Der Poet Paulus Böhmer ist nicht nur der Meister des „rhythmisch-epischen Großgedichts“, wie es in diesem großen Netzlexikon heißt; er ist auch ein rühriger Literaturvermittler gewesen, nämlich von 1985 bis 2001, als Leiter des von ihm mitbegründeten Frankfurter Literaturbüros (heute: Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.). Dafür ist er nun am 12. August mit der Goethe-Plakette des Landes Hessen ausgezeichnet worden. Eine solche Ehrung durch den Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Ingmar Jung, ist gewiss eine ernste Angelegenheit, und die Literaturvermittlung dieses Büros ebenso. Die dort Tätigen, obwohl zumeist keine gebürtigen Frankfurter, entgehen doch nicht der frankfurter Mentalität: der perfekten Verschmelzung von Don Quijote und Sancho Pansa, durchtränkt mit einem gerüttelt Maß an Selbstironie. Paulus Böhmer und sein langjähriger Sparringspartner, Harry Oberländer, der heute das Hessische Literaturforum führt, standen also gefasst den kleinen und größeren Katastrophen gegenüber, die gemeinhin von Künstlern, gar von Literaten ausgehen können. Unberechenbar blieb allein das Publikum, vor allem, wenn Besucher nicht kommen, um den Dichterworten zu lauschen, sondern sich selbst – verwirrt, psychopathisch, sozial versprengt – zu Literatur machen. Böhmer und Oberländer waren in der Furcht vor solchen gefährlichen Figuren brüderlich vereint.
Die Geschichte »Ein Abend im Literaturbüro«, die Harry Oberländer schrieb, bei der Verleihung der Goethe-Plakette des Landes Hessen an Paulus Böhmer las und die Faust hier veröffentlicht, zehrt noch von dieser Furcht, überschreitet aber das Literaturbürostimmungsbild auf ein Sinnbild entgrenzter Literaturauffassung hin, in dem sich die artifizielle Setzung für Auge und Ohr realisiert, auf die Schrift aber verzichtet. Bernd Leukert

Ein Abend im Literaturbüro

Von Harry Oberländer

An einem mäßig warmen Frühsommerabend des Jahres neunzehnhundertsechsundneunzig waren die Besucher des Hessischen Literaturbüros im Mousonturm sehr überrascht, als zu der angekündigten Zeit und nach der üblichen viertelstündigen Verspätung sowohl keine Dichterin als auch kein Dichter an dem runden Tisch auf dem Podium Platz nahm, sondern ein seltsames, mit überaus vielen Plastiktüten versehenes, ja man könnte sagen, ausgerüstetes Individuum, das nicht ein einziges Wort sprach. Das Individuum begann auf der Stelle damit, Dinge aus den Plastiktüten zu holen und sie dem Publikum vorzuhalten. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch keiner der Anwesenden, auch die Pressevertreterin nicht, dass hier soeben eine neue Epoche der Literaturvermittlung angebrochen war. Was das Individuum aus den Plastiktüten hob, zeigte und danach teils auf einen leer gebliebenen Stuhl stellte, teils grob zu Boden fallen ließ oder gar sanft auf dem mäßig gereinigten Teppichboden niederlegte, war erstens ein Stück Seife, das stark nach Lavendel duftete, zweitens eine Mimose, die sich sofort ihrer Blätter schämte, drittens ein Kieselstein von beträchtlicher Größe und äußerlich glatt erscheinender Banalität, der indes, wenn er getreten wurde, mit Tönen reagierte, die von den Anwesenden später trotz ihres heterogenen Charakters übereinstimmend unter dem Namen Musik begriffen wurden.

Würde man nun fragen, woraus ersichtlich wurde, dass das Individuum kein Dichter gewesen sein konnte, so würden wir ohne Zögern antworten, dass man dies gar nicht habe sehen, sondern nur habe hören können, ja im Grunde genommen nicht einmal das: denn das Individuum schwieg ja beharrlich. Allein an diesem Schweigen, zu dem Dichterinnen und Dichter nun einmal nicht fähig sind, konnten wir erkennen, dass an diesem Abend keine Literatur veranstaltet wurde, sondern stumme Einsicht um sich greifen musste. Die Seife, die Mimose und der Kieselstein waren dargeboten worden, um ihren Sinn zu verweigern – und ihr Wesen.

An dieser Stelle trat der Prokurist in Erscheinung, unterstützt von seinen Bürogehilfen. Der Prokurist sagte: „Der Mensch ist Sprache” und während der erste Gehilfe das Saallicht einschaltete, fügte er beinahe traurig hinzu: „Alles ist Sprechen”. Während der zweite Gehilfe bereits eine Flasche entkorkte, ergänzte er noch, fahrig und verstört wirkend: „Wir empfehlen die Öffnung der inneren Falltüren … Formlose Mollusken, Millionen von Ameisen … Das Programm wird auf Wunsch zugeschick … Das Unsagbare zeigt sich … Wir laden ein / zu einem Glas Wein.“

Letzteres war gut gereimt, aber nicht gut genug. Dem Individuum, das sich unter das Publikum begeben hatte, gelang es, immer weiter Dinge aus immer weiteren Plastiktüten zu holen, für jeden Besucher ein besonderes Ding und darüber hinaus genug, um den Raum eng werden zu lassen. So wäre es sinnlos weitergegangen, wenn wir hier nicht, wie überall, an eine Grenze gestoßen wären.

Da dies aber so ist, können weitere Auskünfte nur telefonisch erteilt werden. Wir danken für Ihr Verständnis.

erstellt am 23.8.2011

Foto: Rami Cohen

Harry Oberländer bei der Verleihung der Goethe-Plakette des Landes Hessen an Paulus Böhmer im Hessischen Literaturforum. Foto: Rami Cohen