Der Überdruß an den traditionellen Erzählformen hat ihm das prosaische Schreiben verleidet. Marcus Roloff, geboren 1973 in Neubrandenburg, ging auf der Suche nach sprachlicher Konzentration den Weg zum Nadelöhr der literarischen Kunst, zum Gedicht. Nachdem er das schmale Sternentor durchschritten hatte, fand er sich in einer unabschließbaren Ausdruckswelt wieder, in einer, die ihm gemäß war. Johannes Bobrowski und Peter Huchel haben ihn damals interessiert, und von Thomas Kling fühlte er sich magnetisch angezogen. Wer in den Gedichten Roloffs heute noch Spuren dieser affektiven Nähe findet, liegt nicht falsch. Freilich hat Marcus Roloff andere Bezugsnetze, ein eigenes poetisches Vokabular entwickelt, auch eigene Kriterien für die musikalische Balance der unterschiedlichen Wortklänge in der grammatikalischen Orchestration und für das Flechtwerk der Parenthesen und eingeklammerten Gegenwelten. Selbstverständlich sind auch die Inhalte (soweit man das Wort seriös mit Poesie in Verbindung bringen möchte) eng an die Person Roloff gebunden. Oft reflektieren sie Themen, die ihn dauerhaft bewegen: DDR-Kindheit, Menschenvernichtung im Faschismus, Katholizismus, Deutsche Geschichte. Die Rigorosität fällt auf, mit der er seine Mitteilungen verknappt. Die Schmucklosigkeit steht zuweilen in großer Spannung zu den aufgeladenen Wortbildungen: „ leichenfließgeschwindigkeit null. Und rein wie raus aus der/stadt in russengestalt.“ (mai in demmin) Die Verkürzung der Sätze auf die Essenz der Aussage eliminiert häufig auch die konkreten Bezüge, so daß die Gedichte ihren Ort und ihre Zeit verlieren, sich also lösen von ihren Gegenständen. Schwer zu fassen werden sie dadurch, manchmal mit heterogenen Bausteinen zu kaum einnehmbaren Festungen zusammengefügt. Wer sich aber die Zeit nimmt, den Eingang zu finden, wird die Artefakte, die ja der Erfahrung abgerungen sind, mit der eigenen Erfahrung beleben können. Dann hat er selbst das Sternentor durchschritten. Bernd Leukert

Text und Audio

Marcus Roloff liest

fragezeichen

ist sprache was ist sprache geheul
ist sprache ein fluch ein segen ist
sprache die säge mit der man die namen
zersägt die höhle in der die dinge hausen
oder die namen oder der gott haust & sprache
ausbläst ohne pause nennung & setzung
tut oder ist gott tuend oder sprechend
oder beides ist adam ein name oder ein
mensch ein mann der adam ist & adam heißt
& sagt ich heiße adam & das da ist
gott der hat mich ausgesprochen ich
frage nicht ob er auch sich selbst aus
gesprochen hat oder ob der atem auch ihm
einging oder wo der herkam oder ob der
herkam oder nicht doch weil sprechen
atmen ist & atem sein muss auf ewig
oder nur einmal

(aus „gedächtnisformate“, gutleut verlag 2006)

maria am ostbahnhof

die ewigkeit riecht nach metall.
unendliches trägt weder sich noch
wird getragen, besteht & besteht
übern tag raus & betreibt uns &
fäden laufen zusammen an gelenk &
rücken: maria: wir tanzen im aus-
gedachten bakchenlärm, für & für wird
weder mir noch dir die zwei zur eins.

selberklappernde spieldosen, aufgezogne
du schweigst & schwitzt zu der musik.
bevor der blick auf meere geht oder
wenigstens auf die spree raus: maria
: ketten pausen vorgebirge an den
freien fall oder halten: am aufwärts
flatternden minirock wie gestirne
festgemutterte diskokugeln den takt.

(aus „gedächtnisformate“, gutleut verlag 2006)

sète

die toten sind immer die andern
auch am meer, vor dem sich der
friedhof aufstellt: zersiedelte
hügelgebrüder mit dem abgebrochenen
lebensfaden, kreuze wie notlicht.

totenlampe, totale sonne, seeblick, tief
ist die ruhe über den christussymbolen
vom schreibtisch aus der charakter der
schatten mediterran, wie man sagt
beträufelt vom lichtschwenker.

(aus „gedächtnisformate“, gutleut verlag 2006)

hülle und fülle

sprache wechselt die kleider zitiere ich
nicht das ist zu lang her (nicht singend —
schon gar nicht in meiner jugend) sag ich
das heißt um die sterbenshülle herum

geh so vernagelt ich wenn mich die
sprache verlässt ja auch die garten- und
gärtnermetaphern ziehn sich zurück in sich
selbst vor der überfülle des erstlings

und heulen könnte vor wut ich über mein
taubes hirn aber zahllose zipperlein
bringe ich vor gegen die suche nach der
antwort auf die frage wer WER denn sei

(aus „im toten winkel des goldenen schnitts“, gutleut verlag 2010)

treasure island

in der schatulle (bin ich
mir sicher) ruht der raum ich weiß

er ist schwarz, ohne schlüssel &
lesegerät dietrich JOHN DOE also

kann es nicht sein, aber ich bin
er + das quaderförmige

eiland der aufklappbaren
gegenwartsmappe durchstreift mich

ausgehend von nichts als jedem
jemals möglichen x

(aus „im toten winkel des goldenen schnitts“, gutleut verlag 2010)

erstellt am 19.9.2011