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Wer dem Dichter Rolf Haufs begegnet, erlebt ihn als außerordentlich ernsten Menschen. Und wer seine Gedichte liest, findet in ihnen ebenfalls diesen tiefen Ernst. Und dennoch gelingt es ihm offenbar, darin poetische Spielarten zu kultivieren, die sich über diese Grundierung erheben und mit der Lust am Grotesken darauf hinabzusehen, – wie man auch in seinem letzten Gedichtband „Tanzstunde auf See“ entdecken kann. Martin Lüdke hat sich mit Mensch und Werk auseinandergesetzt und erklärt ihren Zusammenhang.

Der Lyriker Rolf Haufs

Melancholie & Übermut

Von Martin Lüdke

Wir heute hier

Wir heute hier über was sollen wir reden
Über Angst über Schmerzen
Über den Schnee der früh kam
In diesem Jahr

Eine gute Frage. Aus dem „Juniabschied“, dem vielleicht erfolgreichsten Gedichtband von Rolf Haufs aus dem Jahre 1984. Die politische Aufregung der sechziger und siebziger Jahre hatte sich gelegt. Die vermeintlichen Kämpfe und die tatsächlichen Auseinandersetzungen waren Geschichte geworden. Auch die „Literaturproduzenten“ blickten nicht länger betroffen beiseite, wenn sie das Wort „Dichter“ hörten. Doch eine mächtige Resignation ließ sich nicht verleugnen. Deshalb war es eine gute Frage, damals.
Und, nicht minder: Für uns. Heute. Hier.

Rolf Haufs war damals ein Dichter, er ist es bis heute geblieben. Ein Bote aus vergangener Zeit, der mitten in unserer Gegenwart steht. Einer, der mit leiser Stimme, aber vernehmlich spricht. Kein Prophet, sondern ein Zeitgenosse, der mit historischem Bewusstsein in die Zukunft blickt. Bei ihm gibt es kein Raunen, seine Gedichte sind nie dunkel gewesen, aber immer rätselhaft geblieben.

Versteckt hat er sich nie. Doch immer das Scheinwerferlicht gemieden. Er hat sich zu Wort gemeldet, vernehmbar, aber mit leiser Stimme. Er hat den Geist der Zeit erfasst, aber nie dem Zeitgeist nachgegeben. Er hat sich nie angepasst, eher Mut bewiesen, als andere mit dem Strom geschwommen sind. Er ist Beobachter geblieben. Knapp, präzise, auf engstem Raum, mit der poetischen Genauigkeit, die auch die Zwischentöne erfasst. Er hat ein Leben lang geschrieben. Doch sein Werk ist schmal geblieben. Seine Bücher, zusammengenommen, erreichen vielleicht gerade einmal den Umfang des Debüt-Romans von Jan Brandt: „Gegen die Welt“ (der, nebenbei gesagt, eben auf der Short-List zum deutschen Buchpreis gelandet ist. Haufs Gedichte enthalten ein Vielfaches an (verdichteter!) Erfahrung.

Deshalb ist Rolf Haufs, der Dichter, auch hoch dekoriert worden. Kaum einer der renommierten Literaturpreise, die zwischen Bremen und Freiburg vergeben werden, den er nicht erhalten hätte. Anders als den sowjetischen Generälen, die ihre Orden und Ehrenzeichen, an die Brust geheftet, protzend ausstellten, ist ihm Stolz und sogar Eitelkeit fremd geblieben. Der Dichter Haufs hat über lange Jahre immer auch Prosa und Erzählungen geschrieben, „Das Dorf S. und andere Geschichten“ (1968), „Der Linkshänder oder Schicksal ist ein hartes Wort“ (1970), bis hin zu dem Band „Selbst Bild“ (1988). Während damals andere „Dekrete“ ab- und die Welt verloren gegeben haben, wollte er, nur scheinbar bescheiden, „möglichst kurz den Nachtwind“ beschreiben, der lau durch Fenster wehte, und dabei aber, jenseits der Deklarationen, etwas zur Sprache bringen, was sich den flotten Sprüchen und schnellem Zugriff notwendig entzieht. Doch der Lyriker kam immer stärker durch. Bemerkenswert dabei: Seine Gedichte schreiben, in einem emphatischen Verständnis, Geschichte, und zwar genau in jener Form, die durch Walter Benjamins berühmten Engel der Geschichte bezeichnet wird. In der Koinzidenz von Schrecken und Hoffnung. Der Trümmerberg, auf den Haufs zurückblickt, wurde mit dem Wiederaufbau der deutschen Städte nach dem Zweiten Weltkrieg keineswegs beseitigt. Die Zerstörung, deren Zeuge er – als Kind – geworden ist, hat in allen seinen Gedichtbänden bis hin zum jüngsten, der „Tanzstunde auf See“ (2010) mehr als nur Spuren hinterlassen.

„Brandroter Himmel über den Steinen Schrie daß die Seele
Beschädigt lebenslang“.

Hilflos und ohnmächtig erlebte er die Zerstörung seiner Welt. Als Kind konnte er sie damals nicht begreifen. Er könnte sie aber genau so wenig vergessen.

„Als die Bilder in unseren Köpfen waren, hatten wir die Wörter verloren.“

Später dann hat er nach den Wörtern gesucht, um diese Erlebnisse schreibend einzuholen. In seinen Gedichten, in seinen (meist) kurzen Prosastücken.

Rolf Haufs wurde am 31. Dezember 1935 in Düsseldorf geboren (ein bisschen hört man das, am stärksten am Telefon, auch heute noch durch). Am letzten Tag des letzten Jahres ist er 75 Jahre alt geworden. Seit über fünfzig Jahren lebt er in Berlin. Die vielen Jahrzehnte in Berlin haben ihre Spuren hinterlassen, den Rheinländer aber ist er nie losgeworden. Rheinischer Humor und Berliner Witz verbinden sich in vielen seiner Verse zu bizarren, oft surrealen Bildern:

„In meiner Wohnung staut sich die Hitze
Sie legt sich nieder und wiehert“.

Diese ironische Distanz, auch zu sich selbst, hellt den dunklen Grundton seiner oft melancholisch gefärbten Dichtung immer wieder deutlich auf.
Über Jahrzehnte leitete Rolf Haufs die Literaturredaktion des SFB. Er setzte dort, so lange es ihm möglich war, ein kompromisslos literarisches Programm durch, ohne Event-Charakter, und verschaffte seinen (schreibenden) Kollegen damit nicht nur Öffentlichkeit, sondern auch ordentliche Honorare.

Zusammen mit Nicolas Born hat er in den siebziger Jahren, als sich die „Dichtung“ unter der (nicht nur studentischen) Jugend keines guten Rufs erfreut, das Wort „Dichter“ war eher als Schimpfwort gebräuchlich, den Alltag für die Lyrik erschlossen und damit dem Gedicht etwas von der Geltung zurückgegeben, die es in den politischen Kämpfen zu verlieren schien. Die poetische Genauigkeit, die ihn auszeichnet, verdankt sich einem bewussten Verzicht. Haufs will seine Gedichte freihalten von Effekten, Pointen, ebenso von Meinungen, Botschaften, Informationen. Er sucht mit den „verlorenen Wörtern“ die Bilder, in denen sich unsere Erfahrung eingeschrieben hat. Er meidet öffentliche Gespräche und Interviews, verweigert Erklärungen, meint, dass der Autor hinter seinem Werk zu verwinden habe. Das mag richtig sein. Nur das Ich, das seinen Lesern entgegentritt, mit seinen Wunden und Narben, mit seinen Empfindungen und Erfahrungen, seinen Verletzungen, seinen seltenen Jubelrufen und seinen häufigen Schmerzensschreien, dieses Ich hat ersichtlich etwas mit einem Autor zu tun, der auch seine Biographie als Stoff nutzt, aber allen Stoff stets einer oft einfach scheinenden, dabei genau kalkulierten Form unterwirft.

„Damit nix“
heißt eines seiner Gedichte:

Damit nix

(…) Nachts
Umstellt von grinsenden Kerlen
In Wahrheit tropfe ich aus
Meine Zeit. Meine schöne Bescherung (…)
Dem Glanz der Sterne eins auswischen
Die süßen Mätzchen allesamt durchspiel
Ich bin dabei
Wenn es heißt. Kein Wasser
Doch immerzu die Teilung der Meere

(Man könnte, als Anregung gesagt, von diesem Gedicht aus versuchen, eine Art von negativer Theologie zu entwickeln.)
Auch hier kommen immer wieder Erinnerungen durch. Bilder aus der Kindheit, oft auch Bilder des Krieges, der seine Kindheit prägte.

„Brandroter Himmel über den Steinen
Schrie daß die Seele
Beschädigt lebenslang“.

Auf solche Weise wird das lyrische Ich zum Subjekt. Die persönliche Erfahrung wird durchlässig. Der individuelle Fall zum allgemeinen.
In einer Geschichte aus dem Erzählungsband „Das Dorf S. und andere Geschichten“ (1968) „Ordnung-muß-sein-wo-kämen-wir-denn-sonst-hin“, erzählt er die tragische Geschichte eines Herrn Klöppel, mit dem es das Schicksal gewiß nicht gut gemeint hat.

„Als Frieda ihm die Milch über den Kopf goß, war es Klöppel zuviel. Er schlug zu. Nicht sehr fest, sonst hätte sie es kaum überlebt. Immerhin, Frieda fiel über den blank gescheuerten Küchentisch, scherte die Arme aus, zappelte mit den dicken, blauen Waden und schrie, daß es einen erbarmen konnte. Untermieter Blankfuß, dem Köppel schon immer misstraut hatte, holte auch gleich die Polizei. Ordnung muß sein, sagte sich Blankfuß, und hier war etwas nicht in Ordnung.“

Solche Meldungen, wie sie in unseren Zeitungen unter Rubrik „Vermischtes“ erscheinen, haben bereits Kleist den Stoff geliefert, aus dem er seine Anekdoten formte.
In diesen Geschichten trifft sich Haufs übrigens (wie ich jetzt, leicht verblüfft, gesehen habe) mit Reinhard Lettau, der, zur gleichen Zeit, ähnliche Geschichten schrieb. Ebenso lapidar. Auf andere Weise ebenso böse. Daran zeigt sich nicht nur der zeitgebundene Kontext. Auch Haufs hat von Kleist über Kafka bis zu, sagen wir, Francis Ponge und Thomas Bernhard, die Moderne absorbiert. Er hat, aber anders als Lettau, der Dichtung gleichsam die Treue gehalten. Er hat sich gesperrt gegen eine voreilige, eben nur äußerliche Politisierung. Er hat, kurz gesagt, im Ästhetischen das Politische erkannt. So konnte er, ohne seine politischen Ansprüche aufzugeben, scheinbar privat, seine Gedichte schreiben, während sich Lettau damals dem „täglichen Faschismus“ verschrieb und damit an die Zeit gebunden blieb.

Rolf Haufs hat mit seinem Band „Die Geschwindigkeit eines einzigen Tages“, der 1976 erschienen ist, schwer Furore gemacht. Seine Gedichte haben den Alltag für die Lyrik erschlossen, orientiert an einer Devise von Walter Höllerer, in einem Gedicht habe alles Platz. Am bekanntesten wurde, Anfang der achtziger Jahre, seine Sammlung „Juniabschied“. Er machte Schule, aber, wie es immer seine Art geblieben ist, kein Aufhebens.

Haufs hält bis heute seine Gedichte frei von Effekten, Pointen und, zumal, von Botschaften und Meinungen. Seine Gedichte, auch und gerade die neuen „Tanzstunde auf See“, lassen stets ihre autobiographische Grundierung erkennen, dazu oft einen surrealistischen Einschlag

„Nebel kommt sagt Sandburg
Auf Katzenfüßen“.

Er ist vielleicht der Große Unbekannte unter unseren gegenwärtigen Dichter, aber sicher einer der bedeutendsten.
Bei Haufs wird das Leben zur Literatur und das Ich zu einem Spiegel, in dem sich die gegenwärtige Welt reflektiert. Manchmal sogar in einem, allerdings nur scheinbar unmittelbarem Verständnis. Wenn er zum Beispiel seine Freundin einfach auf die Straße schickt: „Kerstin Hensel läuft über die Schönhauser Allee“, dann wird auch in solchen Versen der Stoff, die private Begebenheit transformiert. Frau Hensel erkundigt sich nach der „Jahreszeit“, die „Leute“ lachen über „französische Dessous“, trinken „einen Kaffee“ und die Allee öffnet sich zu einem (kleinen) Universum.
Der neue Band ist als Tryptichon aufgebaut, drei Bilderfolgen, die sich allerdings an keiner Chronologie orientieren und auch nicht thematisch gegliedert sind, nur immer wieder drei Grundmotive anklingen lassen.

Kranken(haus)geschichten.
„Es riecht komisch sind es die verwesten Körperteile oder
_Kommt der Geruch aus der Küche _
Der Zivi sagt da müssen wir durch“.

Kindheits- und Jugenderinnerungen.
„Während draußen die Artillerie
Ihre Zielrohre einstellte fiel Jesus
Von der Wand er verlor ein Bein
Das die Familie in stundenlanger Bastelarbeit
Aus Wachs und mit Kleber
Wieder anpappen wollte
Doch Jesus wehrte sich.“

Bilder gegenwärtiger Erfahrung.
„Sind wir in Kapstadt oder noch in
Wilmersdorf. Bald knallen die Kastanien
Leute aus Afrika fegen Laub
Langsam damit die Arbeit nicht ausgeht“.

Und immer wieder die alten Bilder des Rheinlands aus seiner Kindheit und Jugend.
„Als Junge reiste ich mit dem Personenzug
Ich sah mit großen Entzücken auf eine Landschaft
Die die meine war
Die Züge waren oft überfüllt So daß ich _Auf dem Trittbrett überlebte“ _

Geblieben ist auch in diesen Gedichten etwas von dem (bei ihm stets melancholisch getränkten) Frohsinn, den man Rheinländern nachsagt, zumindest in Form des allerdings oft schwarzen Humors.
„Andererseits stinken Sie nicht“

Haufs wuchs in einer Zeit auf, die noch vom 19. Jahrhundert geprägt war.
„Meine Großmutter hatte zwölf weibliche Geschwister.“

Er erlebte als Kind die letzten Nazi-Jahre, den Krieg, die Zerstörung, das Elend, der Jugendliche dann den Wiederaufbau, die Restauration der fünfziger Jahre.

„Dampfende Lokomotiven damals
Begann das sogenannte Leben“.

So überspannt sein Erfahrungshorizont drei Jahrhunderte.
Er kennt, wie kaum ein anderer, die literarische Tradition, aber er hält sich an den Alltag, seine persönlichen Erfahrungen. Die Tiefe seiner Gedichte erschließt sich von der Oberfläche her.

Der Dichter ist nun alt geworden. Und gewiss nicht mehr so richtig gesund. Nur lamentiert er nicht. Im Gegenteil, seine Gebrechen werden ironisch gebrochen, sofern er sie überhaupt erwähnt. überhaupt erwähnt werden. Die „Krankenhausgeschichten“ wirken fast komisch, ohne ihren Schrecken zu verlieren.

Etwa in dem Gedicht

Arktisch

Unser Bedarf an Passionsmusiken ist
Gedeckt. Die Kaffeemaschine surrt
Sirup eine Prise Salz
Das einzige Indiz

Jetzt sollen wir den Kasper machen
Ostereier. Bunte Hemden. Wir suchen
Die Herztabletten

Es ist schwer, den Witz, der in diesen Versen steckt, zu erklären, zumal die Komik fest auf dem Schrecken aufsitzt. Ich möchte deshalb versuchen, das bislang Gesagte kurz zusammen zu fassen.

„In seinem neuen Gedichtband führt der Autor eine härtere, herbere Klinge. Man konnte das von ihm erwarten. Eine harte Welt zeitgenössischer Beschäftigungen wird festgehalten, trocken, ungeschminkt, von bitterer Offenheit. Der Autor überprüft auch hier wieder die Gegenstände von Umwelt und Zeit, die alltäglichen Dinge, penibel auf Wert und Unwert, Verlogenheit oder Wahrheit. Er nimmt sie sich vor. Er schont sie nicht, wie er seine Sprache nicht schont, die er im Munde führt, eine Sprache, die jederzeit zur Aggression bereit ist, auch wenn sie sich mäßigt, wenn sie sich – aus Trauer, aus Resignation – zurückhält, ehe sie zum Widerstand übergeht. (…) Der Autor macht nicht viel Worte. Er sagt, was es für ihn zu diesem und jenem zu sagen gibt.“

So weit, nicht so gut, sondern: so weit Rolf Haufs selber. Diese Charakterisierung, fast auf den Tag genau 41 Jahre alt, mithin so alt wie Jens Lehmann, das deutsche Torwart-Idol, steht unter dem schlichten Titel: „Literatur“. Sie stammt aus dem Band „Der Linkshänder oder Schicksal ist ein hartes Wort“ von 1970. Damit bin ich wieder zurück bei der schon eingangs erwähnten Frage:

„Wir heute hier über was sollen wir reden“?

erstellt am 26.9.2011

Rolf Haufs
Rolf Haufs
Rolf Haufs und Herta Müller

Rolf Haufs, hier mit Herta Müller, 1985 bei der Verleihung des Bremer Literaturpreises an ihn für den Gedichtband „Juniabend“ (Förderpreis an Herta Müller für „Niederungen“)

Zuletzt erschienen:
Rolf Haufs
Tanzstunde auf See
Gedichte. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser 2010?

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