Randnotiz aus Katar

Die Gnaden der Globalisierung

DOHA – Stellen Sie sich folgendes vor: Wir schreiben das Jahr 2011, ein islamischer Feiertag steht bevor und Deutschland dekoriert sich mit blinkenden Halbmonden, die Geschäfte verkaufen Datteln im Vorratspack, die Hotels stellen Kamele aus Papp-Maché in ihre Lobby und im Supermarkt laufen zur musikalischen Untermalung islamisch korrekte Liedchen von Sami Yusuf. In einem Berliner Vorort treffen sich über 10 000 Muslime zum Beten, der Stau dorthin bringt den Verkehr in der ganzen Nachbarschaft zum Erliegen.

Man kann sich ungefähr denken, was dann wäre: Horst Seehofer und Alice Schwarzer geben Interviews über das untergehende Abendland und falsche Toleranz, selbst bekennende Multi-Kulti-Gutmenschen finden das Ganze langsam zu bunt und Thilo Sarrazin verdient weitere drei Millionen Euro mit seinem Folgeband „Deutschland ist weg”.

Ziemlich genau das gleiche Szenario spielt sich jeden Dezember in Katar ab, nur anders rum. Weniger als 10% der Einwohner sind Christen, fast alle anderen Muslime. Wer meint angesichts der demographischen Lage dem Vorweihnachtswahnsinn entgehen zu können, der täuscht sich: Katar dekoriert mit Plastiktannen und Glitzerkugeln, Geschäfte verkaufen stapelweise Weihnachtsstollen, Hotels stellen Lebkuchenhäuschen in die Lobby und im Supermarkt läuft das Lied vom rotnasigen Rentier. Und manchmal sogar „Stille Nacht, heilige Nacht”. Mitte Dezember, mitten in der Wüste.

In der Wüste steht auch die größte Kirche des Landes. An Weihnachten treffen sich dort über 10 000 Gläubige aus gut 50 Ländern. Es sind solche Massen, dass viele es nicht einmal in die Nähe der Kirche schaffen. Die meisten stehen dicht gedrängt auf dem Vorplatz und schauen sich die Messe per Videoübertragung an. Wer zu spät kommt, bleibt im Stau stecken.

Und wie reagiert man am Golf auf so viel Weihnachten? Ganz einfach: Man wittert eine Geschäftsidee. Das Sheraton Hotel in Doha verkauft deutschen Stollen für umgerechnet 18 Euro pro Stück, Elisenlebkuchen für einen Preis, den ich verdrängt habe. Und im nicht weit entfernten Abu Dhabi protzt man mit dem teuersten Weihnachtsbaum aller Zeiten, angeblich als Zeichen von „Offenheit und Toleranz”. Die Offenheit kommt vom Juwelier, kostet in diesem Fall 11 Millionen Dollar und steht in der Lobby des ,Emirates Palace‘.

Ich möchte wissen, wo der Hotelmanager herkommt, der so etwas absegnet. Ich hoffe auf einen neureichen Ahmad al-Irgendwas aus den Emiraten. Google belehrt mich eines besseren: Der Manager des Hotels heißt Hans Olbertz und kommt… aus Köln. Oh Du selige, gnadenbringende Globalisierungszeit.

erstellt am 05.9.2011