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Für das Ausstellungs- und Buchprojekt MOMENTUM haben der Fotograf Alexander Paul Englert, die Regisseurin und Schauspielerin Barbara Englert und die Autorin und Dramaturgin Jutta Kaußen, Autorinnen und Autoren nach Momenten befragt, die auslösend und impulsgebend für die Produktion eines Textes waren und sie gemeinsam mit ihnen als „authentische Fälschungen“ nachinszeniert. Die fotografische Visualisierung der poetischen Kunstfiguren, das bildkünstlerische Fortspinnen des poetischen Fadens und die (Rück-)Blicke der Autoren treten in ein lebhaftes, kaleidoskopisches Beziehungsspiel und ließen auf fotografischer Ebene ein eigenständiges Kunstwerk entstehen.

„Betrachtet man nun die Porträts von Alexander Paul Englert, so ergibt sich im wahrsten Sinn des Wortes ein anderes Bild des Autors. Autorinnen und Autoren sind hier weder typisierte Sammelbilder noch Typen des 20. Jahrhunderts und auch nicht Gegenstand inszenierter Schreibszenen, sondern vielmehr in subtiler Weise Vexierbilder, die Werk und Bild, Text und Gegenstand, Selbstbild und Fremdbild fortwährend miteinander verschränken. Es sind regelrechte Inszenierungen, die zwischen Werk, Bild und Realität oszillieren.“ So beschreibt Bernd Stiegler die Fotografien in seinem einleitenden Essay.

Faust zeigt hier eine Auswahl der Fotografien von Alexander Paul Englert, ergänzt durch Textpassagen, die dem umfangreichen Buch zur Ausstellung (s.u.) entnommen sind.

Fotografie

Alexander Paul Englert: Momentum – Dichter in Szenen

Josef Winkler
Josef Winkler

„… Wenn mich im Kärntner Drautal nicht so viele Menschen verachten und hassen würden, hätte ich mir längst schon den Garaus gemacht, aber denen den Gefallen tun? Nur über meine Leiche! Nein, nein, es bleibt dabei, die Lebenden sollen doch nicht von den Toten auferstehen, denn bei den Toten bin ich gerne, sie tun mir nichts und sind auch Menschen.”
Aus Josef Winkler: Leichnam, seine Familie belauernd © Suhrkamp Verlag

Raoul Schrott
Raoul Schrott

„ … und wie der innana und ishtar, oder von ihrem biblischen stammbaum her eva, davids batseba auf dem dach, judit bis hinauf zu petrarcas laura, die ewig gleiche Rolle nur mit anderen schauspielerinnen besetzt, aber dies mal, statt in der einen frau alle zu sehen, der spiegelverkehrte blick“ – Tagebuchnotiz von Raoul Schrott, die dem Gedicht „Über das Heilige XV” vorangestellt ist.

Olga Martynova
Olga Martynova

In Olga Martynovas erstem, auf Deutsch geschriebenem Roman, kommt eine Szene während der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006 vor. Die Autorin interessierte dabei das Paradoxe der Situation: Das Gemeinsame der Nationen besteht aus dem Getrennten, und das Trennende haben die Nationen gemeinsam. Die Teilnehmer eines gleichzeitig stattfindenden internationalen Literaturfestivals im Roman haben ganz andere Interessen als die Fußballfans. Sie geraten in den schwarz-rot-goldenen Fußballfahnentaumel und drohen, darin mit ihrer eigenen Sache nicht mehr ausreichend wahrgenommen zu werden. Angefeindet werden sie nicht, wohl aber als „die anderen“ etwas gönnerhaft behandelt.

Steffen Popp
Steffen Popp

Steffen Popp wünschte sich als Raum zum Fotografieren einen der mittlerweile wegen Baufälligkeit geschlossenen Säle im oberen Stockwerk des Naturkundemuseums in Berlin. Dort standen nur noch leere Vitrinen, manchmal hier und da ein vergessenes Glas mit einem älteren Präparat in einer bräunlichen Flüssigkeit. Durch die Vitrinen fächerte sich der Raum facettenartig auf mit einem Fenster, der Verbindung nach draußen. Ganz so, wie Steffen Popp sein Gedicht konstruiert hatte.

Andreas Maier
Andreas Maier

Andreas Maier verschweigt nicht, dass er Apfelwein mag, regelmäßig in Apfelweinlokale und zu den Spielen der Frankfurter Eintracht geht. Diese Vorliebe teilt er mit einigen Protagonisten seiner Bücher (in seinen Kolumnen ist er sein eigener Protagonist). … Eine authentische Massenszene, so Andreas Maier, fänden wir vor und nach einem Spiel der Eintracht vor dem Stadion. Der Fotograf folgte dem Autor während eines Samstagnachmittages in eine Apfelweinkneipe und weiter mit dem Fahrrad zum Stadion, wobei ihm ein Foto gelungen ist, das durch das Chaos hindurch eine gewisse Ordnung erkennen lässt, weil in ihm alles auf den Autor bezogen ist.

Der Tätowierte

Wenn er sich bewegte
bewegten sich Bäume und Vögel
Pfauen Adler Schwäne Schmetterlinge
bewegten sich Flatterten
Kolibris winzige Drachen
Einzelwesen Landschaften
Eva von Schlangen umzingelt
bewegte sich auf dem Brustkorb

Der Anfang von Silke Scheuermanns Gedicht: Der Tätowierte © Schöffling & Co.

Der „Tätowierte“ des Gedichtes von Silke Scheuermann ist ein Kunstobjekt und -subjekt der Autorin, es existiert in ihrer Vorstellungswelt. Tätowierte können lebende Kunstwerke sein, gemäß den uralten und neueren Regeln der Gattung, bezeichnet mit body-art oder body-modification. Die Haut von Torsten Jaksch, bekannt als „Schmuddel“, Gitarrist der Punk’n’Roll-Band V8 Wankers, ist ein solcherart gestochenes Körperkunstwerk in progress.

Wilhelm Genazino
Wilhelm Genazino

„Ich betrete das Rialto, das zweitgrößte italienische Café, das es in der Stadt gibt, und stelle mich an die lange Theke, die aus der Tiefe des Raums bis nach vorne zu den gläsernen Türen reicht. Ich lasse mir einen Espresso und das Telefon geben und wähle Gesas Nummer, obwohl ich so gut wie nichts zu ihr sagen werde. Ich telefoniere nur zum Schein. Gesa nimmt ab. Ich sage: Ich bin im Rialto, willst du Italien hören? Sie sagt: Ja. Dann schweige ich und halte den Hörer in Richtung Theke.” …
Aus Wilhelm Genazino: Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz, © Rowohlt Verlag

Paulus Böhmer
Paulus Böhmer

Um am Anfang anzufangen, schlug der Dichter Paulus Böhmer als Austragungsort sein Elternhaus in Niederofleiden vor. Mit „Elternhaus“ verknüpft man gemeinhin den ersten Spracherwerb, erste Erfahrungen, Schule, erste Lese-Erlebnisse, Familiengeschichten. Mit den ineinander übergehenden Räumen und der Möblierung, mit den Gemälden, Büchern, Sammelobjekten und Antiquitäten im Familienbesitz eignete sich der Ort zur spiegelbildlichen Umsetzung eines Ausgangspunktes und wird zugleich zum Unterbezirk der umfassenderen spirituellen Kunstkammer des Dichters.

Martin Mosebach
Martin Mosebach

„Die Schollen hatten sich ineinandergeschoben und bildeten eine Art Höhle. Hier war das Loch, aus dem der Eisbär hervorschloff, beinahe so groß wie der Auerochse ein paar Kästen weiter. Der seltsam kleine Kopf, das vergilbte, schmutzigweiße Zottelfell, die frostige Schwärze um die spitze Schnauze herum, die Riesentatzen, mit denen er am Eisloch auf Fischfang ging – flaschen grünes Glas spiegelte den gefühllosen Ausdruck des Raubtierauges –, das alles ließ den Eisbär sogar für die Geruchsnerven anwesend sein.”
Aus Martin Mosebach: Der Nebelfürst, © Eichborn Verlag

Ausstellungskatalog: Momentum – Dichter in Szenen, herausgegeben von Jutta Kaußen, 120 Seiten mit 86 farbigen Abb., Format 32,5 × 25 cm, Gebunden, Wienand Verlag, Köln 2011 Buch bestellen

erstellt am 31.8.2011