Buchkritik

Die Bekenntnisse des Fälschers Simone Simonini

In seinem neuen Roman beschreibt Umberto Eco eine paneuropäische Verschwörung und hinterfragt die Wirkungsmacht der Fiktion

Von Stefana Sabin

Immer wieder kommen Verschwörungstheoretiker und Verschwörungsphantasien in den Romanen von Umberto Eco vor, so in „Das Foucaultsche Pendel“ (1988) und in „Baudolino“ (2000). In dem neuen Roman, Anfang dieses Jahres in Italien und jetzt auch auf Deutsch erschienen, ist das Aushecken von Verschwörungen das Movens der Hauptfigur.

Denn Simone Simonini ist ein grossspuriger Fälscher, ein ebenso talentierter wie manischer Betrüger, der keine moralische Rücksicht kennt und von einer rabiaten Abneigung gegen Jesuiten und Juden getrieben ist. Nachdem er bei einem Notar in Turin das Fälscherhandwerk gelernt hat, betätigt Simonini sich als agent provocateur, als Doppel- und Dreifachspion, als Attentäter und Auftragsmörder zuerst in Turin, dann in Palermo und schließlich in Paris, wo er sich niedergelassen hat

In seiner dunklen Pariser Wohnung fälscht Simonini nicht nur private Papiere, sondern auch brisante kirchen- und staatsrelevante Dokumente und inszeniert politische Attentate. Er ist der unbekannte Drahtzieher hinter dem Unfall, bei dem Garibaldis Adjutant Ippolito Nievo ums Leben kommt, ebenso wie hinter der spektakulären Karriere des zum Katholizismus konvertierten Freimaurers Léo Taxil und der öffentlichkeitswirksamen Blosstellung antiklerikaler Machenschaften; Simonini ist der Autor einer geheimen militärischen Depesche, mit deren Hilfe der Offizier Alfred Dreyfus des Landesverrats überführt wird, und der „Protokolle der Weisen von Zion,“ eines Berichts über einen Geheimtreffen jüdischer Rabbiner auf dem Friedhof von Prag, um eine Weltverschwörung zu planen. Der Friedhof von Prag als ein unheimlicher Ort, an dem Verschwörungen gesponnen werden, gibt dem Roman den Titel. (Warum der deutsche Titel von „Il cimitero di Praga“ statt ‚Der Friedhof von Prag’ nun „Der Friedhof in Prag“ heisst, ist nicht nachzuvollziehen.)

Diese vier Grossprojekte bilden das Raster der Romanhandlung und werden von dem alternden Simonini in Rückblenden rekonstruiert. Denn nachdem er während einer Schwarzen Messe das Gedächtnis verloren hat, rät ihm der österreichische Arzt Froïde, den er in einer Kneipe kennen gelernt hat, Tagebuch zu führen, um sich seiner selbst wieder zu vergewissern. Simoninis Tagebucheintragungen werden durch eine Art Doppelgänger, der Parallelerlebnisse beisteuert, ergänzt. Der Erzähler kommentiert die Einträge beider Tagebuchschreiber und setzt sie zueinander in Beziehung.

Der Erzähler, der sich zurückhaltend allwissend gibt, sich mit dem Leser verbündet und ihn immer wieder direkt anspricht, und der Protagonist Simonini (und sein Doppelgänger) sind fiktionale Figuren. Alle anderen Figuren im Roman sind historische Gestalten: Die Schriftsteller Alexandre Dumas und Victor Hugo, Doktor Froïde (Freud!) und Garibaldi, der russische Agent Golowinki und der ungarische Major Esterházy, der Hochstapler Taxil und die Salonière Juliette Adam, Abbé Barruel und der Aktivist Maurice Joly haben alle tatsächlich existiert und haben das getan, was sie in diesem Roman tun.

Auch die kleinen und grossen Handlungsepisoden geben reale Ereignisse der europäischen Geschichte wieder und haben tatsächlich so stattgefunden, wie sie im Roman stattfinden. Es sind allesamt Ereignisse, deren Hintergründe bis heute ungeklärt geblieben sind, so dass sie sich für Verschwörungstheorien eignen. Es ist ja bis heute nicht geklärt, unter welchen Umständen der Dichter und Garibaldianer Ippolito Nievo gestorben ist oder wer hinter der unerklärlichen Konversion des Hochstaplers Taxil stand; die Verurteilung des jüdischen Offizier Dreyfus auf der Basis eines gefälschten Dokuments führte tatsächlich zu jener Affäre von 1895, deren Folgen europaweit spürbar wurden; die „Protokolle der Weisen von Zion“ schließlich sind eine breit kursierende antisemitische Fiktion unklarer Autorschaft, deren Ursprung unbekannt und deren Wirkung unermesslich war.

Diese wahren Episoden werden durch die fiktive Figur des Fälschers Simonini miteinander verwoben und nach Art eines Unterhaltungsromans aus dem 19. Jahrhundert erzählt und bebildert. (Eco hat sich dafür seiner eigenen umfangreichen ikonographischen Sammlung bedient.) Der Unterhaltungsroman, der typischerweise in Fortsetzung erschien, das feuilleton, war ein Lieblingsthema des Semiotikers Eco, und als Romancier hat er dessen narrative Tricks wie Quellenfiktion und Historisierung benutzt und zugleich vor der Wirklichkeitsfalle gewarnt – so auch in diesem Roman, in dem das abenteuerliche Geschehen sich stets um die unheilvolle Verwechslung von Fiktion und Wirklichkeit dreht. Mit grossem narrativem und stilistischem Raffinement verwandelt Eco historische Ereignisse in fiktive Abenteuer und führt vor, wie Fälschungen, also Fiktionen, die Wirklichkeit nachhaltig beeinflussen.

Er habe, sagte Eco in einem Gespräch mit Claudio Magris, die Romanform benutzt, um eine „wahre Geschichte“ zu erzählen, nämlich die Geschichte der „Protokolle der Weisen von Zion,“ jenes antisemitischen Pamphlets, das für wahr gehalten wird, obwohl es erwiesenermassen eine Fälschung ist. Eco fasziniert nicht nur die Durchsetzungskraft der Fiktion über die Fakten, sondern auch die Wirkmächtigkeit der literarischen Montage.

Diese Wirkmächtigkeit würde sein so klug unterhaltender Roman verdienen.

erstellt am 12.9.2011

Umberto Eco
Umberto Eco

Umberto Eco
Der Friedhof in Prag
Roman
Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber
528 Seiten mit Abbildungen
Hanser Verlag. München 2011

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