Fortsetzung: Kurzer Essay über lange Gedichte von Bernd Leukert

Teil II

In den letzten Jahren, die ja von einem katastrophalen Ökonomismus geprägt waren, der alles aus dem Leben herausstreicht, was keinen benennbaren Profit verspricht, und das kulturelle Leben auf eine Schwundstufe der Unterhaltungsindustrie reduzierte, wagten es aber einige Verlage dennoch und mehr als zuvor, Langgedichte in Buchform zu veröffentlichen. Das ist erstaunlich. Was auch immer sie dazu getrieben hat, – es handelt sich um heroische Taten. So erschien in der Edition Blackbox, Bielefeld, „zweistromland“ von Gerald Fiebig, Jan Volker Röhnerts „Die Hingabe, endloser Kokon“ in der Dresdner Edition Azur oder „Holzrauch über Heslach“ von Ulf Stolterfoht bei Urs Engeler in Basel. Betrachte ich nur die Handvoll Langgedichtbücher, die der Zufall mir zusammengetrieben hat, muß ich feststellen, daß sie sich – zieht man Inhalt, Machart und Erscheinungsbild in Betracht – sehr unähnlich sehen.

Schon 2004 erschien die erste deutsche Übersetzung von Herman Melvilles „Clarel. Gedicht und Pilgerreise im Heiligen Land“ im Salzburger Verlag Jung und Jung (der in gleicher Ausstattung das finnische Epos Kalewala von Elias Lönnrot in der Übersetzung von Gisbert Jänicke herausgebracht hat). Nun ist Jochen Jung als wagemutiger Verleger bekannt, – was der poetischen Literatur zugute kam. Der Clarel aber gilt mit seinen 18.000 Versen als das größte Werk der amerikanischen Dichtung, obwohl es nicht die ruhmreiche Geschichte der Vereinigten Staaten besingt. Diese auf der Basis zwanzig Jahre alter Notizen komponierte Phantasmagorie einer Pilgerreise durch Städte und Landschaften Palästinas, durch die Antike und die Zeiten des Alten und Neuen Testaments, des Korans, und anderer religiöser Szenarien ist imposant monströs, nicht nur in dem Sinn, in dem alles, wenn es denn eine gewisse Quantität überschreitet, sich zum Erhabenen neigt, also eine Massenqualität gewinnt. Rainer G. Schmidt, der schon Melvilles „Mardi“ (Achilla Presse) ins Deutsche brachte, hat die mehr oder weniger streng verwendeten Endreime der Vorlage (Northwestern-Newberry Edition) bis auf einige besondere Passagen in seiner Übersetzung nicht berücksichtigt. Das ist in diesem Fall kein Nachteil, – lassen sich doch die beschreibenden, reflexiven, gar dramatischen Passagen, aus denen ein Großteil dieser pittoresk-somnambulen Glaubenssuche besteht, vermutlich im Deutschen ohne Silbenecho wirksamer wiedergeben. Der Vergleich zeigt, wie nahe Schmidt am Original geblieben ist, schnörkellos nüchtern, – erstaunlich, wie ihm das gelungen ist. Das vielschichtige Werk, das den jungen Theologiestudenten Clarel mit seinen Zweifeln in einer comédie spirituelle (R. G. Schmidt) zwischen verschiedenen Gurus und anderen grotesken Figuren taumeln läßt, ist also gar nicht schwer zu lesen; es sich aber zu erschließen, ist eine Herausforderung.

Besagter Paulus Böhmer konnte 2010 beim Verlag Peter Engstler in Ostheim/Rhön seine Trilogie Am Meer. An Land. Bei mir. herausbringen. Auf die Frage, worum es darin geht, gibt es keine gute Antwort. Es geht um alles. Wir werden in eine Bilderflut gerissen, die wie eine Erzählung anhebt, dann aber mit Assoziationen argumentiert, so als ob im Hintergrund permanent eine Beweisführung abliefe, von der wir sonst nichts erfahren. Eine Welt wird uns in Träumen beschrieben, denen es an Fürchterlichem nicht mangelt. Der Tonfall indes wird immer wieder ins Tröstende gezogen, aber das Tröstliche ist das Entsetzliche, Hoffnung ein sardonisches Grinsen. Gerade in diesem trostlosen Trost macht sich auch Gegenwart breit, Bezüge zu lebenden und toten Personen werden zu angedeuteten Metaphern in diesem sonst metaphernarmen Gedankenstrom. Die Benennung des Zeitgenössischen geschieht melancholisch und mokant. Da ist nichts, wofür man sich reinen Herzens hergeben oder gar entflammen könnte. Und in der grotesken Überzeichnung dieser Realität blitzt der Böhmersche Humor hervor, ähnlich dem, der Kafka eigen war. Solche Aufklärung kommt ohne Entelechie aus. Die Nüchternheit kommt nun beschwingt, ja tänzelnd auf dem Parkett der Paradoxien daher.

Ich erwachte. Ein Strom von Silberfischchen/ergoß sich aus mir. Während des Wechselns/erinnerte ich mich an Dinge, die es noch gar nicht gab,/und vergaß sie, erwacht,/und wie leicht es möglich wäre, nicht zu sein. Der erste Grund der Liebe ist, sagt Schöps (Schöps ist mein Bruder),/daß weitaus der größte Teil des Universums/aus anderer Substanz besteht als wir. Der zweite Grund:/Nur das, was nicht länger währt als die Liebe währt, währt./Als Schneebrett stürzt Liebe zu Tal. Wasser ist eine Reliquie./Die Toten lösen sich aus ihrer Erstarrung, machen mir Antrittsbesuche, drohen mir mit Fässern voll Verwesung./Vom Rand der Welt her/bewegt sich die Schmelze auf mich zu./Bald werde ich selber die einzige Flüssigkeit in meinem Herzen sein. – Und dabei ist zu bemerken, daß mit einem Zitat sich das Gesagte leider nicht zu belegen ist; mit einem Tropfen läßt sich der besondere Charakter, die worttrunkene Dynamik und der Zauber des großen poetischen Flusses nicht anschaulich machen.

Was für eine Idee! Shakespeare Ein Roman in Versen von Armin Senser. Der Hanser Verlag hat 2011 in seiner Edition Akzente das 321 Seiten lange Gedicht vorgestellt. Aber die Erwartungen, die ein solches Projekt wecken muß, sind freilich nicht erfüllt worden. Wenn der Titel „Hans Müller Ein Roman in Versen“ hieße, hätte man sich seufzend gefragt, warum die problematische Beziehungsgeschichte eines leeren Charakters auch noch in Verse gegossen werden mußte. Aber bitte, Shakespeare ist nicht Hans Müller. William Shakespeare war ein Dramatiker und Poet, der uns – die Zweifel an der Autorschaft, die ein eigenes literarisches Genre kreierten, beiseite gelassen – ein Konvolut von unvergleichlichen Dramen, Versdichtungen und Sonetten hinterließ, Texte, deren intellektuelles Niveau und dramaturgische Innovation alles andere, was um 1600 entstand und auf uns kam, hinter sich ließ. Armin Senser hat sich in diesen William Shakespeare hineinversetzt und in metrisch freien Versen, die mehr oder weniger konsequent in Paarreimen über ausgestaltete Szenen und Reflexionen das Psychogramm eines Getriebenen ergeben, eine schwache Persönlichkeit hervortreten lassen. Selbstquälerische Selbstbefragungen zum Verhältnis zu den Eltern, zur Frau und zu den Kindern, die in Stratford blieben, während er, der vom Autor bisweilen mit dem „du“ angesprochen wird, in London Geld verdient, Karriere macht und vor allem seinem bisexuellen Triebe folgt. Seine Skrupel aber ziehen sich durch das ganze Werk und werden durch die Versifizierung auch nicht transzendiert. Willensschwach und herzensträg ist er und muß von seiner Tochter Susanna zurechtgewiesen werden:
Warum sagst du nicht die Wahrheit. Warum sagst du / nicht einfach, dass es dir in den Kram gepasst hat. Das / Leben in London, das Schreiben, die Bühne, die Frauen. / Was weiß ich noch alles. Das freie Leben, das Leben ohne / Verantwortung, ohne Kinder. Das Leben ganz für dich / allein. Das war es doch. Es hat dir in den Kram gepasst. Wir lernen einen Menschen und seinen unordentlichen Gefühlshaushalt kennen, nicht den Künstler, der sich der politischen Situation, in der er sich befindet, so bewußt ist, daß er bei aller Provokation, die seine Stücke so attraktiv macht, mit schmeichelnder Eleganz die gekrönten Häupter für sich zu gewinnen weiß, nicht den gebildeten, virtuosen Dialektiker, der sich souverän in einem Kosmos von gelehrten Anspielungen zu bewegen, nicht den gewitzten Theatermann, der das Komödiantische über den Abgrund der Tragödie zu führen weiß. Hat dieser elisabethanische Autor Mühe mit der Bewältigung des Stoffs? Wie schafft er es, bis zur nächsten Premiere das Stück fertig zu schreiben? Wie kommt das, was er erlebt und weiß, in die artifizielle Theaterversion? Wie arbeitet dieser Shakespeare? Nichts davon. Bei Senser steht: Es schreibt sich von selbst, als ob sich die Sprache des Ärgers/ bedienen würde. Als wäre die Anspannung dein Metrum./ Die Verachtung dein Wortschatz, der Ekel dein Vers./ Und du ein bloßer Betrachter, ein Neutrum. (XX) Um es kurz zu machen, Sensers Shakespeare wäre nicht in der Lage, Shakespeares Werke zu schreiben. Er hat nicht das Selbstverständnis, nicht die Bildung und die tägliche Aufmerksamkeit, die die Verfertigung solcher Werke voraussetzen. Er ist, mit Verlaub, zu dämlich.

Und dann das: Alban Nikolai Herbst: Das bleibende Thier. Unter diesem Titel hat der Berliner Elfenbein Verlag 2011 die Bamberger Elegien herausgebracht. Herbst, der sich vor allem mit fantastischen Romanen bekannt gemacht hat, brachte allerdings mit „Dem nahsten Orient“ (2007), „Aeolia.Gesang“ (2008) und „Der Engel Ordnungen“ (2009) bereits drei Gedichtbände an die Öffentlichkeit. Die Bamberger Elegien kommen in einem attraktiv aufgemachten Büchlein daher. Roter Umschlagtitel, die Schrift sonst schwarz mit feiner Rahmung auf Elfenbein (damit ist jetzt aber schon die Farbe der Elefantenzähne gemeint), in Anlehnung an das Erscheinungsbild der Éditions Gallimard, gutes Papier, Fadenheftung – daran hat unsereins sein Vergnügen. Für unseren Zusammenhang aber ist der Inhalt maßgeblich: 13 Elegien unterschiedlicher Länge, unterteilt in die Kapitel „Spätsommer“ und „Herbst“. Die „Bamberger Elegien“ sind erkennbar als Einheit konzipiert. Herbst nimmt die in der Augustäischen Zeit entstandene Elegientradition auf und macht sie sich verfügbar. Nachdem uns von anderen Lyrikern über so viele Jahre als Gedicht angeboten wurde, was sich als gebrochene Prosa erwies, überrascht uns Herbst mit dem umgekehrten Verfahren. Was da als Fließtext im Blocksatz prosaisch daherkommt, sind eben elegant durchkomponierte Hexameter im Hölderlinschen Tonfall, die sich beim Lesen singend von ihrer Materialität lösen. In scheinbarem Widerspruch dazu steht der Inhalt. Schon in den ersten Zeilen wird das titelgebende Thier aufgerufen.
Wo aber bleibt es, das bleibende Thier? Wie Atmosphären Ozon ging es verloren? – g e w e s e n e s Tier, das zum Sterben kauert? Die Bindehäute verkrustet, so siecht es, versteckt, doch es lauert? Indem uns der Geist von dem Körper hinweglöst, wo bleibt da die Welt? Wo bleiben w i r ? Denn die lichteren Schatten, er nimmt sie nicht wahr. Zweiwertig ist er und wehrte, die Leidenschaft scheuend, die Schatten als Irrtum von Irrenden ab, korrigiert moderat das Gefühl ins politisch Korrekte, damit es, das Thier, nichts mehr reißt.
Da wird im Handstreich das Platonische Höhlengleichnis mit dem Wolframschen Elsterngleichnis des Parzival synchronisiert, die Dichotomie zwischen Geist und Leib, zwischen Frau und Mann, zwischen stupider gesellschaftlicher Moral und unzähmbarer Sexualität thematisiert. Und die sich ins Recht setzende Sexualität zieht sich in deutlichen Beschreibungen durchs ganze Werk, gleich, ob der Dichter mit einer Frau, seinem Sohn oder seinem Vater spricht. Das Versmaß mag antik sein, die Sprache hingegen ist ganz zeitgenössisch, scheut nicht „Laptop“, „SMS“ und „DNA“. Herbst ringt in immer neuen Runden mit seinem Sujet, feinfühlig argumentierend, hitzig polemisierend, mit Zuneigung und Wut, in Hymnen und Manifesten. Die Wucht seiner leidenschaftlichen Gesänge trägt die insistierende Kennzeichnung der menschenverachtenden Kommerzialisierung menschlicher Beziehungen ebenso mit wie die Beschwörung des Naturschönen und des Mythos. Du stehst da am Wunder des Sees, stehst in dem Glienicker Park an dem Ufer und schaust in das Ried, schaust von dem chthonischen Felsen, in Enna, der Ceres, hinab; chthonisch die Schlange und chthonisch der Mohn, die Narzisse nahbei, Tann im Castello, daneben Tyrrhenisches Meer und der Ätna. Da stehst du und staunst. Tust einen Schritt, bist in Bamberg, trittst raus und beschreitest den Kies. Er hüpft gedanklich über die Schauplätze dieser Erde und kehrt doch stets zum Ausgangspunkt zurück: Die Villa Concordia in Bamberg mit der in Sichtweite fließenden Regnitz ist sein stets gegenwärtig gehaltener Schreibort. Hier hat er das Existentielle und das Essentielle konzentriert zusammengedacht: Liebe und Tod, Lebenslust und Sterblichkeit.

Und noch eine Überraschung. Zsuzsanna Gahse: Donauwürfel, 2010 erschienen in Reto Zieglers „Edition Korrespondenzen“ in Wien. Auch das ist ein schön gemachtes Buch, das allerdings zunächst einige Irritationen auslöst. Handelt es sich dabei überhaupt um ein Langgedicht? Kein hoher Ton, keine Alliterationen, nicht einmal Rhythmus und Metrum? So formalistisch zehn Wortsilben pro Zeile setzen, und das zehn Mal, was ein Quadrat ergibt, das, wiederum verzehnfacht, als imaginärer dreidimensionaler Würfel denkbar ist, darf man das? Nun ja, was in der japanischen Tradition mit sturen 5 plus 7 plus 5 Silben in sturen drei Zeilen (Haiku) klaglos hingenommen und absurderweise bei uns (die wir doch keine Bild/Silbenschrift wie die Japaner haben) ebenso imitiert wird, das kann man Gahses numerischer Struktur nicht versagen. Nun hat Zsuzsanna Gahse in ihren 27 Würfeln (auf 134 Seiten) keine menschenleeren Moren versammelt, sondern – um es gleich zu sagen – eine höchst vergnügliche Monographie der Donau. Ähnlichkeiten mit der um 375 entstandenen „Mosella“ des zahlenverliebten Aquitaniers Decimus Magnus Ausonius sind nicht zu übersehen. Wie der römische Prinzenerzieher am Trierer Kaiserhof der Mosel folgt, Wasser und Landschaft beschreibt, Fischkataloge aufstellt, so beschreibt Zsuzsanna Gahse die Donau. Wie die „Mosella“ mit Nebel beginnt, enden die „Donauwürfel“ im Dunst. Gahse springt den Flußlauf hinauf und herab, informiert uns über Wasserqualität, Brücken, flicht Erlebnisse und groteske Anekdoten ein, widmet sich ausführlich auch den Nebenflüssen und all ihren Namen.
Eine Zeit lang war das Flußbenennen/ein allgemein beliebter Sport. Männer/waren unterwegs, gut gewachsene,/weise Männer, Frauen nicht, es war die/Zeit der Namensgebung, so wie es die/Zeit der Schnurkeramik gibt oder die/Eiszeit, die Neanderthaler und die/Renaissance. Diese Zeiten muß jeder auswendig lernen und ebenso, daß/alle Flüsse einen Namen haben. Was aber ist daran Gedicht? Wenn Zsuzsanna Gahse uns diesen Text nicht in Würfelform, sondern als Fließtext angeboten hätte, wäre er mit guten Gründen als lyrische Prosa charakterisiert worden. Es ist ihre Sprache, die das Gedicht rechtfertigt, diese sorgfältige, sich selbst immer wieder prüfende, gewitzte Sprache, die sich mit mädchenhafter Leichtigkeit der Donau entlang schlängelt, getrieben von Erzähl-, Spott- und Pointenlust.
… Man kann alles verlieren, das/habe ich schon oft gedacht. Immerhin war der Rhein einmal ein Nebenfluß der/Donau, durch Verrutschungen hat sich die/Lage verändert, das ist zwar lang her,/und ich will nicht nachtragend sein, doch es/reicht mit den Umverteilungen. Gute/Donau, feines Krokodil aus Wasser,/Tausendfüßler, ein Urviech, das sich viel/gefallen läßt, gutes altes Rückgrat!

Man kann das lange Rückgrat des Langgedichts auch als kulturpolitisches Fatum betrachten. Es kann seiner Bedeutsamkeit nicht entgehen. Freilich zieht schon das kurze Gedicht politische Bedeutung auf sich, augenfällig in totalitären Staaten, wo jede Kunstform im Verdacht steht, Schmuggelware mit sich zu führen, Kassiber der Insubordination, die für gewöhnlich nicht dingfest zu machen sind. Aber auch in liberalen Gesellschaften des (von uns aus gesehen) fremdsprachigen Europa gelten Gedichte als Mitteilungen an den Leser. Und als Mitteilungen werden sie auch gehört und gelesen, – auch und gerade Langgedichte. Ausgerechnet in dem Land, in dem vor allem die Kurz- und Kürzestformen der Poesie gepflegt werden, wird – nachdem es die Poetin mehrfach auf öffentlichen Bühnen dem Publikum vorgestellt hat – das Langgedicht „La patria“ (i sassi/nottetempo 2011) von Patrizia Cavalli in einem kleinen neonroten Heftchen für drei Euro angeboten. Nur so viel sei gesagt: „La patria“ ist kein Loblied auf Berlusconistan. Die Darreichungsform mag, zusammen mit dem populären Preis, rasch zu genießende Groschenheftlyrik signalisieren. Dem aber widersprechen die strenge Aufmachung und der hohe inhaltliche Anspruch des Werkes.

Dem Langgedicht wohnt ein Widerstand gegen schnellen Konsum inne, das hat es mit dem kurzen gemeinsam. Doch ist es besser dagegen gefeit, als wohlfeiler Aperçu oder als symbolistisches Stimmungssmodul mißverstanden zu werden. Der Widerstand gegen die rasche Befriedigung der Neugier ist manifest; der Zugang öffnet sich über Konzentration und Aufmerksamkeit, die es ermöglichen, die Bedeutungsvalenzen, die gestischen Wechsel und Sinnverschiebungen der poetischen Texte intuitiv aufzunehmen, kurz: er erfordert eine erweiterte Genußfähigkeit, die wiederum Ruhe und gewisse Langsamkeit voraussetzt. Es geht also um die Reaktivierung der durch herrschende Lebensmaximen deaktivierten Sinne, um die Bereicherung der Wahrnehmung. Man hat sich angewöhnt, die damit verbundene Haltung ‚politisch’ zu nennen. So weit will ich nicht gehen. Ich rechne sie zu den Voraussetzungen einer politischen Zielsetzung und Handlungsfähigkeit. Aber daß sie quer zu allem steht, was in einer Krämergesellschaft heute positiv bewertet wird und sich mit dem Begriff ‚Erfolg’ verbindet, ist kein Geheimnis.

erstellt am 29.9.2011

Paulus Böhmer
Am Meer. An Land. Bei mir.
Trilogie. 148 Seiten.
Verlag Peter Engstler
ISBN 978-3-941126-06-0

Siehe auch

Herman Melville
Clarel
Gedicht und Pilgerreise im Heiligen Land
672 Seiten, Format 14,5 × 18,5 cm, gebunden
Fadenheftung, Leseband
Jung und Jung, Salzburg
Herman Melvilles gewaltiges Versepos erscheint hier zum ersten Mal
in deutscher Sprache

Buch bestellen

Armin Senser
Shakespeare
Ein Roman in Versen
328 Seiten
Hanser Verlag, München

Buch bestellen

Alban Nikolai Herbst
Das bleibende Thier
Bamberger Elegien
Fadengeheftete Broschur, 152 S.
ISBN 978-3-941184-10-7
Elfenbein-Verlag 2011

Buch bestellen

Alban Nikolai Herbst liest:
Video anhören

Zsuzsanna Gahse
Donauwürfel
Gedichte
144 Seiten, Hardcover,
fadengeheftet,
mit Lesebändchen
Edition Korrespondenzen, Wien, 2010

Buch bestellen