Stefana Sabin über den isländischen Künstler Erró

Obstlandschaften und Doppelgesichter

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben die Neuen Realisten und die Pop-Künstler ebenso wie die Fluxus-Künstler eine grundlegende Veränderung in der Betrachtung von Kunst, in der Auffassung über Kunst und in der Funktion von Kunst eingeleitet und eine allumfassende Lockerung der ästhetischen Sitten herbeigeführt. Einer der Künstler, der sozusagen von Anfang an dazugehörte und dennoch immer am Rande blieb, ist der Isländer Erró.

1932 in Olafsvik als Gundmundur Gundmundsson geboren, studierte er zuerst an der Kunstakademie in Reykjavik, dann in Oslo, und bereiste ausgiebig Europa und die europäischen Kunstmetropolen. In Florenz lernte er nicht nur die Meister der Renaissance kennen, sondern auch das Mosaikhandwerk. In Paris, wo er sich 1958 niederließ, gehörte er zu jenen radikalen Künstlern, die die lyrische Abstraktion der École de Paris ebenso ablehnten wie die geometrische Abstraktion und eine gesellschaftskritische Kunst propagierten. So schuf er schrille Kollagen, deren politische Aussage ebenso deutlich war wie diejenige der Kunstaktionen, an denen er teilnahm oder die er organisierte. In einer solchen Kunstaktion inszenierte Erró 1962 den Kalten Krieg als Kampf zweier nackter Frauen. Die eine trug eine Kennedy-Maske, die andere eine Chruschtschow-Maske, und sie kämpften in einem blutrot angemalten Ring. Die plakative Metaphorik kennzeichnete auch Errós Bilder und Kollagen, aber indem er dabei auf klassische Kompositionsmuster zurückgriff und sie mit Ausschnitten aus Zeitungen und Zeitschriften füllte, verlieh er ihnen eine formale Komplexität, die zu der vordergründigen Einfachheit im Gegensatz stand.

Schon in den 1960er Jahren in Paris nahm Erró an dem alljährlichen ‚Salon de Mai’ teil, und im Kielwasser der Pop-Art stellte er auch in New York aus. Wie die Pop-Art pflegte auch Erró eine bunte, einfache Ästhetik, anders als die Pop-Art aber war seine Kunst in ihrer sozialkritischen Implikation geradezu provokativ ernst. In seinem Bild „Pop’s History“ von 1967 ironisierte er die Pop-Art und die Pop-Artisten als typisch amerikanische Erscheinungen: Karikaturistisch überzeichnete Russen mit Pelzmützen tanzen im Schnee, während Hauptwerke der Pop-Art wie Warhols Marilyn, ein Hamburger von Oldenbourg oder ein Wesselmann-Akt wie Ballons über ihnen schweben.

In immer neuen Serien kombinierte Erró Elemente der niederen und der hohen Kunst zu Gemälden von ironischer Agitprop-Ästhetik. Seine Malerei entmystifizierte die Ikonen der Kunstgeschichte ebenso wie diejenigen des Alltags. Neben die Astronauten, die zur Venus fliegen wollen, placierte er die Venus Botticellis; Mao stellte er als Touristen auf dem Markusplatz dar; und vor dem New Yorker Guggenheim Museum ließ er einen sowjetischen Kran in die Höhe ragen. “Assembling the collage is the most enjoyable part of the work. It offers the most freedom. It is almost like automatic writing. Here you discover formal solutions to filling the surface. The collage is simultaneously an original and a model. Then it’s just a matter of locking yourself up in the studio, sometimes for 15 hours at a stretch.” Eine grelle Farbigkeit, eine vereinfachte Zeichnung und ein regelrechter Horror-vacui-Ansatz bestimmen auch Errós Serien aus den 1980er und ’90er Jahren, in denen er Gestalten der Comics mit historischen Figuren und Showbiz-Persönlichkeiten zusammenbrachte – und das Klischeehafte inszenierte und zugleich entkräftete. Entmythologisierung ist das bestimmende Moment in den Bildern von Erró.

1989 vermachte Erró der Stadt Reykjavík über 3000 Werke, die zu der Sammlung des Reykjavik Art Museum gehören und die in regelmäßigen jährlichen Ausstellungen gezeigt werden. In diesem Sommer wurden in dem zum Museum schön umgestalteten Industriegebäude am Hafen in Reykjavik ausgewählte Drucke und Kollagen von Erró gezeigt, die einen umfassenden Eindruck von seiner ideologiekritischen Thematik und seiner gewollt übertriebenen Pop-Art-Ästhetik erlaubten.

Im Rahmen des umfangreiches Kulturprogramms, das Island als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse präsentiert, werden in der Frankfurter Kunsthalle Schirn Errós überfrachtete Landschaften-Serie „Scapes“ und seine politisch-satirische Serie „Monster“ gezeigt. „Scapes“ sind keine konventionellen Landschaften, sondern eine Art Stilleben. Großformatige Leinwände werden mit Objekten oder medialen Bildern überfüllt, so dass sie ein farbiges Muster abgeben – wie auf dem Gemälde „Foodscape“ von 1964, das eine ‚Landschaft’ aus Lebensmitteln zeigt: Käse, Kuchen, Gemüse, Obst gehen ineinander über und stellen eine surrealistisch-psychedelische Landschaft dar, die der Wohlstand- und Konsumgesellschaft einen hässlichen Spiegel vorhält. Die geradezu obsessive Wiederholungen und Anhäufungen sind ein Kompositionsprinzip, das die ganze Serie charakterisiert.

Dagegen ist die Serie „Monsters“ eher sparsam. Darin benutzte Erró das klassische Genre der Porträtmalerei, um mit der medialen Repräsentation zu spielen. Denn dem geläufigen Porträt einer bekannten öffentlichen Figur stellt er ihr monströs verzerrtes Gesicht gegenüber – und suggeriert so, dass hinter der hübschen Fassade eine schreckliche Persönlichkeit stecke. Beethoven und Chaplin, Dante und Sokrates, Stalin und Mao werden sozusagen in eine gute und eine böse Hälfte geteilt und die beiden Teile asymmetrisch aneinender gerückt, so dass eine widersprüchliche visuelle Information entsteht. Dieses Spiel mit den Bildern und mit den Sehgewohnheiten zieht sich durch Errós ganzes künstlerisches Schaffen hindurch und prägt auch die Filme, die im Rahmen der Ausstellung in der Schirn zu sehen sein werden.

So ist die Ausstellung in der Schirn eine schöne Gelegenheit, mit einem großen Künstler-Unbekannten des 20. Jahrhunderts bekannt zu werden.

Faust-Sonderseite zum Buchmesse-Gastland
Island

erstellt am 29.9.2011

Erró, Paris, 2010
Erró, Paris, 2010

AUSSTELLUNG in der Schirn Frankfurt:
Erró. Porträt und Landschaft
Vom 6. Oktober 2011 bis 8. Januar 2012

Erró, Chaplin

Erró, Chaplin, 1968, Öl auf Leinwand, 38×46 cm, Reykjavík Art Museum © VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Erró, Foodscape

Erró, Foodscape, 1964, Öl auf Leinwand, 200×300 cm, Moderna Museet, Stockholm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Erró, Birdscape

Erró, Birdscape, 1979, Öl auf Leinwand, 200×300 cm, Privatsammlung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Erró, Stalin

Erró, Stalin, 1968, Öl auf Leinwand, 38×46 cm, Privatsammlung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011