Matthias Pintscher gehört zu den begehrtesten Komponisten seiner Generation. Seine Orchesterstücke werden von großen Orchestern unter berühmten Dirigenten aufgeführt, und es sind immer wieder besondere Solisten, die sich für seine Musik begeistern, wie der Cellist Truls Mørg oder die Sopranistin Marisol Montalvo. Nun hat er ein Konzert für die Stargeigerin Julia Fischer komponiert, das am 28. September 2011 in der Alten Oper Frankfurt seine deutsche Erstaufführung erfuhr.

Matthias Pintscher: Der begehrteste Komponist auf der internationalen Bühne

Dem einzelnen Ton vertrauen

Von Stefana Sabin

Ein Skizzenblatt von ihm wurde in das Fundament des Konzerthauses Dortmund eingemauert, immerhin neben einer Fidelio-Partitur, einer Bibel und einem Pfennig. Seine Orchesterstücke werden von berühmten Orchestern, wie den Berliner Philharmonikern und den Chicagoer Symphonikern, unter berühmten Dirigenten, wie Pierre Boulez oder Christoph Eschenbach, auf berühmten Konzertbühnen, wie der New Yorker Carnegie Hall oder der Frankfurter Alten Oper, aufgeführt, und es sind immer wieder berühmte und besondere Solisten, die sich für seine Musik begeistern, wie der Cellist Truls Mørg oder die Sopranistin Marisol Montalvo. Er ist, stellte die amerikanische Musikzeitschrift „andante“ fest, „der begehrteste Komponist auf der internationalen Bühne“: Matthias Pintscher, 1971 im nordrhein-westfälischen Marl geboren, seit 1991 mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet und seit 5 Jahren in Frankfurt zu Hause, ist ein Star, und zwar einer ohne Allüren. Es gelingt ihm, den Erfolg mit Gelassenheit und Selbstironie zu genießen. Er würde auch, sagt er, wie George Clooney oder wie Paul Auster werben, wenn die Produkte und die Werbung ihm gefallen würden. Und er lacht, denn er weiß sich in guter Gesellschaft. Dass er sich in Frankfurt niederließ, sei Zufall, aber auch Pragmatik: Der ständig Reisende braucht die Möglichkeiten eines Verkehrsknotens und genießt die Annehmlichkeiten einer kleinen und überschaubaren Stadt, die zugleich kosmopolitisch geprägt ist. Zudem ist Frankfurt eine Musikstadt, in der es zwei große Konzertsäle gibt, in der zwei große Orchester und mehrere Kammerensembles ansässig sind, in der sehr viele Musiker leben und in der eine Musikhochschule und ein Konservatorium für eine der Musik geneigten Stimmung sorgen.

Schon 2003 hatte ihn die Alte Oper mit einem Komponistenporträt gewürdigt, 2007 wurde ebendort sein Cellokonzert “Reflections on Narcissus” mit der Jungen Deutschen Philharmonie und dem Cellisten Truls Mørg aufgeführt. Pintschers „Reflections“ sind ein dramatisches Stück, in dem die selbstreferentielle Spiegelung zugunsten einer selbstreflexiven Befragung aufgelöst wird. So ist ein dramaturgischer Höhepunkt des Konzerts die Stelle, wo eine virtuose Solistenpassage vom Solocellisten des Orchesters sozusagen gespiegelt wird. In dieser Passage inszeniert Pintscher ein Gespräch zwischen den Instrumenten. Musik sei, sagt er, ein Dialog: zwischen Komponisten und Musikern, zwischen Musikern und Dirigenten, zwischen Dirigenten und Komponisten, zwischen Komponisten und Publikum.

Vielleicht wegen des Instrumentendialogs hat er vor allem Orchesterstücke komponiert. „Das Orchester ist mein Instrument,“ hat er schon vor Jahren einmal gesagt. Und vielleicht tritt er wegen des Komponisten/Dirigenten/Orchester-Dialogs immer wieder auch als Dirigent auf: Nicht nur seine eigene Werke, sondern ebenso Werke des allgemeinen Konzertrepertoires hat er immer wieder zur Begeisterung des Publikums dirigiert.

Als Pierre Boulez im Herbst 2007 in der Alten Oper Frankfurt „Towards Osisris“ einstudierte, saß Pintscher im Saal. Matthias Pintscher, sagte damals Boulez, „weiß genau, was er will, und ich natürlich auch. Ich kenne ihn auch schon länger, habe schon mehrfach Stücke von ihm aufgeführt, ich kenne seinen Stil und weiß, was er hören möchte: welche Klangfärbungen, was für eine Dynamik, welche Tempi. Im übrigen ist es für mich und das Orchester bereichernd, wenn der Komponist in die Probe kommt.“

Auch bei den Proben zu seiner Oper „L’Espace dérnier“, die als deutsche Erstaufführung in der Alten Oper Frankfurt in Mai 2008 gespielt wurde, war Pintscher bei den Proben dabei, und er saß während der Aufführung mit am elektronischen Klangbearbeitungsstützpunkt. Diese Oper, in der er seine Geschichte von Arthur Rimbaud erzählt, ist in seinem Schaffen ein wichtiges Werk: Mit ihr kehrt er nach zehn Jahren zum Musiktheater zurück und destruiert es zugleich, indem er sich nicht auf eine Handlung einlässt, sondern eine Textcollage aus Gedichtfetzen und Briefstellen statt eines Librettos entwirft und keine Figuren, sondern nur Stimmlagen („Sopran“, „Tenor“, „Koloratursopran“, „Bassbariton“) auftreten lässt. Musikalisch vorsichtig, mit langen Ein- und Ausschwingvorgängen nähert er sich dem Rausch der Rimbaudschen Sprache und betreibt Textbefragung als existentielle Verwunderung.

Eine ähnlich luzide und dennoch emotionale Färbung prägt sowohl Pintschers Stück für Cello und Klavier, das unter dem Titel „Uriel“ beim diesjährigen Jerusalem Festival Anfang September uraufgeführt wurde, als auch sein zweites Violinkonzert, das er für Julia Fischer komponiert und „Mar’eh“ genannt hat. Das hebräische Wort ,Mar’eh‘ bedeutet Antlitz, aber auch Aura oder Erscheinung – es kann, sagte Pintscher, „die Aura eines Gesichtes meinen, eine schöne Erscheinung, etwas Wunderbares“ suggerieren. Pintscher knüpft an sein Violinzyklus „Study for Treatise on the Veil“ an und verleiht dem neuen Konzert einen Pathos, das technisch verbrämt wird. „Für die Geige ein einziger liedhafter Bogen über mehr als 20 Minuten, für das Orchester transparente Klanglichkeit und Farbenmelodie,“ beschreibt Pintscher sein Violinkonzert, das als Auftragswerk von Lucerne Festival, vom London Philharmonic Orchestra und der Alten Oper Frankfurt entstand. Anfang September wurde das Konzert in Luzern von Julia Fischer mit dem London Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Vladimir Jurowski uraufgeführt, danach in London in der Royal Festival Hall erstaufgeführt; am 28. September wird seine deutsche Erstaufführung in der Alten Oper Frankfurt stattfinden.

Der Partitur stellte Pintscher einen Hinweis auf Luigi Nono voran: „presenze – memorie – colori – respiri“. So geht es in diesem Stück bei aller Gegenwärtigkeit auch um das Erinnern: Im Aufscheinen schwingt, atmet das Vergangene mit. Das Orchester ist Teil der transparenten Klanglichkeit, antwortet in dem Gestus, den die Geige evoziert und realisiert eine eigene Form von Klangfarbenmelodie. „Es gibt drei Flöten, die durch die spezifischen prismatischen Spieltechniken, die ich mir in meinem Flötenkonzert transir erarbeitet habe, eine herausgehobene Position haben. Sie kommentieren durchweg das Violinspiel, antworten immer kammermusikalisch auf die Geige. Dies streut sich dann weiter in die gebrochene, spektrale Klanglichkeit des Orchesters. Der Satz ist immer leicht, nie kompakt oder heftig, sondern durchsichtig, perspektivisch antwortend auf die feine Zeichnung der Geige in diesem Klangraum.“

Er komponiere, sagt er, nicht am Instrument, sondern eher am Schreibtisch. Er beginne mit Tönen, Tonarten und probiere dann die Sätze und Phrasen am Klavier aus. Tatsächlich gibt es in seiner Wohnung in der Frankfurter Innenstadt, in Fußnähe zur Alten Oper und zur Musikhochschule nur ein Klavier, keinen Flügel. „Das Komponieren,“ sagt Pintscher fast ein bisschen melancholisch, „geht sehr, sehr langsam. Ein Solist kann Hunderte Konzerte im Jahr spielen. Ich brauche viel Zeit, viel Ruhe, immer wieder Einsamkeit.“ Und diese Einsamkeit findet er – trotz des ständigen Trubels, den der Erfolg mit sich bringt. Es sei auch eine Frage der Selbstdisziplin. „Die Außenwelt ist wichtig,“ sagt er und meint damit die öffentliche Anerkennung. Und: „Die Außenwelt ist nicht wichtig,“ und meint damit, dass der Komponist machen muss, was er für richtig und wichtig hält. Seine Musik ist in den letzten Jahren filigraner, „stiller“ geworden. Er hätte gelernt, „dem einzelnen Ton zu vertrauen.“ Nicht zufällig ist Monteverdi ein großer Stern am musikalischen Himmel Pintschers – es ist diese Konzentration der Töne und der Klangfarben, nach der er strebt. Denn Musik, sagt Pintscher in einer Paraphrase von Strawinsky, drückt nichts anderes aus als sich selbst.

erstellt am 22.9.2011

Matthias Pintscher in der Alten Oper Frankfurt, Foto: Priska Ketterer, 2008
Matthias Pintscher in der Alten Oper Frankfurt, Foto: Priska Ketterer, 2008
Matthias Pintscher mit Pierre Boulez, Foto: Priska Ketterer, 2006
Matthias Pintscher in der Alten Oper Frankfurt, Foto: Priska Ketterer, 2008
Partitur »Reflections on Narcissus« (2004/2005)
Partitur »Reflections on Narcissus« (2004/2005)