Schon wenige Wochen nach dem Anschlag auf die Doppeltürme des WTC beschrieb der deutsche Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth, Professor in Frankfurt, die neuen Zeichen des islamistischen Terrorismus und die neue Angst der westlichen, vor allem amerikanischen Öffentlichkeit davor. Dass die tiefe Kränkung des amerikanischen Selbstverständnisses als Weltmacht zu einem Krieg wider alle militärische und politische Vernunft führen würde, wie Wirth es schon damals im Schlusskapitel seiner Studie »Narzissmus und Macht« voraussah, hat sich aufs Dramatischste bewahrheitet. Deshalb veröffentlicht FAUST einen Auszug aus diesem Kapitel.

11. September 2001 und die Folgen

Über Terrorismus und Krieg

Von Hans-Jürgen Wirth

Der monströse Anschlag vom 11. September 2001 auf das World-Trade-Center in New York und das Pentagon in Washington hat – so könnte man mit Freud (1930) formulieren – der ganzen Welt wieder einmal vor Augen geführt, wie schwer es »der Menschenart« fällt, dem »menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden« (ebd., S. 506).
Freuds pessimistisches Menschenbild, das in seiner Todestriebhypothese zum Ausdruck kommt, verweist auf die Gefahr, dass auch die Opfer destruktiver Gewalt – am 11. September 2001 waren es die Amerikaner – nicht davor gefeit sind, mit ihrer Gegenwehr nun ihrerseits zu einer der »Mächte der Finsternis« (Freud) zu werden. Die Tragik besteht darin, dass der Kampf gegen das Böse selbst wieder Böses gebiert.
Die Spaltung der Welt in »gut« und »böse« gehört zu den zentralen psychologischen Bedingungen des Terrorismus. Die Terroristen können ihr Über-Ich nur ausschalten, indem sie ihren Gegner dehumanisieren und mit dem absolut Bösen gleichsetzen. Wenn umgekehrt der amerikanische Präsident George W. Bush zum »Kampf des Guten gegen das Böse«, gar zu einem »Kreuzzug gegen das Böse«, aufruft, dann folgt er der gleichen psychischen Spaltung, die zu den Ursachen des Problems gehört – nicht zu seiner Lösung

Das kollektive Trauma

Ein Trauma ist ein Erlebnis, das von solcher Intensität ist, dass es die seelischen Verarbeitungsmöglichkeiten überschreitet. Mit dem Trauma gehen Gefühle von extremer Angst, häufig Todesangst, Schrecken, Ohnmacht und totaler Hilflosigkeit einher. Dies führt zu einem Zusammenbruch zentraler Ich-Funktionen und zu einer basalen Erschütterung der gesamten Persönlichkeit. Wenn dies gleichzeitig einer großen Gruppe von Menschen widerfährt, spricht man von einem kollektiven Trauma. Ohne Zweifel stellt die Zerstörung des World-Trade-Centers in New York und die teilweise Zerstörung des Pentagons eine kollektive Traumatisierung der amerikanischen Nation dar, die das kollektive Identitätsgefühl der Amerikaner und ihren Gruppennarzissmus zutiefst erschüttert hat. Dies betrifft nicht nur die Menschen, die Angehörige, Freunde und Bekannte verloren haben, sondern das Kollektiv in seiner Gesamtheit.

Die Weltmacht Amerika wurde durch den terroristischen Angriff auf ihre Metropole und auf das Symbol ihrer wirtschaftlichen und technischen Überlegenheit mit der Erfahrung der Verwundbarkeit, der Endlichkeit des Lebens, der Hilflosigkeit angesichts des »Bösen« konfrontiert. Was so gar nicht ins Weltbild und ins Selbstverständnis Amerikas passt, wurde zur erschreckenden aber unabweisbaren Realität: Auch die Supermacht Amerika ist verletzbar. Weder die mit modernsten Computern ausgerüsteten Geheimdienste FBI und CIA noch die atomaren Waffen konnten Amerika vor diesem Angriff schützen – vom atomaren Schutzschild ganz zu schweigen. Sollte den Amerikanern eine kollektive psychische Verarbeitung des erlittenen Traumas nicht gelingen, besteht die Gefahr, dass sich ein post-traumatisches Belastungs-Syndrom entwickelt, das sich als ständiges Wiedererleben des traumatischen Ereignisses, als gedankliche Fixierung auf das Trauma, als unkontrollierte Panikattacken und als ebenso heftige und abrupte Aggressions-Ausbrüche gegen andere ausdrücken könnte. Die amerikanische Gesellschaft könnte in die Versuchung geraten, das erlittene kollektive Trauma dadurch abzuwehren, dass sie sich auf das Trauma fixiert und es zum zentralen Bezugspunkt der nationalen Identität macht. Als »gewähltes Trauma« (Volkan 1999) wäre es laufend präsent und würde eine ständige Rechtfertigung für die eigenen paranoid-aggressiven Haltungen liefern. Amerika wäre genötigt, unablässig den Beweis seiner militärischen Überlegenheit anzutreten, indem es – mehr oder weniger wahllos – Feinde definiert, aufspürt, verfolgt und vernichtet. Schließlich käme es zur Ausbildung einer nationalistischen Ideologie, die Verfolgungs-, Rache- und Größenphantasien zum Inhalt hat. Diese haben die Funktion, die erlittenen narzisstischen Verletzungen des Selbstwertgefühls wiedergutmachen und die Demütigungen durch Rache auszugleichen. Beauftragt die Gesellschaft einen Führer damit, einen Rachefeldzug zu organisieren, so genießt derjenige Politiker das größte Ansehen, der am fanatischsten die paranoide Ideologie vertritt und am heftigsten verspricht, dass er Rache als ausgleichende Gerechtigkeit üben werde, um das erschütterte grandiose Selbstbild wieder zu festigen.

Wie soll man mit Fanatikern und Terroristen um-, wie gegen sie vorgehen?

Terrorismus ist die Macht der Ohnmächtigen. Terroristen sind Fanatiker, die zwar selbst eine kommunikative Strategie im Umgang mit ihren Gegnern und mit der Öffentlichkeit verfolgen, und im Fall des 11. September »die ganze Welt als Resonanzraum« (Waldmann 2001, S. 4) benutzten, die sich selbst jedoch nicht oder nur höchst begrenzt kommunikativ beeinflussen lassen. Ihr Fanatismus und ihre paranoide »Festungsmentalität« schirmt sie ab gegen Versuche der Einflussnahme. So wie sich die »paranoide Festungsfamilie« in Richters familienneurotischem Modell häufig als »therapieresistent« (Richter 1970, S. 224) erweist, so stoßen diplomatische Initiativen bei fanatischen und paranoiden, politischen und religiösen Gruppen meist an unüberwindbare Grenzen. Mit Fanatikern kann man nicht oder nur höchst begrenzt verhandeln. Wenn man sie bekämpft, steigert das ihre narzisstische Wut ebenso, wie wenn man ihnen entgegenkommt oder versucht, ihre Positionen in Verhandlungen aufzuweichen. Ihre Unfähigkeit zum Kompromiss macht sie politikunfähig.

Man darf sich weder verleiten lassen, rachsüchtig und wutentbrannt zu reagieren, noch darf man die Bösartigkeit der Terroristen unterschätzen. Auf keinen Fall sollte man sich die Logik des eigenen Handelns von den Terroristen aufzwingen lassen, indem man unbewusst ihr paranoides Weltbild übernimmt und ihr aggressiv-ressentimentgeladenes Interaktionsmuster mitagiert. Auch müssen sich die Opfer der Gewalt davor hüten, sich mit dem Angreifer zu identifizieren. Nehmen die Amerikaner eine solche Identifikation mit dem Aggressor vor, gleichen sie sich dem Fanatismus der Terroristen an und werden ebenfalls partiell zu fanatischen Hassern, die ohne Rücksicht auf Verluste in einen Kampf gegen das Böse ziehen. Auch der amerikanischen Regierung könnte es passieren, dass sie sich in dieser Weise mit den Terroristen identifiziert und auf der gleichen Ebene mit den gleichen Mitteln zurückschlägt. Die militärischen Maßnahmen würden dann im Grunde nicht mehr einer militärischen Logik folgen, sondern die Funktion einer psychischen Stabilisierung übernehmen. Es würde zurückgeschlagen, nicht weil es den »richtigen« Gegner treffen, sondern weil das narzisstische Gefühl der Unverwundbarkeit wieder hergestellt werden soll. Die sachlich-militärische Funktion der militärischen Maßnahmen träte hinter der psychologischen Bedeutung, die narzisstische Kränkung auszugleichen, zurück.

Welche Antwort Amerika auf den Terrorismus findet, hängt davon ab, wie die Amerikaner mit dem erlittenen Trauma umgehen. Das World-Trade-Center steht symbolisch für die wirtschaftlich-technische Überlegenheit Amerikas, das Pentagon für die militärische Macht und Camp David, das ja offenbar Ziel des vierten abgestürzten Flugzeuges war, steht als Symbol für den Friedensprozess – offenbar das dritte symbolträchtige Hauptziel der Terroristen. In gewisser Weise ist nicht nur New York und nicht nur Amerika von den Terrorangriffen getroffen worden, sondern die ganze Welt. In den Kommentaren war von einem »Angriff auf die Zivilisation« die Rede und es wurde postuliert, nach dem 11. September sei »nichts mehr wie vorher«. Stellt der 11. September tatsächlich eine weltpolitisch bedeutsame Zäsur dar? Oder folgten diese Reden nur einer Rhetorik der Solidarität und einer Strategie der Dramatisierung, um die Verbündeten Amerikas auf Linie zu bringen und dem militärischen Vorgehen Amerikas die Unterstützung der »Anti-Terror-Koalition« zu sichern?

In der Tat hat sich die amerikanische Regierung Zeit genommen, ihren militärischen Feldzug gegen das terroristische Al-Qaida Netzwerk und das Taliban-Regime in Afghanistan strategisch und vor allem diplomatisch vorzubereiten. Jedenfalls blieb der unmittelbare übereilte Militärschlag, den viele erwartet und befürchtet hatten und der ein Zeichen einer unkontrollierten narzisstischen Wutreaktion gewesen wäre, aus. Dies gab den Amerikanern, aber auch der Weltöffentlichkeit die Gelegenheit, den Terroranschlag in seiner gigantischen Dimension emotional auf sich wirken zu lassen.
Momentan sind es allen voran die Amerikaner, die lernen müssen zu begreifen, wie verwundbar sie sind – auch und gerade als Weltmacht. Die USA, die größte ökonomische und militärische Macht, die je in der Geschichte der Menschheit existiert hat, erliegt einer kollektiven narzisstischen Grandiositätsphantasie, wenn sie annimmt, sie sei unsterblich, unverwundbar und nicht auf andere Nationen angewiesen. Tatsächlich ist auch die mächtigste Macht der Welt von anderen Nationen und Staaten abhängig und muss sich darauf einstellen, mit den Unterlegenen am Rande der Welt als Partner zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten. So wie das Individuum seine eigene Sterblichkeit akzeptieren muss, stellt sich auch dem Kollektiv die Aufgabe, seine Endlichkeit und Verletzlichkeit anzuerkennen, um eine realistische Weltsicht zu erlangen. Narzisstische Kränkungen sind belastend, schwer akzeptabel, gar traumatisierend, aber sie enthalten immer auch Chancen, etwas über uns selbst und unser Verhältnis zur Welt zu erfahren. Amerika könnte aus den schrecklichen Ereignissen vom 11. September die Einsicht gewinnen, dass es auf seine Selbstvergottung verzichten muss. Die ungeheure ökonomische, militärische, politische und kulturelle Macht, über die Amerika verfügt, steht in einem dialektischen Verhältnis zur Ohnmacht: Je fortgeschrittener die wissenschaftlich-technische Entwicklung vorangeschritten ist, je grandioser sich die Erfolge in der Beherrschung der Natur und des Menschen ausnehmen, um so komplexer – und damit auch anfälliger und verletzbarer – sind auch die gesellschaftlichen Prozesse, die damit einhergehen. Die zunehmende gesellschaftliche Komplexität führt einerseits zu einen Zuwachs an Macht, andererseits aber auch zu einer immer größer werdenden Abhängigkeit der Menschen und der Völker untereinander.

Wir leben in der historischen Phase der Globalisierung, in der alle Teile der Welt miteinander verknüpft sind. Überall auf der Welt regt sich Widerstand von den Teilen der Weltbevölkerung, die sich benachteiligt und unterdrückt fühlen. Die terroristischen Akte sind geboren aus der Ohnmacht, jedoch verknüpft mit mächtigen Gefühlen des Triumphes und der Grandiosität. Im Terrorismus und in seiner Bekämpfung verbindet sich der narzisstische Größenwahn der Ohnmächtigen mit dem selbstgefälligen grandiosen Selbstbild der Mächtigen zu einer unheilvollen Kollusion. Da nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt von den Terror-Angriffen getroffen wurde, gilt dies nicht nur für die Regierung der USA, sondern alle Gesellschaften müssen sich eingestehen, dass unsere moderne Zivilisation in ihrer Komplexität enorm verletzbar ist. Die ökonomisch und militärisch mächtigen Gesellschaften sollten deshalb ein großes Interesse an dem entwickeln, was in der Psyche der Abhängigen, der Schwachen, der Armen, der Benachteiligten und der Unterdrückten vor sich geht. Die Mächtigen und Privilegierten der Welt sollten die Solidarität und das Mitgefühl, das Amerika nach den Terror-Anschlägen aus allen Teilen der Welt entgegengebracht wird, als Chance nutzen, um zu zeigen, dass sie wirklich an einer gerechteren Welt interessiert sind. Der 11. September könnte ein Anlass sein, die Globalisierung der Weltmärkte zu ergänzen durch eine Globalisierung der Ethik und des menschlichen Mitgefühls.

Auszug aus Hans-Jürgen Wirth: »Narzissmus und Macht«. Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik, Psychosozial Verlag, Gießen, 4. Auflage 2011
Buch bestellen

erstellt am 09.9.2011

»Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. […] Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, daß sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung.«

Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur (1930. In: GW, Bd. XIV. S. 419–506.