Jürgen Roth führte das Gespräch mit Eckhard Henscheid 2006 im Frankfurter Dichterviertel. Faust-Kultur veröffentlicht es anlässlich des fünfundsiebzigsten Geburtstags des bedeutenden Schriftstellers und Mitbegründers der Neuen Frankfurter Schule.

Gespräch mit Eckhard Henscheid

Vom Sinnlichkeitsvorreiter zur Sushibar-Begeisterung

Jürgen Roth: Wie gestaltete sich dein erster Aufenthalt in Frankfurt?

Eckhard Henscheid: Der hatte schon mit einem bestimmten Frankfurt-Bild zu tun. Am Tag nach Adornos Tod, es muss also am 7. August 1969 gewesen sein, hat es der Zufall gefügt, dass ich Adornos Nachfolge angetreten habe, indem ich mich bei pardon vorstellte, der damals noch dominierenden satirischen Zeitschrift. Und meiner Erinnerung nach war bei mir tatsächlich so eine Art Bild von Frankfurt mit Satire, mit Komik, mit Intelligenz verschwistert. Das hat sich zum Teil hergeleitet – wie ich das später beschrieben habe – vom Spielwitz der Frankfurter Eintracht, aber auch von pardon, deren mehr oder weniger hingegebener Leser ich seit einigen Jahren gewesen war. Ich hab’ mir aber auch eingebildet – nicht ganz zu Unrecht –, dass die alte Frankfurter Schule, also die Kritische Theorie, mit dieser Art von Satire doch auch einiges zu tun hatte. Es gibt z. B. von Adorno ein paar kleinere Texte, die in ihrer Anlage ausgesprochen satirisch sind – etwa ein Stück über einen amerikanischen Konzertführer, ein Lieblingstext von mir, an dem man Adornos satirisches Talent ebenso erkennt wie die Karl-Kraus-Schule. Dieser Eindruck hat sich allerdings später sehr stark verändert. Habermas z. B. ist ein komplett humorfreier und komikunfähiger Mensch, dem die Idee, dass die Neue Frankfurter Schule mit der alten was zu tun haben könnte, wesensfremd ist. Er fällt aus allen Wolken, wenn er mit solchen Dingen konfrontiert wird. Insofern hat sich mein Frankfurt-Bild bestätigt und zugleich relativiert. Dass Frankfurt eine besonders satirenahe Stadt ist, das waren zum Teil halt Flausen in meinem Kopf. Frankfurt ist mindestens im gleichen Maße natürlich eine Bürger- und Grattler- und Spießerstadt.

Eine Brücke zwischen Neuer Frankfurter Schule und Kritischer Theorie wäre zumal der erwähnte alte Wiener Karl Kraus.

Ja. Allerdings gilt das mehr oder weniger nur für Adorno. Bei den sonstigen Standesvertretern der Kritischen Theorie findet man Kraussche Spuren erst bei äußerst genauem Hinschauen, sei’s bei Horkheimer oder Löwenthal, sei’s bei der zuletzt als Erbverwalter tätigen Professorenschaft am Institut für Sozialforschung.

Wien ist ja, zumindest im Ersten Bezirk, eine ausgesprochen schöne, fast zu schöne Stadt. Geht es dir, Krausens Wien mit Frankfurt konfrontierend, ähnlich wie Martin Mosebach, der des öfteren sein unausgesetztes Leiden an Frankfurt zum Ausdruck gebracht hat, sein Leiden an der obwaltenden „Monumentalverhunzung“ und „lauten Hässlichkeit“?

Mosebach gehört ein bisschen einer anderen Generation an. Er ist gewissermaßen immer vor Ort gewesen. Mein Bild verdankt sich eher einer kleinen Suggestion, die lange Zeit aufrechterhalten und sogar forciert worden ist, nämlich dass Frankfurt zwar hässlich, aber – das waren damals schon etwas inflationär missbrauchte Lieblingswörter – eine besonders „aufregende“ und „ehrliche“ Stadt sei. Das las und schrieb man auch in unseren Kreisen noch in den achtziger, neunziger Jahren. Das war meines Erachtens nun seinerseits wieder eine Mythisierung, die darüber hinweggetäuscht hat, dass diese Hässlichkeit zum Teil bereits eine strukturelle war. Um einen Punkt nachzutragen: Als ich nach Frankfurt kam, war Frankfurt noch gut in sozialdemokratischer Hand, angeblich sogar unter linker sozialdemokratischer Kontrolle. Das hat sich in den achtziger Jahren geändert und ging dann immer hin und her, mit eigentlich dominierenden CDU-Magistraten und -Bürgermeistern. Das war mehr oder weniger eine Rückkehr vom Mythos zur Realität – dass Frankfurt vielleicht in Spuren noch so etwas wie ein Ausdruckscharakter von Kritik, von Theorie, von Philosophie, von Goethe und Satire ist. Der Spielwitz der Frankfurter Eintracht ist im Laufe der letzten drei Jahrzehnte ja auch zum Teil sehr ins Bodenständige zurückgesunken.

Eine etwas ältere satirische Arbeit von dir beschäftigt sich mit einem ehemaligen Frankfurter OB, der das Postulat in die Welt gestemmt hatte, man müsse Frankfurt wieder als „sinnlichen Raum“ begreifen und gestalten. Das fordert die Satire gewissermaßen mit wehenden Fahnen heraus.

Damals noch nicht so sehr. Ich bilde mir sogar ein, dass ich einer der wenigen war, der damals schon lachen musste und sich auch lachend geäußert hat. Inzwischen hat man nachlesen können, dass dieser Wahnsinn von der „sinnlich erfahrbaren Stadt“ nicht nur die Fressgasse betroffen hat, wo ununterbrochen Apfelwein ausgeschenkt und Fleischwurst gefressen wurde; sondern es gab auch im Umfeld der Grünen scheinbar weitgehend ernstgemeinte Pläne, aus dem Main das zu machen, was er früher wohl mal war: eine Art Vergnügungszentrum mit offenbar einem geheizten Schwimmbadteil, in dem pausenlos das Äußerste an Sinnlichkeit herausgekitzelt werden sollte. Meines Wissens war auch der junge Obertheoretiker Jockel Fischer an diesen Überlegungen beteiligt. Als Main-Vergnügungsminister oder zumindest -stadtrat hätte man ihn gern erlebt, den vielmaligen Ehemann und Sinnlichkeitsvorreiter.

Gibt es denn, wenn schon diese paradiesische Main-Vision nicht hat Wirklichkeit werden sollen, in Frankfurt noch elysische Enklaven? Martin Mosebach würde sagen, die einzigen echt frankfurterischen Räume und zugleich idyllischen Flecken seien die Sachsenhäuser Äpplerwirtschaften.

Ich tendiere seit zwei, drei Jahren aus den dir auch bekannten Gründen mehr nach Bornheim, sowohl zu den bekannten Apfelweingartengaststätten als auch den Wintergaststätten und, immer noch, den Wasserhäuschen, die bei Hermann Peter Piwitt, Mosebach und mir eine reale und literarische Anhängerschaft gefunden haben. Die besitzen, wenngleich etwas anders als die Münchner Stehausschänke, zumindest noch einen Hauch vom Paradiesischen, sei’s im milden Sommer, sei’s auch bei minus 25 Grad im Freien, für etwas gutgepolsterte Menschen.

Auch bei Jörg Fauser und Peter Kurzeck ist das Wasserhäuschen ein hervorstechendes Frankfurt-Element.

Ja, aber doch noch nachdrücklicher die Sachsenhäuser Kneipe. Ich wohnte übrigens im Winter 1969/70 in Sachsenhausen und hab’ mal an einem Sonntag an einem mir noch unbekannten Wasserhäuschen was besorgt, die Zeitung oder Schnaps, und da standen bei selten niedrigen Temperaturen diverse Männer rum und hielten eisern ihre Bierflaschen in der Hand. Das war einer der ersten und freundlichsten Frankfurter Eindrücke, wenn nicht gar ein paradiesischer Eindruck.

Das – freilich fiktionalisierte – wabernde, dunstige Kneipenmilieu wie in der Gaststätte Mentz, das in den Vollidioten atmosphärisch von einer hohen Signifikanz ist, ist das in Frankfurt angesichts der Sushibarbegeisterung und Chill-out-Tuerei gänzlich verschwunden?

Ich bin heute zufällig am Horizont, der ehemaligen gewissermaßen Stammkneipe des Titanic-Umfeldes, vorbeigekommen und hab’ mir da sagen lassen, dessen hochfliegende Zeit sei auch schon wieder vorbei – so wie ja das Grünen-Milieu mit seinen Ausuferungen in die Lehrerschaft hinein nicht mehr das ist wie vor zehn, zwanzig Jahren. Der Mentz selber war schon eine Singularität und nicht unbedingt typisch. Da kam allerhand zusammen. Der Mentz war eine ganz ordinäre Bierwirtschaft, die aber plötzlich ein sternmarschförmig angegangenes Ziel von eben Linken wurde, von sowohl an der Universität tätigen theoretischen Köpfen als z. B. auch von Robert Gernhardt mal so genannten Kulturkrautern. Dazu kam, dass der Mentz eigentlich, was in den Vollidioten noch erwähnt wird, Berliner Zillestube hieß. Also, das Ganze ist eher ein Kapitel von Missverständnissen durch dick und dünn, und der legendäre und großartige Wirt Hans Mentz hat wohl die Verhältnisse auch ganz gut auf sich wirken lassen, war aber im Grunde geprägt von diesem Berliner Zillestubenideal. Aus diesen und ähnlichen Gründen war das ein großes, verwegenes Gemisch und insofern wahrscheinlich besonders fruchtbar. Allerdings gab es damals noch eher diesen Typ von Frankfurter Eckwirtschaften, die so schöne Namen wie Sportlerstubb oder Sportzentrale hatten – schöne Spießerkneipen in einer Weise, in der man den Spießer sehr begrüßt, in der der Spießer sozusagen etwas Fruchtbares entwickelt wie in den alten Frankfurter Volksstücken. Vermutlich ist das aber beides und alles ziemlich den Bach hinuntergerauscht.

Literaturfähiger Soziotopersatz könnten solche Snack-points wie der Caddy, dieser gewagte Stehimbiss bei dir um die Ecke, oder umgerüstete Tankstellen wie der Rossi sein.

Ja. Wir könnten da schon korrekterweise im Plural reden. Wir schätzen sowohl den genannten Caddy als die umgebaute Rossi-Tankstelle in der Raimundstraße aufs äußerste – verwegene Kommunikationsformationen, die manchmal, mehr im Winter, an einen bitterlich vor sich hin vegetierenden Wartesaal erinnern. Im Sommer ist meine Hauptassoziation irgendwo bei John-Steinbeck- oder auch Gershwin-Modellen angesiedelt. Ich hab’ mal die noch kühnere Vision entwickelt, dass man auf den Grünstreifen der größeren Straßen im Sommer zechen könnte und dass das hervorragend zu Frankfurt passen würde.

Müßiggang, Schlendrian, eine Art variiertes Hippietum – das alles passt in unsere rasende, profitsüchtige Zeit nicht mehr.

Ja. Aber ich bin da nicht mehr unbedingt die richtige Auskunftsstelle. Ich bin neulich zufällig an einem Lokal in der Börsengegend vorbeigekommen, wo die neuste Formation der Aufsteiger täglich gezwungenermaßen beieinanderhockt, in der Realität wie in der ZDF-Serie Ein Fall für zwei. Das dürfte jetzt eine häufigere Geselligkeitsform in Frankfurt sein, die natürlich nicht unbedingt uns als Gäste erhofft und erwartet – und umgekehrt. Das beruht wahrscheinlich auf wechselseitiger Fremdheit, ja Verabscheuung.

Wenn wir noch mal zum sozusagen Satirestandort Frankfurt zurückkehren können: Satire ist heute, einem Diktum von dir zufolge, durch und durch Sprachkritik. Just an der hiesigen Universität wird das „Unwort des Jahres“ ausgeheckt. Du hast vor Jahren die Wahl des Kohlschen „Kollektiven Freizeitparks“ missbilligend kommentiert und Helmut Kohl vor dieser Kür in Schutz genommen.

Die Formulierung ist wahrscheinlich nicht vom Kohl, aber wenn man rein sprachliche Kriterien bemüht und unterstellt, sie wäre von Kohl: Dann ist sie nicht schlecht. Diese nicht mehr ganz überschaubaren Unwörter und Wörter des Jahres kranken häufig, ja fast immer daran, dass eine schlechte Gesinnung mit einer schlechten Formulierung verwechselt wird. Es kann eine zynische Gesinnung durchaus mal mit einer guten Formulierung einhergehen. Zufällig habe ich heute was recht Schönes in den gesammelten Werken von Matthias Beltz gelesen. Neben auch etwas flacheren Faseleien, die er veranstaltet hat, steht die richtige Frage, was man eigentlich dauernd gegen Menschenverachtung habe. Wen soll man denn sonst verachten außer Menschen? Also, Elefanten kann man nicht verachten, und die Alpen bieten sich auch nicht so sehr an. Das Wetter wird neuerdings sehr verachtet auf sämtlichen Kanälen. – Was die Frankfurter Satiriker angeht, wollte ich doch noch anfügen, dass die manchmal nach außen so scheinende Affinität der Stadt zu Satire und Kritik eine grobe Täuschung ist, im nachhinein. Das lässt sich leicht daran ablesen, dass die ersten Ausstellungen zur Neuen Frankfurter Schule in Marburg, in Wiesbaden, in München und weiß Gott wo stattfanden, und erst an fünfter oder siebter Stelle kam Frankfurt. Die Stadt hat mit großer Verspätung gemerkt, dass hier was nachwächst, das im weitesten Sinne sogar der Imagebildung dient. Nun gründen sich ganze Kulturbeamtenexistenzen auf dieser Neuen Frankfurter Schule, es werden Preise vergeben – und ähnlicher Unfug.

Ich muss noch mal auf den Zusammenprall von Literatur und Politik in Frankfurt zu sprechen kommen. Denn 1985, nach der Veröffentlichung deiner Helmut-Kohl-Biographie, bist du auf der Buchmesse mit dem Kanzler zusammengestoßen – eine denkwürdige Begegnung.

Nein, das ist ein Irrtum, eine Legende. Ich bin mit Kohl mal während des Wahlkampfes 1972 zusammengestoßen, d. h., er hat mir in die Hände gegriffen. Auf der Messe hat man dem Kohl etwas unvorsichtig mein Buch zum Signieren hingehalten, und er hat auch seinen Kohl-Krakel reingemacht – das Exemplar ist noch in meinem Besitz, wenn ich mal sehr verarmt bin, werde ich’s versteigern. Es ist eine sehr kurze Unterschrift, ein Geheimnis der erfolgreichen Kanzlerschaft ist ein kurzer Name und ein kurzer Krakel. Der Rest erinnert an dieses beliebte Kinderspiel: Wie sieht ein Satz am Ende aus, wenn man ihn weitersagt? Die einen berichten, Kohl habe gesagt, das Buch sei ein starker Beitrag, und die anderen – das ist wahrscheinlicher – bieten die Version an, Kohl habe signiert und dann erst gesehen, was er da signiert hatte, und gesagt, das sei ein starkes Stück, dass man ihm das vorlege.

Ich bin vor gut eineinhalb Jahren auf einem Wolga-Dampfer Augenzeuge eines ziemlich titanischen Treffens zwischen dir und Egon Bahr gewesen. Ist damit zu rechnen, dass du dich in Zukunft biographisch einem SPD-Granden wie eben Egon Bahr zuwendest?

Bei Egon Bahr schließe ich’s nicht aus. Gegenüber Bahr gab es immer – vielleicht auch durch die Affinität im Berufsleben, Bahr ist ja gelernter Journalist – eine Art Sympathie, sowohl für seine Tätigkeit als Adlatus von Willy Brandt als auch für den Typ, obwohl es ein Berliner Grundtypus war und ist. Das ist auch nachweisbar. Weit vor der Wolga-Fahrt, schon in den Sudelblättern [aus dem Jahr 1987], wird Egon Bahr als eine Licht- und Trostgestalt kurz angewürdigt. Ansonsten, bei immer noch nicht gekündigter SPD-Mitgliedschaft, die aber schon seit fünfunddreißig Jahren ruht, ist mir, wie es die ZEIT mal sehr richtig geschrieben hat, die auftrumpferische CSU-Kultur, und sei es Vilshofen und Passau unter Strauß, vergleichsweise doch noch etwas näher.

Wenn Satire – eine Binsenweisheit – wesentlich Negation und Frankfurt die Stadt der Satire ist, muss man Frankfurt prinzipiell ablehnen. Aber du hast in den Sudelblättern gegen Adorno und mit Erich Kästner einmal das Positive benannt. Und das Positive in dieser Welt sei: der Frankfurter öffentliche Personennahverkehr. Der funktioniere tadellos und zu jeder Zeit.

Ich müsste jetzt lange nachdenken und die Erinnerungsneuronen anschüren und glaube, eingestehen zu müssen, dass ich hier einer Einflüsterung meiner Ehefrau, die den Nahverkehr jeden Tag noch naher gebraucht hat als ich, erlegen bin. Gelegentlich finden sich solche Spuren der Meinungen der Ehefrau in meinen Büchern. Ich bin halt auch manipulierbar, kann aber das Urteil inzwischen erweitern. Die vielgescholtene Eisenbahn ist vielleicht nicht das Positive auf dieser Welt, aber keineswegs so negativ, wie alle unsere Rentner bis hin zu den FAZ -Redakteuren in der Bahn ununterbrochen den Watschenmann der Nation schlechthin traktieren. Vielleicht beschließen wir’s, Frankfurt weit überschreitend, mit einem vorsichtigen Lob der und einer Wiedergutmachung an der deutschen Bundesbahn.

Ich würde sagen, dem schließe ich mich an.

Ja, das mach nur.

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erstellt am 14.9.2011

Eckhard Henscheid bei einer Lesung aus Gescheiterte Romananfänge, 1990

zur Person

Eckhard Henscheid

Eckhard Henscheid, geboren 1941 in Amberg, wohnhaft dort, in Arosa und lange auch in Frankfurt/Main. 2004 hat Henscheid erstmals einen Literaturpreis angenommen, den Italo-Svevo-Preis – weil er sich Svevos Werk ähnlich verbunden fühlt wie demjenigen Kafkas oder Dostojewskis.

Empfohlen sei neben der Werkausgabe bei 2001 auch die Hörbuchfassung des gerühmt-berühmten Frankfurt-Romans Die Vollidioten. Sie wurde eingelesen von Hanns Zischler.