Kunst | Island

Bis an Grenzen gehen

Von Isa Bickmann

Mutter und Sohn stehen nebeneinander. Sie wendet ihm ihr Gesicht zu und spuckt ihn an. Wieder und wieder. Er erduldet es, mal schuldbewusst erscheinend, mal eine aufkommende Heiterkeit unterdrückend angesichts der Inbrunst, mit der die Mutter Speichel sammelt und diesen geräuschvoll ausstößt. Der Titel des Videos, „Me and My Mother“, verrät die Protagonisten der Szene: Es sind der isländische Künstler Ragnar Kjartansson und seine Mutter.

Der vermeintliche Tabubruch lässt noch nach der Betrachtung des Filmes nicht los. Was ist geschehen, dass eine Mutter ihren Sohn anspuckt? Die Handlung ist Ausdruck einer völligen Verachtung. Der Sohn scheint sie mit Demut zu ertragen.
Es ist der Künstler selbst, der die im Loop laufende Sequenz im Privaten inszeniert hat und sie der Öffentlichkeit präsentiert. Mehr noch, er wiederholt und dokumentiert die Aktion alle fünf Jahre. So sehen wir in der aktuellen Ausstellung im Frankfurter Kunstverein (noch bis zum 16. Oktober 2011) auf drei Monitoren diese mit Vehemenz und wogenden Haarlocken auf ihren Sohn einspuckende Mutter, gefilmt 2000, 2005 und 2010.

Wie hat der Künstler seine Mutter bloß dazu bekommen, dieses für ihn zu tun? Denn es ist keine Dokumentation von spontan sich äußernder Verachtung, sondern sie ist deutlich inszeniert als Performance. Man erfährt, dass die Mutter des Künstlers eine Theaterschauspielerin ist, also eine Person, die es gewohnt ist, in Rollen zu schlüpfen und auch bereit sein mag, sich ungewöhnlichen, gar tabubrechenden Darstellungen auszusetzen. Und dann wird klar, dass sehr viel Liebe und Intimität mitschwingt und uns der Künstler mit dem ganzen komplexen Knoten einer Eltern-Kind-Beziehung, von Mütterlichkeit, Gehorsam, Aggression, Vertrautheit, Wärme, Liebe, Distanz, Verachtung konfrontiert. Er lässt uns während des angestrengten Speichelsammelns und Spuckens in sein Gesicht schauen und dazu wahrnehmen, dass eine gehörige Portion Humor mitschwingt. „My Mother and Me“ ist eine Hommage an eine faszinierende Frau, die hier mit ganzem Einsatz für die Kunst ihres Sohnes eine Rolle spielt.

Ragnar Kjartansson, Jg. 1976, ist Künstler, Musiker, Performer. Er hat vor zwei Jahren als Vertreter Islands im Palazzo Michiel Dal Brusà während der gesamten Dauer der Biennale in Venedig eine öffentliche Malperformance absolviert, die konzeptuell, ironisch, doch auch ein wenig schräg daherkam angesichts einer Menge geleerter Bierflaschen und der Anwesenheit eines jungen, halb entblößten männlichen Modells sowie vieler gefüllten Leinwänden.

Im Frankfurter Kunstverein präsentiert Kjartansson mehrere Videoinstallationen, in denen es um „Endlose Sehnsucht, ewige Wiederkehr“, so der Titel der Ausstellung, geht, was eine melancholisch-romantische Grundstimmung impliziert, die seinen Werken durchweg unterliegt. Gleichfalls wirken die Szenerien oft komisch und kurios-tragisch, wenn z. B. in „Guilt Trip“ (2007) ein Mann in einer einsamen Schneelandschaft mit dem Gewehr um sich schießt, den Isländer als den bekannten Komiker Laddi erkennen, der sich hier von einer ungewohnten, düsteren Seite zeigt. Das vom Künstler selbst im Anzug mit pomadigem Haar im Fünfziger-Jahre-Ambiente mit Orchester in unendlichen Variationen intonierte „Sorrow Conquers Happiness“ ist so betäubend, dass man sich – auf eine Erlösung wartend – dem Video kaum entziehen kann.
Kjartansson liebt die amerikanischen Musik, Country, Folk, den Blues und Robert Schumann wie er bei einem Auftritt mit seiner All Star Band in der Wiener BAWAG Foundation hier mit großer Freude am rockigen Auftritt offenbart. In dem Video „The Man“ setzt er dem im März dieses Jahres verstorbenen Bluesmusiker Pinetop Perkins ein Denkmal, den er, 97-jährig, rauchend, trinkend, auf dem Klavier spielend, singend eine Stunde lang wie in einem Loop sich selbst wiederholend vor einen Hintergrund platziert, der ein bekanntes Gemälde des amerikanischen Realisten Andrew Wyeth zitiert.

Im Untergeschoss des Kunstvereins präsentiert Kjartansson erstmals die sechsstündige Videoinstallation „The Song“. Drei Nichten des Künstlers haben zweieinhalb Wochen im Carnegie Museum of Art in Pittsburgh mit feengleichen Stimmen immer wieder Teile aus Allen Ginsbergs Gedicht gesungen: „The weight of the world/is love“, Zeilenfragmente, die Kjartansson z. T. falsch erinnert. Als Aussage für eine Feminität, die er voller Pathos und in der Skulpturenhalle des Museums gegen „the brutal masculinity of Viking landscapes and suits of armor“ setzt, verfolgt auch dieses den Besucher noch sehr lange. Kjartansson geht immer wieder an Grenzen, an seine eigenen, die seiner Protagonisten, an die der Betrachter und an die Grenzen seines malerischen Könnens. Das darf so sein, denn die Malerei ist nur ein unterstützender Teil seiner performativen Konzeptkunst, die Musik ist hingegen ein tragender Teil von Bild und Handlung.

erstellt am 11.9.2011

Ragnar Kjartansson

RAGNAR KJARTANSSON

RAGNAR KJARTANSSON

RAGNAR KJARTANSSON
„Me and My Mother 2010“, 2010
HD video, 20 min.
Foto/ Photo: Tómas Örn Tómasson
Siehe Video links

RAGNAR KJARTANSSON
„Song“, 2011
Video still
Kamera: Tómas Örn TómassonKamera: Tómas Örn Tómasson

RAGNAR KJARTANSSON

RAGNAR KJARTANSSON
„Feuer!“, 2011
Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2011
Foto: Norbert Miguletz, 2011; © Frankfurter Kunstverein

RAGNAR KJARTANSSON

RAGNAR KJARTANSSON
Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2011 mit der Serie „Night“, 2011
Foto: Norbert Miguletz, 2011; © Frankfurter Kunstverein