Nino Haratischwili ist ein Ausnahmetalent. Ihr Debütroman „Juja“ hat 2010 sogleich die Longlist des Deutschen Buchpreises erobert, im selben Jahr erhielt sie den Chamisso-Förderpreis. Zwölf Theaterstücke sind bereits von der 1983 in Tiflis (Georgien) geborenen Autorin im Verlag der Autoren erschienen. Ihr neuer Roman »Mein sanfter Zwilling« ist zum besten Buch der unabhängigen Verlage 2011 gekürt worden. Wer Nino Haratischwilis kraftvolle Schaffenslinie betrachtet, ist von ihrer Produktivität beeindruckt. Die 28-jährige Autorin kam mit zwölf Jahren erstmals nach Deutschland, lernte Deutsch und schreibt nun ungebremst in dieser Sprache.

Faust-Gespräch

Nino Haratischwili

Welche Umstände haben Sie mit so viel Entschiedenheit zum Schreiben und an das Theater geführt?

Schreiben war schon sehr früh meine Leidenschaft, allerdings nie tagebuchartig, ich habe mir immer eigene Geschichten ausgedacht. An meiner Schule in Tiflis bin ich in eine deutschsprachige Theatergruppe hineingerutscht, wir haben sie gemeinsam aufgebaut und dabei vom Kartenverkauf bis zum Anschleppen von Möbeln alles selber gemacht. Eine Lehrerin schlug mir vor, ein Stück zu schreiben. Wir waren alle sehr motiviert, weil wir wussten, dass wir im folgenden Jahr zu einem Schulprojekt nach Bremen eingeladen sind.
Nach Bremen war klar, es geht weiter. Alle waren begeistert. Ich habe schnell gemerkt, dass ich mich im Theater zuhause fühle. Durch das Schreiben wusste ich, dass Kunst meine Richtung ist, aber ich wusste auch, dass ich keine Schreibschule besuchen will. Ich suchte genau das Gegenteil. Schreiben macht man allein, ich wollte einen Gegenpol. Das Theater war dieser Ausgleich, Theater ist immer Teamwork.
Irgendwann hatte sich diese Art Laientheaterspiel jedoch erschöpft, es war klar, ich hatte alles ausprobiert, was ich intuitiv machen konnte, jetzt wollte ich das Handwerk zum Inszenieren lernen, ich wollte die Amateurliga verlassen und das Theater zu meinem Beruf machen.

Ihr neues Buch „Mein sanfter Zwilling“ ist nun kein Theaterstück, sondern ein umfangreicher, dicht geschriebener Roman. Was hat sie motiviert, statt Dramen Prosa zu schreiben?

Ich habe auch vorher viel Prosa geschrieben, doch lag darauf kein Fokus. Irgendwann war dann mein erster Roman „Juja“ fertig. Drei Jahre fand ich keinen Verlag. Erst 2010 hatte ich Glück, der Verbrecherverlag publizierte, und plötzlich war ich in diesen ganzen Literaturbetrieb eingetaucht.

Sie gehen in Ihrem neuen Roman mit dem Milieu, das Sie in Hamburg umgibt, hart ins Gericht. Die hiesige Gesellschaft beschreiben Sie als „Glücksdiktatur“. Gibt es ein zentrales persönliches Thema, das Sie antreibt und die Figur Stella, aus deren Perspektive Sie erzählen, hervorgebracht hat?

Mich interessieren alle Arten menschlicher Beziehungen. Wie gehen Menschen miteinander um, wie verhalten sie sich zu so großen Fragen wie Schuld, Liebe, Verlust. Ich bin nicht jemand, der aus dem Alltäglichen und Kleinen schöpft, mich beschäftigen eher die Grundsatzdebatten.
Mein erstes Buch „Juja“ ist ein Episodenroman. Es geht um einen echten Fall in Paris, die Suizide mehrerer unglücklicher Frauen. Mehrere Jahrzehnte und Lebensgeschichten sind hier miteinander verknüpft. In meinem neuen Roman wollte ich etwas Konzentriertes schreiben, das nicht so zerlegt ist, sondern einem klaren Strang folgt. Ich hatte Lust, eine Familiengeschichte zu schreiben und zu fragen, welche Bedeutung heute noch Familie hat.
Primäres Thema war jedoch die Frage: Wie gehen Menschen mit Schuld um? Was ist Schuld jenseits von christlichen Vorstellungen? Ab wann macht man sich schuldig? Inwieweit ist es überhaupt möglich, dass Kinder schuldig werden. Kinder können doch eigentlich per se gar nicht schuldig sein, tragen aber trotzdem oft die Konsequenzen ein Leben lang mit sich.
Bezogen auf den Ort der Handlung wollte ich – weil „Juja“ komplett in fremden Ländern spielt – dieses Mal unmittelbar aus meinem Umfeld schöpfen, d.h. aus Hamburg, wo ich heute lebe, und Georgien, wo ich geboren und aufgewachsen bin.

Die Schuldfrage haben Sie jedoch nicht direkt aus dem Blickwinkel des eigenen Lebens thematisiert, sondern aus der Perspektive der Mutter und des Kindes.

Ich bin nicht so extrem wie Stella, ich würde auch nie etwas so Privates aufschreiben. Für mich gibt es eine strenge Grenze zwischen „privat“ und „persönlich“, meine eigene Befindlichkeit würde ich niemals zur Literatur machen.
Trotzdem muss meine Herangehensweise einem extrem persönlichen Zugriff folgen. Was ich erzähle, muss mit mir persönlich zu tun haben, sonst würde es gelogen oder gekünstelt wirken. Diese Gratwanderung ist herausfordernd, man schaut: Wie viel bin ich das, und wie viel ist das eben gerade total befreiend, weil das gar nichts mit mir zu tun hat. Beim Schreiben kann ich 100 000 andere Menschen sein und 100 000 andere Leben leben, gerade das finde ich beim Schreiben so begeisternd.
Der Autor wird oft als jemand wahrgenommen, der einsam in seinem Elfenbeinturm sitzt, melancholisch auf die Welt schaut und neurotisch auf sich selbst fixiert ist. Ich erlebe das genau anders herum. Ich finde das Autorenleben besonders schön, weil ich gar nicht das Gefühl habe, so auf mich konzentriert zu sein. Ich fühle mich wie ein Sieb, durch das bestimmte Themen hindurchfließen, ich bin nur diejenige, die das auf das Papier überträgt.

Der Leser spürt Ihre vibrierende Bereitschaft, sich in ihre Figuren zu projizieren. Wo finden Sie Ihre inspirierenden Orte, wie kommt man darauf, eine krumme, vertrocknete Möhre in eine Metapher für familiäre Harmonie zu verwandeln?

Ich wohne gegenüber einem Spielplatz und habe viel Gelegenheit, moderne Eltern mit ihren Kindern zu beobachten. Man sammelt interessante Eindrücke, beobachtet auch die Überforderung, die aber nie eingestanden wird. Gerade wenn es um Kinder geht, wird immer eine heile Welt vorgegaukelt, alles ist so super heilig, gerade in Deutschland. Ich finde das lächerlich und ehrlicher, wenn man wie Stella sagt: Ich kann in diesem Moment gerade nicht Mutter sein; natürlich liebt sie das Kind, aber es gibt immer wieder dieses Scheitern, das aber wird oft tabuisiert.

Leitmotiv ihrer Geschichte ist eine Liebe, die bis an die Grenze der Selbstzerstörung führt. Sie übertragen dieses klassische literarische Motiv in die Jetzt-Zeit, balancieren es nahezu mit Penetranz aus auf der Grenze zwischen gehobenem Bildungsbürgertum und prekärem Drogenmilieu. In dieser Balance zu überzeugen, ist eine Herausforderung. Wie sichern Sie Ihre Glaubwürdigkeit?

Ich kann nur so schreiben, wie ich es in dem Moment als aufrichtig und emotional stimmig empfinde. Ob meine Beschreibung glaubhaft ist, kann ich nicht ermessen, das entscheidet der Leser. Nichts darf künstlich wirken. Das betrifft nicht nur die Figuren, sondern auch die Sprache, den Ort. Entscheidend ist, wie weit man sich als Autor in Situationen einfühlen kann. Ich bin jemand, die extrem viel Empathie mit den Figuren empfindet, egal ob sie nett oder kaputt oder zerstört sind. Ich stelle sie mir immer als reale Menschen vor und habe für die Zeit, in der ich schreibe, Mitgefühl.

Wie nah sind Sie in der Realität dem zerstörerischen Milieu Ihrer Figuren gekommen?

Ich hänge nicht in Drogenclubs ab, aber ich kenne Menschen, die mit Drogen in Berührung gekommen sind. Ich bin jedoch auch keine Journalistin. Ich finde nicht, dass es meine Funktion als Autorin ist, zu beschreiben, was ich real gesehen habe. Es geht darum zu beschreiben, was ich als authentisch verstehe, die Erzählung muss in dem Moment, in dem ich sie aufschreibe, für mich wahrhaft sein, dann kann sie glaubhaft ankommen.

Wie gehen sie strategisch vor, um sich ein Milieu anzueignen?

Ich mache vieles intuitiv und habe nie einen Plan, wenn ich anfange, eine Geschichte zu schreiben, ich weiß auch gar nicht, wie es weiter geht. Meist kenne ich das Ende nicht, oft aber habe ich einen Ausgangspunkt, oder ein Thema oder eine Figur. Ich habe immer eine Sache, die für mich klar ist, dieser folge ich im Laufe des Schreibens.
Ich habe außerdem die Angewohnheit, den Text nicht zu lesen, bevor er nicht fertig geschrieben ist. Denn würde ich zurückschauen, würde ich sofort anfangen zu werten, d.h. ich verbiete es mir, das vorangehende Kapitel zu lesen. Ich möchte pur der Geschichte folgen, nur zur Überprüfung von Fakten blättere ich manchmal zurück.

Wie viel Zeit hat es gedauert, bis Sie auf diese Weise „Mein sanfter Zwilling“ geschrieben haben?

Die grobe Urfassung ohne Bearbeitung hat ein Jahr gebraucht. Ich schreibe phasenweise, habe keinen festen Tagesablauf und zwinge mich nicht zum Beispiel jeden Tag drei Stunden zu schreiben. Ich folge meinem Bedürfnis. So kann es auch zwei, drei Wochen geben, in denen ich jeden Tag schreibe. Ich sehe Schreiben als Beruf, nicht als Job, damit würde ich mir etwas Wesentliches abschnüren.

Sie nutzen oft Kontraste, spielen mit dem Wechsel von Nähe und Distanz. Wie planen Sie den Aufbau von Spannung, die Dramaturgie des Romans? Arbeiten Sie bewusst mit dem Wissen, das Sie als Regisseurin im Theater gewonnen haben?

Ich glaube, alle guten Geschichten von Mythen über Märchen und Legenden bis hin zum Buch-, Film- oder Theater-Klassiker sind mitreißende Geschichten, das Mitreißen ist das Allerwichtigste.
Beim Schreiben stelle ich die Geschichte ganz in den Vordergrund. Sie muss bestimmte Kriterien aufweisen: Sie muss glaubhaft, emotional und interessant sein, sie muss aus einem neuen Blickwinkel dargestellt werden. Das sind scheinbar simple Ankerpunkte, an denen man entlanggeht. Diese Kriterien sitzen ganz fest in mir, ich halte sie für das Wichtigste und ordne ihnen vieles unter. Als nächstes überlege ich, wie würde die Figur mit diesen und jenen Eigenschaften in einer bestimmten Situation handeln.
Die Dramaturgie ist manchmal einfach eine Frage der Kürzung und der genauen Dosierung, hierfür muss man auch bereit sein, auf Dinge zu verzichten, die man sehr mag. „Kill your darlings“ heißt die Maxime, manchmal findet man einen Satz total schön und muss doch akzeptieren, dass er in diesem Moment nicht passt.
Weil ich nicht in meiner Muttersprache schreibe, brauche ich stilistisch definitiv immer einen Lektor. Es gibt Formulierungen, die für mich stimmig sind, anderen aber unklar bleiben. Manchmal halte ich trotzdem an diesen Worten fest, weil ich es genauso meine, auch wenn ich weiß, dass es so nicht benutzt wird, das ist dann wie eine Wortschöpfung.

Ihre Muttersprache ist Ihnen nahe geblieben?

Ja, ich fahre immer wieder nach Georgien, außerdem rede ich mit meiner Mutter, die hier lebt, nur Georgisch.

Sie beschreiben in Ihrem Roman eine Familie, die entwurzelt ist und tragische Ereignisse kollektiv zu verdrängen sucht. Ist dieses Verhalten in dem von Ihnen beobachteten Umfeld besonders charakteristisch?

Tulja, die Großmutter, wird oft als typisch osteuropäisch empfunden. Ich selbst habe keine Sekunde darüber nachgedacht, dass sie nicht deutsch ist. Zwar sagt sie selbst, sie sei keine Deutsche und erzählt Märchen von sich, doch habe ich sie nicht als Exzentrikerin aus dem Osten geplant, eigentlich habe ich ihr keine Nationalität zugewiesen.

Ist das Verdrängen von tragischen Geschehnissen ein typisches Verhalten, das Sie im Umfeld von Menschen, die einen kulturellen Bruch in ihrer Biographie erlebt haben, beobachten konnten?

Ich würde diese nicht auf meine Biographie beziehen, auch in diesem Fall habe ich mich komplett dem Grundthema untergeordnet. Grundthema war für mich die Frage nach der Schuldigkeit. Ich finde es ein nachvollziehbares, menschliches Verhalten, dass man bestimmte Dinge verdrängt, das gibt es überall auf der Welt.
Dennoch stimmt es, dass der Umgang mit Problemen im Osten und im Westen ganz unterschiedlich ist. Im Westen wird eine Therapie gemacht, wird geredet und stark um sich selbst gekreist, im Osten wird ein Problem an irgendeinem Punkt abgehakt, manchmal muss man Ereignisse jedoch hinter sich lassen, um voranzukommen.
Ich will das nicht werten, je nach Situation ist das eine oder das andere Verhalten besser. Grundsätzlich gibt es im Osten keine so krasse Geschichtsaufarbeitung wie hier während der letzen fünfzig Jahre. Die Sowjetzeit ist noch zu nah, unabhängig ob man von Russland oder von Georgien spricht, es gibt noch viel, was man zunächst einmal von sich weist, und es kann sein, dass das in einer unbewussten Weise bei mir im zweiten Teil meines Buches, in dem es um Georgien geht, präsent war.
In der Familie, die ich beschreibe, ringen zwei Menschen miteinander, die nicht voneinander loskommen, aber auch nicht zusammen sein können. Immer wieder versucht das Umfeld, ihr Zusammenkommen zu verhindern, denn es konfrontiert die Familienmitglieder mit etwas, woran sie nicht denken wollen. Ich habe mir angeschaut, welche verschiedenen Facetten es im Umgang mit Verdrängen gibt: Die eine Person kocht Quittenmarmelade und flüchtet sich in eine Traumwelt, die andere flieht auch in der Realität in ein anderes Land, die dritte flüchtet sich in Alkohol und Sexgeschichten, die andere wird Übermutter, es gibt verschiedene Formen der Verdrängung, ob sie jeweils für den Osten oder Westen charakteristisch sind, war mir nicht wichtig.

Im Buch gibt es eine strenge Zweiteilung. Der erste Teil handelt in Hamburg, der zweite beschreibt die Recherchereise der beiden Hauptfiguren Stella und Ivo gen Georgien. Dort wird Schritt für Schritt eine Parallelgeschichte aufgedeckt, die Stellas Familien- und Liebeskonflikte klären hilft. Lange aber bleiben Erzählerin und Leser im Unklaren, warum es diese Reise geben muss. Der angesprochene politische Konflikt in Georgien gerät in Gefahr, zur bloßen Kulisse degradiert zu werden.

Für mich war klar, dass Stella und Ivo eine Reise unternehmen müssen, damit sie diese Parallelgeschichte kennen lernen. Ich habe lange überlegt, ob Georgien dafür das richtige Ziel ist. Die Reise hätte auch in ein anderes Land wie zum Beispiel Afghanistan führen können. Mir ging es weniger um Georgien als darum, einen Ort zu wählen, an dem ich mich auskenne. Hier gibt es die Charaktere, die ich am besten beschreiben kann. Mir ging es nicht darum, einen historischen Hintergrund aufzumachen, sondern aufzuzeigen, dass Ivo die ganze Erzählung hindurch versucht, eine Heilung herbeizuführen. In Georgien möchte er sich und Stella mit einer fremden Geschichte konfrontieren, die helfen soll, die eigene Lebensgeschichte zu begreifen. Ivo wählt diesen Umweg, weil er die Klärung nicht mit eigenen Worten herbeiführen kann. Die Geschichte Georgiens ist in diesem Zusammenhang „hilfreich“, weil die Unruhen und Kriege der letzen zwanzig Jahre den Nährboden für vergleichbare Tragödien gebildet haben.

Ist Lado eine Figur, von der Sie gehört oder die Sie kennengelernt haben?

Nein, Lado bezieht sich nicht auf eine konkrete Person. Aber er ist ein Prototyp. Migration und Flucht sind Teil der Wirklichkeit in Georgien, viele Lebenswege sind ähnlich verlaufen, aber es gibt keine lebende Person als Inspirationsquelle.

Gibt es Autoren, die Ihr Schreiben beeinflusst haben?

Ich lese viel und alles, was mir in die Hände fällt. Ich schätze sehr die russische Lyrikerin Marina Zwetajewa. Ihre Gedichte und Briefe über Kunst inspirieren mich, sie ist eine große Sprachmeisterin, und es ist eindrucksvoll, sie im Original zu lesen. In meiner Jugend war ich Dostojewski verfallen, bis heute finde ich ihn großartig. Ich schätze die russische Literatur und habe zuletzt von Natascha Wodin „Nachtgeschwister“ gelesen. Ich lasse mich als Leser komplett mitnehmen, dann vergesse ich, dass ich Autorin bin, Kunsttheorien interessieren mich in diesem Moment nicht, ich bin einfach eine naive, literaturbeteiligte Leserin, die mitgerissen wird. Im Theater ist das für mich etwas schwieriger, da sitze ich öfter und denke über die Machart nach.

Sie arbeiten stark mit Rückblenden, wechseln häufig die Erzählhaltung, gehen vom Dialog in den Inneren Monolog über, kommentieren, weisen im Zeitlauf vor und zurück, führen Vergangenheit und Jetzt-Zeit der Erzählung aufeinander zu. Der Leser geht bei diesen Zeit- und Blickwechseln nicht in die Irre, sie arbeiten dramaturgisch sehr genau, man hat den Eindruck, hier nutzen sie Ihre Film- und Theater-Kenntnisse bestens aus.

Ja, das wird mir oft gesagt, ich liebe das Medium Film, ich könnte zehn Filme am Tag sehen. Ich bin wirklich sehr filmfanatisch veranlagt, da kann es sein, dass ich bewusst oder unbewusst bestimmte Techniken aus dieser Welt nutze. Allerdings ärgere ich mich, wenn ich in eine Schublade gesteckt werde. Bei meinem letzen Buch hat man oft gesagt, man würde in mir die Dramatikerin erkennen, weil ich häufig Dialoge einsetzte. Ich glaube, das ist Unsinn. Dass ich Dialoge schreibe, hat für mich nichts mit meinen Theaterstücken zu tun, sondern etwas mit Geschmack. Wenn ich Bücher lese, lese ich wahnsinnig gern Dialoge, dann höre ich die Figuren selber sprechen und nicht den allwissenden Autor, der ihnen seine Sprache in den Mund legt.

Ihre Übergänge sind schnell und lebendig, sie geben so aus verschiedenen Blickwinkeln Einblick in die Situation. Diese experimentierfreudige Erzählweise wirkt äußerst selbstbewusst.

Ich liebe es, die postmodernen Möglichkeiten auszuprobieren, allerdings nur, wenn es dem Inhalt auch dient. Effekthascherei lehne ich ab, aber wenn es in dem Moment passt, gut ist und auch der Geschichte dient, macht es Spaß zu experimentieren.

Das Faust-Gespräch führte Andrea Pollmeier

erstellt am 11.9.2011

Nino Haratischwili
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Screenshots aus dem SHORTCUT von Nino Haratischwili

Nino Haratischwili im Gespräch:
AUDIO-Auszug