Buchempfehlung

Kleine Ausbrüche heiterer Verzweiflung

Von Peter Henning

Die isländische Autorin Guðrún Eva Mínervudóttir und ihr wunderbar eigenwilliger Liebesroman „Der Schöpfer“

Fünf Romane musste sie schreiben, ehe sie nun endlich von sich behaupten kann, was jede Schriftstellerin nur zu gerne von sich sagen können möchte: „Ich bin eine Bestsellerautorin!“ Im Gespräch tut sie es langsam und hörbar nachdenklich. Und keineswegs wie eine, die sich von Verkaufszahlen blenden lässt. Denn Guðrún Eva Mínervudóttir, der im Moment mit ihrem nunmehr sechsten, jetzt auch auf deutsch vorliegenden Buch, dem Roman „Der Schöpfer“, international der Durchbruch zu gelingen scheint, ist keine Lautsprecherin, sondern eine hochreflektierte junge Frau, die ihre Worte mit Bedacht zu wählen und dabei zu wissen scheint, wie fragil und kurzlebig die Pflanze Erfolg mitunter sein kann.

1972 in Reykjavik als Tochter eines fürs isländische Fernsehen arbeitenden Cutters und einer Lehrerin geboren, betrat die junge Frau mit der hohen Stirn und den wachsamen braunen Augen 1998 mit dem Kurzgeschichtenband „Während er dich betrachtet, bist du die heilige Jungfrau“ die isländische Literaturszene. Sie etablierte sich quasi über Nacht neben Größen wie Steinunn Sigurðardóttir und Kristín Marja Baldursdóttir und machte auf Anhieb Furore mit ihren eigenwilligen, um den menschlichen Körper kreisenden und damit unweigerlich auf die komplizierte Mechanik zwischen Männern und Frauen abzielenden Texten. „Das Spannungsverhältnis zwischen den Geschlechtern ist von jeher mein Thema“, sagt sie, „und was geschieht, wenn der eine nicht vom anderen loskommt.“

Exemplarisch spielt sie dies in ihrem ersten, nun auch auf Deutsch vorliegenden Buch „Der Schöpfer“ durch. „Einer ganz einfachen Geschichte, die jeder verstehen kann“, wie sie betont, und die doch auf kunstvolle Art demonstriert, was geschieht, wenn zwei plötzlich in die Strudel ihrer unausgelebten Wünsche und Gefühle geraten.

Guðrún Eva Mínervudóttir entrollt in ihrem wunderbar lakonischen, in seinen besten Momenten an die philosophischen, komisch-traurigen Kammerspiele einer Jasmina Reza erinnernden Buch die Geschichte des Künstlers Sveinn, der lebensgroße Sexdolls erschafft – und über seiner Arbeit langsam aus der Welt zu fallen beginnt. Bis eines Tages die attraktive Loa aufgrund einer Autopanne vor seinem Haus strandet – und Sveinn der Unbekannten, zu der er sich spontan hingezogen fühlt, hilft, sie in sein Haus bittet und mit ihr Wein trinkt. Doch als er am nächsten Morgen den Verlust seiner besten Arbeit, einer schwarzhaarigen Puppe, die er für einen Bekannten angefertigt hat, beklagen muss, macht er sich auf die Suche nach Loa. Und als er sie mit Hilfe eines Freundes ausfindig macht, beginnt zwischen den beiden ein faszinierendes, von der Autorin geschickt inszeniertes Gefühls-Ping-Pong, das am Ende keinen Sieger kennt.

„Ich habe versucht, mir in meinem Buch vorzustellen, wie eine Brücke zwischen Mann und Frau aussehen könnte, über die sie gehen können, ohne abstürzen“, sagt Guðrún Eva Mínervudóttir, die neben ihren Romanen nicht minder erfolgreich philosophische Geschichten für Kinder schreibt. Sie hat „diese Brücke“ kunstvoll aus ihren Sätzen errichtet, und wir sehen ihren beiden Sehnsuchtsfiguren Sveinn und Loa mit angehaltenem Atem dabei zu, wie sie darauf aufeinander zuzugehen versuchen.

Ihr 1999 erschienener Roman „Eine Vorlesung des Glücks“ wurde seinerzeit für den Isländischen Literaturpreis nominiert, die höchste literarische Auszeichnung des Landes. Erhalten hat sie ihn damals nicht. Das Glück aber scheint ihr seitdem hold zu sein: Ihre Landsleute lieben und kaufen ihre Bücher in großer Zahl. Und wenn nicht alle Anzeichen täuschen, ist die sympathische Grüblerin gerade im Begriff auch noch Resteuropa zu erobern. Mit einem Roman über Menschen, die einander alles zu sagen hätten und doch nicht miteinander ins Gespräch kommen. Und sie wird weiterschreiben über den Kampfschauplatz Liebe. Und über den Preis, den diese Kämpfe kosten. Da ist sich Guðrún Eva Mínervudóttir sicher. Und sie lacht.

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BUCHKRITIKEN

erstellt am 13.8.2011

Guðrún Eva Mínervudóttir

Guðrún Eva Mínervudóttir
Der Schöpfer
Roman
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
btb Verlag
München 2011

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