125 Jahre S. Fischer Verlag

Wo nichts passt und doch alles zusammengeht

Von Volker Breidecker

Angefangen hatte alles mit dem Verlegen von Kursbüchern der mitteleuropäischen Eisenbahnen. Kaum aber hatte der damals 26-jährige ungarische Jude und gelernte Buchhändler Samuel Fischer, nachdem er aus Wien nach Berlin übersiedelt war, seinen eigenen Verlag gegründet, brachte er auch das literarische Leben in Deutschland auf einen neuen Kurs: Neben Büchern von Tolstoi und Zola präsentierte der neue Verlag gleich in seinem ersten Programm die Dramen Henrik Ibsens. Damit war die Bühne frei für die literarische Moderne. Sie stand zunächst im Zeichen eines Naturalismus, der seinen deutschen Hauptvertreter in Samuel Fischers erstem Hausautor Gerhart Hauptmann fand. Mit einer Hauszeitschrift, der „Freien Bühne für modernes Leben“, aus der die bis heute erscheinende „Neue Rundschau“ hervorging, schuf sich der Verlag seine eigene literarische Experimentierbühne, zugleich einen publizistischen Verstärker seiner Bücher und ein lebendiges intellektuelles Forum, das zum Zentralorgan des liberalen Bildungsbürgertums wurde.

Und während im Gefolge der 1889 eröffneten Reihe „Nordische Bibliothek“ auch die ganze skandinavische Erzählliteratur von Jens Peter Jacobsen über Herman Bang bis zu Knut Hamsun nach Deutschland gelangte, hielt aus der Gegenrichtung in den 1890er Jahren die Wiener Moderne Einzug mit den Werken Arthur Schnitzlers und Hugo von Hofmannsthals. Das neue Jahrhundert war noch nicht eröffnet, da hatte der S. Fischer Verlag seine wichtigsten lebenden Autoren bereits in Werkausgaben gesammelt – eine Praxis, die bis heute Verlagsräson geblieben ist. Sie sorgt dafür, dass Fischer keine „Klassiker“ verlegt, sondern solche schafft und sie – wie im Fall seiner Stammautoren Kafka und Freud, Hofmannsthal und Thomas Mann – über Generationen hinweg durch kontinuierlich erweiterte, revidierte und erneuerte Gesamtausgaben pflegt. Allein auf eine Kritische Ausgabe der Werke Sigmund Freuds wird man weiter warten müssen. Dafür entschädigt der Verlag sein Publikum gegenwärtig mit der editorischen Großtat einer mehrbändigen Ausgabe der zwischen Freud und seiner künftigen Gattin Martha Bernays gewechselten „Brautbriefe“ als raren Dokumenten bürgerlicher Seelenkultur.

Im 125. Jahr seines Bestehens ist der Verlag wieder seinen Anfängen nahe: In neuer Übersetzung sind soeben die Isländer-Sagas erschienen, in fünf Bänden und auf mehr als zweieinhalbtausend Seiten. Ob der Buchhandel und das Publikum ein solch aufwendiges Projekt annehmen, muss sich noch erweisen, der Verlag geht da kein geringes Risiko ein. Das sei aber mit keinem Buch anders, sagt dazu Jörg Bong, der programmverantwortliche Geschäftsführer: Der Erfolg eines Buches sei von so vielen Zufällen abhängig, dass man ihn weder planen noch voraussagen könne. Nicht anders als zu Samuel Fischers Zeiten setze der in seine Projekte vernarrte Verleger auf den „glücklichen Augenblick“, den er selbst nicht herbeiführen kann. Noch immer gelte Samuel Fischers Credo: „Dem Publikum neue Werke aufzudrängen, die es nicht will, ist die wichtigste und schönste Mission des Verlegers.“

Tatsächlich hat sich im Hause Fischer etwas verändert, denn noch vor ein paar Jahren sah es dort ganz so aus, als wollte man zu einem Verlag für Unterhaltungsliteratur werden. Die Programmvorschauen ähnelten Fahrzeugkatalogen der gehobenen Mittelklasse und rochen ebenso stark lackiert. Schaut man sich heute hingegen die Vorschau auf das teilweise schon ausgelieferte Herbstprogramm an, so bestechen die klaren Konturen und das beachtliche Niveau der in den vier bedienten Sparten „Deutschsprachige Literatur“, „Internationale Literatur“, „Sachbuch“ und „Wissenschaft“ angezeigten Autoren und Titel. Man spürt deutlich, hier wurde bei allen Zufällen, denen auch das Programmachen unterliegt, sehr viel nachgedacht über einzelne Titel wie über ihren Kontext. Auch bei Fischer hat man also wieder gelernt, was der Verlagsgründer schon wusste, der im Jahr 1930 zur Branchenlage trocken bemerkte: „… das Bestreben zahlreicher Verlage, das wirtschaftliche Risiko auf eine größere Zahl von Titeln zu verteilen, war, genau besehen, alles andere als ein Zeichen gesunder Expansion.“ Es hat sich gelohnt, diese Lehre auch heute wieder zu beherzigen, denn ökonomisch steht der seit den siebziger Jahren zum Holtzbrinck-Konzern gehörende S. Fischer Verlag gegenwärtig so gut da wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Und weil man dort an der guten alten Verlegertugend der Mischkalkulation festhält, kann man auch Wagnisse eingehen, wie jenes, eine ganz neue Wissenschaftsreihe in feinster Aufmachung erfolgreich aus der Taufe gehoben zu haben.

Dass im Hause Fischer, seitdem die Verlegerin Monika Schoeller die Verantwortung für das laufende Programm in die Hände eines engagierten jungen Teams gelegt hat, um sich selbst der Ermöglichung editorischer Langzeitprojekte und mäzenatischer Aufgaben zu widmen –, dass dort also viel und lange nachgedacht wird, spürt man auch, wenn man sich von Jörg Bong die großartige Aussichtsplattform auf dem Dach des Verlagshauses in Frankfurt-Sachsenhäuser Hedderichstraße zeigen lässt: Weit und breit gibt es keinen exponierteren Ort, um die strahlende Skyline der gläsernen Finanzmetropole in ihrer ganzen Ausdehnung mit einem einzigen Blick zu umfassen und zugleich den Kontrast zu den aus Frankfurts Gründerzeit stammenden Wohnhäusern wahrzunehmen: Aus gelbem oder rotem Sandstein erbaut, grenzen sie in langen Reihen an das Verlagsgebäude an und ziehen sich mit ihren grauen Schieferdächern bis hinunter um Mainufer. Wann immer schwierige Entscheidungen zu treffen seien, sagt Bong, ziehe er sich an diesen luftigen Ort zurück, auch spätabends und manchmal nachts. Ein guter Ort, auch um über diese Stadt nachzudenken, in der nichts wirklich zusammenpasst und doch alles zusammengeht – nachzudenken auch über die wechselvolle Geschichte dieses Verlags, der vor 125 Jahren in Berlin gegründet wurde, um sich nach dem Zweiten Weltkrieg und am Ende einer langen Odyssee dauerhaft in Frankfurt am Main niederzulassen: in einer Metökenstadt, die, wie an jeder Straßenecke zu sehen und zu hören, ebenso international, durchmischt und vielstimmig ist wie dieser Verlag seit seinen Anfängen, als er deutsche Literaturgeschichte schrieb – und zwar in eben dem Maße, wie er sich gegenüber fremdsprachlichen Literaturen und ihren Einflüssen öffnete.

Das war vor allem in den Anfangsjahren und dann wieder – nach einer Phase, in der mit Thomas Mann, Hermann Hesse und Jakob Wassermann der deutsche Roman seine größte Ausstrahlung entfaltete – in den zwanziger Jahren, als Samuel Fischer die Werke von John Dos Passos und Walt Whitman, von Joseph Conrad, Eugene O’Neill und George Bernard Shaw verlegte. Unter dem Einbruch des Nationalsozialismus fand die Internationalisierung des Verlags seine Fortsetzung. Gottfried Berman Fischer, der Schwiegersohn und erwählte Nachfolger des 1934 verstorbenen Altverlegers, zögerte den gebotenen Gang ins Exil zwar hinaus und ließ sich 1936 auf eine Teilung des Verlags ein. Er selbst ging mit den in Deutschland verbotenen Autoren, ihren Büchern und Rechten, nach Wien, während der Stammverlag unter der Leitung von Peter Suhrkamp in Berlin blieb und dort verlegte und vertrieb, was nicht verboten war. Der Anschluss Österreich ans Hitlerreich traf Berman Fischer unvorbereitet und beraubte ihn, der sich mit seiner Familie mit knapper Not nach Italien und weiter in die Schweiz rettete, aller Bestände. Und 1940 musste er erneut fliehen, diesmal vom gefährdeten Sitz seines in Stockholm neugegründeten Verlags nach New York, wo er einen weiteren Exilverlag ins Leben rief.

Peter Suhrkamp, mit dem in Deutschland verbliebenen Teil des Verlags zunehmenden Repressionen ausgesetzt, wurde 1944 verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verbracht. Nach Kriegsende gelangten Berman Fischer und er zu keiner Einigung über eine Wiedervereinigung des Verlags; auch hier standen sich die unterschiedlichen Erfahrungen von äußerem Exil und innerer Emigration unvereinbar gegenüber. So kam es zur dauerhaften Teilung, zur Gründung des Suhrkamp Verlags und zur Niederlassung beider Verlage in Frankfurt, der Messestadt, die nicht nur frei von allem Berliner Ballast war, sondern auch Anwärter auf die Rolle einer künftigen Bundeshauptstadt.

Dass ist nun alles sehr lange her, auch wenn kein deutscher Verlag seit den siebziger Jahren die Ära und die Verbrechen des Nationalsozialismus in seinen Büchern so gründlich aufgearbeitet hat wie der S. Fischer Verlag Frankfurt. Dieser zeigt sich heute wie neu und erbringt den steten Beweis dafür, dass es weder eines charismatisch schaltenden Hierarchen noch des Stallgeruchs und Korpsgeistes seiner Angestellten als der Kehrseite bedarf, um ein intellektuell anspruchsvolles Programm zu machen. Im Hause Fischer regiert unter der sanften und beinahe unsichtbaren Hand der Verlegerin und unter dem Vorsitz von Jörg Bong ein Kollegialkabinett verantwortlicher Lektoren, die beinahe noch die Schulbank miteinander drückten. Und wenn man es recht bedenkt, und an einstige Schlüsselfiguren des Verlags wie Oskar Bie, Moritz Heimann, Robert Musil, Oskar Loerke, Hermann Kasack, Viktor Zuckerkandl, Rudolf Hirsch, und J. Hellmut Freund zurückdenkt, so war dieser Verlag eigentlich schon immer ein Lektorenverlag und wird es hoffentlich noch lange bleiben. „Und um gar keinen Preis“, so verabschiedet Jörg Bong den Besucher auf dem Dach, „möchten wir Frankfurt mit Berlin vertauschen.“

In leicht gekürzter Form erschien dieser Beitrag zuerst in der Süddeutschen Zeitung.

erstellt am 09.9.2011

S. Fischer – Verlagslogos
S. Fischer – Verlagslogos

»Dem Publikum neue Werke aufzudrängen, die es nicht will, ist die wichtigste und schönste Mission des Verlegers.«

Samuel Fischer