Romanauszug

Das Verbrechen

Von Leonardo Padura

Jacques parkte den Wagen außerhalb von Coyoacán. Er öffnete den Kofferraum, holte den Trenchcoat heraus und legte ihn sich über die Schultern. In diesem Moment verspürte er eine heftige Übelkeit, und es blieb ihm kaum Zeit, sich vorzubeugen, um zu verhindern, dass er sich mit dem Erbrochenen beschmutzte. Die Flüssigkeit, eine Mischung aus Kaffee und Galle, roch nach kaltem Tabak. Der Gestank ließ ihn erneut würgen, während seine Haut von kaltem Schweiß bedeckt wurde. Als sich sein Magen wieder beruhigt hatte, wischte er sich den Mund mit einem Taschentuch ab. Dann öffnete er die Reisetasche und entnahm ihr den Eispickel und den englischen Dolch und schob beides in die dafür vorgesehenen Innentaschen des Mantels. Den Revolver mit den neun Kugeln steckte er sich hinten in den Gürtel. Er vergewisserte sich, dass sich die Seiten mit dem Artikel in der äußeren linken Manteltasche befanden, und stieg wieder ins Auto.

Er erinnerte sich daran, dass es auf dem Weg nach Coyoacán eine Apotheke gab, und als er das Schild sah, hielt er an. Er ging hinein und kaufte Mundwasser, Eau de Cologne und eine Schachtel Beruhigungstabletten. Draußen spülte er sich den Mund mit dem Mundwasser und zerkaute zwei Tabletten. Er hatte nie unter Kopfschmerzen gelitten und vermutete, dass der Druck im Kopf, der ihn seit zwei Tagen nicht mehr verließ, wahrscheinlich auf seinen hohen Blutdruck zurückzuführen war. Er rieb sich Nacken, Stirn und Wangen mit Eau de Cologne ein und setzte sich wieder hinters Steuer.

Als Ramón in die staubige Calle Viena einbog, wurde er sich bewusst, dass Jacques Mornard noch nicht wieder die Herrschaft über ihn zurückerlangt hatte. Dass es sich lediglich um einen Test handelte, bei dem er unbehelligt in das Haus gehen und so schnell wie möglich wieder herauskommen musste, verschaffte ihm nicht die erwartete Erleichterung. Er war sich immer noch nicht sicher, ob es nicht besser wäre, den Auftrag gleich heute zu erledigen. Was geschehen sollte, würde geschehen, je schneller, desto besser, sagte er sich. Seine stärkste Waffe, der Hass auf den Renegaten, drohte durch Angst und Zweifel stumpf zu werden, und er wusste nicht mehr, ob er auf die unumstößlichen Befehle aus Moskau hin handelte (die Verhaftung des Malers Siqueiros und die Möglichkeit, dass ihm öffentlich der Prozess gemacht werde, hätten Moskau alarmiert, sagte Tom) oder aufgrund einer tieferen Überzeugung, die ins Gedächtnis zu rufen ihm immer schwerer fiel. Deshalb beschloss Ramón, als er die ockerfarbene Festung vor sich sah, dass dies sein letzter Besuch in Coyoacán sein sollte.

Er wendete den Buick und parkte ihn in Richtung Mexiko-Stadt. Er befeuchtete sein Taschentuch mit Kölnisch Wasser, rieb sich übers Gesicht und atmete tief durch. Dann stieg er aus. Vom Wachturm herab hieß Jack Cooper ihn willkommen und fragte nach Sylvia. Jacson erwiderte, er wolle nur ein paar Minuten bleiben, und weil Sylvia manchmal sehr geschwätzig sein könne, habe er es vorgezogen, sie im Hotel zu lassen. Cooper lachte und rief ihm zu, dass seine Frau am Montagabend ankommen werde.

»Dann sehen wir uns also Dienstag«, rief Jacques zurück, und die kugelsichere Tür öffnete sich. Joe Hansen, der Sekretär des Exilanten, reichte ihm die Hand und bat ihn herein. »Meine Mutter hat auch immer dieses Eau de Toilette aus Deutschland benutzt«, bemerkte er. »Hat der Alte dich nicht früher erwartet?« »Ich bin zehn Minuten zu spät dran. Sylvia hat mich aufgehalten.« »Er arbeitet gerade. Ich geh mal rein und frag ihn, ob er dich empfangen kann.«

Hansen ließ ihn allein im Innenhof zurück. Jacques zog den Trenchcoat aus und legte ihn sich vorsichtig über den Arm. An der Mauer, die das Grundstück vom Fluss trennte, sah er den Gärtner Melquíades arbeiten. Die Fenster des Hauses, in dem die Sekretäre und Leibwächter wohnten, standen offen, doch es war niemand zu sehen. In diesem Augenblick überkam ihn ein starkes Vorgefühl: Jawohl, heute war sein Tag! Um nicht weiter darüber nachdenken zu müssen, konzentrierte er sich darauf, die Einschusslöcher in den Häuserwänden zu betrachten, bis er plötzlich jemanden in seiner Nähe spürte. Er drehte sich um und erblickte Azteca, der an seinen Schuhen schnüffelte, und erst jetzt bemerkte Jacques, dass sie Spritzer von Erbrochenem aufwiesen. Den Trenchcoat über dem Arm, hockte er sich neben das Tier und kraulte ihm mit der freien Hand Kopf und Ohren. Für ein paar Minuten verlor er jedes Zeitgefühl und vergaß, wo er sich befand und was er sich vorgenommen hatte. Das weiche Fell des Hundes unter seinen Fingern rief Wohlbefinden, Vertrauen und Ruhe in ihm hervor. Er war völlig entspannt, als die Stimme des Mannes ihn aufschrecken ließ.

»Ich bin sehr beschäftigt«, hatte der Renegat gesagt, während er seine Brillengläser mit einem roten Tuch putzte, das mit Hammer und Sichel verziert war. »Entschuldigen Sie, aber ich bin aufgehalten worden«, sagte Jacques Mornard, der sich inzwischen aufgerichtet hatte, und suchte in der äußeren Manteltasche nach den maschinengeschriebenen Blättern, darauf bedacht, dass ihm der Mantel durch das Gewicht der Waffen nicht vom Arm rutschte. »Ich werde Sie nicht lange stören.« Er reichte ihm den Artikel, dessen miserable Qualität ihm immer noch Kopfzerbrechen bereitete. Ohne die Blätter zu nehmen, drehte sich der Exilant um und ging ins Haus. »Kommen Sie«, rief er ihm zu, »sehen wir uns den Artikel mal an.«

Zum ersten Mal überschritt Jacques Mornard die Schwelle des Hauses. Aus der Küche drangen geschäftige Geräusche, es roch nach Gebratenem, doch er sah niemanden. Er folgte dem Renegaten durch das Esszimmer, in dem ein langer Tisch mit einer Obstschale stand. Auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer lagen Papiere, Bücher und verschiedene Schreibgeräte, und neben einer Schreibtischlampe stand ein riesiges Diktiergerät. Der Hausherr schob es zur Seite, um Platz zu schaffen.

»Und Ihre Gattin?«, wagte Jacques zu fragen. »Bestimmt in der Küche«, war die wortkarge Antwort des Renegaten, der bereits hinter seinem Schreibtisch saß. »Dann zeigen Sie mir mal Ihren Artikel.«

Jacques gab ihm die Blätter, und der Alte begann, die ersten Zeilen zu überfliegen, in der Hand einen dicken Bleistift. Ramón gelang es, sich hinter sein Opfer zu stellen, sodass er sich ungestört im Zimmer umschauen konnte. An der Wand hinter ihm stand eine lange Kommode, auf der sich neben einem Globus maschinengeschriebene Blätter häuften. Darüber hing eine Karte von Mexiko und Zentralamerika. Auf dem Schreibtisch lag ein Ordner mit einer kyrillischen Aufschrift, die er entziffern konnte: »Privat«. In der halb geöffneten Schublade glänzte dunkel ein Revolver, vielleicht ein 38er, aber wen interessierte das Kaliber einer Waffe, die ihren Besitzer nicht würde schützen können, dachte er. Er beendete die Inspektion des Arbeitszimmers und zwang sich, an das zu denken, was für ihn wichtig war: Er stand drei Schritte hinter dem zum Tode Verurteilten, dessen Kopf sich ein paar Zentimeter unterhalb Ramóns Schulter befand. Er war immer davon ausgegangen, dass er den Sitzenden weit mehr überragen würde, doch wenn er den Arm hob, konnte er ihm einen brutalen Schlag auf den Schädel verpassen, dessen Haar sich bereits lichtete. Er fasste mit der Hand in den Mantel und berührte den Eispickel. Er würde nur Sekunden brauchen, um ihn hervorzuholen und mit aller Kraft auf die kahle Stelle einzuschlagen, dorthin, wo die weiße Haut durchschimmerte, fast leuchtend, provozierend. Er schloss die Faust um den abgesägten Holzstiel, bereit, die Waffe herauszuziehen, als er bemerkte, dass er seinen Hut nicht abgesetzt hatte und der Schweiß ihm auf der Stirn stand und in die Augen zu rinnen drohte. Er wollte sein Taschentuch hervorholen, tat es dann aber doch nicht, um jede plötzliche Bewegung zu vermeiden. Das Fenster zum Hof stand offen, und die leichte Nachmittagsbrise wehte ins Zimmer. Von seiner Position aus konnte man nur die Kakteenbeete und ein paar blühende Bougainvilleen sehen. Er kalkulierte etwa eine Minute ein, um nach der Tat zum Ausgang der Festung zu eilen. Dort würde er den Wachmann bitten, das Tor zu öffnen, sich noch ein paar Sekunden mit ihm unterhalten und dann das Grundstück verlassen. In den zwei, drei Minuten bis zum Wagen würde seine Rettung von seiner Kaltblütigkeit abhängen, vorausgesetzt, niemand würde die Leiche der »Ente« vorzeitig entdecken. Wenn er jedoch den Mann nicht mit dem ersten Schlag töten oder wenn er nervös werden und zu überhastet handeln würde, dann würde die Festung zu einer tödlichen Falle werden, aus der es kein Entkommen gab. Er umklammerte den hölzernen Stiel des Eispickels und starrte auf den Schädel vor ihm. Der Alte las den Text, wobei er häufig von seinem Bleistift Gebrauch machte. Er strich Wörter oder ganze Sätze durch oder ergänzte etwas und gab dabei missbilligende Laute von sich. Und sein Kopf befand sich die ganze Zeit über dort, in Ramóns Reichweite.

»Arme Franzosen«, murmelte der Exilant.

In diesem Moment sah Ramón undeutlich Harold Robbins’ Gestalt im Hof stehen. Der Sicherheitschef blickte zum Arbeitszimmer hoch und dann hinüber zum Wachturm. Langsam zog Jacques die Hand aus der Innenseite des Mantels und griff in seine Gesäßtasche, um das Taschentuch hervorzuholen. Ohne den Mantel loszulassen, wischte er sich übers Gesicht, und es gelang ihm sogar, die vom Angstschweiß beschlagene Brille abzunehmen und zu putzen.

Jetzt leuchtete der Schädel des Renegaten wieder, unbeweglich, provozierend. In diesem Kopf, der Jacques, Ramón, ausgeliefert war, befand sich alles, was der Mann besaß, alles, was ihn ausmachte. Warum hatte ihm Kotow nicht den Brief mitgegeben, den er beim Hinausgehen fallen lassen sollte? Den Blick starr auf die kahle Stelle gerichtet, auf die er die Stahlspitze niedersausen lassen würde, kam Ramón der rettende Gedanke: Das Beste würde es sein, den verdammten Brief einfach zu vergessen und nicht weiter darüber nachzudenken! Er war dabei, den entscheidenden, den goldenen Moment zu verpassen, auf den er sich jahrelang vorbereitet hatte, eine Gelegenheit, die sich ihm vielleicht nie wieder bieten würde. Doch im selben Augenblick wurde ihm klar, dass er nicht imstande war, den Befehl auszuführen, auch wenn er nicht wusste, warum. Angst? Gehorsam gegenüber Tom? Der Brief, den er nicht bei sich hatte? Das Bedürfnis, dieses krankhafte Spiel mit der Macht in die Länge zu ziehen? Zweifel über die Möglichkeiten, heil auf die Straße zu gelangen? Letzteres verwarf er, denn obwohl er mit dem Renegaten allein war, lag die von Tom so oft erwähnte Chance, lebend davonzukommen, ohnehin unter dreißig Prozent. Nur wenn mehrere glückliche Umstände zusammentrafen, würde es ihm gelingen, nach vollbrachter Tat die Straße zu erreichen; doch er war sich sicher, dass irgendein Zwischenfall diese unwahrscheinliche Möglichkeit zunichtemachen würde. Beim nächsten Mal würde er es vielleicht schaffen, sich über alle Zweifel hinwegzusetzen und den am hartnäckigsten verfolgten Mann der Welt zu töten, dessen Atem er hören konnte und dessen leuchtende Kopfhaut ihn zu der Tat aufzufordern schien. Dennoch war er jetzt vollkommen davon überzeugt, dass er nicht entkommen konnte. War seine Flucht tatsächlich einmal vorgesehen gewesen? Denen, die ihm die Befehle gaben, wäre es wahrscheinlich lieber gewesen, wenn sie ihn heil aus dem Haus hätten herausholen können, aber ob er es schaffte oder nicht, war ohne Bedeutung für sie, und Ramón begriff, dass sie ihn dazu bestimmt hatten, ein Verbrechen zu begehen, das einem Selbstmord gleichkam. Mehr noch: Sein Mentor hatte den Ablauf so meisterhaft inszeniert, dass der Verurteilte selbst das Datum seines eigenen Todes und, um die Perfektion auf die Spitze zu treiben, das des Todes seines Mörders festsetzen würde. Und ihm wurde klar, dass seine eigene Reglosigkeit jener makabren Inszenierung folgte, die seinen Körper und seinen Willen beherrschte.

»Da ist noch viel zu tun«, sagte der Exilant, ohne den Blick zu heben. »Finden Sie es sehr schlecht?«, fragte Jacques, nachdem er ein paar Sekunden gewartet hatte, weil er fürchtete, die Stimme könnte ihm versagen. »Sie müssen es komplett neu schreiben und …« »Gut«, unterbrach er ihn und trat an den Schreibtisch. »Ich werde den Artikel am Wochenende umschreiben. Jetzt muss ich gehen, Sylvia wartet auf mich, wir wollen essen gehen und …« Jacques musste unbedingt an die frische Luft. Doch der Renegat gab die korrigierten Seiten noch nicht aus der Hand. Er drehte sich zu seinem Besucher um und sah ihn durchdringend an. »Warum haben Sie den Hut nicht abgenommen?« Jacques fuhr sich mit der Hand über die Stirn und zwang sich zu einem Lächeln. »Ich habs wirklich eilig und …« Der Alte sah ihn noch aufmerksamer an, so als wollte er in ihn eindringen. »Jacson, Sie sind der seltsamste Belgier, den ich kenne«, sagte er, reichte ihm endlich die Blätter und rief: »Natascha!«

Jacques nahm die korrigierten Seiten und versuchte, sie zusammenzufalten, doch das Papier klebte an den schweißnassen Händen. Endlich gelang es ihm, die Blätter irgendwie in eine der Manteltaschen zu stopfen, wobei ihm der von den Mordwerkzeugen schwere Mantel um ein Haar vom Arm gerutscht wäre. Mechanisch berührte seine Hand den Dolch. In Erwartung der Hausherrin zauberte er ein Lächeln auf seine Lippen, und schon näherten sich Schritte. Natalia Sedowa, die sich eine Küchenschürze vorgebunden hatte, schaute durch die Tür ins Arbeitszimmer. Als sie Jacques erblickte, sagte sie lächelnd: »Ach, ich wusste nicht, dass …«

»Guten Tag, Madame Natalia«, erwiderte er, noch immer den Dolch umklammernd.

Auszug aus Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte © Unionsverlag Zürich
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erstellt am 31.8.2011

Das Grab von Leo Trotzki

Das Grab von Leo Trotzki,
eigentlich Lew Davidowitsch Bronstein