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Auf den ersten Blick ist er ein Kuscheltier, doch unter seinem Fell verbirgt sich ausgefeilte Technik. Seit 2006 wird in der Demenztherapie in Deutschland mit Paro gearbeitet: Die Roboter-Robbe verfügt über ein Stimmerkennungssystem und empfindliche Sensoren, die sie auf jede Berührung reagieren lassen. Dann kann Paro Fieplaute ausstoßen, mit den Augen klimpern, Kopf und Flossen bewegen – und bei Patienten verschüttete Gefühle zutage fördern.

Der TV-Kulturkanal Arte greift dieses Thema in einer eindrucksvollen Dokumentation auf. Katrin Iwanczuk sprach über Chancen und Risiken der Kuschel-Roboter mit dem Theologen Christopher Scholtz, der über die Beziehung zwischen Mensch und Maschine promovierte.

Demenztherapie

Roboter zum Kuscheln?

Herr Scholtz, in der Therapie von Demenzkranken wird in deutschen Pflegeheimen mit der Robbe Paro gearbeitet. Was leistet ein sogenannter Kuschelroboter?

Christopher Scholtz: Paro kann nichts Praktisches. Er soll die Patienten emotional berühren, sie an vergessene Gefühle erinnern, wenn Umwelt und Mitmenschen zu Unbekannten werden. Paro lädt zur Interaktion ein und schafft neue Kommunikationswege.

Was kann ein Paro, was Menschen nicht können?

Scholtz: Demenzkranke sind oft von der menschlichen Interaktion überfordert. Anders als der Mensch hat Paro ein extrem reduziertes Interaktionsangebot. Er kann nicht sprechen und sich nur begrenzt
bewegen. Für Demenzkranke kann das eine große Entlastung sein.

Der Roboter-Einsatz in der Therapie alter, kranker Menschen und das Gebot der christlichen Nächstenliebe – kann das zusammenpassen?

Scholtz: Vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber die moderne Technik bietet sicherlich Potentiale in der Therapie und Pflege, deshalb halte ich es für falsch, sie grundsätzlich abzulehnen. Man sollte weder Heilsversprechungen noch Panikmache aufsitzen. Vom Standpunkt der Nächstenliebe her ist es das Wichtigste, dass der Mensch im Mittelpunkt steht.

Wird Paro leichter akzeptiert als ein Mensch oder ein Therapiehund?

Scholtz: Paro und ein Tier hören zu und akzeptieren jede Verhaltensweise, auch fernab menschlicher Logik, während Menschen bei unlogischem Verhalten oft zurückschrecken. Ein Therapiehund leistet Ähnliches wie Paro, aber der Einsatz ist auf Dauer aufwendiger. Das Tier braucht Pausen und Betreuung, außerdem ist sein Verhalten nicht immer vorhersehbar.

Muss man Demenzkranken sagen, dass sie es mit einer Maschine zu tun haben?

Scholtz: Nicht ständig, aber man muss ihnen die Chance geben, dass sie es sich selbst klar machen. So sollte man etwa das Anschalten der Therapierobbe nicht verbergen. Es darf keine Täuschung geben – bei Paro finde ich es grenzwertig, dass man die Technik nirgendwo erkennen kann.

Ist die Angst begründet, dass Pflegepersonal in Zukunft durch Roboter ersetzt wird?

Scholtz: Nicht bei den heutigen Kuschelrobotern. Sie können nur etwas bewirken, wenn sie von geschultem Personal begleitet werden. Aber die Diskussion darüber ist wichtig: Noch sind wir weit davon entfernt, dass Roboter Menschen ersetzen. Roboter sind zu unzuverlässig und Pflegekräfte zu schlecht bezahlt, als dass man mit dem Einsatz von Robotern Geld sparen könnte. Aber wenn die technische Entwicklung weiter voran geschritten ist, wird sich diese Frage stellen.

Mit welchen Konsequenzen?

Scholtz: Sobald man einen Kostenvorteil durch eine maschinelle Betreuung erzielen kann, wird der Druck auf die Gesellschaft enorm, Roboter tatsächlich auch einzusetzen.

Wo liegen, Ihrer Meinung nach, die Grenzen beim Einsatz von Robotik in der Therapie?

Scholtz: Es darf nicht zu Situationen kommen, in denen der Mensch gegen die Maschine eingetauscht wird. Und es sollte keinen Zwang geben, sich von der Maschine pflegen zu lassen. Das wäre ein gesellschaftliches Armutszeugnis.

Werden wir in Zukunft rein demografisch auf Roboter angewiesen sein – zu viele alte Menschen, zu wenige Betreuer?

Scholtz: Es wird oft die Zahl angeführt, wie viel Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein wird. Aber niemand fragt, wie viel leistungsfähiger diese 65-Jährigen dann im Vergleich zu heute sind. Wir brauchen eine differenzierte Betrachtung. Im Altenbereich gibt es einen enormen Bedarf an technischer Hilfe, aber auf sie angewiesen sind wir noch lange nicht.

Woher kommt unser Misstrauen der Maschine gegenüber?

Scholtz: Schon unser abendländischer Narrationsschatz lehrt, dass die Schaffung künstlichen Lebens ins Verderben führt, angefangen mit dem Golem über den Zauberlehrling bis hin zu Frankenstein. Gerade in einer so technikverliebten Zeit wie unserer kann dieses Misstrauen auch ein gutes Korrektiv sein, solange es gelingt, von der emotionalen Betroffenheit zu einer ausgewogenen Auseinandersetzung zu kommen.

Warum haben Sie sich als Theologe und Wissenschaftler mit dem Thema Robotik beschäftigt?

Scholtz: Mit der Integration von Robotern in unseren Alltag stehen wir am Beginn einer neuen kulturellen Entwicklung. Sie wird unsere Vorstellungen von Schöpfung verändern und birgt erhebliche ethische Brisanz.
Die Aufgabe der Theologie sehe ich darin, dass sie durch Fragen und Stellungnahmen die gesellschaftliche Diskussion anregt.

Der Text ist erstmals erschienen im Arte-Magazin 09/2011 und erscheint in Faust mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.
Arte-Magazin

Katrin Iwanczuk, geboren 1984 in Düsseldorf, arbeitet seit April 2011 als Stipendiatin der Deutschen Journalistenschule München beim ARTE Magazin. Zeitgleich schreibt sie ihre Masterarbeit im Fach Kunstgeschichte. Freie Mitarbeiten und Hospitanzen außerdem unter anderem bei der Rheinischen Post (Düsseldorf) und bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

erstellt am 09.9.2011

Werbefilm zum Roboter Paro

Arte-Dokumentation

Roboter zum Kuscheln – Heilsam für Demenzkranke?
Am Freitag, dem 16. September,
um 21:50 Uhr auf Arte.
Nach der Ausstrahlung steht die Sendung noch eine Woche in der Arte-Mediathek zur Ansicht bereit: hier