Dass die Geschichte von den Siegern geschrieben wird, bedeutet ja nicht, dass sie nicht mehr zu korrigieren wäre. Zeitzeugen und Historiker tun dies, aber sie alle kommen um die Erkenntnis nicht herum, dass eine gültige, objektive Geschichte nicht zu haben ist. Auch die schriftlichen Quellen sind auf ihre Echtheit zu überprüfen, wobei noch gar nicht sicher ist, ob sie nicht ganz und gar aus Mogeleien bestehen, also eine parteilich verfälschende Beschreibung des Geschehens darstellen. Als 2010 im Suhrkamp Verlag Siegfried Unselds Notizen unter dem Titel „Siegfried Unseld – Chronik 1970“ (siehe auch: hier ) erschienen, denen die Chronik eines Konfliktes aus den Jahren 1968/69 vorangestellt ist, wurde deutlich, dass das darin aufscheinende Selbstbild des Verlegers, der, vertrauensselig und ahnungslos, von seinen treulosen Lektoren plötzlich vom Thron gestoßen werden sollte, eine rührende Privatversion eines komplizierten Prozesses ist, dessen destruktive Dynamik dieser Verleger selbst aktiv mitgestaltet hat. Nun ist vom Verlag der Autoren die Chronik der Lektoren veröffentlicht worden, Erinnerungen von vier am sogenannten ‚Aufstand der Lektoren’ Beteiligten: Karlheinz Braun, Klaus Reichert, Peter Urban und Urs Widmer, sowie Briefe des 2006 gestorbenen Walter Boehlich, der damals Cheflektor im Suhrkamp Verlag war. Dass diese Chronik nicht zum Schwarzbuch auf der Folie des Unseldschen Weißbuchs geriet, ist nicht nur den fünf verschiedenen Sichtweisen zu verdanken, aus denen sich das Puzzle der Ereignisse zusammensetzt. Jeder der Zeugen schildert differenziert die Auseinandersetzungen, die Vorgeschichte(n) und die Konsequenzen: die Kündigung beim Suhrkamp Verlag und die Gründung des Verlags der Autoren, die im letzten Kapitel dargestellt wird. Natürlich bekommen wir den Verleger so beschrieben, wie er vermutlich auch war: als einen geltungssüchtigen Unternehmer, der die Freundschaft berühmter Autoren suchte und das Verlagsprogramm den Namen nach absegnete: „Nicht zu Unrecht wurde dem Verleger auf der Buchmesse 1968 in Frankfurt die Frage gestellt, ob er die Bücher, die in seinem Verlag erscheinen, überhaupt gelesen habe.“ Freilich hatte Unseld ein instinktives Machtbewusstsein, das ihn dazu befähigte, hervorragende Lektoren einzustellen, eine intellektuelle Elite, der er selbst nicht gewachsen war. Schon damit war der später eskalierende Konflikt angelegt. Andererseits haben die Autoren der Chronik der Lektoren hier doch so viele Details aus ihrem Gedächtnis zusammengetragen, dass die Lektüre dieses Buches einen tiefen Einblick in die politische und psychosoziale Situation jener Jahre erlaubt. Selbst die Paranoia, die da in der Auseinandersetzung zwischen demokratischen und monarchischen Prinzipien wuchs, wird plausibel. Der Konflikt, der damals geradezu modellhaft entstand und sich bei der Lektüre vergegenwärtigt, ist heute, verwandelt, in die Verlage, in die öffentlich-rechtlichen Anstalten und Betriebe zurückgekehrt.
Bernd Leukert

Auszüge aus

Chronik der Lektoren –

Von Suhrkamp zum Verlag der Autoren

Karlheinz Braun, S.9f

Wenn wir, die Suhrkamp-Lektoren von 1968, uns heute noch einmal melden, dann möchten wir mit unseren Erinnerungen an die Kämpfe um die Demokratisierung des Verlages das Bild zurechtrücken, das der Verleger von diesem »Konflikt«, wie er ihn verharmlosend nennt, gibt. Es geht schließlich nicht zuletzt auch um die Deutungshoheit von Geschichte. Unser Nachteil ist sicherlich, dass wir über die Ereignisse jener Tage kein Tagebuch geführt haben, dass wir uns auf unser Gedächtnis verlassen müssen, und wir wissen, dass es seine eigenen Gesetze hat. Andererseits mag der fünffache Blick auf das einmalige Geschehen zeigen, wie differenziert wir doch als sehr unterschiedliche Einzelne die Geschichte rekapitulieren. Es ist wie ein Puzzle, dessen Einzelteile in der Zusammensetzung das Bild ergeben. Auch mag die Distanz hilfreich sein. So haben weniger die Emotionen die Berichte bestimmt als vielmehr der kühle Rückblick auf Ereignisse, die wir längst aus den Augen verloren hatten. Emotionen erkennt man noch deutlich in den Texten von Walter Boehlich, der, 2006 gestorben, seinen Beitrag zum Buch nur noch mit seinen Briefen aus jenen Tagen geben kann. Die Briefe dieses »Aufklärers aus Leidenschaft« (Anneliese Botond) zeugen einerseits von seinen jahrelangen Schwierigkeiten mit dem so ungleichen Verleger, andererseits aber auch von seinem Willen, das Richtige, einmal erkannt, auch durchsetzen zu wollen. Die Bitterkeit und auch Trauer über das Nicht-Erreichte sind nicht zu übersehen, ebenso wenig seine Identifikation mit der Verlagsarbeit und die Zuneigung zu den Autoren, mit denen er über viele Jahre zu tun hatte.

Karlheinz Braun, S.71

Unseld verwies immer wieder auf seine alleinige persönliche Haftung für das gesamte Unternehmen (resultierend aus den Eigentumsverhältnissen). Aber hat er jemals die Lektoren gefragt, ob sie mit Anteilen an den Verlagen nicht ebenfalls »Verantwortung« übernehmen möchten? Rudolf Augstein zum Beispiel hat – einige Jahre später – in einer ähnlichen Lage die Hälfte des Spiegel seinen Redakteuren übereignet – mit den entsprechenden Rechten und Pflichten. Sie halten die Anteile noch heute und wissen dies zu schätzen, nicht nur wegen der finanziellen Vorteile, sondern vor allem wegen ihres Einflusses auf Entscheidungen über die Neubesetzung von Chefredakteuren und Verlagsleitern. Unseld dagegen hatte auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen eine andere Idee, über die die davon unterrichteten Autoren nur den Kopf schütteln konnten. Aus der »Euphorie der Katastrophe« heraus schlug er drei Lektoren (Boehlich, Busch, Michel) vor, aus dem Verlag auszutreten und einen »auf totaler sozialistischer Basis arbeitenden neuen Verlag« zu gründen. Dafür sollten sie von ihm ein privates Startkapital von 600.000 DM erhalten. Die Lektoren waren verblüfft. Unseld hatte einen Coup gelandet.

Peter Urban, S. 82f

Die informelle Lektorenversammlung im Keller der Feldbergstraße Nr. 38 mochte noch so viel Sachverstand und Kenntnisse auf sich vereinigen, mochte noch so viele schöne Pläne schmieden, eines hatte sie nie: Entscheidungsbefugnis. Cheflektor Boehlich hätte in seiner Loyalität dem Verlag (und dem Verleger) gegenüber nie und nimmer seine procura mißbraucht, um Programmentscheidungen in Abwesenheit des Verlegers zu treffen, eines Prinzipals, der eifersüchtig auf dem Privileg bestand, jeden noch so marginalen Vertrag eigenhändig zu unterzeichnen. Dessen häufige Absenzen aber brachten den Verlag in Nöte und waren eines unserer Hauptprobleme: anstehende Fragen, intern längst geklärt, konnten nicht beantwortet werden, drängende Vorgänge wurden blockiert, Verträge nicht abgeschlossen, wichtige Optionen drohten zu verfallen – während der Verleger in der Weltgeschichte auf Reisen war, sei es, um Präsenz zu zeigen in verschiedensten Gremien, Juries, Vorständen, auf Tagungen etc. (was unbestritten wichtig war, verbunden aber auch mit seiner schier grenzenlosen Geltungssucht), sei es, um die berühmte »Autorenpflege« zu betreiben (was den »gepflegten« Autoren mit Sicherheit schmeichelte), sei es, um den in den USA ausgebrochenen Hesse-Boom zu befördern, sei es aber eben auch auf der jahrzehntelangen kostspieligen, jahrzehntelang erfolglosen Jagd nach dem Bestseller auf dem U$-Markt, allen Lippenbekenntnissen zum Trotz und in bewußter Verkennung der Tatsache, daß ältere Verlage wie Rowohlt und S. Fischer auf diesem Sektor traditionsbedingt die besseren (verläßlicheren) connections hatten. Uns, denen es um Literatur ging, waren deshalb oft wochenlang die Hände gebunden.
Das zweite große Problem war für uns die Art und Weise, mit der in der Chefetage – nach Gutsherrenart – über Autoren und ihre Werke verfügt, wie Entscheidungen getroffen wurden, die für uns Lektoren uneinsichtig, wenn nicht willkürlich waren, die aber oft das weitere literarische Schicksal der Autoren bestimmten.

Walter Boehlich an Ingeborg Bachmann, Rom, am 8.12.1968, S 123f

Liebe Ingeborg Bachmann,
ich bin jetzt mit dem Kopf wenigstens so weit aus dem Sumpf heraus, dass ich daran gehen kann, ein paar Briefe zu schreiben, die ich gern schon lange geschrieben hätte.
Sie werden ein bißchen aus den Zeitungen erfahren, ein wenig vielleicht auch gehört haben und sich womöglich Gedanken machen. Aber was gewesen ist und was ist, können Sie nicht wissen. Wenn Sie es von mir nicht erfahren wollen, weil Sie mich am Ende für voreingenommen und nicht ganz zuverlässig halten, können Sie gut auch einen von denen fragen, die geblieben sind. Deren Meinung und deren Urteil brauche ich nicht zu scheuen.
Also: es ging nicht mehr mit Unseld und mir. Er wollte einfach nicht mehr und hatte sich eingeredet, dass ich ihm seinen perfekt funktionierenden Verlag durcheinanderbrächte und sonst nichts mehr täte. Da hat er sich mit Walser einen schönen Plan ausgedacht, der mir zwar einen ruhigen Lebensabend gesichert, mir aber jeden Einfluß im Verlag genommen hätte. Eigensinnig wie ich bin, hielt ich diesen Einfluß aber für notwendig. Ich habe mich auch nicht damit abfinden können, dass Unseld zwar mein Wissen und notfalls meine Arbeitskraft sich oder dem Verlag erhalten, meine Kritik aber nicht länger akzeptieren wollte. Zum Schluß gab es kaum noch etwas, worin wir übereingestimmt hätten, ganz gleich ob es sich um die innere Organisation des Verlages, um den Besuch der Leipziger Messe, sein Auftreten während der Frankfurter Messe, sein Wirken in allen möglichen Gremien, meine Arbeit und vor allem um die unüberbrückbare Kluft zwischen der Ideologie unseres Verlagsprogramms und der Arbeitswirklichkeit des Verlages und seinem Handeln handelte. Das, was Unseld so gern »meinen Fall« nennt, war nur ein Teil der Auseinandersetzungen im Verlag. Die Lectoren, alle, hatten Gründe, eine effektive Demokratisierung der Entscheidungen auf der Grundlage von rationaler Diskussion unter Heranziehung unwiderleglicher Unterlagen zu fordern. Dem mochte Unseld, der sich nicht gern als Unternehmer, dafür umso lieber als den ersten und besten seiner Lectoren sieht, nicht zustimmen.

Klaus Reichert, S. 160f

Die Latte für die sammlung insel hing hoch. Die wichtigsten Autoren des Landes – das hieß: die Suhrkamp-Autoren – sollten mobilisiert werden. Wenn nicht durch eigene Bände, so doch zumindest durch ihre Anregungen und Empfehlungen. Hans Magnus Enzensberger machte drei Titel, Unseld selber zwei, Adorno, Bloch, Marcuse gaben je einen heraus, Walser schrieb eine hinreißende Einführung in Swifts Satiren. Wichtigster Ratgeber im Haus war Walter Boehlich, der manchen Titel anregte und selber drei herausgab, darunter den rasch berühmt gewordenen Berliner Antisemitismusstreit. Auch andere Lektoren – Karl Markus Michel, Peter Urban – ließen sich Bände einfallen. Die sammlung insel war ein beflügelndes Gemeinschaftsunternehmen und in mancher Hinsicht ein gesamtdeutsches obendrein, denn viele Herausgeber kamen aus der DDR, wie etwa der gerade aus der Haft entlassene Wolfgang Harich, den ich in der Wohnung Gisela Mays besuchte. Das Presseecho war zunächst sehr groß, ließ aber etwa nach den ersten 20 Bänden nach, weil die aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten größeres Interesse in Anspruch nahmen. Nach dem Ausscheiden von Walter Boehlich und mir aus dem Verlag wurde die Reihe – nach 50 Bänden in nur vier Jahren – wieder eingestellt.
Jeder Lektor arbeitete auf mehreren Baustellen gleichzeitig und engagierte sich außerdem in der politischen Gemengelage. Im Haus rumorte es aus verschiedenen Gründen. Unselds Verhalten während der Buchmesse ’68 empörte uns, was aus der damaligen Situation verständlich war, obwohl im Nachhinein betrachtet sein Vermittlungsversuch gewiß vernünftig und mutig war. Und Unselds Verhältnis zu seinem Cheflektor wurde immer problematischer. Er nannte ihn einmal eine »großartige Bremse«, das heißt, er fühlte sich, neben manchem anderen, blockiert bei der Erfindung immer neuer Reihen, und es kostete auch uns andere viel anderswo fehlende Zeit und Energie, sie ihm auszureden.

Urs Widmer, S. 165

Falls ich Siegfried Unseld doch etwas übel nahm, nach all unseren Auseinandersetzungen, so wurde ich von meiner Rest-Ranküne an einem einzigen Tag geheilt: am Tag von Wolfgang Hildesheimers Beerdigung. Ich liebte ihn, hatte ihn geliebt, und er mochte mich immerhin so sehr, dass er mich immer wieder einmal anrief (ich verbrachte jeden Sommer in seiner Nähe und war schon dagewesen, als er und seine Frau in Poschiavo auftauchten) und mich fragte, was ich von einem Becher Joghurt heute Abend hielte. Das war sein Code-Wort für einen guten Wein. Ich hielt auch damals schon viel von Joghurt, und wir leerten dann mehrere Becher. – Nun war er tot. Ich fuhr mit dem Zug zur Beerdigung, und als ich in Chur umstieg und den Bahnsteigen der rhätischen Bahn zustrebte, sah ich Siegfried Unseld vor mir gehen. Natürlich hatte er das gleiche Ziel. Er schritt kraftvoll aus, trug einen Regenmantel über einem Arm und zeigte mit dem andern seiner Frau Ulla, wo’s lang ging. Er sprach mit einer dröhnenden Stimme. Ulla ging etwas schräg, weil sie einen Koffer in einer Hand hielt, dessen Gewicht sie ausgleichen mußte, indem sie sich ihrem Mann entgegen neigte. Ich blieb in gehörigem Abstand, um nicht verstehen zu müssen, was Siegfried Unseld sagte, und als wir durch die Unterführung durch waren und auf dem RhB-Bahnsteig ankamen, deutete Unseld bestimmt und endgültig auf den Zug, der da auf ihn zu warten schien. Es war der falsche Zug. Die beiden stiegen ein, und ich – das war mein Unrecht und meine erlösende Rache – hinderte sie nicht daran. Ich stieg in den Zug gegenüber, den richtigen. Er fuhr ab, und ich sah Siegfried und Ulla am Fenster sitzen, er immer noch die Welt erläuternd, sie zuhörend.

Aus »Chronik der Lektoren«, © Verlag der Autoren, Frankfurt 2011

erstellt am 02.9.2011

»Es geht da letztlich um das Problem von Abhängigkeiten sich geistig unabhängig Fühlender.«
Karl Heinz Bohrer,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1968

Chronik der Lektoren
Von Suhrkamp zum Verlag der Autoren
216 Seiten. Kartoniert
Verlag Der Autoren, Frankfurt 2011

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