Lese-Entdeckung

Anita Djafaris Buchtipp

Die Nummer Eins auf dem aktuellen Weltempfänger ist auch bislang meine Nummer Eins in diesem Frühherbst.
Gleich vorweg: Keine Angst vor knapp 1000 Seiten, es handelt sich um durchweg vergnügliche Lektüre. Der Roman „Herr der Krähen“ ist eine köstliche Satire, eine epische Burleske, es ist das Opus magnum des kenianischen Autors Ngugi wa Thiong’o, der (hierzulande zwar eher unbekannt) zu den bedeutendsten afrikanischen Autoren zählt.

Schauplatz ist das fiktive Land Aburiria, dessen despotischer Herrscher sich mit dem Projekt „Marching to Heaven“ – es soll nichts Geringeres werden als eine Art zweiter Turmbau zu Babel, ein Weltwunder, bei dessen Anblick kein Mensch mehr etwa das Taj Mahal oder Ähnliches auch nur erwähnen wird – ein Denkmal setzen will. Ein aberwitziges Vorhaben, das nur mit Hilfe der amerikanischen Global Bank realisiert werden kann. Um ihn herum scharwenzeln seine Vasallen, groteske Figuren, von denen sich der eine zum Beispiel die Augen, der andere die Ohren und ein weiterer die Zunge in einer Klinik im Ausland, versteht sich, vergrößern ließ, um als Auge, Ohr und Sprachrohr des Herrschers stets zu Diensten zu sein. Als ein weiterer persönlicher Berater zum Leiter des gigantischen Bauvorhabens ernannt wird, bilden sich zwei Warteschlangen vor dessen Büro: eine mit Menschen, die sich ebenfalls Vorteile erhoffen und schon mal ihr Interesse bekunden, indem sie einen gut gefüllten Umschlag abgeben, und eine weitere aus unzähligen Arbeitslosen, die dieses Land bevölkern. Unter ihnen befindet sich Kamiti, der im Ausland studiert und trotzdem keinen Job gefunden hat. Durch einen Zufall und eigentlich unfreiwillig wird er zum Magier, zum Heiler, der den Menschen helfen kann und sich damit innerhalb kürzester Zeit als „Herr der Krähen“ einen Ruf erwirbt, der ihm ein gutes Auskommen und hohes Ansehen sichert. So wird er auch zur letzten Hoffnung des Herrschers, als dieser von einer rätselhaften Krankheit befallen wird. Dass der „Herr der Krähen“ auch Gefährte der schönen Nyawira, Mitglied der Bewegung für die Stimme des Volkes und Staatsfeindin Nr. 1 in Aburiria, ist, ahnt zunächst niemand … Wie Ngugi wa Thiong’o, der diesen Roman übrigens zuerst in seiner Muttersprache Gikuyu verfasst und dann selbst ins Englische übertragen hat, mit allen Mitteln, die ihm als Autor mit seiner Tradition des mündlichen Erzählens zur Verfügung stehen, spielt; wie er versteht, alle Zutaten, die er auch als Literaturprofessor und erfahrener Romancier beherrscht, zu mischen und sie mit ironischer Distanz neu aufzuladen – das muss ihm erst mal einer nachmachen. Ich schätze diesen Schriftsteller schon seit nunmehr 30 Jahren, er war einer der ersten der großen afrikanischen Autoren, den wir während unseres Anglistik-Studiums kennen lernen durften und dessen vielseitiges und umfangreiches Werk uns beeindruckt hat. Seine Bücher waren spannend und sozialkritisch zugleich. Aber weil er auch die Menschen auf dem Land erreichen wollte, schrieb er politisch engagierte Theaterstücke in seiner Muttersprache Gikuyu und behielt die Überzeugung, nicht mehr in der Sprache der Kolonialherren, Englisch, zu schreiben, bei. Sein politisches Engagement führte ihn schon früh ins Exil, seit vielen Jahren lebt er in den USA und lehrt Literatur. Er hat sich viel Zeit gelassen, bis er auch als Romancier wieder auf den Plan getreten ist. Dass dabei ein einerseits so abgeklärtes und dabei vor geistreichem Witz sprühendes Werk herauskommt, hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen. Und mir hat gefallen, dass auch der Moralist und Kämpfer für Gerechtigkeit durchscheint, als den ich ihn einst als Übersetzerin seines ersten Buches „Der Fluss dazwischen“ kennengelernt hatte. Dass er uns dabei nie mit erhobenem Zeigefinger daherkommt, ist nur ein weiteres Plus. Zyniker mögen das anders sehen. Für mich ist der Schöpfer des „Herrn der Krähen“ spätestens mit diesem Werk der „Herr des Erzählens“. Ganz klar.

Leseprobe aus

Ngugi wa Thiong’o: »Herr der Krähen«

Ganz hinten in der Menge hob ein Mann die Hand, winkte aufgeregt und rief seinen Einspruch nach vorn: „Ist schon in Ordnung, Sie können ruhig meinen Namen nennen.“ Und als die Umstehenden ihn anfuhren, den Mund zu halten, rief er noch: „Ich bin hier – Sie können gern meine Identität offenlegen.“ Er war zu weit weg von der Bühne, um gehört zu werden, aber in der Nähe standen ein paar Polizisten, und einer fragte ihn: „Wie heißt du?“
„Kaniuru, John Kaniuru“, antwortete der Mann, „und ich bin der Lehrer, von dem der Redner gerade spricht.“
„Dreh mal deine Taschen nach außen“, befahl ihm der Polizist. Nachdem er sichergestellt hatte, dass Kaniuru keine Waffe trug, fragte er ihn, während er auf seine eigene Pistole zeigte: „Siehst du die hier? Wenn du weiterhin die Feierlichkeiten störst, dann werde ich dich von deiner Nase befreien, so wahr ich Askari Arigaigai Gathere heiße und mein Boss Inspector Wonderful Tumbo.“
Der Mann mit dem Namen Kaniuru setzte sich wieder. Nur wenige hatten den kleinen Tumult bemerkt, denn alle Augen und Ohren waren auf das größere Schauspiel auf der Bühne gerichtet.

Das ganze Land, sagte der Außenminister gerade, die gesamte aburirische Bevölkerung, habe einstimmig beschlossen, ein Gebäude zu errichten, wie es noch niemals in der Geschichte zu bauen versucht worden sei. Außer von den Kindern Israels natürlich, aber selbst die seien kläglich gescheitert, den Turm zu Babel zu vollenden. Nun werde Aburiria das tun, wozu die Israeliten nicht fähig gewesen waren: ein Gebäude errichten, das bis an die Himmelspforten reiche, damit der Herrscher jeden Tag bei Gott vorbeischauen und ihm Guten Morgen oder Guten Abend wünschen oder ihn einfach fragen könne: Wie war dein Tag heute, Gott? Damit empfinge der Herrscher Tag für Tag Gottes Rat, und das werde Aburiria schnell zu Höhen aufsteigen lassen, die kein Mensch zuvor erträumt habe. Das Vorhaben mit der Bezeichnung „Heavenscrape“ – oder einfach „Marching to Heaven“ – solle von einem Nationalen Baukomitee ausgeführt werden, dessen Vorsitzender rechtzeitig ernannt werde.

Da diese wunderbare Idee vom Geburtstagsgeschenk-Komitee gekommen sei, fuhr Machokali fort, werde er die gute Arbeit der Mitglieder dieses Komitees gerne dadurch würdigen, dass er jeden von ihnen dem Herrscher vorstelle. Die Mitglieder des Komitees waren in der Mehrzahl Parlamentsabgeordnete, aber es befanden sich auch zwei oder drei Privatpersonen darunter, von denen einer, er hieß Titus Tajirika, beinahe hinfiel, weil er in die Luft sprang, als sein Name aufgerufen wurde. Tajirika hatte dem Herrscher noch nie die Hand geschüttelt, und der Gedanke, dass dies nun vor Tausenden Menschen geschehen sollte, überwältigte ihn derart, dass er vor Freude über sein Glück am ganzen Körper zitterte. Sogar als er zu seinem Sitz zurückkehrte, betrachtete Tajirika noch völlig ungläubig seine Hand und überlegte, was er tun könnte, um zu vermeiden, anderen die Hand schütteln oder sie gar waschen zu müssen. Er hasste Handschuhe, aber jetzt wünschte er sich, welche in der Tasche zu haben. Das werde er mit Sicherheit ändern. Doch in der Zwischenzeit wollte er die gesegnete Hand mit seinem Taschentuch umwickeln, damit die Leute glaubten, wenn er ihnen die linke Hand gab, es geschehe wegen einer Verletzung. Tajirika war so damit beschäftigt, seine rechte Hand zu umwickeln, dass er die Geschichte von Marching to Heaven teilweise versäumte. Jetzt aber wandte er seine Aufmerksamkeit wieder ganz Machokalis Ausführungen zu.

Minister Machokali schwärmte gerade aufgeregt und lautstark davon, wie die Vorteile dieses Projekts letztlich allen Bürgern zugute kämen. Sei das Vorhaben erst einmal verwirklicht, würde niemals wieder ein Historiker von anderen Weltwundern sprechen, denn der Ruhm dieses modernen Turmbaus zu Babel werde die Hängenden Gärten Babylons, die ägyptischen Pyramiden, das aztekische Tenochtitlán oder die Große Mauer in China in den Schatten stellen. Und wer werde dann noch vomTaj Mahal reden? „Unser Projekt wird das erste und einzige Superwunder in der Weltgeschichte sein. Um es kurz zu machen“, so erklärte Machokali, „Marching to Heaven ist eben diese besondere Geburtstagstorte, die sich die Bürger für ihren
einzigen und wahren Führer, den ewigen Herrscher der Freien Republik Aburiria, zu backen entschlossen haben.“

An dieser Stelle machte Machokali eine kurze, dramatische Pause, um den Jubelrufen angemessenen Raum zu geben.
Außer den Parlamentsabgeordneten, den Ministern, den Amtsträgern der Ruler’s Party und den Vertretern der bewaffneten Kräfte klatschte niemand. Machokali bedankte sich dennoch bei der versammelten Menge für die überwältigende Unterstützung und forderte jeden Bürger auf vorzutreten, der das Bedürfnis habe, etwas zum Ruhme von Marching to Heaven zu sagen. Die Leute blickten sich an und starrten dann wie versteinert zur Bühne. Die einzigen Hände, die sich streckten, gehörten den Ministern, Parlamentsabgeordneten und Amtsinhabern der Ruler’s Party, doch der Minister achtete nicht auf sie und wandte sich noch einmal an die versammelte Bürgerschaft. „Seid ihr vom Glück so überwältigt, dass ihr keine Worte findet? Ist denn gar keiner da, der seine Freude in Worte fassen kann?“

Ein Mann hob die Hand, und Machokali winkte ihn eilig zum Mikrophon. Der Mann, offensichtlich schon in fortgeschrittenem Alter, stützte sich auf einen Gehstock, während er sich seinen Weg durch die Menge bahnte. Zwei Polizisten eilten zu ihm und geleiteten ihn zum Mikrophon neben der Bühne. Noch immer wurde das Alter in Aburiria hoch geachtet, und die Menge wartete auf seine Worte wie auf die Offenbarungen eines Orakels. Doch als der alte Mann zu reden begann, wurde offensichtlich, dass er Schwierigkeiten hatte, den Swahili-Namen des Herrschers, Mtukufu Rais, korrekt auszusprechen. Er nannte ihn stattdessen Mtukutu Rahisi. Zu Tode erschrocken darüber, dass der Herrscher „Schäbige Exzellenz“ genannt wurde, flüsterte einer der beiden Polizisten ihm schnell ins Ohr, es müsse Mtukufu Rais oder Rais Mtukufu lauten, was den alten Mann noch mehr durcheinanderbrachte. Er hustete und räusperte sich, um sich zu beruhigen, und rief dann ins Mikrophon:
„Rahisi Mkundu.“ „Oh, nein, es heißt auch nicht ‚Schäbiges Arschloch‘“, wisperte ihm der andere Polizist zu, „nein, nein, es muss ‚Seine Heilige Allmacht‘ heißen, Mtukufu Mtakatifu.“ Was die Sache auch nicht besser machte, weil der alte Mann jetzt mit dem Ausdruck der Überzeugung sagte: „Mkundu Takatifu.“ Als die Menge „Sein Heiliges Arschloch“ hörte, brach sie in übermütiges Gelächter aus, über dem der alte Mann vergaß, was er sagen wollte, sich hartnäckig an die Anrede Rahisi Mkundu hielt und Machokali damit veranlasste, das Zeichen zu geben, ihn schleunigst vom Mikrophon zu entfernen. Der alte Mann aber begriff nicht, warum man ihm nicht gestattete zu reden und stieß, während man ihn in die Menge zurückbrachte, in einem fort hervor: „Rahisi Mkundu, Mtukutu Takatifu Mkundu, Mtukutu“, was so ziemlich jeder möglichen Kombination schäbiger und heiliger Arschlöcher entsprach, von der er dachte, sie könnte richtig sein. Dabei gestikulierte er in Richtung des Herrschers, als bettelte er um dessen göttliches Eingreifen.

Um die Menschen von dieser peinlichen Szene abzulenken, trat Machokali erneut ans Mikrophon und dankte dem alten Mann dafür, zum Ausdruck gebracht zu haben, dass das ganze Unternehmen einfach zu bewerkstelligen und zugleich preiswert zu verwirklichen sei, wenn nur das Volk Herz und Börse öffnete. Doch wie sehr er auch beschönigte, die Wörter „schäbiges“ und „heiliges Arschloch“ hingen weiter in der Luft und sorgten für eine peinliche Situation, die den Minister offensichtlich in sprachliche Verlegenheit stürzte.

Minister Sikiokuu nutzte die Gelegenheit, um die Verwirrung noch zu vertiefen. Er betonte, dass er für all die anderen spreche, die die Hände gehoben hatten, aber zugunsten des alten Mannes, den Machokali noch immer mit Lob überschüttete, ignoriert worden waren, und fragte dann: Hätten „Bruder“ Machokali und sein Komitee nicht daran gedacht, dass es den Herrscher sehr ermüden würde, wenn er all die Stufen zum Himmelstor zu Fuß bewältigen oder mit einem Aufzug fahren müsse, egal wie schnell der sei?

Auszug aus Ngugi wa Thiong’o: »Herr der Krähen«, © A1 Verlag München, 2011

erstellt am 09.9.2011

Ngugi wa Thiong’o, Foto: Daniel A. Anderson
Ngugi wa Thiong’o, Foto: Daniel A. Anderson

Ngugi wa Thiong'o, 1938 als Sohn einer Bauernfamilie in Kamirithu/Limuru in Kenia geboren, studierte am Makerere University College in Kampala, Uganda, und an der University of Leeds, Großbritannien. 1967 wurde er Dozent für Literatur an der University of Nairobi, wo er bis 1977 lehrte. Wegen seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem postkolonialen Kenia und eines regierungskritischen, in Gikuyu verfassten Theaterstücks wurde er 1977 ohne Anklage inhaftiert und erst nach einer Kampagne von Amnesty International ein Jahr später aus dem Gefängnis entlassen. Nachdem sein Leben unter dem Regime von Daniel arap Moi unmittelbar bedroht wurde, ging er 1982 ins Exil nach London. 1989 übersiedelte er in die USA, wo er heute an der University of California in Irvine Englische und Vergleichende Literaturwissenschaften lehrt.
www.ngugiwathiongo.com

Platz 1 der litprom-Bestenliste WELTEMPFÄNGER 12/2011

Ngugi wa Thiong’o
Herr der Krähen
Roman
Aus dem Englischen von Thomas Brückner
944 Seiten
gebunden, mit Lesebändchen und Lesezeichen
A1 Verlag, München
ISBN 978-3-940666-17-8

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