Sie ist »die Frau mit der Ohrfeige« und »die Nazi-Jägerin«. Hoch geachtet im Ausland für ihre Verdienste um die Aufklärung und Verfolgung nationalsozialistischer Verbrechen, blieb sie in Deutschland seit ihrem legendären Angriff auf den damaligen Bundeskanzler Kiesinger im Jahr 1968 eine umstrittene Figur. Der Kinodokumentarfilm »Berlin – Paris« beleuchtet Bedeutung und Hintergründe dieser Tat und schildert Beate und Serge Klarsfelds weltweite Verfolgung von Naziverbrechern wie Klaus Barbie.

Der Kinostart in Frankfurt in Anwesenheit von Beate Klarsfeld und Regisseurin Hanna Laura Klar ist am 8. September im Mal Seh'n Kino. Die Einführung hält Martin Lüdke, dessen Rede Faust hier veröffentlicht.

Einführung

Berlin – Paris. Die Geschichte der Beate Klarsfeld

Von Martin Lüdke

Sie gestatten, dass ich ebenso unhöflich wie uncharmant mit der Tür ins Haus falle.
Beate Klarsfeld ist vier Jahre älter als ich. Sie konnte noch nicht sitzen, als der Zweite Weltkrieg begann. Ich konnte kaum sprechen, als er zu Ende war. Wir beide sind also Kriegskinder, die erst den Nachkrieg wirklich und richtig bewusst erfahren haben. Den Kalten Krieg, die deutsche Teilung, und schließlich auch das entstehende Bewusstsein eines, lassen Sie mich erst einmal sagen, eines Phänomens, das damals mit der Chiffre „Auschwitz“ abgedeckt wurde.

Ich habe als Kind in der Schule Dokumentarfilme ansehen müssen, die ich nicht verstanden habe, Filme, die mir Alpträume verursacht haben. Filme über die Befreiung der Konzentrationslager durch Russen und Amerikaner. Die Bilder der ausgemergelten, nackten Leichen habe ich heute noch vor Augen. Ich weiß nicht, ob es damals richtig war, solche Bilder kleinen Kindern zu zeigen. Ich weiß allerdings – seitdem, wer für diese Bilder der ermordeten Menschen verantwortlich war. Wir, die Deutschen.

Ich habe zudem in Erinnerung, dass sich Bekannte, Freunde meiner Eltern darüber aufgeregt haben, wie unmenschlich es doch sei, dass Bewohner Weimars und der umliegenden Dörfer, gezwungen worden sind, sich das KZ Buchenwald anzusehen. Die Leichenberge. Die Opfer. Und die Maschinerie der Täter, die elektrischen Zäune, die Folterinstrumente, die Verbrennungsöfen.
Die Aufregung, das habe ich erst viel später kapiert, galt aber nicht den Mördern. Nicht, was geschehen war, wurde als unmenschlich bezeichnet. Sondern: der Zwang der Amerikaner, es zu betrachten.
Mit solchen Erfahrungen sind wir also aufgewachsen. Es sind die Erfahrungen einer besonderen Generation. Wir waren, selbst unschuldig, Kinder der Täter, egal in welchem Ausmaß unsere Eltern beteiligt waren. Profiteure allemal. Wer nicht zum Widerstand zählte, und wer war das schon, war mindestens Mitläufer. Ich habe die ersten vierzehn Jahre meines Lebens in der DDR verbracht. Dort war alles klar. Sauber sortiert. Die Faschisten waren im Westen. Der Antifaschismus hatte in der DDR seine Heimat gefunden. Damit war die Vergangenheit bewältigt. Es gab auch für keinen Grund, mich weiter damit zu beschäftigen.

Erst durch 68’ wurde ich, seit gut zehn Jahren im Westen, aufgeweckt. Horkheimer: Wer vom Kapitalismus nicht reden will, der muss … usw.
Beate Klarsfeld, nicht nur weil sie etwas älter ist, war da deutlich früher dran. Sie zählte zu den wenigen jungen Deutschen, die ihr Erbe mit klarem Bewusstsein angetreten und daraus die entsprechenden, die notwendigen Konsequenzen gezogen haben. Ihr kamen natürlich besondere persönliche Verhältnisse zur Hilfe. Die preußische Deutsche heiratete in Paris einen französischen Juden, dessen Vater in Auschwitz ermordet worden war. Nur erklärt das weder ihre Courage, noch dieses unaggressive Engagement. Sie hat sich nicht mit den Opfern identifiziert, wie etwa Lea Rosh. Sie hat sich nicht aufgespielt, sondern meistens still und beharrlich Aufklärung betrieben. Auch im Fall eines deutschen Bundeskanzlers.
Darum ist sie zu einer Symbolfigur meiner bzw. unserer Generation geworden. Durch einen symbolischen Akt. Kleine Ursache, sicher, aber nicht nur eine große, sondern eine immense Wirkung.
Ihre Ohrfeige für den Bundeskanzler Kiesinger auf dem Parteitag der CDU am 7. November 1968 zählt zu den wenigen Ereignissen, die jeder Zeitgenosse in Erinnerung behalten hat. Ihr Name, der Name Beate Klarsfeld, wurde zur Chiffre – für antifaschistisches, demokratisches Engagement, für politisches Bewusstsein und den Mut, dafür auch einzustehen.

Ich freue mich, dass Hanna Laura Klar diesen Film gemacht hat. Wieder mal so einen Film, der, gestatten Sie den Kalauer, klar, und zwar glas-klar ihre Handschrift zeigt. Zwei Frauen verlassen ein Haus. Sie kommen auf die Kamera zu, drehen ab und gehen nun von uns, den Betrachtern, weg, die Straße einer modernen, europäischen Großstadt entlang, immer an der Wand lang.
Die eine der beiden, sportlich elegant gekleidet, leicht an dem Gewicht der Welt tragend, hat eine große Umhängetasche über die Schulter gehängt, durchaus geeignet, den Verdacht zu nähren, sie schleppe ihren ganzen Hausrat mit sich rum. Neben ihr geht eine andere Frau. Das kann Elfriede Gerstl sein, die Wiener Dichterin, oder Elfriede Jelinek, die Literatur-Nobelpreisträgerin. Oder, das jüngste Beispiel, die Berlinerin, die seit fünfzig Jahren in Paris lebt, die Deutsche, die Französin geworden ist. Beate Klarsfeld.

In jedem der Filme von Hanna Laura Klar sind solche klar-typischen Bilder zu sehen. Ich halte das nicht nur für ein Stilmittel, sondern auch für ein psychologisches Verfahren. Hanna Laura Klar stellt auf diese Weise Nähe her. Selbst zu Leuten, wie die Jelinek, die eigentlich keine Nähe dulden. Sie erzeugt Vertrauen, zu ihrem Gegenüber, aber ebenso auch zu uns, den Betrachtern. Sie geht auf Augenhöhe mit ihren Figuren um. Von Du zu Du.
Im Grunde genommen lässt sie ihre Zuschauer an einem privaten Ereignis teilhaben. Wir werden zu Zeugen eines nicht unbedingt vertraulichen, aber doch sehr vertrauten Gesprächs. Deshalb, ich glaube gar nicht so feministisch begründet, sind die meisten ihrer Protagonisten Frauen. Es geht aber weniger um Frauen-Geschichten, eher um Frauen – in der Geschichte. Bereits ihr erster Film, 1974, „Das schwache Geschlecht muß stärker werden“, der 1987/88 noch eine Fortsetzung fand, beschreibt programmatisch ihre Zielsetzung. „Die Frau des Rabbiners“, „3 Frauen um Schleef“. Oder: „Sophies Schwester“, die Geschichte einer Schwester von Hans und Sophie Scholl.

Immer wird auch der politische Hintergrund sichtbar gemacht. Die Tatsache etwa, dass Elfriede Jelinek, und zwar noch deutlicher, präziser und entschiedener als ihr früh verstorbener Kollege Thomas Bernhard, die schleimige Verlogenheit ihrer Landsleute gegeißelt, stets auch politisch, klar und eindeutig Stellung bezogen hat, diese Tatsache kommt deutlich in Hanna Laura Klars Film über ihre beiden „Elfriedes“ heraus.
Der österreichische Unruheherd Jelinek hat sich mit der österreichischen Mentalität und mit der Vergangenheit ihres Landes auseinandergesetzt. Das heißt, genauer gesagt: mit der Verdrängung dieser Vergangenheit.

Mit dieser Verdrängung beschäftigt sich auch der Roman: „Die Kinder der Toten“, sicher ihr Hauptwerk. Wolfram Schütte, einer der großen Literaturkritiker der alten Bundesrepublik, nannte die Besprechung des Romans (in der FR, 11.10.1995) „Variationen über ein Requiem“. Die Person, die hinter diesem Werk steht, wird in dem Film „Elfriede & Elfriede“ sichtbar. Und damit vielleicht auch ein Motiv sichtbar, dass die Filme unserer Filmemacherin verbindet. Der neueste Beleg: Berlin. Paris. Die Geschichte der Beate Klarsfeld.
Freuen Sie sich auf diese Frau.

erstellt am 07.9.2011

Filmplakat Berlin – Paris
Filmplakat Berlin – Paris

Berlin – Paris: Die Geschichte der Beate Klarsfeld

Ein Film von Hanna Laura Klar, Deutschland 2010, 91 Min.

Mit Beate Klarsfeld, Serge Klarsfeld, Arno Klarsfeld, Linda Klarsfeld-Comporti, Andrea von Bethmann, Arno Widmann, Konrad Matschke, Gesine Lötzsch
Filmverleih: edition salzgeber, Berlin

Weitere Vorführungen:
Der Film läuft aktuell in Berlin (Kinos Babylon:Mitte, Tilsiter Lichtspiele, Eiszeit), Hamburg (Koralle), Frankfurt/M. (Mal Seh'n) und München (Neues Arena). Ab kommenden Donnerstag kommt noch das Sweet Sixteen in Dortmund dazu.

Kiesinger nach der Ohrfeige

Am 7. November 1968 ohrfeigte Beate Klarsfeld den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger auf einem CDU-Parteitag in der Berliner Kongresshalle. Mit dieser Ohrfeige wollte Beate Klarsfeld auf die Vergangenheit des Kanzlers Kiesinger in der NSDAP aufmerksam machen.

Beate Klarsfeld, Foto: Barbara Klemm
Beate Klarsfeld, Foto: Barbara Klemm
Filmfoto: Beate Klarsfeld
Filmfoto: Beate Klarsfeld