Buchkritik

Trotzki und sein Mörder

oder wie die Revolution ihre Kinder frisst

Von Andrea Gremels

Der kubanische Autor Leonardo Padura ist vor allem bekannt durch Kriminalromane wie das „Havanna-Quartett“ und dessen originelle, tragikomische Ermittlerfigur Mario Conde. Padura-Leser dürften darum überrascht sein, wenn ihnen nun dieser umfangreiche historische Roman in Händen liegt. „Der Mann der Hunde liebte” erinnert mit rund 700 Seiten an Leo Tolstois Monumentalwerk „Krieg und Frieden”, selbst der Titel hätte zu Paduras Roman gepasst. Erzählt wird von den kriegerischen Wirren des 20. Jahrhunderts. Dabei steht der von Stalin in Auftrag gegebene Mord an Lew Dawidowitsch, der mit dem Namen Leo Trotzki als Anführer der Oktoberrevolution von 1917 in die Geschichte einging, im Vordergrund der Romanhandlung.

Wer Padura bereits kennt, kann ihn jetzt als herausragenden Schriftsteller eines über Jahre akribisch recherchierten Historienromans noch besser kennen lernen. Wer den Autor noch nicht gelesen hat, der sollte ihn jetzt spätestens entdecken. Denn das Beste an seinem historischen Roman ist: Er liest sich wie ein Kriminalroman. Daran erkennt man einmal mehr das Talent des Schriftstellers, sich des Krimi-Genres zu bedienen und es mit Hilfe der klassischen Ermittlungsstruktur dafür zu benutzen, die Geschichten hinter der Geschichte nicht nur aufzudecken, sondern auch aufzuklären. Damit kommen vor allem die historischen Hintergründe ans Licht, die in der offiziellen Geschichtsschreibung verschwiegen, vernachlässigt bzw. vernachlässigend repräsentiert wurden. Zu Wort kommen dabei vor allem die Gescheiterten, zur Sprache gebracht wird das Scheitern. Wer kennt denn wirklich die Einzelheiten der von Schicksalsschlägen geprägten Biographie Trotzkis? Und wem ist der Name seines Mörders Ramón Mercader überhaupt schon einmal begegnet? Schauen wir uns im Folgenden also Paduras „historischen Kriminalroman“ oder auch „kriminalistischen Historienroman“ vor dem Hintergrund der in das Verbrechen verwickelten Figuren, des Mordfalls und den damit verbundenen Geschichten hinter der Geschichte genauer an.

Die Geschichte und die in ihr verwickelten Personen

Der Roman setzt sich aus drei Handlungssträngen mit jeweils unterschiedlichen Erzählperspektiven zusammen. Die erzählte Zeit reicht von 1929 bis in das Jahr 2004. Dabei wird im ersten Strang der Lebenslauf Trotzkis ab seiner Flucht aus Moskau nachvollzogen. Der Revolutionär wird von diesem Moment an zum Getriebenen, der von einem Exilort zum nächsten flieht. Dabei begleitet ihn der Leser auf die türkische Insel Büyükada, von dort aus über Frankreich nach Norwegen und schließlich nach Mexiko, wo er in seinem zur Festung umgebauten Haus in Coyoacán, das ihm die Malerin Frida Kahlo zueignete, schließlich zu Tode gebracht wird. Jede Station bedeutet für Trotzki eine Reihe von Enttäuschungen und eine zunehmende Einschränkung seiner Handlungsmöglichkeiten. Denn Stalin macht ihn zum geächteten Staatsfeind Nummer 1 und eliminiert nach und nach alle seine Anhänger und Sympathisanten, bis hin zu seinen Töchtern und den Söhnen Sjewa und Ljowa. Letzterer kümmerte sich in Paris darum, seine Schriften zu veröffentlichen. Jeder Schritt und jeder Versuch Trotzkis, sich Öffentlichkeit zu verschaffen, wird von Padura mit bewundernswerter Genauigkeit nachvollzogen. Dies führt in einigen Passagen dazu, dass das Erzählerische der deskriptiven Aufarbeitung historischer Fakten gegenüber etwas vernachlässigt wird. Das Spannende an Paduras historischer Detailgenauigkeit ist jedoch, dass man als Leser auf allerlei prominente Figuren trifft und überraschende Verbindungslinien erfährt: Der US-amerikanische Philosoph John Dewey beispielsweise setzte sich in einem internationalen Untersuchungsausschuss für Trotzki ein. Auch von dessen kurzer Affäre mit Frida Kahlo wird berichtet – schade, dass Padura gerade an dieser Stelle recht dokumentarisch bleibt und erzählerisch nicht mehr Spannung aus diesem tête à tête herausholt. Dabei hätte er auch Diego Rivera, den Ehemann Kahlos als Figur weiter ausbauen können. Denn dieser spielt für die Romanhandlung eine nicht unwichtige Rolle. Eine weitere spannende Begebenheit im Zusammenhang mit dem Malerpaar ist der Besuch des Surrealisten André Breton im blauen Haus und dessen Gespräche mit dem gescheiterten Revolutionär über die Ordnung der Welt und Freiheit der Kunst.

Bei all diesen Begegnungen erfährt Lew Dawidowitsch als Vertriebener und Getriebener Stalins immer mehr Rückschläge, die ihn nach und nach vereinsamen lassen. Die konfliktive Persönlichkeit des gefallenen Revolutionärs Trotzki und die Zerrissenheit des im Exil Ausgegrenzten werden von Padura mit psychologischem Feingefühl dargestellt. Dies erzeugt eine enorme Sympathie für die tragische Romanfigur. Trotzki, der doch für den Kampf um mehr Gleichheit in der Welt angetreten ist, muss nun zusehen, wie die Revolution ihre Kinder frisst. Und ausgerechnet der „pockennarbige Provinzler“ Stalin, den der „Weltrevolutionär“ Trotzki (S. 123) zu Beginn gar nicht ernst nahm, übernimmt dabei als „Totengräber“ die Hauptrolle.

Im Romangeschehen ist der eigentliche Gegenspieler Trotzkis jedoch nicht Stalin, sondern sein Mörder Ramón Mercader. In einem andauernden Wechselspiel der Erzählstränge wird der Lebenslauf des Katalanen dem Trotzkis äquivalent gegenübergestellt. Als Sozialrevolutionär gerät Mercader über den Einfluss seiner Mutter, eine überzeugte Kommunistin mit bürgerlichem Hintergrund, in den Wirren des spanischen Bürgerkrieges von 1936 bis 1939. In dessen unglaublicher Unübersichtlichkeit spalten sich immer mehr Gruppierungen kommunistischer und/oder sozialistischer Strömungen ab, sodass am Ende Anarchisten, Trotzkisten und Syndikalisten gegeneinander kämpfen. Hierbei deckt Padura auch den heimlichen Einfluss und die Machtinteressen der UdSSR in Spanien auf. Ramón Mercader gerät mitten in dieses Machtspiel und dabei immer mehr in die Fänge Stalins hinein und wird schließlich in Moskau als Häftling Nr.13 dazu ausgebildet, den Mord an Trotzki zu verüben. Besessen von der Idee, mit diesem prominenten Mord in die Annalen der Geschichtsschreibung einzutreten, nimmt Mercader alles in Kauf, vor allem den Verlust seiner Identität. Denn er schlüpft in immer neue Rollen und Masken, die man ihm verordnet, damit er keinesfalls mit Stalin in Verbindung gebracht werden kann. Den Mord verübt er schließlich als belgischer Diplomat Jacques Monard, der sich als kanadischer Staatsbürger Frank Jacson ausgibt. Der Figur Mercaders steht man als Leser mit größerer Distanz gegenüber. Man fragt sich, ob er seinem eigenen Mordmotiv, der Hass auf Trotzki als Feind Spaniens und Verräter der Revolution, überhaupt je glaubt. Nach seiner 20-jährigen Haftstrafe empfängt man ihn in Moskau, wo er auch auf seinen ehemaligen Mentor und Ausbilder Kotow trifft. Beide müssen feststellen, dass sie von der Geschichte getäuscht wurden und so begegnen sie sich als enttäuschte „Schiffbrüchige“ (S.692), die von einem kaltblütigen Machtregime instrumentalisiert wurden, das die Idee der Gleichheit aller Menschen als Rechtfertigung für ein massenhaftes Morden vorgab.

Der Mord

Zum Auftakt des Romans wird ein kurzer Teil aus dem Verhör mit Mercader zitiert, in dem der Mörder schildert, wie er den Eispickel auf sein Opfer hat niedersausen lassen und wie Trotzki daraufhin aufgesprungen sei und geschrieen habe. Obwohl man als Leser dadurch schon von vornherein weiß, wie sich der Mord vollzieht und wer der Mörder ist, bereitet Padura das große show down mit äußerster Spannung vor und schildert nicht nur momentgenau den Tathergang, sondern auch die Gewissenskonflikte und die Nervosität Mercaders, die ihn dann doch vor der Tat einholen. Trotzki rettet seinem Mörder das Leben, indem er seinen Wächtern anweist, ihn nicht zu töten. Durch seine Tat wird Mercader zum Verfolgten, denn der Schrei Trotzkis lässt ihn nicht mehr los. Damit verbindet Trotzki und seinen Mörder nicht nur die Gemeinsamkeit, dass sie Hunde lieben. Sie sind beide von ihrer Geschichte Verfolgte und damit in ihrer Geschichte Gefangene. Hier wird das Täter-Opfer-Schema von Padura durchbrochen. Dies erfolgt noch dazu dadurch, dass er die Reue Mercaders aufdeckt und damit den Täter zum Sympathieträger macht, für den man Mitleid empfinden kann

Die Geschichten hinter der Geschichte

An dieser Stelle gilt es nun, auf den dritten Erzählstrang einzugehen, der eigentlich der Vorrangigste ist, denn in ihm läuft die Geschichte zusammen. Der Ich-Erzähler Iván Cárdenas Maturell ist eine gescheiterte Existenz: der auf Kuba lebende Veterinär mit einer todkranken Frau, einer verhinderten Schriftstellerkarriere und einer abgründigen Vergangenheit als alkoholabhängiger Radiomoderator in der kubanischen Provinz trifft Mitte der 1970er Jahre auf Jaime López, das letzte Pseudonym Ramón Mercaders. Dieser gibt ihm seine Geschichte preis, die Iván fortan nicht mehr loslässt, sodass er schließlich sein schriftstellerisches „Schweigegelübte“ (S.499) überwindet und sie zu Papier bringt. Damit ist Cárdenas Maturell der dritte im Bunde der von der Geschichte Verfolgten.

Dass die Fäden der historischen Schiffbrüche des 20. Jahrhunderts in Kuba zusammenlaufen, verdeutlicht die Perspektive des Autors selbst. Denn nicht zuletzt geht es Padura um die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, die sich bis zum Fall der Mauer in einer wirtschaftlichen und ideologischen Abhängigkeit zur UdSSR vollzog. Kuba ist bis heute ein sozialistischer Staat, der seine Revolution von 1959 weiterhin feiert. Die Kinder dieser Revolution gehören nach Aussage Paduras der generación escondida an, einer „versteckten“ und von der Revolution enttäuschten Generation mit gebrochenen Träumen, die spätestens seit Beginn der 1990er Jahre die tiefen Krisen einer „aus den Fugen geratenen“ Gesellschaft erlebten (S.614), und die nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch Kubas Armut, unerträgliche Wohnverhältnisse, tagelange Stromausfälle und den Mangel an Lebensmitteln ertragen mussten. Kein Wunder also, dass der Roman eine tiefgründige Reflektion anstellt – über die Pervertierung der Revolutionen, das Scheitern der großen Ideale und der zerplatzten Seifenblase einer Utopie von Gleichheit. Padura äußert seine untergründige Kritik am Castroregime derart vordergründig, das sie einen angesichts der immer noch bestehenden Zensur auf der Insel erstaunt. Dies ist wahrscheinlich auf den internationalen Bekanntheitsgrad und Erfolg des Autors zurückzuführen, der es ihm mehr als anderen kubanischen Autorinnen und Autoren ermöglicht, gesellschaftliche Tabuthemen zur Sprache zu bringen – zu denen nicht zuletzt auch Trotzki gehört, der in Kuba lange als personifizierte „ideologische Verruchtheit“ galt (S. 297).

Es geht Padura beim Erzählen der Geschichten hinter der Geschichte vor allem um das Weitertragen dieser Geschichten und damit ist der Roman auch eine Selbstreflexion des Schriftstellers über seine eigene Rolle. Diese Reflexion setzt Padura innerhalb der Romanstruktur insofern um, als dass im letzten, mit „Requiem“ betitelten Kapitel noch ein vierter Erzähler auftaucht. Iváns jüngerer Freund Daniel, der den Ich-Erzähler und seinen geliebten Hund Truco am Ende von den einstürzenden Balken seines Hauses erschlagen in seiner Wohnung auffindet, zusammen mit dem Manuskript, das Mercaders Geschichte enthält. Der Freund entschließt sich, die Erzählung mit in Iváns Grab zu legen, um so die Vergangenheit und die Geschichte(n) „voller Scheiße, Hass und Tonnen voll Enttäuschungen“ zu begraben (S.724). Dem Leser allerdings wird die Geschichte nicht vorenthalten. Padura präsentiert uns als kubanischer Schriftsteller ein umfassendes Bild der historischen Schiffbrüche des 20. Jahrhunderts. Er ermöglicht uns mit Hilfe der Fiktion die Aneignung eines Wissens von den Geschichten hinter der Geschichte all derer, „die nicht darum gebeten haben, in ihr mitzuspielen, ihr jedoch nicht entkommen konnten“ (S.724). Auch wenn der Roman schwer in Händen liegt: Es ist in jeder Hinsicht lohnenswert, sich die Zeit dafür zu nehmen. Ein großer Dank gilt Hans-Joachim Hartstein für die gelungene Übersetzung.

erstellt am 31.8.2011

Padura, Leonardo
Der Mann der Hunde liebte
Roman
Aus dem Spanischen
von Hans-Joachim Hartstein
Hardcover. 736 Seiten
Unionsverlag Zürich

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Einen Auszug lesen Sie hier:

Leonardo Padura : Der Mann, der Hunde liebte