Buchkritik

»Eheliches Glück ist rar und teuer«

Von Otto A. Böhmer

Die Liebe, so heißt es, ist eine Himmelsmacht. Dementsprechend hält sie uns bis heute auf Trab, versüßt uns den Alltag, blockiert unsere Gedanken, macht uns glücklich oder unglücklich. Die Liebe kommt und geht; welche Ziele sie dabei verfolgt, bleibt uns weitgehend verborgen. Das ist gut so, denn eine Liebe mit absehbarem Verlauf wäre nicht sonderlich prickelnd, sondern bestenfalls ein Abenteuer zu bekannten Konditionen. Also lassen wir uns immer wieder auf die Liebe ein, fühlen uns von ihr überrumpelt und finden den Zustand, den dieses Manöver auslöst, ausgesprochen schön, auch wenn wir wissen, daß nicht jede Liebe zufriedenstellend verläuft, ja die meisten eher ungünstig enden und unsere Gefühlslagen sogar ins Gegenteil verkehren: Aus Liebe kann Haß werden, und wer am Anfang gerne Rosen schenkt, läßt sich zum bitteren Ende bereitwillig auf einen Rosenkrieg ein.

In der gängigen Spielart ist die Liebe eine Angelegenheit, mit der bevorzugt Paare befaßt sind. Sie geben ihr Bestes und wissen doch, daß es oft genug nicht reicht. Besonders kluge Paare haben dem vorzubeugen versucht, in dem sie das Wagnis einer „intellektuellen Ehe“ eingingen. Davon berichtet ein neues Buch der Literaturprofessorin Hannelore Schlaffer, die, das freut ihre Leser, so gar nicht professoral schreibt. Schlaffer erzählt von wohlbedachten Paar-Experimenten, die in der Kulturgeschichte des Liebens und Entsagens ihre nachträglich meist vernünftig, manchmal jedoch auch ein wenig überspannt anmutenden Spuren hinterlassen haben. Das Ideal der intellektuellen Ehe, dem so unterschiedliche Geister wie Friedrich und Caroline Schlegel, Max und Marianne Weber, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Scott und Zelda Fitzgerald sowie der sich zum Zwecke des Eigennutzes als Frauenversteher tarnende Bertolt Brecht gefolgt sind, war, wen wundert’s, einfacher gesagt als getan: „Es soll eine Verbindung zwischen zwei Menschen entstehen, in der die Dauer der Liebe sich mit der Freiheit zur Untreue paart, in der gemeinsame Arbeit von gemeinsamen und getrennten Freundschaften begleitet ist, in der das Einverständnis zeitweise unterbrochen und dann wieder aufgenommen werden kann, in der die individuelle Zuneigung mit der Leidenschaft zu einem weiteren Partner übereinkommen soll, kurz: in der das Selbstbewußtsein eines jeden Partners felsenfest, das Vertrauen zueinander absolut und der Glaube an die Unzertrennbarkeit der Verbindung unerschütterlich ist.“ Ein solches Programm, das, „von wenigen vorangehenden Experimenten abgesehen, vor allem in den Jahrzehnten zwischen 1880 und 1920 formuliert“ wurde, ist nichts fürs einfache Volk, sondern wird von Verstehenskünstlern betrieben, die darin geübt sind, sich mit sich selbst zu beschäftigen und den Partner dabei, nicht ganz uneigennützig, mit einzubeziehen. Es bedarf dazu der Muße und einiger Privilegien, die sich, damals wie heute, bevorzugt in Intellektuellenkreisen finden lassen. „Die intellektuelle Ehe macht – und das steht nicht im Widerspruch zur angestrebten Gemeinsamkeit und zur Symmetrie der Beziehung – die Emanzipation beider Geschlechter zum Nahkampf … Keine Not bedrängt das Paar – wie im Proletariat, wo die Armut wenig Zeit ließ für den Luxus gegenseitigen Verstehens und Mißverstehens. In der intellektuellen Ehe beschäftigen sich die Partner, die sich weitgehend freigestellt haben von Tradition, Reproduktion, Familienpflicht und gesellschaftlicher Rücksicht, ausschließlich miteinander und setzen sich kein anderes Ziel als das der Partnerschaft selbst.“

Was seinerzeit von einigen wenigen Paaren modellhaft durchgespielt wurde, ist heute zur Serienreife gelangt und in eine weit verbreitete Erwartungshaltung übergegangen: „Drei Viertel der jungen Menschen in Deutschland heiraten auch heute noch, aber nur unter der Bedingung, daß die Regeln gelten, die einst die radikalen Ehereformer aufstellten: gegenseitige Rücksichtnahme, Verständnis, gemeinsame Interessen, weibliche Bildung und Berufstätigkeit. Diese Grundausstattung einer ehelichen Beziehung wird seither zusammengefasst unter derm Begriff ‚Liebe’, einem Gefühl mit großer Tradition und geringer Zuverlässigkeit.“

Hannelore Schlaffer hat ein kluges und anregendes Buch geschrieben, das der Ehe, die schon immer besser war als ihr Ruf, Referenz erweist. „Heiraten heißt sein Möglichstes tun, einander zum Ekel zu werden“, schrieb der Philosoph und Junggeselle Schopenhauer allen Ehekandidaten ins Stammbuch, was diesen allerdings nicht mehr imponieren muß als unbedingt nötig; es kann nämlich auch, so Schlaffer, ganz anders kommen, und dann sollte man sich glücklich schätzen: „Als Institution hat die Ehe an Ansehen verloren – weder Männer noch Frauen sehen ihr Leben als verfehlt an, wenn sie nicht heiraten –, die innere Bindung der Partner aber ist, falls sie doch eingegangen wird, umso enger und verpflichtender. Die Seltenheit verschafft der Ehe aus freiem Entschluss ein eigenes Pathos: eheliches Glück ist rar und teuer.“

Siehe auch:
BUCHKRITIKEN

erstellt am 13.8.2011

Hannelore Schlaffer
Die intellektuelle Ehe
Der Plan vom Leben als Paar
Hanser Verlag, München 2011

Buch bestellen