Buchkritik

Gott im Reiskorn

Von Miriam Shabafrouz

Mariam Kühsel-Husseini, 24 Jahre jung, ist ein Werk gelungen, das Wahrnehmungen verschiebt und erweitert. Sie erzählt darin die bemerkenswerte und traurige Geschichte ihrer Familie in Kabul, beginnend mit jener ihres Großvaters, eines virtuosen Kalligraphen, der sogar auf winzigen Reiskörnern in schönster Schrift Gedichte und Koransuren verewigen konnte. Mit viel Liebe und einem Hauch Melancholie beschreibt sie die dichterische Begabung ihres Vaters, der allmählich unter dem Niedergang Afghanistans und dem späteren Exil zerbrach. Sie selbst und ihre Schwestern konnten dagegen in ihrer neuen Heimat auf der schwäbischen Alb Fuß fassen und auch hier Schönheit und Poesie entdecken, ohne ihren orientalisch-afghanischen Ursprung zu verleugnen. Kühsel-Hussaini, die mit ihrem Mann, dem Kunsthistoriker Thorsten Kühsel in Berlin lebt, begreift Orient und Okzident als zwei unterschiedliche Welten, die sich niemals angleichen, dafür aber lieben können. Dies wird bereits zu Beginn des Romans in der Erzählung von dem deutschen, zutiefst europäischen Reisenden Jakob deutlich, den eine innige aber oft missverständliche Freundschaft mit Mariams Großvater verband, und der sich allmählich und nicht ohne Widerstand der orientalischen Kultur und Dichtkunst öffnete.

Ihr Beherrschen der persischen und der deutschen Sprache, sowie Begabung und Mut zu sprachlichen Neuschöpfungen und dem Rückgriff auf fast altmodisch anmutende deutsche Begriffe, führt dazu, dass jeder einzelne Satz überrascht und die sprachlichen Grenzen des Lesers, der sich mit Herz und Seele auf das Buch einlässt, wohltuend ausdehnt.

Ein schöner und wahrer Roman, der ein Afghanistan vor seiner kontinuierlichen Zerrüttung, vor allem aus Sicht einer privilegierten und kultivierten Familie wieder belebt und damit zugleich an die Zerbrechlichkeit von allem erinnert.

erstellt am 13.8.2011

Mariam Kühsel-Hussaini
Gott im Reiskorn
Roman
Berlin University Press

Buch bestellen