlosung und der noch spürbaren Pracht gibt dem Bau einen besonderen Charme – und macht ihn zu einem angemessenen Ausstellungsort zeitgenössische Kunstinstallationen wie derjenigen des spanisch-isländischen Duos Lidia Castro und Ólafur Ólafsson.

Die beiden Künstler haben als isländischen Biennale-Beitrag unter dem Titel „Under Deconstruction“ – „Im Abbau,“ ein mehrteiliges Werk geschaffen: die Videoinstallation „Constitution of the Republic of Ireland“ im Eingangsbereich, die Tonskulptur „Exorcising Ancient Ghosts“ auf der Dachterrasse, die Neonskulptur „Il tuo paese non esiste“ – „Dein Land gibt es nicht“ an der Gartenwand des Gebäudes, die gleichnamige Video- und Toninstallation an verschiedenen Orten in der Stadt. Die Materialvielfalt und der Rückgriff auf sozialkritische Themen gehören zu den ästhetischen Strategien der beiden Konzeptkünstler, die Elemente aus der Wirklichkeit übernehmen und sie derart verfremden, dass neue Deutungsebenen freigelegt werden. Die Installation ist subtil partizipatorisch: nicht, weil sie das Publikum offen einbezieht, sondern weil der Zuschauer aufgefordert ist, den Ausstellungsort zu erkunden, um die verschiedenen Teile der Installation zu entdecken. Indem Castro und Ólafsson das Konzept einer nationalen Identität am Beispiel Islands explizit hinterfragen, hinterfragen sie implizit auch das Urkonzept der Biennale, bei der nicht einzelne Künstler, sondern Nationen vertreten sind. Inwiefern diese Biennale-Kritik rezipiert worden ist, lässt sich nicht einschätzen – aber das T-Shirt mit der Aufschrift „Il tuo paese non esiste,“ wurde zu einem kleinen Verkaufserfolg.

Siehe auch: ISLAND 2011

erstellt am 10.10.2011

Offizielle Fotos vom isländischen Pavillon auf der Biennale in Venedig/Icelandic Art Center © Lilja Gunnarsdottir

Island Pavillon

Libia Castro & Ólafur Ólafsson, Il tuo paese non esiste 2011.

Libia Castro & Ólafur Ólafsson, Il Tuo Paese Non Esiste, 2011.

Libia Castro & Ólafur Ólafsson, Constitution of The Republic of Iceland, 2011.

Momentaufnahmen mit dem Handy von der Autorin: