Selten sieht man zuerst das Antlitz eines Autors, in der Regel liest man seine Worte. Und doch wird ein Gesicht mit dem Geschriebenen verbunden, denn es ist auf den Umschlägen der Bücher und in den Medien abgebildet. So erhält die Person Prominenz, ihr Gesicht ist das eines Stars. Es sind in der Regel gut fotografierte Abbilder, die oft nicht mehr als die Gesichtzüge wiedergeben. Wie kann man diese Menschen porträtieren, deren Geist und Sprache etwas Besonderes sind, wie kann man Bilder finden, die davon etwas festhalten und vermitteln?
Dem Frankfurter Fotografen Harald Schröder gelingt dieses zweifellos. Er fotografierte aufstrebende und schon berühmte Autoren von Hans Magnus Enzensberger, Herta Müller, Blixa Bargeld, Wim Wenders, Siri Hustvedt bis zu Mario Vargas Llosa im „Zwischendrin“, nicht in ihrem Schreibzimmer, sondern auf Reisen, die einen gewichtigen Anteil am Autorenleben ausmachen, während eines „Stopovers“ in Frankfurt, im Hotelzimmer, auf der Buchmesse, im Restaurant. Er hat dabei den Menschen eingefangen: ernst und nachdenklich, mit geschlossenen Augen, in die Kamera schauend oder mit nach innen oder in die Ferne gerichtetem Blick, vorbeigehend und posierend. Die Schwarz-Weiß-Bilder, die er vom 16. August bis 17. September 2011 in der Frankfurter Stadtbücherei zeigt und danach bis Ende November im mediacampus Frankfurt, stammen aus den achtziger und neunziger Jahren. Faust stellt hier eine Auswahl vor. (bick)
Siehe auch: FAUST-KULTURTIPPS

Porträt-Fotografie

Harald Schröder: Stopover

Thomas Brasch
Thomas Brasch

WAS ICH HABE, WILL ICH NICHT VERLIEREN, ABER
wo ich bin will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne will ich nicht mehr sehen, aber
wo ich lebe da will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

Aus: Thomas Brasch. Was ich mir wünsche. Gedichte aus Liebe. Suhrkamp Verlag

 Tahar Ben Jelloun
Tahar Ben Jelloun

Zu Hause lief der alte Fernseher. Es gab eine lobhudelnde Sendung zum dreißigjährigen Jubiläum des Machtantritts des Präsidenten. Er war mit seiner dick gewordenen Frau zu sehen. Sie war stark geschminkt, gut angezogen, zu gut angezogen, zu sauber, kein Haar scherte aus der Frisur aus, sie lächelten fett und zufrieden. Die Kamera folgte ihnen durch ihren Palast, in ihre makellosen Gärten mit zentimetergenau beschnittenen Bäumen. Automatische Rasensprenger befeuchteten das Gras. Die Präsidentengattin meinte: „Mein Mann arbeitet so hart, dass ich ihn zu ein paar Augenblicken Erholung zwingen muss.”
Aus Tahar Ben Jelloun: Arabischer Frühling. Berlin Verlag

Herta Müller
Herta Müller

Sprache ist keine Heimat, man nimmt eine Sprache ja mit in ein anderes Land.
Herta Müller

Wim Wenders
Wim Wenders

Ich bin im Hauptberuf Reisender und im Nebenberuf Regisseur und Fotograf.
Wim Wenders

Mario Vargas Llosa
Mario Vargas Llosa mit seiner Frau und seinem deutschen Verleger Siegfried Unseld

Nichts lehrt uns besser als die Literatur, in ethnischen und kulturellen Unterschieden den Reichtum unseres Erbes und einen Ausdruck der Vielseitigkeit menschlicher Kreativität zu erkennen.
Mario Vargas Llosa

Zoe Jenny
Zoe Jenny

Vor dem Fensterrechteck … hockte jetzt das Insekt, das mich böse anglotzte. Ich setzte mich auf die äußerste Kante des Bettes und ließ es nicht aus den Augen. Jederzeit konnte es mir ins Gesicht springen und seine knotigen, pulsierenden Beine um meinen Körper schlingen.

Aus: Zoe Jenny. Das Blütenstaubzimmer. Frankfurter Verlagsanstalt

Hans Magnus Enzensberger
Hans Magnus Enzensberger

abendnachrichten

massaker um eine handvoll reis,
höre ich, für jeden an jedem tag
eine handvoll reis: trommelfeuer
auf dünnen hütten, undeutlich
höre ich es, beim abendessen.

auf den glasierten ziegeln
höre ich reiskörner tanzen,
eine handvoll, beim abendessen,
reiskörner auf meinem dach:
den ersten märzregen, deutlich.

Aus: Hans Magnus Enzensberger. blindenschrift. Gedichte. Suhrkamp Verlag.

H. C. Artmann
H. C. Artmann

sparsamkeit, du hehre tugend,
bist dem hausmann goldner orden,
so im süden, so im norden,
ehrst das alter, zierst die jugend.

wer gen jahresend die speicher
bis zum bersten voll gefüllt hat,
ist fürwahr kein müßger waldschrat,
wird von jahr zu jährchen reicher.

Aus dem Gedicht von H. C. Artmann: Wenn die herbstesnebel ….

erstellt am 26.8.2011