Die Sensibilität der Malmaschine

Auf den ersten Blick sieht alles wie in einer normalen Ausstellung moderner Malerei aus. Punkte und Linien dominieren zwar als malerische Leitmotive, doch der thematische Bogen spannt sich von figurativen Anklängen über Gestisches bis zur Farbfeldmalerei. Pastoses steht neben Transparentem, aus vielen Farbschichten schälen sich Bildräume von ungeheurer Plastizität heraus.

Doch diese Bilder sind nicht allein von einem Maler gemacht. Ein Mensch und eine Maschine wirken hier auf oft subtile Art zusammen. Seit 1993 experimentiert Hans-Jürgen Freund mit seiner selbst entworfenen Malmaschine und einer kreativen Form menschlich-maschineller Malerei. Mal ist es die Maschine mit ihren Greifarmen, Drähten und Farbschläuchen, die selbständig ein Werk entwirft. Scheinbar selbständig, denn ohne dass Freund zumindest einen der 60 Schalter bedient, geht auch bei ihr noch nichts. Oft aber malt die Maschine nur einen Teil. Und der Maler gibt währenddessen oder danach seinen Teil dazu. Nach fast 20 Jahren ist längst eine bemerkenswerte Symbiose zwischen Mensch und Maschine entstanden. (vss.)

Diese Symbiose ist bei Art Virus in Frankfurt zu sehen: Vernissage am Sonntag, 9. Oktober 2011, ab 17:00 Uhr, in der Galerie Art Virus, Bergesgrundweg 3, 60599 Frankfurt.

Hans-Jürgen Freund
Hans-Jürgen Freund an der Malmaschine
Ein Gespräch mit Hans-Jürgen Freund

Geplant, meditativ, strukturiert

Herr Freund, Sie haben einen ungewöhnlichen Zugang zur Malerei entwickelt. Den über eine Malmaschine. Kunst, der freie Ausdruck des Menschen, und eine Maschine – Ist das nicht eigentlich widersinnig?

Überhaupt nicht. Nehmen Sie die Musik. Der Pianist erschafft mit Hilfe des Klaviers, und damit Tönen, Klangfarben und Rhythmen, eine akustische Komposition, die den Zuschauer bzw. Zuhörer berühren, ergreifen, faszinieren soll. Der Maler erzeugt mit Hilfe einer Malmaschine und damit Farbtönen, Farbklängen und Rhythmen eine optische Komposition, die Ähnliches erreichen will. Gleiches in der Bildhauerei. Der Skulpteur verwendet heutzutage Kettensägen, Laserschneidgeräte oder Presslufthämmer.

Aber das Klavier und die Kettensäge sind doch eher (Hilfs-) Mittel zum Zweck. Die Malmaschine arbeitet ja zum Teil auch selbständig. Anders gefragt: Wie viel ist in den Bildern Freund, wie viel Maschine?

Da die Maschine ihre eigene „Handschrift“ hat, erscheint diese auch zwangsläufig in den Bildern, und ich muss mit diesen Eigenheiten arbeiten. Die Zusammenarbeit mit der Maschine war so, dass ich zuerst manuell in die entstehenden Bilder hinein malte. Die Maschine malte also nur die erste Schicht, den Untergrund. Dann kam eine Phase, in der ich konsequent nur die Maschine malen ließ, bis das Bild vollendet war. Und jetzt arbeite ich schon längere Zeit einmal so und einmal so, wie es meinen Impulsen entspricht.

Aber was fasziniert einen Maler daran, mit einer Maschine zusammenzuarbeiten?

Im Prinzip kann ich nicht genau sagen, ob die Malmaschine wegen einer Sehnsucht nach einer anderen, für mich neuen Art der Malerei entstand oder ob die Faszination für das Technische so elementar und stark war. Vielleicht kann man auch vermuten, dass mich die Kraft strotzende Vehemenz der Jugend verließ, und ich mich auf ein sanfteres, strukturierteres, meditativeres, geplanteres Terrain zurückzog. Immerhin war ich 1993, als die Maschine entstand, schon fast 50 Jahre alt.

Zurück zu den Anfängen. Wie entstand die Malmaschine?

Auslöser war ein uralter Elektromotor, den ich in einer vergessenen Schachtel meines Großvaters fand und der mich an das faszinierende Spiel damit in Kindheitstagen erinnerte. Mit diesem Motor baute ich 1982 eine Zeichenmaschine, mit der ich kurze Zeit experimentierte, die dann aber wieder von der Bildfläche verschwand. 1993 geriet sie zufällig wieder in meine Hände, und ich war gefangen. Wahrscheinlich setzten sich vorhandene Gene durch, die das Künstlerische und das Technische gleichzeitig zu ihrem Recht kommen lassen wollten.

Und Sie waren mit dem ersten Entwurf bereits zufrieden?

Nein. Es ging mir nämlich nicht darum, wie Jean Tinguely die Ästhetik von primitiven Maschinen auszuwerten. Ich wollte Bilder malen, aber mit einem einzigartigen Malgerät. Ich begann also, eine besser funktionierende Malmaschine zu bauen. Das Dumme war nur, dass ich keine Ahnung von Elektronik hatte. Also fuhr ich jede Woche nach Würzburg und kopierte mir in der Stadtbücherei die Pläne der elektronischen Schaltungen, die ich gerade brauchte. Man kann sich vorstellen, dass ich oft kurz vor der Resignation stand.

Und trotzdem ist eine funktionierende Maschine herausgekommen?

Na ja, teils, teils. Die elektronischen Fehler, die ich einbaute, bewirken auch heute noch eine fast menschliche Unberechenbarkeit der Maschine. Irgendwelche Rückkopplungen, die dadurch entstehen, dass ich wild eine Funktion nach der anderen der Maschine sozusagen aufzwinge, ohne vorhergehende übergreifende Konzeption, strapazieren meine Nerven, und bringen mich manchmal selbst an den Rand der Verrücktheit. Aber dann schaue ich mir die fertigen Bilder an, und sie haben den Klang und die Ausstrahlung, die ich erreichen wollte, und ich freue mich, dass die verrückte Maschine immer noch für mich arbeitet und meine Befehle meistens willig ausführt. Ich bin sogar stolz, dass sie so einen eigenen Charakter hat.

Sah die Maschine denn schon immer gleich aus?

Nein. Es gab zumindest ein ganz lustiges Detail bei der Großen Malmaschine 1993. Die Farbbehälter waren Luftpumpen und die Farben wurden durch die elektromotorisch angetriebenen Pumpenkolben durchgedrückt.

Die Fragen stellte Volker S. Stahr

erstellt am 26.9.2011

Die Bilder von Hans-Jürgen Freund sind dem Katalog zur Ausstellung entnommen.

Hans-Jürgen Freund

Ohne Titel 1996 Acryl/Leinwand 50 × 50 cm

Hans-Jürgen Freund

Erklärt mir die Unendlichkeit 2005 Acryl/Leinwand 140 × 100 cm

Hans-Jürgen Freund

Ohne Titel 2008 Acryl/Leinwand 100 × 100 cm

Hans-Jürgen Freund

Ohne Titel 2009 Acryl/Papier 70 × 50 cm