Rede auf Thomas Kapielski

Zorn und Dezenz

Von Jürgen Roth

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

In Vorbereitung auf diesen Abend las ich kürzlich in einer Besprechung einer seiner zahlreichen Bücher, Thomas Kapielski sehe sich „zu Recht mißverstanden […], sofern man ihn ausschließlich als Autor komischer Texte und eben nicht genausosehr als, meinethalben, Schopenhauer unserer Zeit wahrnimmt, dem es bitterernst um den Welt- und den eigenen Zustand zu tun ist“.

Das ist komplett richtig. Ich habe es nämlich selber geschrieben. Andernorts hat kein geringerer Blödmann als ich zu Thomas Kapielski öffentlich fallengelassen: „Wer Kapielski nach wie vor als ‚Spaßmacher‘ oder ähnlich tituliert, kann genausogut Schopenhauer den Utopisten zurechnen.“ Was bezwecke ich mit diesen peinlichen, aufdringlichen Selbstzitaten, die zu benutzen mir faulen Sau allerdings recht zupass kommt?

Ich möchte durchaus, und zwar ohne jede didaktische oder rezeptionsstrategische Absicht, es wäre lächerlich und quatschköpfig, verfolgte ich ein derart prätentiöses Ziel, durchaus möchte ich das Augenmerk auch ein wenig auf jene Partien und Passagen des imposanten, in den heutigen Kulturruinenlandschaften und verkarsteten Alltagssittensteppen beinahe einsam herausragenden Kapielskischen Werkes richten, in denen Kapielski nicht seine Sprachspielperlen verschwenderisch verstreut, in denen er nicht den tröstlichen Turbulenzen des Lebens huldigt, in denen er nicht auf die Pointe luchst, die am Wirtshaustisch aus einer beiläufigen Bemerkung herauspurzelt.

In einem seiner drei Bücher aus dem vergangenen Jahr, in dem Prosaband Mischwald, findet sich, eingerahmt von Miniaturen voller irisierender, hüpfender, federnder, pikarischer Sätze, eine Art metagenealogische, metabiologische und metaastronomische Verwunderung, ein empathisch-existentialistisches Kleintraktat mit dem Titel „Stammfisch“. Ich zitiere: „Nicht der Tod ist unfassbar, die Geburt ist es: diese Unwahrscheinlichkeit, ins Leben gestellt zu werden! Diese seltsame Besamung, Beseelung. Das Datum, der Ort, die Fügungen. Dieser zarte, unscheinbare Auftritt, im Grunde und Fortgang aber invasives Neozoentum, Behauptung wider andere, Landnahme. Dieser Wurfwürfel zu bestimmter und doch zufälliger Zeit, aus einer wildfremden, kaum ruchbaren Frau, in irgendein Land, auf diesen komischen Globus mit all seinen starren Vorgaben: Schwerkraft, Umlaufrhythmen, 118 Elemente, alles bewegt sich mit höchstens Lichtgeschwindigkeit (schneller geht nicht! – Wer kann das genehmigen, denkt sich das aus, wer verordnet so was?)“

Verkappte, unfromme Theologie im Zeichen gedanklich unentwirrbarer Kontingenz und Intransigenz? Wer weiß. Schopenhauer hätte es gefallen, dem alten Sinnzermalmer, der ungefähr hundert Meter von hier in einem Haus an der Schönen Aussicht starb, einem Haus, das seit Jahrzehnten nur noch als eine etwa zehn mal vierzehn Zentimeter messende Ecke aus Fassadenmauerwerk existiert, der Rest ist halb Brache, halb Grube, versteckt hinter dem hässlichsten Bauzaun nördlich des Mains. Gut möglich, daß ihm, Schopenhauer, dito eingeleuchtet oder gar behagt hätte, wie in dieser indolent-ignoranten Stadt das Andenken an ihn gepflegt (beziehungsweise nicht gepflegt) wird – genauso wie folgende Reflexion aus dem bescheuerten Leben, Mischwald, Seite 288: „Ich hege schon lange den Verdacht, dass die Summe menschlicher Gewalt einigermaßen konstant und allein die Verteilung variabel bleibt. Wird sie hier geächtet, gezähmt oder ganz vergessen und belanglos, so keimt die Lust an ihr eben anderswo, quillen Zerstörung und Furor aus anderen Fugen. So wälzen sich die Zentner, Pfunde und Tonnagen der Gewalt beharrlich von einer Waagschale zur anderen; ihr ist es egal, wen sie bedrückt. (Wenn ich mich irre, bitte nicht gleich verhauen!)“

Meine Damen und Herren, hauen Sie mich, schlagen Sie mich horrorfilmreif, flechten Sie mich aufs Rad, doch ich behaupte steif und fest, dass dergleichen Motive, Überlegungen und Meditationen subkutan bereits seit Kapielskis genialem, gewissermaßen amtlichem literarischen Debüt Aqua botulus, vollends unübersehbar seit dem Tagebuchroman Sozialmanierismus zweiundachtzig Prozent dessen ausmachen, womit er seine Leser beschenkt. Komik, Spott, Invektiven, Homo-ludens-Allotria verteilen sich auf zwölf Prozent des bisher geschaffenen Œuvres. Sechs Prozent sind Gedichten, anderen Sachen und der seit Parmenides ins Dasein geworfenen, uns am ehesten in Leibniz’ Fassung geläufigen ontologischen Frage gewidmet: „Warum gibt es eher etwas als nichts?“

Als ich nach der atemlosen Lektüre des dickleibigen Sozialmanierismus zufällig mit Jörg Schröder telephonierte, jenem legendären Verleger, den Thomas und ich gleichermaßen zu unseren Freunden zählen und den wir gerne samt seiner Frau Barbara Kalender in die fabelhafte Berliner Gastwirtschaft Wilhelm Hoeck in der Wilmersdorfer Straße 149 verschleppen, sagte ich zu Schröder: „Mensch, der neue Kapielski, ein großartiges, schwermütiges, zum Teil tieftrauriges Buch!“ – „Du spinnst!“ brüllte mich Schröder an. „Der macht doch nur Spaß!“

Nein, auch der ausgesprochen kluge Herr Schröder hatte oder hat da was nicht kapiert. Thomas Kapielski arbeitet nicht ohn’ Unterlaß, wie er etwa in dem Diarium Weltgunst beteuert, „an der Mehrung des allgemeinen Humanjubels“, der „Spaß am Schicksal“ will einem nicht selten vergehen, und bereits in Aqua botulus stößt man häufig auf eines der schönsten und genauesten Wörter, mit denen das Deutsche aufzuwarten vermag: „Weltschmerz“.

Obwohl, ich halte und halte es freimütig fest, auch, um hier nicht und nicht ungerechterweise einer Totalverernstelung und -verfinsterung der Sonne des lichten und leichten Gemüts das Wort zu reden: Dass Thomas Kapielski zugleich einer der bedeutendsten, gewandtesten komischen Dichter deutscher Zunge seit Äonen ist, wird nur bestreiten, wer seine sieben Milliarden Zwetschgen dem Fernsehdämon RTLSat.1ZDFProSiebenARDetalii geopfert hat. Ich wollte heute einen Ausschnitt seiner Geschichte über ein Steinbeck-artig elysisches Malocherkollektiv in Diensten des Berliner Gartenbauamts vortragen. Beim Probevorlesedurchgang standen indes mir und der beglückten Dame, der ich’s darzubieten versuchte, nach vier Sätzen vor Lachen die Augen unter Wasser, als sei gerade ein Kopftsunami über uns hinweggetobt. Ich sah nichts mehr, absolut nichts mehr. Dieses Vergnügen müssen Sie sich mithin selber bereiten.

Ich verehre Thomas Kapielskis Werk in all seinen Facetten und Tonlagen, ich verehre den seriellen Photographen, den Objektkünstler und den betont dilettantischen Maler, den Altphilologen, den Musiktheoretiker und Musiker, den Soziologen, den Sprachskeptiker, den Vortragsartisten und den Hochstapelkunstbetriebskritiker. Was Kapielski unermüdlich und variantenreich zu den „Blasebalgereien moderner Kunst“, zum „Pathostrick“ und „Aufwertungsbetrug“, zur „epidemischen Dusseligkeit“ und ununterbrochenen Weltbelästigung durch Kunst und Kunstaufführungen, zu der Vereinshuberei und den „nach Leinöl stinkenden Wahrzeichen der Korruption“ sagt und in der Sentenz zusammenfasst: „Kunst ist schlimmer als Heimweh“, das allein wäre mindestens drei Literaturhauspreise wert – sowie den Sonderpreis des hiesigen Museums für Moderne Kunst, durch das Kapielski vor Jahren eine Großgruppe von Kunststudenten und anderweitig versierten, interessierten oder geistig invalidisierten Kunstanguckern führte und in Anbetracht der versammelten Gewichtigkeitsinstallationen Urteile fällte, die ein allerfeinstes Schisma der Zuhörergemeinde zur Folge hatten.

Müsste ich Thomas Kapielskis Werk zwischen zwei Pole stopfen, würde ich es mit den Begriffen „Zorn“ und „Dezenz“ versuchen. Letzterer zumal scheidet ihn schließlich vom misogynen Meistermotzer Schopenhauer. „Allein der weibliche Teil zähmt und festigt die Menschheit“, lehrt Kapielski – und: „Hass, beschwert mit Mühsal, laugt die Säfte; allein Verachtung reicht hin für alle Welt, ganz ohne Aufrieb und Harm.“

„Wer mit Kapielski lebt, hat gut gelebt“, stand mal in der Zeit. Gleich tritt er hier auf, „damit“, wie es im Booklet seiner Lese-CD Abstehende Röhren heißt, „das gemeinsame Dasein sich irgendwie als gerechtfertigt erweist“.

Am 17. Mai findet im Rahmen dieser hochlöblichen Literaturhaus-Belobigungstour eine ähnliche Veranstaltung in Köln statt. Und da will ich es nicht versäumen, kurz noch den Köln-Kritiker Kapielski zu Wort kommen zu lassen: „Ach du Scheiße! Erst mal Köln selbst. Lachen ist be„kant“lich die Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts; trotz Kant konnten wir gar nicht lachen. Das Katholische im bösen Sinne, also nicht byzantinisches Christentum und vielseitige Mehlspeise und Carl Schmitts ‚verschärfter Katholizismus‘, sondern die Vikare und das alles und Bohnerwachs und eng und Pommes überall. Es ist sowieso eng – und dann auch noch das. Das Weltliche dazwischen, na, das ist dann eine Kraft durch Gebäude vom Gerling-Konzern und irgendwas Ulkiges namens ‚Gürzenich‘. Das hört sich so nach Würstchen mit Mostrichstimmung an. Päffgen mal ausgenommen, gegen Päffgen ist überhaupt nichts einzuwenden.“

Nein, aber gegen die ubiquitäre Ignoranz und Indolenz ist eine Menge einzuwenden, gegen die „Hirnbestien“ und „Sapiensaffen“, gegen den „menschlichen Auswurf“. Nichts dagegen wiederum ist einzuwenden gegen die Sprache – „Die Wahl eines Wortes und der Bau eines Satzes wollen mir, wider die unermessliche Belanglosigkeit des allgemeinen Weltgeschehens, als das Zweitbeste gelten“ –, und vor allem: Nichts ist einzuwenden gegen die Natur, dieses „atmende, klaglose Etwas“, dem Kapielski in seinem Buch Ortskunde – Eine kleine Geosophie behutsam, poetisch und zärtlich die Reverenz erweist – durch warmherzig dahinströmende Kurztexte, die Anleihen nehmen zum Beispiel bei Kästner und Hebel, bei der Anekdote, der Kalendergeschichte, der Erbauungsliteratur, der Moritat, der christlichen Mystagogie.

„Es ist auch nicht richtig, alles immer nur positiv zu sehen“, schreibt Thomas Kapielski. Aber heute abend sollte man das schon tun: alles positiv sehen und alles als wohlgefügt ansehen – wie „einen von Zufriedenheit besonnten, kleingoldenen Novemberoktober“ oder wie diese Sache mit dem Regen, zu der ich in der Weltgunst den nackt und keusch, schlicht für sich dastehenden Satz fand: „Wie schön ein Regen ist!“

Thomas, ich möchte dir gratulieren, von Herzen! Und ich danke Ihnen.

Die Laudatio hielt Jürgen Roth anlässlich der Verleihung des Preises der Literaturhäuser an Thomas Kapielski im Literaturhaus Frankfurt am Main am 5. Mai 2010

Das erwähnte Buch Thomas Kapielski: Mischwald, mit zahlreichen Zeichnungen vom Autor, ist 2009 bei Suhrkamp erschienen:
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erstellt am 14.9.2011

»Den Zweifel lasse ich zum Alleszermürber ausarten.«

Thomas Kapielski

»… denn das Sein verstimmt leider das Bewusstsein.«

Thomas Kapielski

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