Singende Sexten und Terzen

Eine Klavierschule für alle,

die Klavier spielen wollen

Wenn Hänschen nicht klavierüben mochte, hat Hans jetzt eine neue Chance. Der Frankfurter Klavier­pro­fessor Eike Wernhard, der schon durch eine Monographie über Clara Haskil (Verlag Neue Kritik, Frankfurt, 1997) publizistisch hervorgetreten ist, hat den ersten Band einer Klavierschule vorgelegt, die auf die musiktechnischen und intellektuellen Ansprüche Jugendlicher ebenso wie Erwachsener eingestellt ist. Denn sie wollen alle verste­hen, was sie tun, und Wernhard erklärt es ihnen, angefangen bei einer Einführung in Geschichte und Funktion des Klaviers und einer Anleitung zur Haltung der Hände und des Körpers. Die Pro­gression reicht von Glockenklängen, zu denen man nur schwarze Tasten braucht, bis zu einem „Christmas Boogie,“ in dem schon alle wichtigsten Ausdrucksmittel der Klaviermusik zur Verfügung stehen. Die Darstellung könnte nicht anschaulicher sein, die Titel der Stücke nicht suggestiver. Ein Walzer und eine Polka, die mit schwarzen Tasten auskommen, heißen „Schwarzer Walzer“ und „Black Polka,“ und es gibt eine „Skizze in Schwarzweiß“ und einen „Dream in Black and White.“ Eine Übung mit einem Ton heißt „Wie eintönig!“, ein Stück, das die Tonfolge des vorigen umkehrt, „Auf den Kopf gestellt,“ eines mit einer gleichförmigen Bewegung in der linken Hand „Die sture Linke,“ noch ein anderes „Pausenfüller.“ Auf die Einführung von Intervallen beziehen sich Stücke wie „Singende Sexten und Terzen,“ „Terzbold,“ „Quarten, marsch!“ oder „Elegische Quinten.“ Wenn ein Stück „Für die Füße“ heißt, geht es dann um die Pedale.

Die meisten Stücke hat Wernhard selbst kom­po­niert oder arrangiert, wobei er eine weitläufige musikalische Bildung beweist. Mit der Progression der Klavierschule nehmen die eigenen Kompositionen ab und die Arrangements zu; schließ­lich kommen auch erste Originalkompositionen vor, so von Mozart Vater und Sohn. In jeder Hinsicht einen Höhepunkt stellt das letzte der zehn Kapitel dar, das „Lieder zum Feiern“ enthält, nämlich Glück­wunschlieder, Nationalhymnen („Vor dem Länderspiel“) und Weihnachtslieder. So ist diese Klavierschule ideal für diejenigen, die nicht Virtuose werden wollen, sondern nur Klavier spielen möchten. Besonders ist diese Klavierschule aber nicht nur wegen der geschickten klaviertechnischen Anleitung, sondern auch wegen der kul­tur­geschichtlichen Erklärungen, die die Stücke begleiten. Die Geschichte von Beethovens „Ode an die Freude“ mag allgemein bekannt, sein, aber wer wusste schon, dass „Happy Birthday“ von zwei amerikanischen Schwestern ur­sprünglich mit dem Text „Good Morning to All“ komponiert wurde und dass erst die von jemand anders dazu gedichtete zweite Strophe „Happy Bithday“ hieß und es darüber zu einem Urheber­rechts­streit kam?

Zu der Klavierschule gehören ein Heft mit „Vierhändigen Lehrbegleitungen“ und eine CD, auf der Wernhard die Stücke eingespielt hat, die vierhändigen Lehrerbegleitungen zusammen mit Axel Gremmelspacher. Auf den 2. Band, der demnächst erscheinen soll, kann man sich jetzt schon freuen.

Stefana Sabin

erstellt am 31.8.2011

Eike Wernhard
Eike Wernhard

»Toccatina« aus der beiliegenden CD:
Audiosequenz

Eike Wernhard
tastsinn
Klavierschule für jugendliche und erwachsene Anfänger
Band 1. Mit ein­geleg­tem Beiheft und CD.
Bärenreiter Kassel, Basel, London, New York, Praha (BA 8752).

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